Sie hatten das Recht auf ihrer Seite. Der König, der selbst des Lesens unkundig gewesen war, hatte tatsächlich ein Testament aufsetzen lassen, in dem er sein Land dem Kaiser vermachte. Er hatte geglaubt, dadurch die Stellung seiner Witwe und seiner Töchter gegenüber den eifersüchtigen icenischen Edlen zu sichern. Die Icener waren außerdem von Anfang an Bundesgenossen Roms gewesen, obwohl sie uns Römer nicht liebten.
Zur Entscheidungsschlacht kam es nach dem Eintreffen der Entsatztruppen. Die von der rachsüchtigen Königin geführten Briten wurden vernichtend geschlagen. Rom vergalt Gleiches mit Gleichem und rächte die Schandtaten, die die Icener auf Boadiceas Geheiß an römischen Frauen begangen hatten.
In Rom traf ein langer Zug britischer Sklaven ein, allerdings nur Frauen und halbwüchsige Knaben, denn erwachsene Briten taugen nicht zu Sklaven, und Nero hatte zur großen Enttäuschung des Volkes verboten, Kriegsgefangene im Amphitheater kämpfen zu lassen.
Eines Tages suchte mich ein Sklavenhändler auf, der einen etwa zehnjährigen Britenknaben an einem Strick mit sich führte. Er trat sehr geheimnisvoll auf, zwinkerte mir unablässig zu und verlangte, daß ich alle Zeugen fortschickte. Als dies geschehen war, klagte er eine Weile über die schlechten Zeiten, seine großen Ausgaben und den Mangel an willigen Käufern. Der Knabe sah sich unterdessen mit zornigen Blicken um. Endlich erklärte der Sklavenhändler: »Dieser junge Krieger versuchte mit dem Schwert in der Hand seine Mutter zu verteidigen, als unsere ergrimmten Legionäre sie schändeten und erschlugen. Aus Achtung vor seiner Tapferkeit ließen sie ihn am Leben und verkauften ihn mir. Wie du an seinen geradegewachsenen Gliedern, seiner zarten Haut und seinen grünen Augen siehst, ist er von edler icenischer Abstammung. Er kann reiten, schwimmen und mit dem Bogen schießen, und ob du es glaubst oder nicht: er kann sogar ein bißchen lesen und schreiben und ein paar Brocken Latein radebrechen. Man hat mir gesagt, du wirst ihn unbedingt kaufen wollen und mir mehr bieten, als ich auf dem Sklavenmarkt für ihn bekommen kann.«
Ich fragte erstaunt: »Wer konnte dir so etwas sagen? Ich habe schon genug Sklaven. Sie machen mir das Leben unerträglich und nehmen mir meine Freiheit, ganz zu schweigen von dem wahren Reichtum, der die Einsamkeit ist.«
»Ein gewisser Petro, ein icenischer Heilkundiger im römischen Dienst, erkannte den Knaben in Londinium wieder und nannte mir deinen Namen«, antwortete der Sklavenhändler. »Er versicherte mir, du werdest mir den besten Preis für ihn zahlen. Aber wer kann einem Briten trauen. Zeig dein Buch!«
Bei diesen Worten versetzte er dem Knaben einen Schlag auf den Kopf. Der junge Brite griff unter seinen Gürtel und zog ein zerfetztes, schmutziges ägyptisch-chaldäisches Traumbuch hervor. Ich erkannte es sofort wieder, als ich es in die Hand nahm, und begann am ganzen Leibe zu zittern.
»Hieß deine Mutter Lugunda?« fragte ich, obwohl ich es bereits wußte. Allein Petros Name bewies mir, daß ich meinen eigenen Sohn vor mir hatte. Ich wollte ihn in die Arme schließen und als meinen Sohn anerkennen, obgleich keine Zeugen anwesend waren, er aber schlug mit den Fäusten auf mich ein und biß mich in die Wange. Der Sklavenhändler griff nach seiner Peitsche.
»Schlage ihn nicht«, sagte ich rasch. »Ich kaufe ihn. Nenne mir deinen Preis.«
Der Sklavenhändler betrachtete mich abschätzend, redete wieder eine Weile von seinen Auslagen und Verlusten und meinte schließlich: »Um ihn loszuwerden, lasse ich ihn dir für nur hundert Goldstücke. Er ist ja noch ungezähmt.«
Zehntausend Sesterze waren eine wahnwitzige Summe für einen halbwüchsigen Knaben, denn auf dem Markt konnte man sogar eine fürs Bett taugliche junge Frau für wenige Goldstücke bekommen. Dennoch schreckte mich der hohe Preis nicht, und ich hätte nötigenfalls noch mehr bezahlt, aber ich mußte mich zuerst einmal setzen und nachdenken, während ich meinen Sohn betrachtete. Der Sklavenhändler legte mein Schweigen falsch aus. Er begann seine Ware anzupreisen und sagte, es fände sich mehr als ein Reicher in Rom, der die Sitten und Gewohnheiten des Ostens angenommen habe und für dessen Zwecke der Knabe gerade im besten Alter sei. Er ging jedoch mit seinem Preis herunter, zuerst auf neunzig und dann auf achtzig Goldstücke.
Ich dachte währenddessen nur darüber nach, wie ich den Kauf abschließen konnte, ohne daß mein Sohn zum Sklaven wurde. Ein rechtsgültiger Kauf mußte durch einen Gerichtsschreiber beurkundet werden, und ich mußte den Knaben mit meinem Besitzzeichen MM brandmarken, worauf er zwar freigelassen, aber niemals römischer Bürger werden konnte.
Zuletzt sagte ich: »Vielleicht könnte ich ihn zum Wagenlenker ausbilden lassen. Der Petro, den du genannt hast, war wirklich ein Freund von mir, als ich in Britannien als Kriegstribun diente. Ich verlasse mich auf seine Empfehlung. Könntest du mir nicht eine schriftliche Bestätigung geben, daß Petro als Vormund des Knaben dich beauftragt hat, diesen hierherzubringen, damit ich mich seiner annehme?«
Der Sklavenhändler zwinkerte mir listig zu und sagte: »Ich muß die Umsatzsteuer für ihn zahlen, nicht du. Billiger kann ich ihn dir wirklich nicht mehr geben.«
Ich kratzte mir den Kopf. Die Sache war verzwickt und konnte leicht den Anschein erwecken, als versuchten wir nur, die hohen Steuern zu umgehen, mit denen der Sklavenhandel belegt war. Aber als Schwiegersohn des Stadtpräfekten mußte es mir doch möglich sein, einen Ausweg zu finden.
Ich legte meine Toga an, und wir gingen alle drei zum Merkurtempel. Unter den vielen, die dort herumlungerten, entdeckte ich einen Bürger, der seinen Ritterrang verloren hatte und gegen angemessene Entschädigung bereit war, den nötigen zweiten Eideszeugen abzugeben. Wir konnten also eine Urkunde aufsetzen und durch doppelten Eid bekräftigen.
Dieser Urkunde zufolge war der Knabe ein freigeborener Brite, dessen Eltern Ituna und Lugunda wegen ihrer Romfreundlichkeit erschlagen worden waren. Durch die Vermittlung des unbescholtenen Arztes Petro hatten sie ihren Sohn jedoch beizeiten nach Rom geschickt, damit er dort von ihrem einstigen Gastfreund, dem Ritter Minutus Lausus Manilianus, erzogen werde.
In einer Zusatzklausel wurde mir als dem Vormund das Recht vorbehalten, mich um das Erbe des Knaben im Land der Icener zu kümmern, sobald in Britannien der Friede geschlossen war. Das machte meinen Schwindel glaubwürdiger, denn die Merkurpriester nahmen natürlich an, ich wollte bei der Aufteilung der Kriegsbeute meinen besonderen Vorteil herausschlagen.
»Was für einen Namen sollen wir eintragen?« fragte der Schreiber.
»Jucundus«, antwortete ich. Es war der erste Name, der mir einfiel. Alle brachen in ein befreiendes Gelächter aus, denn der finster blickende Bursche war alles andere als angenehm anzusehen. Einer der Priester meinte, ich würde noch viel Arbeit mit ihm haben, bis ein ordentlicher Römer aus ihm geworden sei.
Die Gebühren für die Erstellung und Bestätigung der Urkunde und die übliche Gabe für die Merkurpriester machten bedeutend mehr aus als die Umsatzsteuer für einen gewöhnlichen Verkauf. Der Sklavenhändler begann das Geschäft zu bereuen und hielt mich für gerissener, als ich war. Er hatte zwar schon seinen Eid geleistet, aber ich zahlte ihm zuletzt doch die hundert Goldstücke, die er ursprünglich gefordert hatte, um keinen Streit mit ihm zu bekommen.