Wir verdankten es eigentlich Sabina, daß wir zuletzt eine brauchbare Lösung fanden. Ein griechischer Techniker hatte ihr den Entwurf zu einem kleinen Schiff gezeigt, das dazu bestimmt war, wilde Tiere aufzunehmen, und dessen Teile so miteinander verbunden waren, daß sie durch den Druck auf einen einzigen Hebel auseinanderfielen.
Sabina wollte diesen Entwurf unbedingt ausführen, um auch in dem neuen Theater, in dem ganze Seeschlachten vorgeführt werden konnten, ein Wort mitzureden. Ich selbst lehnte Meerestiere wegen der hohen Kosten ab, aber zuletzt siegte Sabinas Herrschsucht. Die neue Erfindung erregte schon im voraus so viel Aufsehen, daß Anicetus eigens zur Vorstellung aus Misenum nach Rom gereist kam.
Das Schiff bildete den Höhepunkt der Vorführungen. Es zerfiel wie geplant, die Tiere stürzten ins Wasser, und die Zuschauer sahen Auerochsen und Löwen mit Seeungeheuern kämpfen oder an Land schwimmen, wo sie von mutigen Jägern erlegt wurden. Nero klatschte begeistert Beifall und rief Anicetus zu: »Kannst du mir so ein Schiff bauen, aber größer und so prunkvoll, daß es ‘ der Mutter eines Kaisers würdig ist?«
Ich versprach bereitwillig, Anicetus wenigstens einen Teil der geheimen Zeichnungen des Griechen zu beschaffen, obwohl ich der Meinung war, daß dieser Plan zu viele Mithelfer erforderte, um geheimgehalten werden zu können.
Zum Lohn lud Nero mich zu dem Fest in Baiae ein, wo ich Gelegenheit haben sollte, die besondere Vorstellung mit anzusehen, die er sich ausgedacht hatte. In Gesellschaft und vor dem Senat begann er nun den reumütigen Sohn zu spielen, der sich mit seiner Mutter aussöhnen wollte. Mit ein wenig gutem Willen auf beiden Seiten lassen sich alle Zerwürfnisse beseitigen, erklärte er.
Agrippinas Kundschafter meldeten diese Worte unverzüglich nach Antium, und sie war daher weder sonderlich überrascht noch mißtrauischer als gewöhnlich, als sie von Nero einen in schönen Worten abgefaßten Brief erhielt, in dem sie zum Minervafest nach Baiae eingeladen wurde. Daß Nero das Minervafest für die Begegnung gewählt hatte, war an sich schon eine deutliche Anspielung, denn Minerva ist ja auch die Göttin der Schulknaben, und es erschien ganz natürlich, daß er die Versöhnung fern von Rom und der zänkischen Poppaea feiern wollte.
Am Tag der Minerva darf kein Blut vergossen werden, und es ist verboten, Waffen sichtbar zu tragen. Nero hatte anfangs vorgehabt, Agrippina mit dem neuen Prunkschiff aus Antium holen zu lassen, um mit dieser Ehrung zu bekunden, daß er seiner Mutter ihren früheren Rang zurückzugeben beabsichtigte. Wir errechneten jedoch mit Hilfe einer Wasseruhr, daß das Schiff in diesem Fall am hellichten Tag hätte versenkt werden müssen.
Zudem war Agrippina bekanntermaßen so mißtrauisch, daß sie die Ehrung vielleicht dankend abgelehnt hätte und zu Lande gereist wäre. Sie kam daher auf einer Trireme in Misenum an, die von ihren eigenen treuen Sklaven gerudert wurde. Nero empfing sie mit großem Gefolge, und um den politischen Charakter der Versöhnungshandlungen zu betonen, hatte er sogar Seneca und Burrus an seine Seite gerufen.
Ich mußte seine glänzende schauspielerische Begabung unwillkürlich bewundern. Gebrochen vor Rührung, eilte er seiner Mutter entgegen, umarmte sie und begrüßte sie als die edelste aller Mütter. Auch Agrippina hatte sich Mühe gegeben. Sie war schön gekleidet und hergerichtet, so daß sie wie die schlanke, der dick aufgetragenen Schminke wegen aber recht ausdruckslose Statue einer Göttin wirkte.
Es herrschte allgemein eine freudige Frühlingsstimmung am Tag der Minerva, weshalb das Volk, das von politischen Dingen nicht viel versteht, Agrippina zujubelte, als sie von ihrem Landgut Bauli am Lucrinersee geleitet wurde. An den Landebrücken am Meeresufer lagen mehrere wimpelgeschmückte Kriegsschiffe vertäut. Unter ihnen befand sich das Prunkschiff, das Anicetus auf Neros Geheiß Agrippina zur Verfügung stellte. Sie zog es jedoch am nächsten Morgen vor, sich wieder in der Sänfte nach Baiae tragen zu lassen, denn der Weg ist kurz, und sie wollte die Huldigungen des Volkes genießen.
Bei den Feiern zu Ehren der Minerva in Baiae ließ Nero Agrippina den Vorrang und hielt sich wie ein schüchterner Schuljunge abseits. Durch das Mittagsmahl mit den hohen Beamten der Stadt und die vielen Reden sowie die Ruhe danach zogen sich die Festlichkeiten so in die Länge, daß die Dunkelheit schon eingebrochen war, als Neros abendliches Gelage begann, an dem auch Seneca und Burrus teilnahmen. Agrippina lag auf dem Ehrenplatz. Nero saß zu ihren Füßen und unterhielt sich eifrig mit ihr. Man trank reichlich Wein. Als Agrippina bemerkte, daß es schon spät sei, setzte Nero eine ernste Miene auf und begann, sie mit gesenkter Stimme in verschiedenen Staatsangelegenheiten um Rat zu fragen.
Soweit ich dem Gespräch zu folgen vermochte, ging es darum, welche Stellung Poppaea in Zukunft innehaben solle. Agrippina war unerbittlich. Durch Neros Bescheidenheit ermutigt, erklärte sie, sie verlange nur das eine, daß Nero Poppaea nach Lusitanien, zurück zu Otho, schicke. Danach dürfe er wieder auf ihre Hilfe und Mutterliebe zählen. Sie wolle für ihren Sohn nur das Beste.
Nero preßte ohne große Mühe ein paar Zornestränen hervor, gab dann aber zu verstehen, daß seine Mutter ihm lieber sei als jede andere Frau der Welt. Er sagte sogar einige Verse auf, die er zu Ehren Agrippinas gedichtet hatte.
Agrippina war vom Wein und von ihrem Erfolg berauscht, da der Mensch gern glaubt, was er hofft. Ich bemerkte aber, daß sie sich trotz allem hütete, den Weinbecher anzurühren, bevor nicht Nero daraus getrunken hatte, oder von einer Speise zu kosten, solange nicht Nero oder ihre Freundin Acerronia sich aus derselben Schüssel bedient hatte. Ich glaube jedoch, daß Agrippina in diesen Stunden kein Mißtrauen hegte, sondern nur einer jahrelangen, tief eingewurzelten Gewohnheit gehorchte.
Auch Anicetus erwies sich als ein begabter Schauspieler, als er plötzlich verstört herbeigeeilt kam, um zu melden, daß Agrippinas Trireme von zwei Kriegsschiffen, die an den Festvorführungen teilgenommen hatten, versehentlich gerammt und so übel zugerichtet worden sei, daß sie nicht nach Antium zurückkehren könne, aber zum Glück liege ja das mit tüchtigen Seeleuten bemannte Prunkschiff bereit.
Wir geleiteten Agrippina zum festlich beleuchteten Hafen. Beim Abschied küßte Nero ihre Augen und ihre Brust. Dann führte er die vom Wein Schwankende an Bord und rief mit seiner gut geschulten Stimme: »Möge es dir wohl ergehen, meine Mutter. Aus dir bin ich geboren. Nur durch dich kann ich herrschen!«
Ich muß ehrlich sagen, daß ich diesen Abschiedsgruß übertrieben und eines so guten Schauspielers unwürdig fand. Die Nacht war still und sternklar. Als das Schiff aus dem Lichterkreis des Hafens verschwand, begaben sich Seneca und Burrus in ihre Nachtquartiere. Wir Verschwörer feierten weiter.
Nero war schweigsam. Plötzlich wurde er leichenblaß und ging hinaus, um sich zu erbrechen. Wir glaubten schon, Agrippina sei es gelungen, ihm heimlich Gift in seinen Becher zu tun. Später erst begriffen wir, wie schwer es ihm gefallen war, sich einen ganzen Tag lang zu verstellen, und nun litt er unter der Spannung des Wartens, obgleich Anicetus ihn zu trösten versuchte und immer wieder versicherte, der Plan könne nicht fehlschlagen.
Ich hörte später von dem Seezenturio Obaritus, der das Prunkschiff befehligte, wie alles zugegangen war. Agrippina hatte sich sofort in ihre prachtvoll eingerichtete Kajüte begeben, aber keinen Schlaf gefunden. Ihr Mißtrauen erwachte wieder draußen auf dem dunklen Meer, als ihr bewußt wurde, daß sie als einzige zuverlässige Begleiter Acerronia und ihren Verwalter Crepeius Gallus bei sich hatte und der Willkür fremder Seeleute ausgesetzt war.
Sie schickte Gallus nach achtern. Er sollte verlangen, daß das Schiff Bauli anlaufe. Dort wollte sie die Nacht verbringen, um am Morgen, bei Tageslicht, nach Antium weiterzureisen. Anicetus wußte, daß Agrippina sich während ihrer Verbannung auf der Insel Pandataria durch Schwammtauchen ihren Lebensunterhalt verdient hatte. Das Schiff war daher so gebaut worden, daß es mit zwei Handgriffen zerstört werden konnte.