Nero gab dies zu und sagte verzweifelt: »Ich kann nicht begreifen, warum niemand Poppaea so liebt wie ich. Sie befindet sich zur Zeit in einem äußerst reizbaren Zustand, und alles, was sie erregen könnte, muß ihr ferngehalten werden.«
Tigellinus fuhr fort: »Noch gefährlicher für dich ist Plautus. Es war ein großer Fehler, ihn nach Asia zu verbannen, wo immer noch Unruhen herrschen. Der Vater seiner Mutter war ein Drusus. Und wer kann die Hand dafür ins Feuer legen, daß Corbulo und seine Legionen dir treu bleiben? Ich weiß aus sicherer Quelle, daß sein Schwiegervater, der Senator Lucius Antistius, einen seiner Freigelassenen zu Plautus geschickt hat, um ihn aufzuhetzen, die Gelegenheit zu nutzen. Er ist außerdem sehr reich, und das ist bei einem ehrgeizigen Manne ebenso gefährlich, wie wenn er arm wäre.«
Ich fiel ihm ins Wort: »Über die Vorgänge in Asia bin ich gut unterrichtet. Ich habe gehört, daß Plautus nur mit Philosophen verkehrt. Der Etrusker Musonius, ein guter Freund des weltberühmten Apollonius von Tyana, folgte ihm freiwillig in die Verbannung.«
Tigellinus schlug triumphierend die Hände zusammen und rief: »Da siehst du es! Die Philosophen sind die allergefährlichsten Ratgeber, wenn sie jungen Männern ihre unverschämten Ansichten über Freiheit und Tyrannei ins Ohr flüstern.«
»Wer könnte behaupten, ich sei ein Tyrann!« sagte Nero tief gekränkt. »Ich habe dem Volk mehr Freiheit gegeben als je ein Herrscher vor mir, und ich unterbreite alle meine Vorschläge demütig und bescheiden dem Senat.«
Wir beeilten uns, zu versichern, daß er der mildeste, edelmütigste Herrscher sei, aber nun, so sagten wir, gehe es um das Wohl des Staates, und es gebe nichts Furchtbareres als einen Bürgerkrieg.
In diesem Augenblick kam Poppaea hereingestürzt, spärlich bekleidet, mit offenem Haar und tränenüberströmtem Gesicht. Sie fiel vor Nero nieder, drückte ihre Brüste gegen seine Knie und rief: »Mir liegt nichts an mir selbst oder an meiner Stellung, und ich denke nicht einmal an unser ungeborenes Kind. Aber es geht um dein Leben, Nero. Höre auf Tigellinus! Er weiß, was er sagt.«
Ihr Arzt war ihr aufgeregt gefolgt. »Poppaea wird ihr Kind verlieren, wenn sie sich nicht beruhigt«, versicherte er und versuchte, sie mit sanfter Gewalt aufzuheben.
»Wie soll ich Ruhe finden, solange dieses entsetzliche Weib auf Pandataria seine Ränke schmiedet!« klagte Poppaea. »Sie hat dein Bett entehrt, sie hat Zauberei getrieben und mich zu vergiften versucht. Ich habe mich heute vor Angst schon einige Male erbrechen müssen.«
Tigellinus sagte mit Nachdruck: »Wer einmal seinen Weg gewählt hat, darf nicht mehr zurückblicken. Wenn dir an deinem eigenen Leben nichts liegt, Nero, so denke an uns. Durch deine Unentschlossenheit bringst du uns alle in Gefahr. Wen werden die Aufrührer als erste aus dem Weg räumen? Uns, deine Freunde, die dein Bestes wollen und nicht, wie Seneca, nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind. Vor dem Unvermeidlichen müssen sich selbst die Götter beugen.«
Nun wurden auch Neros Augen feucht, und er bat uns: »Seid ihr alle meine Zeugen, daß dies die schwerste Stunde meines Lebens ist. Ich gebiete meinen eigenen Gefühlen zu schweigen und unterwerfe mich der politischen Notwendigkeit.«
Tigellinus’ harte Züge erhellten sich, und er hob den Arm zum Gruß. »Nun bist du ein wahrer Herrscher, Nero. Zuverlässige Prätorianer sind bereits auf dem Wege nach Massilia. Nach Asia habe ich, da wir mit bewaffnetem Widerstand rechnen müssen, eine ganze Manipel geschickt. Der Gedanke war mir unerträglich, daß deine Neider die Gelegenheit nützen könnten, dich zu stürzen und dem Vaterland zu schaden.«
Anstatt sich über diese Eigenmächtigkeit zu erzürnen, seufzte Nero erleichtert auf und lobte Tigellinus als wahren Freund. Dann fragte er zerstreut, wie lange ein Eilbote nach Pandataria brauche.
Nur wenige Tage danach fragte mich Poppaea Sabina mit geheimnisvoller Miene: »Willst du das schönste Hochzeitsgeschenk sehen, das ich von Nero bekommen habe?«
Sie führte mich in eines ihrer Gemächer, zog ein rotbraun geflecktes Tuch von einem Weidenkorb und zeigte mir Octavias blutleeren Kopf. Sie rümpfte ihre hübsche Nase und sagte: »Pfui, er fängt schon an zu stinken und die Fliegen anzuziehen. Mein Arzt hat mir befohlen, ihn wegzuwerfen, aber wenn ich ab und zu dieses Hochzeitsgeschenk betrachte, dann weiß ich, daß ich wirklich die Gemahlin des Kaisers bin. Denk dir, als die Prätorianer sie in ein heißes Bad hoben, um ihr auf schmerzlose Art die Pulsadern zu öffnen, schrie sie wie ein Mädchen, das seine Puppe zerbrochen hat: ›Ich habe nichts getan!‹ Dabei war sie immerhin schon zwanzig Jahre alt, aber ich glaube, sie war ein wenig zurückgeblieben. Wer weiß, von wem Messalina sie hatte. Vielleicht sogar von dem verrückten Kaiser Gajus.«
Nero forderte den Senat auf, ein Dankopfer im Kapitol für die glücklich abgewendete Gefahr, die dem Staat gedroht hatte, zu beschließen. Zwölf Tage später traf aus Massilia der vorzeitig ergraute Kopf des Faustus Sulla ein, und der Senat beschloß von sich aus, mit den Dankopfern fortzufahren.
In der Stadt verbreitete sich das hartnäckige Gerücht, Plautus habe in Asia einen regelrechten Aufstand angestiftet. Man sprach von einem möglichen Bürgerkrieg und dem Verlust der ganzen Provinz. Die Folge davon war, daß Gold und Silber im Preis stiegen und viele es für angebracht hielten, Grundstücke und Ländereien zu verkaufen. Ich nutzte die Gelegenheit und schloß einige sehr günstige Geschäfte ab.
Als Plautus’ Kopf endlich, mit einer gewissen Verzögerung wegen des stürmischen Wetters, aus Asia eintraf, war die allgemeine Erleichterung so groß, daß nicht nur der Senat, sondern auch einfache Bürger Dankopfer darbrachten. Nero machte sich diese Stimmung zunutze, um Rufus wieder in sein früheres Amt als Aufseher über den Getreidehandel einzusetzen und ihn zugleich zum Verwalter der staatlichen Getreidevorräte zu befördern. Tigellinus führte unter seinen Prätorianern eine Säuberung durch und schickte eine ganze Anzahl verdienter Männer vorzeitig in die Veteranenkolonie in Puteoli. Ich selbst war nach all diesen Ereignissen um, vorsichtig geschätzt, fünf Millionen Sesterze reicher.
Seneca nahm an den festlichen Umzügen und den Dankopfern teil, aber viele bemerkten, daß sein Schritt wankte und seine Hände zitterten. Er war nun schon fünfundsechzig Jahre alt und dick geworden. Sein Gesicht war aufgedunsen, und über den Backenknochen traten die Adern blau hervor. Nero wich ihm nach Möglichkeit aus und vermied es, mit ihm unter vier Augen zusammenzutreffen, weil er seine Vorwürfe fürchtete.
Eines Tages bat Seneca jedoch um eine offizielle Audienz. Nero versammelte vorsichtshalber seine Freunde um sich und hoffte, Seneca werde es nicht wagen, ihn im Beisein anderer zu tadeln. Dies war auch nicht seine Absicht gewesen. Er hielt vielmehr eine schöne Rede und pries Nero für seinen Weitblick und die Entschlossenheit, mit der er das Vaterland aus Gefahren errettet hatte, die seine, Senecas, eigenen, alt gewordenen Augen nicht mehr zu erkennen vermochten. Danach war Seneca für niemanden mehr zu sprechen. Er verabschiedete seine Ehrenwache und zog aufs Land, auf sein schönes Landgut an der Straße nach Praeneste. Als Grund gab er an, daß er leidend sei und sich im übrigen mit einem philosophischen Werk über die Freuden der Entsagung beschäftigen wolle. Er hielt angeblich strenge Diät und wich den Menschen aus, so daß er seine Reichtümer nicht zu genießen vermochte.