»Sprecht später miteinander«, sagte Lussin. »Nach dem Aufstand.«
Ich wollte Aster nehmen, doch Trub gab ihn nicht her. Als Orlan den Aufbruch befahl, schritt er mit Aster auf den gekreuzten schwarzen Flügeln an der Spitze des Zuges. Mary und ich gingen hinter ihm.
Wir stützten uns gegenseitig.
Trub trug Aster bis zur nächsten Rast, dann legte er ihn neben uns.
Aster war wie zu Lebzeiten, nur dunkel und mager war er geworden, die Muskeln seines Körpers wirkten härter, er erstarrte allmählich, schrumpfte.
Bis zum Abend trug ich Aster. Orlan erteilte früher als sonst den Befehl anzuhalten. Er rief mich zu sich.
Ich legte Aster auf den Boden und umarmte Mary. Sie drückte ihren Kopf an meine Schulter. Von dem Aufstand wußte sie.
»Die Menschen werden gesondert von den Geflügelten weitermarschieren«, erklärte Orlan. »Ich befehle, bis zum Anbruch der Dunkelheit die Neuformierung zu beenden.«
Düster starrte ich Orlan und seine Leibwächter an.
Einer der beiden war unser schlimmster Feind, einer wahrscheinlich unser Freund. Orlans Gesicht phosphoreszierte wie gewöhnlich bläulich, leidenschaftslos kalt.
»Wird gemacht«, erwiderte ich und ging zu den Meinen. Tausende Augen beobachteten mich: von jenseits der Lagergrenze die Periskope der Augenköpfigen, die Unsichtbaren und die Zerstörer-Kommandeure, diesseits die Menschen und ihre geflügelten Freunde.
Die Bewegungen ringsum erstarben, eine ungeheure Stille breitete sich über dem Planeten aus. Oshima und Kamagin standen neben den hochgewachsenen Pegasussen. Lussin thronte bereits auf dem Rücken eines Drachens. Wir waren aufbruchbereit.
»Der Befehl ist gegeben: Wir sollen uns teilen. Offenbar zu unserem Nutzen«, sagte ich spöttisch.
»Handelt wie vereinbart.«
»Mir nach!« schrie Oshima und sprang auf einen Pegasus. Der schlug mit den Flügeln.
»Mir nach!« antwortete Kamagin wie ein Echo und schwang sich ebenfalls auf. Er warf eine Granate in Richtung Zerstörer, und das gab die erste Explosion.
10
Unsere Feinde wurden überrascht. Nur die Freunde im Lager des Gegners hatten den Aufstand vorausgesehen. Die Pegasusse mit den Menschen und die von Trub geführten Engel stürzten sich wie eine mächtige Armada auf die Augenköpfigen herab. Eine Rauchwand von Explosionen umschloß das Lager, in die Flammensäulen stießen die Dolchstrahlen der Laser Eine Abteilung Fußvolk mit Petri und Romero an der Spitze hatte sich ihren Weg mit Granaten und Lasern gesäubert und durchbrach beim ersten Angriff die Kette der Augenköpfigen. Sie drängten sich zusammen, bildeten ein Karree und kämpften in der Umkreisung.
Nach anfänglicher Bestürzung verteidigten sich die Augenköpfigen wütend und aufopferungsvoll, Pegasusse und Drachen stürzten zu Boden. Übel erging es den Engeln. Sie hatten sich unbedacht rasch ihrer Granatenlast entledigt, sie vertrauten zu sehr der Kraft ihrer Flügel. Die Luft war von schwarzen und weißen Flaumfedern vernebelt. Trub und Lussin waren verwundet, auch Petri und Romero, leicht verletzt Oshima und Kamagin, nur André, der im dichtesten Getümmel kämpfte, war wie durch ein Wunder unversehrt.
Ich stieg auf einen Bleifelsen, der aus dem goldenen Untergrund ragte, und betrachtete das Schlachtfeld.
Um uns huschten die Unsichtbaren hin und her, die schrecklichen Krieger der Zerstörer, doch keiner von ihnen hatte bisher weder für uns noch gegen uns in den Kampf eingegriffen – warum nicht? Die Schlacht war eher merkwürdig als erfolgreich, ich begriff sie nicht.
Plötzlich hörte ich eine bekannte Stimme, die diesmal nicht in mir, sondern außerhalb erklang, eine Stimme, die oft in meinen Träumen mit mir gesprochen hatte, ich mußte sie erkennen. »Eli, hilf!« schrie die Stimme wie in höchster Not.
»Eli, hilf!« rief die Stimme immer verzweifelter und riß plötzlich ab.
Da erblickte ich den, der mich zu Hilfe gerufen hatte. Trub hatte mit zwei rasenden Engeln Orlan und seine Leibwächter angegriffen, die Leibwächter lagen schon am Boden, Orlan verteidigte sich noch. Er hatte gerufen! Wilde Freude durchdrang mich einen Augenblick lang, als ich den Führer der Zerstörer sah, wie er sich verbissen gegen den Tod wehrte und dieses Gefühl, das aufflammte und erlosch, war der letzte Widerschein meiner alten Einstellung zu Orlan. Ein heftiger Flügelschlag von Trub streckte ihn nieder.
Da warf ich mich auf Orlan und deckte ihn mit meinem Körper. Mit Lasern in den Händen kamen Romero und Petri gerannt.
»Eli, steh auf, ich bringe den Schuft um!« brüllte Trub und berührte mich so unsanft mit dem Flügel, daß ich mit Orlan einen Meter weiter flog.
Heute begreife ich nicht, wo ich die Kraft hernahm, Orlan festzuhalten.
Romero packte Trub beim Flügel. Petri stellte sich zwischen den Engel und mich.
»Beruhige dich, Trub!« rief Romero. »Beinahe hättest du einem Bundesgenossen den Garaus gemacht.«
Ich weiß nicht, was Trub noch angestellt hätte, wenn neben ihm nicht ein sichtbar gewordener Unsichtbarer niedergestürzt wäre. Ein ebenso furchtbares Skelett, wie wir es auf der Sigma gefangen hatten, aber dieses lebte noch. Der Unsichtbare stöhnte und krümmte sich, sein Brustkorb war schrecklich deformiert.
Selbst Trub verstand, daß die von uns entfesselte Schlacht nur Teil eines großen Kampfes war, der sowohl in der optischen Wirklichkeit als auch in der physischen Unsichtbarkeit tobte.
Trub schwenkte die Flügel nach einem Häuflein abgedrängter Augenköpfiger und schrie den Engeln zu:
»Mir nach! Tod den Schurken!«
Petri und ich halfen Orlan auf. Der Zerstörer taumelte, er hielt die Augen geschlossen, sein bläuliches Gesicht wurde schwarz.
Romero nahm den Laser in die linke Hand und streckte feierlich die Rechte aus. »Gestatten Sie, lieber Bundesgenosse, daß ich Sie im Lager Ihrer neuen Freunde willkommen heiße.«
Orlan wollte höflich den Hals recken, doch auch der Hals hatte im Scharmützel etwas abbekommen, und er hob den Kopf nur ein wenig. »So neu sind sie gar nicht. Eli und ich sind alte Bekannte.«
»Also du warst das!« sagte ich.
»Du hast mich so gehaßt, Eli, daß du unaufhörlich an mich dachtest. Das half, unsere Gehirnstrahlungen auf Gleichklang zu stimmen.« Bekümmert wies er auf einen Leibwächter. »Der da war euer treuer Freund, er ist nicht mehr.«
»Wir kämpfen«, sagte Petri. »Euch Ist nicht anzusehen, wer Feind, wer Freund ist.«
»Ich gebe euch nicht die Schuld.« Die Erregung in seiner Stimme verklang, vor uns war wieder das leidenschaftslose Wesen, dem wir schon so oft gegenübergestanden hatten. »Wir sind selber schuld. Wir bereiteten die Schlacht vor, ohne uns um unsere Sicherheit zu kümmern. Wir dachten nur an den Sieg im Kampf.«
»Ihr habt die Schlacht vorbereitet?« fragte Romero.
»Zweifellos. Es kostete uns nicht wenig Aufregung, bis ihr den euch eingegebenen Plan angenommen hattet. Eure Gedankengespräche, auf die ihr so stolz wart, bedeuteten für mich kein Geheimnis, und ich teilte ihren Inhalt Gig mit. Er hat die schwierigste Aufgabe zu bewältigen – es ist uns nämlich nicht gelungen, alle Unsichtbaren zu gewinnen. Doch Gig gibt denjenigen, die dem Reich des Großen Zerstörers treu geblieben sind, keine Gelegenheit, den Augenköpfigen zu Hilfe zu eilen, und das entscheidet den Erfolg des Tages.«
Romero schaute zweifelnd um sich. In der Luft jagten nur die Engel umher, ihr schrilles Kampfgeschrei war weithin zu hören. Die Pegasusse und die Drachen begannen zwar den Kampf in der Luft, konnten sich aber nicht lange fliegend halten.
Romero hob den Laser und sagte: »Wie schade, verehrter Bundesgenosse, daß wir der Möglichkeit beraubt sind, das Luftschlachtfeld des kühnen Gig kennenzulernen.«
»Warum denn? Gleich setze ich mich mit Gig in Verbindung, und wir eröffnen Ihnen, was sich in der Luft abspielt.«