Als wir den Merkurtempel endlich wieder verlassen hatten und auf dem Heimweg waren, schob Jucundus plötzlich seine Hand in die meine, so als fürchtete er sich in dem Lärm und Gedränge der Straften. Ein eigentümliches Gefühl ergriff von mir Besitz, als ich seine kleine Hand hielt und ihn durch den Trubel Roms führte. Ich dachte darüber nach, wie ich ihm, wenn er einmal erwachsen war, das römische Bürgerrecht verschaffen konnte und daß ich ihn adoptieren wollte, sofern ich dazu Sabinas Zustimmung erhielt. Doch das waren Sorgen, die noch Zeit hatten.
Mein Sohn Jucundus machte mir mehr Verdruß als Freude. Er sprach anfangs nicht ein Wort, so daß ich schon glaubte, die Greuel des Krieges hätten ihn stumm gemacht. Er zerschlug viele Gegenstände im Haus und wollte die römische Knabenkleidung nicht tragen. Claudia vermochte ihn nicht zu bändigen. Als er zum erstenmal einen etwa gleichaltrigen römischen Knaben vor unserm Haus erblickte, stürzte er auf ihn los und schlug den armen Kerl, bevor Barbus eingreifen konnte, mit einem Stein auf den Kopf. Barbus war dafür, ihm eine Tracht Prügel zu verabreichen, aber ich fand, man müsse es zuerst im Guten versuchen. Daher rief ich ihn zu mir, um ihm unter vier Augen ins Gewissen zu reden.
»Du betrauerst den Tod deiner Mutter«, begann ich. »Du bist mit einem Strick um den Hals hierher geschleppt worden wie ein Hund. Aber du bist kein Hund. Du mußt ein Mann werden. Wir wollen dir nur Gutes. Sag mir, was du am liebsten tun möchtest.«
»Römer erschlagen!« rief Jucundus lebhaft.
Ich seufzte erleichtert auf, da er zumindest sprechen konnte. »Das geht hier in Rom nicht«, erklärte ich ihm. »Du kannst hier aber die römischen Sitten und Gebräuche lernen. Eines Tages werde ich dafür sorgen, daß du Ritter wirst. Wenn du dann deine Pläne noch nicht aufgegeben hast, kannst du nach Britannien zurückkehren und dort Römer auf römische Art erschlagen. Die römische Kriegskunst ist, wie du am eigenen Leibe erfahren hast, der britischen überlegen.«
Jucundus schwieg störrisch, aber ich glaubte zu bemerken, daß meine Worte Eindruck auf ihn gemacht hatten. »Barbus ist ein alter Veteran«, fuhr ich listig fort. »Frag ihn. Er kann dir über Krieg und Kampf mehr erzählen als ich, wenn auch sein Kopf schon zittert.«
Auf diese Weise erhielt Barbus noch einmal Gelegenheit, zu berichten, wie er in voller Rüstung und mit einem verwundeten Zenturio auf dem Rücken im Eisgang über die Donau geschwommen war. Er konnte seine Narben zeigen und erklären, warum unbedingter Gehorsam und ein gestählter Körper die wichtigsten Voraussetzungen des Kriegers sind. Der Wein schmeckte ihm wieder, er ging mit dem Knaben in Rom umher, nahm ihn zum Tiberstrand mit, wo sie badeten, und brachte ihm das saftige Latein des Volkes bei.
Doch auch Barbus erschrak über seine Wildheit. Eines Tages nahm er mich beiseite und sagte: »Jucundus ist ein frecher Bursche, das steht ihm zu in seinem Alter, aber wenn er mir in allen Einzelheiten erzählt, was er einmal mit römischen Männern und Frauen anstellen will, dann kommt selbst mich alten Mann, der manches gesehen und erlebt hat, das Gruseln an. Ich fürchte, er hat entsetzliche Dinge mit ansehen müssen, als der Aufstand der Briten niedergeworfen wurde. Das schlimmste ist, daß er immerzu auf die Hügel hinaufgehen will, um Rom in seiner Barbarensprache zu verfluchen. Er verehrt heimlich unterirdische Götter und opfert ihnen Mäuse. Er ist von bösen Mächten besessen, und man kann ihn nicht erziehen, solange er nicht von seinen Dämonen befreit wird.«
»Wie sollte das zugehen?« fragte ich mißtrauisch.
»Der Kephas der Christen versteht es, Dämonen auszutreiben«, antwortete Barbus und wich meinem Blick aus. »Ich habe selbst gesehen, wie ein Tobsüchtiger auf seinen Befehl lammfromm wurde.«
Barbus fürchtete, ich könnte zornig werden, aber ich war weit davon entfernt und fragte mich vielmehr, warum ich nicht auch einmal Nutzen davon haben sollte, daß ich den Christen erlaubte, sich in meinem Haus zu versammeln, und meine Sklaven glauben ließ, was sie wollten. Als Barbus merkte, daß ich seinen Vorschlag günstig aufnahm, erzählte er mir voll Eifer, daß Kephas mit Hilfe seiner des Lateinischen kundigen Jünger die Kinder Demut und Gehorsam gegenüber den Eltern lehrte. Viele Bürger, die wegen der Zuchtlosigkeit der Jugend in großer Sorge waren, schickten ihre Kinder in eine Feiertagsschule, wo man obendrein nicht einmal etwas zu bezahlen brauchte.
Einige Wochen später kam Jucundus eines Tages ganz von selbst zu mir, ergriff mich an der Hand und zog mich in mein Zimmer hinein. »Ist es wahr, daß es ein unsichtbares Reich gibt und daß die Römer den König ans Kreuz geschlagen haben?« fragte er mich erregt. »Und stimmt es, daß er bald zurückkommen wird, um die Römer allesamt ins Feuer zu werfen?«
Ich fand es sehr vernünftig, daß er nicht einfach alles glaubte, was man ihm erzählte, sondern von mir eine Bestätigung verlangte. In diesen Dingen war ich allerdings ein schlechter Ratgeber, aber ich antwortete vorsichtig: »Es stimmt, daß die Römer ihn kreuzigten. Auf einem Schild auf dem Kreuz stand, daß er der König der Juden war. Mein Vater war damals dabei und sah alles mit eigenen Augen. Er behauptet noch heute, der Himmel habe sich verdunkelt und die Felsen seien eingestürzt, als der König starb. Die Christen glauben, er werde bald wiederkehren, und es ist nun schon hoch an der Zeit, denn seit seinem Tode sind mehr als dreißig Jahre vergangen.«
Jucundus sagte nachdenklich: »Der Lehrer Kephas ist ein Hirtendruide und mächtiger als die Druiden Britanniens, obwohl er Jude ist. Er verlangt dies und jenes von einem, ganz wie die Druiden. Man soll sich waschen und saubere Kleider tragen, man soll beten, Beschimpfungen erdulden, dem, der einen geschlagen hat, auch die andere Wange hinhalten. Das sind Selbstbeherrschungsproben, wie sie auch Petro gefordert hat. Wir haben auch geheime Zeichen, an denen die Eingeweihten einander erkennen.«
Ich sagte darauf: »Ich bin sicher, daß Kephas dich nichts Böses lehrt. Die Übungen, die er vorschreibt, erfordern große Willenskraft. Doch du weißt gewiß selbst, daß dies Geheimnisse sind, über die man nicht mit dem nächsten besten sprechen darf.«
Dann tat ich sehr geheimnisvoll, holte den Holzbecher meiner Mutter aus der Truhe, zeigte ihn Jucundus und sagte: »Dies ist ein Zauberbecher. Der König der Juden hat selbst einmal daraus getrunken. Nun wollen wir beide zusammen daraus trinken, aber du darfst zu keinem Menschen davon sprechen, nicht einmal zu Kephas.«
Ich goß Wein und Wasser in den Becher, und wir tranken, mein Sohn und ich. In dem dämmerigen Raum schien es mir, als würde der Becher nicht leerer, aber das war gewiß nur eine Sinnestäuschung, die von der schlechten Beleuchtung herrührte. Dennoch fühlte ich plötzlich große Zärtlichkeit, und ich erkannte wie durch Offenbarung, daß ich mit meinem Vater über Jucundus sprechen mußte.
Wir machten uns unverzüglich auf den Weg zu Tullias prachtvollem Haus auf dem Virinal. Jucundus benahm sich wirklich fromm wie ein Lamm und sah sich mit großen Augen um, denn solchen Prunk hatte er noch in keinem Haus gesehen. Der Senator Pudens, der Kephas aufgenommen hatte, wohnte eher ärmlich und altmodisch, und ich selbst hatte in meinem Haus auf dem Aventin, obwohl es schon viel zu eng geworden war, keine Änderungen vornehmen lassen, weil Tante Laelia den Lärm der Bauarbeiten nicht ertragen hätte.
Ich ließ Jucundus bei Tullia, schloß mich mit meinem Vater ein und erzählte ihm offen alles über meinen Sohn. Ich hatte meinen Vater schon lange nicht mehr aufgesucht. Tiefes Mitleid ergriff mich, als ich sah, wie kahl er geworden war. Er war nun schon über sechzig. Er hörte mich an, ohne ein Wort zu sagen und ohne mir auch nur ein einziges Mal in die Augen zu sehen.
Zuletzt sagte er: »Wie doch das Schicksal der Väter sich an den Söhnen wiederholt! Deine eigene Mutter war eine Griechin von den Inseln, die Mutter deines Sohnes eine Britin vom Stamm der Icener. Als ich jung war, wurde mein Name im Zusammenhang mit einem Giftmord und einer Testamentsfälschung genannt. Über dich habe ich so furchtbare Dinge gehört, daß ich sie nicht ganz glauben kann. Deine Ehe mit Sabina hat mir nie gefallen, mag ihr Vater auch Stadtpräfekt sein, und ich habe aus Gründen, die ich dir wohl nicht zu erklären brauche, kein Verlangen danach, mir den Sohn anzusehen, den sie dir geboren hat. Mit deinem britischen Sohn aber verhält es sich anders. Wie bist du nur auf den klugen Einfall gekommen, ihn von Kephas erziehen zu lassen? Ich kenne Kephas aus meinen Jahren in Galiläa. Er ist heute nicht mehr der Eiferer, der er damals war. Wie denkst du dir die Zukunft deines Sohnes?«