Ich schrie wütend zurück: »Verfluchte Claudia, du bist die undankbarste Frau der Welt. Ich habe bisher dein Geschwätz über Christus geduldig ertragen, aber jetzt schulde ich dir nichts mehr. Halt deinen Mund und geh aus meinem Haus!«
»Christus, verzeihe mir mein heftiges Gemüt«, murmelte Claudia mit zusammengebissenen Zähnen. »Ich kann mich nicht mehr beherrschen.«
Sie schlug mich mit ihren harten Händen auf beide Wangen, daß es mir in den Ohren gellte, packte mich im Genick, drückte mich auf die Knie nieder und befahclass="underline" »Nun bitte den himmlischen Vater um Vergebung für deine furchtbare Sünde.«
Meine Selbstachtung hinderte mich, mit ihr handgreiflich zu werden. Außerdem waren ihre Arme von der Sklavenarbeit noch sehr kräftig. Ich kroch auf allen vieren aus dem Raum, und Claudia warf mir die Fortunastatue nach. Als ich wieder auf beiden Beinen stand, rief ich zitternd vor Zorn die Diener und befahl ihnen, Claudias Habseligkeiten zusammenzupacken und vor die Tür zu schaffen. Dann hob ich die Fortunastatue auf, deren linker Flügel verbogen war, und ging in den Tiergarten, um wenigstens vor Sabina mit meiner Tat zu prahlen. Zu meiner Verwunderung empfing sie mich freundlich und tätschelte mir sogar die Wangen, die von Claudias Ohrfeigen geschwollen waren. Sie nahm die Fortunastatue dankbar entgegen und hörte sich willig, wenn auch etwas zerstreut, meinen Bericht über die Geschehnisse in Baiae und Bauli an.
»Du bist ein Mann, Minutus, und tapferer, als ich glaubte«, sagte sie zuletzt. »Nur darfst du nicht überall und jedem erzählen, wie alles zuging. Die Hauptsache ist, daß Agrippina tot ist. Niemand trauert ihr nach. Und die Hure Poppaea hat nun auch ausgespielt, denn nach diesem Mord wird es Nero im Leben nicht wagen, sich von Octavia zu trennen. So viel glaube ich von Politik zu verstehen.«
Ich wunderte mich über diese Behauptung, aber ehe ich noch antworten konnte, legte mir Sabina zärtlich die Hand auf meinen Mund und flüsterte: »Es ist Frühling, Minutus. Die Vögel singen, die Blumen blühen, und die Erde erzittert von dem brunftigen Gebrüll der Löwen. Es rieselt mir so heiß durch meine Glieder. Außerdem meine ich, daß wir sowohl um des Geschlechts der Flavier als auch um deiner Familie willen ein Kind haben sollten. Ich glaube nicht, daß ich unfruchtbar bin, wenngleich du mich fortwährend beleidigst, indem du meinem Bett fernbleibst.«
Ihr Vorwurf war ungerecht. Ich dachte mir jedoch, daß sie mich, nach allem, was geschehen war, vielleicht mit anderen Augen ansah oder daß die Schilderung der Bluttat ihre Sinne gekitzelt hatte, denn es gibt ja genug Frauen, die beim Anblick entsetzlicher Dinge wie Feuersbrünste oder Blut, das in den Sand rinnt, in Erregung geraten.
Ich betrachtete meine Gattin und fand an ihr nichts auszusetzen, obgleich ihre Haut nicht so weiß war wie die Poppaeas. Wir lagen ein paar Nächte beisammen, was wir lang nicht mehr getan hatten, aber das Entzücken, das ich zu Beginn unserer Ehe empfunden hatte, kehrte nicht zurück. Auch Sabina war steif und hölzern und gestand mir schließlich, daß sie nur eine Pflicht erfüllte und keine Freude daran hatte, obwohl die Löwen die Nächte hindurch dumpf brüllten.
Acht Monate später wurde unser Sohn geboren. Ich fürchtete, wir würden ihn aussetzen müssen, wie man es mit den zu früh Geborenen zu tun pflegt, aber er war gesund und wohlgestaltet, und nach der glücklichen Entbindung herrschte große Freude im Tiergarten. Ich lud unsere vielen hundert Angestellten zu einem großen Festmahl zu Ehren meines Erstgeborenen ein, und ich hätte nie geglaubt, daß die rohen Tierbändiger zu einem Kind so sanft und zärtlich sein könnten.
Des dunkelhäutigen Epaphroditus konnten wir uns kaum erwehren. Er war ständig bei dem Kind, um es zu streicheln und zu tätscheln, versäumte darüber die Fütterung der Tiere und seine übrigen Pflichten und wollte unbedingt die Kosten für eine Amme übernehmen. Ich ging zuletzt darauf ein, weil ich begriff, daß er mich durch sein Anerbieten ehren wollte.
Claudia ließ jedoch nicht von mir ab. Als ich einige Tage nach unserem Streit nichts Böses ahnend in mein Haus auf dem Aventin zurückkehrte, fand ich dort alle Diener und sogar den alten Barbus im Atrium versammelt. Mitten unter ihnen saß der jüdische Wundertäter Kephas, der einige mir gänzlich unbekannte junge Männer mitgebracht hatte.
Einer von ihnen verdolmetschte die aramäischen Worte des Kephas. Tante Laelia tanzte entzückt umher und klatschte in die Hände. Ich fühlte einen solchen Zorn in mir aufsteigen, daß ich schon daran dachte, die Diener auspeitschen zu lassen, aber Claudia erklärte mir rasch, daß Kephas unter dem Schutz des Senators Pudens Publicola stand und in dessen Haus wohnte, so daß er nicht mit den anderen Juden jenseits des Tibers zusammentraf und neue Unruhen vermieden wurden. Pudens war ein kindischer Greis, aber ein echter Valerius, und deshalb schwieg ich.
Kephas entsann sich unserer Begegnung in Korinth und sprach mich freundlich bei meinem Namen an. Er war nicht gekommen, um mich zu seinem Glauben zu bekehren, sondern wollte, daß ich mich mit Claudia aussöhnte. Ich weiß selbst nicht, wie es zuging, aber zuletzt reichte ich Claudia zu meiner eigenen Verwunderung wirklich die Hand und küßte sie, und dann nahm ich sogar an ihrem gemeinsamen Mahl teil, denn schließlich konnte ich in meinem eigenen Haus tun und lassen, was ich wollte.
Mehr will ich von diesem beschämenden Ereignis nicht berichten. Ich fragte Barbus später, ob er von Mithras abgefallen und Christ geworden sei. Er wollte mir nicht geradeheraus antworten, sondern murmelte nur: »Ich bin alt. In den Nächten plagt mich der Rheumatismus aus meinen Legionsjahren so fürchterlich, daß ich bereit bin, alles zu tun, um nur die Schmerzen loszuwerden, und wenn ich den früheren Fischer Kephas sehe, lassen sie jedesmal nach. Ich brauche nur von seinem Brot zu essen und von seinem Wein zu trinken, um tagelang keine Beschwerden zu haben. Die Priester des Mithras konnten mir nicht helfen, obwohl sie sich sonst besser als alle anderen auf die Krankheiten eines alten Legionärs verstehen.«
ZWEITER TEIL.
JULIUS MEIN SOHN
»… Um nun dem Gerede ein Ende zu bereiten, ließ er jene ob ihres Irrwahns verhaßten Menschen, die das Volk Christen nannte, fälschlich anklagen und unter den ausgesuchtesten Martern hinrichten. Christus, von dem sie ihren Namen hatten, war unter der Regierung des Tiberius von dem Prokurator Pontius Pilatus zum Tode verurteilt worden. Dadurch wurde dieser verabscheungswürdige Aberglaube zunächst unterdrückt. Aber er brach sich von neuem Bahn, und zwar nicht nur in Judäa, seiner Wiege, sondern auch in Rom, wo alle nur erdenklichen Schändlichkeiten und Greuel aus aller Welt zusammenkommen und Anhänger finden. Zuerst faßte man jene, die sich als Christen bekannten, dann, auf deren Angabe hin, eine ungeheure Anzahl von Menschen, die zwar nicht der Brandstiftung, wohl aber des allgemeinen Menschenhasses überführt wurden. Noch bei ihrem Tode tat man ihnen Schmach an. Sie wurden in Felle wilder Tiere gesteckt, um von Hunden zerrissen zu werden, oder ans Kreuz geschlagen oder nach Eintritt der Dunkelheit angezündet, um als Fackeln zu dienen.«
Tacitus, Annalen XV, 44
»Lassen wir es genug sein an Beispielen aus der Vergangenheit, und wenden wir uns den Streitern jüngst verflossener Zeiten zu, um aus unserer eigenen Generation edle Vorbilder zu wählen. Um des Neides und der Eifersucht willen litten die Frömmsten Verfolgung und kämpften bis zum Tode. Gedenken wir vor allem unserer eigenen tapferen Aposteclass="underline" Grundlosen Neides wegen mußte Petrus leiden, nicht nur eine oder zwei, sondern viele Martern, und, nachdem er mit seinem Blute Zeugnis abgelegt, zu der ewigen Herrlichkeit aufbrechen. Des Neides und der Zwietracht wegen gewann auch Paulus die Siegespalme des Dulders. Siebenmal war er gefangen, er mußte fliehen, ward gesteinigt, war Bote in Ost und West und erwarb sich herrlichen Ruhm durch seinen Glauben. Nachdem er alle Welt in der Frömmigkeit unterwiesen, die Grenzen der Länder im Westen erreicht und vor den Mächtigen mit seinem Blute Zeugnis abgelegt als das größte Beispiel wahren Duldermuts, wurde er von der Welt erlöst und ging ein in die Seligkeit. Zu diesen Männern, die zu ihren Lebzeiten ganz Gott ergeben wandelten, gesellte sich eine große Schar Auserwählter, die des Neides und der Zwietracht wegen viele Kränkungen und Leibesqualen erlitten und uns dadurch die herrlichsten Vorbilder wurden. Auch viele Trauen wurden aus eifersüchtigem Haß verfolgt. Sie mußten Danaiden und die Dirke darstellen und die schrecklichste und schändlichste Mißhandlung erdulden, bis auch sie, die Schwachen, das Ziel ihres Kampfes erreichten und die herrliche Siegespalme gewannen.«