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Durch die Bedienung des ersten Hebels stürzten die mit Blei beschwerten Decksaufbauten zusammen, und durch Druck auf den zweiten Hebel brach der Rumpf selbst auseinander. Aus Sicherheitsgründen hatte man nur einen kleinen Teil der Mannschaft eingeweiht, und die Einrichtung der Kajüte war durch Zufall Leuten anvertraut worden, die von dem Plan nichts wußten und ein Prunkbett mit hohen Giebeln aufstellten. Als das Dach einstürzte, schützten die Giebel Agrippina, und sie wurde nur an der Schulter verwundet. Acerronia, die gerade auf dem Boden kniete und ihr die Füße massierte, geschah nichts, und Gallus war der einzige, der von dem herabfallenden Dach sofort getötet wurde.

Auf dem Schiff herrschte völliges Durcheinander, als plötzlich die Aufbauten einstürzten. Nur Agrippina erfaßte die Lage sofort, denn die See war ruhig, und das Schiff war auf kein Hindernis gestoßen. Sie befahl Acerronia, aufs Deck hinauszukriechen und zu rufen: »Ich bin Agrippina. Rettet die Mutter des Kaisers!«

Der Zenturio befahl den Eingeweihten, sie auf der Stelle mit Rudern zu erschlagen. Dann zog und zerrte er vergeblich an dem zweiten Hebel, der sich verklemmt hatte. Daraufhin versuchte er, das Schiff zum Kentern zu bringen, das durch das herabgestürzte und mit Blei beschwerte Dach schon Schlagseite hatte. Mehrere Männer, die den Plan kannten, rannten auf die tieferliegende Seite, aber andere kletterten gleichzeitig auf die höhere, so daß das Schiff nicht kentern konnte. Währenddessen glitt Agrippina unbemerkt ins Wasser und begann auf das Land zuzuschwimmen. Trotz der Trunkenheit und der Wunde an der Schulter gelang es ihr, weite Strecken zu tauchen, so daß niemand ihren Kopf auf der von den Sternen erhellten Wasserfläche sah.

Als sie das Schiff schon aus den Augen verloren hatte, traf sie auf ein auslaufendes Fischerboot. Die Fischer zogen sie an Bord und brachten sie auf ihren Wunsch nach Bauli. Der Zenturio war ein kaltblütiger Mann. Er wäre sonst nicht von Anicetus für diese Aufgabe auserwählt worden. Als er sah, daß die Erschlagene Acerronia war und daß Agrippina selbst spurlos verschwunden war, ließ er das halb zerbrochene, krängende Schiff nach Baiae zurückrudern, um Anicetus sofort Bericht zu erstatten. In Baiae verbreiteten diejenigen der Mannschaft, die immer noch ahnungslos waren, die Nachricht von einem entsetzlichen Unglück.

Die Bewohner rannten aufgeschreckt zum Strand hinunter und wateten zu ihren Booten, um auszufahren und Agrippina zu retten. Indessen kehrten ihre wirklichen Retter zurück, die reich belohnt worden waren, und berichteten, daß sie nur leichte Verletzungen erlitten hatte und sich in Sicherheit befand. Die Menge beschloß auf der Stelle, nach Bauli zu ziehen, um Agrippina zu huldigen und zu ihrer wunderbaren Errettung zu beglückwünschen.

Nero hatte sich, zwar unruhig, aber nichts Böses ahnend, von uns treuen Freunden umgeben, bald weinend, bald lachend, darauf vorbereitet, den Tod seiner Mutter zu betrauern. Er plante Trauerfeiern im ganzen Imperium und entwarf eine Mitteilung an den Senat und das Volk von Rom.

Da ihm das Gewissen doch keine Ruhe ließ, fragte er uns, ob er wohl den Vorschlag machen dürfe, Agrippina zur Göttin zu erhöhen. Sie war schließlich die Tochter des großen Germanicus, die Schwester des Kaisers Gajus, Witwe nach Claudius und Mutter des Kaisers Nero, mithin eine Frau von noch höheren Verdiensten, als es Livia gewesen war. All dies wirkte auf eine grauenerregende Weise lächerlich, und wir begannen uns gegenseitig zu Mitgliedern des Priesterkollegiums der neuen Göttin zu ernennen.

Während wir so unsern Scherz trieben, kam plötzlich Obaritus hereingestürzt und meldete, daß das Schiff nur zur Hälfte auseinandergefallen war und daß von Agrippina jede Spur fehlte. Die Hoffnung, sie könnte ertrunken sein, erlosch, als kurz darauf an der Spitze eines jubelnden Volkshaufens die Fischer ankamen und von Agrippinas Rettung berichteten. Sie hofften, Nero werde sie belohnen, aber der verlor die Fassung und schickte nach Seneca und Burrus wie ein Schuljunge, den man bei einem Streich ertappt hat und der nun weinend zu seinem Lehrer flüchtet.

Ich behielt so viel Geistesgegenwart, daß ich Anicetus befahl, die Fischer an einem sicheren Ort einzusperren, während sie auf ihre Belohnung warteten, damit sie nicht Gerüchte verbreiteten, die die ohnehin verworrene Lage noch hätten verschlimmern können. Zum Glück für Nero hatte Agrippina den Fischern gegenüber offenbar keinen Verdacht geäußert, denn sonst würden diese nicht so froh und in aller Unschuld von der Rettung gesprochen haben.

Seneca und Burrus erschienen zur gleichen Zeit, Seneca barfuß und im Untergewand. Nero benahm sich wie ein Wahnsinniger und rannte hin und her. Anicetus berichtete kurz, was geschehen war. Von seinem schlechten Gewissen gequält, fürchtete Nero ernstlich für sein eigenes Leben, und er schrie laut hinaus, was seine erregte Phantasie ihm vorgaukelte. Agrippina bewaffnete ihre Sklaven oder wiegelte die Soldaten der Garnison gegen ihn auf, oder sie befand sich bereits auf dem Wege nach Rom, um ihn vor dem Senat des Mordversuchs anzuklagen, ihre Wunden vorzuweisen und von dem grausamen Tod ihrer Diener zu berichten.

Seneca und Burrus waren erfahrene Staatsmänner und brauchten keine langen Erklärungen. Seneca begnügte sich damit, Burrus fragend anzusehen. Burrus zuckte die Schultern und sagte: »Ich werde weder die Prätorianer noch die Germanen der Leibwache ausschicken, um die Tochter des Germanicus zu töten.« Dann wandte er sich mit einer Miene unverhohlenen Abscheus nach Anicetus um und fügte hinzu: »Anicetus soll zu Ende führen, was er begonnen hat. Ich wasche meine Hände.«

Anicetus ließ es sich nicht zweimal sagen. Er fürchtete mit gutem Grund für sein eigenes Leben. Nero hatte ihn bereits in seinem Zorn mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Er versprach eifrig, mit Hilfe der Seeleute seinen Auftrag auszuführen. Nero starrte Seneca und Burrus mit einem irren Blick an und rief vor wurfsvolclass="underline" »Erst heute nacht werde ich der Vormundschaft ledig und wirklich zum Herrscher. Aber ich verdanke die Macht einem ehemaligen Barbier, einem freigelassenen Sklaven, nicht dem Staatsmann Seneca und nicht dem Feldherrn Burrus. Geh, Anicetus, beeile dich und nimm alle mit, die willens sind, ihrem Herrscher diesen Dienst zu erweisen.«

Er hatte kaum zu Ende gesprochen, als er plötzlich erbleichte und einen Schritt zurücktrat, denn man meldete ihm, ein Freigelassener Agrippinas, ein gewisser Agerinus, habe ihm eine Botschaft auszurichten. »Ein Mörder!« rief Nero, ergriff sein Schwert und verbarg es unter seinem Mantel.

Er hatte im Grunde nichts zu befürchten, denn die durch den Blutverlust und von der Anstrengung des Schwimmens erschöpfte Agrippina hatte ihre Möglichkeiten überdacht und eingesehen, daß ihr nichts anderes blieb, als gute Miene zum bösen Spiel zu, machen und so zu tun, als ahnte sie nichts von dem Mordanschlag. Agerinus trat zitternd ein und brachte mit einem leichten Stottern seine Botschaft vor: »Die Götter und der Schutzgeist des Kaisers haben mich vor dem Tode bewahrt. Sosehr es dich erschrecken wird, von der Gefahr zu hören, die deiner Mutter drohte, sollst du mich einstweilen nicht aufsuchen. Ich brauche Ruhe.«

Als Nero erkannte, daß er von Agerinus nichts zu fürchten hatte, gewann er die Fassung zurück, ließ heimlich das Schwert dem Boten vor die Füße fallen, sprang zurück, zeigte anklagend auf die Waffe und rief: »Ich nehme euch alle zu Zeugen dafür, daß meine eigene Mutter ihren Freigelassenen geschickt hat, um mich zu ermorden!«

Wir stürzten vor und ergriffen Agerinus, ohne auf seine verzweifelten Einwände zu achten. Nero befahl, ihn gefangenzusetzen, aber Anicetus, kaum daß er mit ihm den Raum verlassen hatte, hielt es für klüger, ihm das Schwert in den Hals zu stoßen. Ich beschloß, Anicetus zu begleiten, um mich zu vergewissern, daß er seinen Auftrag auch wirklich zu Ende führte. Nero eilte uns nach, glitt im Blut des Agerinus aus und rief erleichtert: »Meine Mutter trachtet mir nach dem Leben. Niemand wird sich darüber wundern, daß sie sich selbst das Leben nahm, als ihr Verbrechen aufgedeckt wurde. Handelt danach!«