Der Zenturio weigerte sich jedoch entschieden und sagte, seine Gunst habe ihre Grenzen. Einen mehr könne er zur Not mit hinrichten und beiläufig in seinem Bericht erwähnen, wenn er aber gleich mehrere vom Leben zum Tode beförderte, so würde das Aufmerksamkeit erregen und viel Schreiberei mit sich bringen, und mit seinen Schreibkünsten sei es nicht weit her.
Zuletzt bekannte er, daß alles, was er gesehen, einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht habe, daß er bei späterer Gelegenheit noch mehr über diese Dinge zu erfahren wünsche. Christus müsse ein mächtiger Gott sein, daß solche, die sich zu ihm bekannten, freudig in den Tod gingen. Er habe jedenfalls nie gehört, daß einer freiwillig und gern beispielsweise für Jupiter oder auch Bacchus gestorben wäre. Mit Venus verhalte es sich möglicherweise anders.
Die Prätorianer führten meinen Vater, Tullia und den Ritter, dessen Namen der Zenturio, da er nicht minder berauscht war als die anderen, erst im letzten Augenblick auf seine Wachstafel kritzelte, hinter das Grabmal und wählten unter sich die drei besten Schwertfechter aus, die imstande waren, den Kopf mit einem einzigen Hieb vom Rumpf zu trennen. Mein Vater und Tullia starben auf den Knien und Hand in Hand. Einer der heimlichen Christen, der dabei war und von dem ich dies alles weiß, behauptete, die Erde habe gebebt und am Himmel seien Flammen erschienen, die die Bauern blendeten, aber das sagte er wohl nur, um mir zu gefallen, oder vielleicht hatte er auch geträumt.
Die Prätorianer losten, wer zurückbleiben und die Leichen bewachen sollte, wie das Gesetz es vorschreibt, bis die Angehörigen sie holen kamen. Als die Zuschauer dies sahen, machten sie sich erbötig, die Wache zu übernehmen, da alle Christen Brüder seien und dadurch gleichsam miteinander verwandt. Der Zenturio meinte zwar, diese Behauptung sei juristisch gesehen zweifelhaft. aber er nahm das Angebot gern an, weil er keinen seiner Männer um das Vergnügen der Zirkusvorstellung bringen wollte. Es war Mittag, als sie sich im Eilschritt in die Stadt zurück und zum Zirkus jenseits des Flusses begaben, um noch Stehplätze unter den anderen Prätorianern zu bekommen.
Die heimlichen Christen nahmen sich der Leichname meines Vaters, Tullias und des jungen Ritters an, dessen Namen ich mit Rücksicht auf das alte Geschlecht, dem er angehörte, verschweigen will. Er war der einzige Sohn seiner betagten Eltern und bereitete ihnen durch seine Wahnsinnstat großen Kummer. Sie hatten ihn verwöhnt und seinen Umgang mit den Christen stillschweigend geduldet, weil sie hofften, er werde zur Besinnung kommen, sobald er einmal ein Amt hatte, da es doch allgemein so zu sein pflegt, daß junge Männer spätestens nach ihrer Verehelichung ihre unfruchtbaren philosophischen Grübeleien fahrenlassen.
Die Leichname wurden mit großer Achtung behandelt und unverbrannt in der Erde bestattet. Auf diese Weise ging mein Vater der Grabstätte verlustig, die er bei Caere in der Nähe der etruskischen Königsgräber erworben hatte, aber das dürfte ihm nicht viel ausgemacht haben. Die Christen begannen zu jener Zeit, in weicheren Felsarten unterirdische Gänge und Kammern zu graben und ihre Toten dort zu bestatten. Es wird behauptet, sie halten an diesen Orten sogar Versammlungen ab, und das beweist, wie verderbt ihr Glaube ist, denn nicht einmal die Ruhe der Toten ist ihnen heilig. Deshalb sollst Du doch die Katakomben achten, mein Sohn Julius, denn in einer von ihnen ruht Dein Großvater und wartet auf den Morgen der Auferstehung.
Um die Mittagszeit begann man im Zirkus die Körbe mit den Speisen auszuteilen. Nero kleidete sich als Wagenlenker und ließ sein schneeweißes Viergespann einige Runden um die Arena traben, während er auf seinem mit Gold verzierten Wagen stehend das jubelnde Volk grüßte und allen einen guten Appetit wünschte. Es wurden auch wieder Lostäfelchen unter die Zuschauer geworfen, jedoch nicht mehr so verschwenderisch wie früher, denn Nero brauchte das Geld begreiflicherweise für seine gewaltigen Bauvorhaben. Er meinte, daß die einmalige Vorstellung, die er bot, die Zuschauer reichlich für ihre Mühen entschädigte, und darin hatte er“ natürlich recht. Ich hatte mich mittlerweile beruhigt und war recht zufrieden, obwohl ich für den Hauptteil der Vorstellung nach der Mittagsruhe verantwortlich war. Die Theatervorführungen, die Nero sich ausgedacht hatte, waren vom Standpunkt der Zuschauer aus offen, gesagt eher ein Mißerfolg, und ich glaube, der Fehler lag bei den Theaterleuten, denen die christliche Denkart völlig fremd war.
Ich bin vielleicht ein wenig befangen, aber ich möchte behaupten, daß das Publikum mit den Vorführungen am Vormittag sehr unzufrieden gewesen wäre, wenn meine Wildhunde sich nicht gleich zu Beginn, nach dem Einzug der Götter und des Senats und der öffentlichen Lesung einer gekürzten Fassung der Rede Neros, ausgezeichnet hätten. Man trieb als erstes einige Dutzend in Tierfelle eingenähte Christen in die Arena und hetzte etwa zwanzig Hunde auf sie.
Sie leisteten ganze Arbeit. Sobald sie einmal Blut geleckt hatten, scheuten sie nicht mehr davor zurück, Menschen zu zerreißen. Sie verfolgten die fliehenden Christen quer durch die Arena, brachten sie geschickt zu Fall, indem sie nach einem Bein schnappten, und fuhren ihnen gleich an die Kehle, ohne erst durch unnötiges Zerren und Beißen Zeit zu verlieren. Man hatte sie hungern lassen und am Morgen nicht gefüttert, aber sie machten sich nicht daran, ihre Opfer aufzufressen, sondern leckten höchstens ein wenig Blut, um den Durst zu stillen, und nahmen die Jagd sogleich wieder auf.
Die Hochzeit der Danaiden verlief dagegen nicht nach Neros Wunsch. Die festlich gekleideten Mädchen und Jünglinge wollten keine Hochzeitstänze aufführen, sondern standen dicht aneinander gedrängt in der Arena und rührten sich nicht, so daß einige Berufsschauspieler einspringen mußten. Nach der Trauung sollten die Bräute ihre Bräutigame auf dem Hochzeitslager töten, wie es die Töchter der Danae getan hatten, aber die jungen Christinnen weigerten sich, Blut zu vergießen, obwohl die Jünglinge auf diese Weise einen leichten Tod gehabt hätten.
Ein Teil mußte erschlagen werden, die übrigen wurden zwischen Reisigbündeln an denselben Pfählen angebunden, an denen die anderen Verbrecher schon darauf warteten, daß der Scheiterhaufen angezündet wurde. Ich muß zugeben, daß das Publikum wenigstens etwas zu lachen hatte, als die Danaiden mit ihren Sieben zu den Wasserbottichen rannten und den Scheiterhaufen löschen wollten. Die Schmerzensschreie der verbrennenden Christen waren so durchdringend, daß das Dröhnen der Wasserorgel und der Lärm der anderen Instrumente sie nicht zu übertönen vermochten, und die Mädchen rannten immer schneller hin und her.
Zuletzt wurde ein schön geschmücktes und mit Fenstern und Türen versehenes Holzhaus angezündet, das mit angeketteten Greisen und Greisinnen voll besetzt war, die, als die Flammen nach ihren Gliedern leckten, die Schrecken des großen Brandes sehr glaubwürdig darstellten. Viele der Danaiden fanden den Tod, als sie ihre unnützen Siebe fortwarfen und sich in die Flammen stürzten, um ihre Eltern oder Geschwister zu retten.
Der ganze Zirkus, besonders aber die obersten Bankreihen, wo das einfachste Volk saß, hallte vom Gelächter wider. Mehrere Senatoren wandten jedoch das Gesicht ab, und unter den Rittern wurde die unnötige Grausamkeit der Vorstellung beanstandet, obwohl man zugab, daß es die beste Strafe für Brandstifter sei, bei lebendigem Leibe verbrannt zu werden.
Während dies alles geschah, kam das Häuflein derer, die man im Hause meines Vaters auf dem Virinal festgenommen hatte, im Zirkus an. Als Barbus und Jucundus erkannten, was ihnen bevorstand, versuchten sie vergebens, mich zu sprechen. Die Wachtposten stellten sich taub, was nicht verwunderlich war, denn auch viele andere Gefangene kamen mit allerlei Ausflüchten zu ihnen, als man das Geschrei bis in die Ställe und Keller hörte.