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Sie wurden unter den üblichen Zeremonien in einem beleuchteten Zelt auf ihren heiligen Kissen aufgestellt und von Frauen bekränzt, und dann setzte man ihnen das heilige Mahl vor. Dieses Mysterium ist so uralt und wird so selten begangen, daß nur wenige von den anwesenden Greisen es je mit angesehen hatten. Ich verfolgte es voll Neugier, erinnerte mich, daß die Römer dieses Mysterium von den Etruskern übernommen hatten, und stimmte mit den Senatoren und Rittern fromm in das heilige Lachen ein. Das Volk durfte nicht lachen. Dann wurde der Zeltvorhang vor die Öffnung gezogen, und kurz darauf erlosch plötzlich das Licht, das durch die Zeltleinwand schimmerte, ohne daß jemand daran gerührt hätte. Wir seufzten erleichtert auf, weil die Zeremonie ganz so verlaufen war, wie es die Überlieferung forderte.

Während die Steinkegel oder vielmehr die Götter, deren Sinnbild sie waren, nach dem heiligen Mahl in dem dunklen Zelt zurückblieben, um sich zum Wohle Roms auf ihren heiligen Kissen zu umarmen, veranstaltete Nero nach altem Brauch ein Satyrspiel, damit die Gäste sich von so viel furchtgebietender Heiligkeit erholen konnten, und man kann ihm nur den einen Vorwurf machen, daß er unbedingt selbst mitspielen wollte, weil er glaubte, dadurch die Gunst des Volkes zu gewinnen.

Er ließ sich daher auf offener Szene zu den Klängen einer lästerlichen Musik als Braut kleiden und sein Gesicht mit dem feuerroten Schleier verhüllen. Dann sang er, geschickt eine Frauenstimme nachahmend, die übliche Brautklage. Zum Hochzeitslager wurde er von Pythagoras, einem stattlichen Sklaven im Gewand des Bräutigams, geführt. Eine Göttin kam, um die verängstigte Braut zu trösten und zu beraten. Jammernd ließ Nero den Bräutigam die beiden Knoten des Gürtels lösen, und zuletzt sanken die beiden einander, fast völlig entkleidet, auf dem Bett in die Arme.

Nero ahmte das Wimmern und Klagen einer verschreckten Jungfrau so vollendet nach, daß die Zuschauer vor Lachen brüllten, worauf er plötzlich so wollüstig zu stöhnen begann, daß viele vornehme Damen erröteten und sich die Hände vor die Augen hielten. Die beiden spielten ihre Rolle so geschickt und gut, als hätten sie die Vorstellung im voraus geprobt.

Poppaea allerdings ärgerte sich über diese kunstvolle Vorführung so sehr, daß sie kurz darauf das Fest verließ. Sie war zudem im dritten Monat schwanger und mußte auf ihre Gesundheit achten, und die lange Vorstellung im Zirkus hatte sie ermüdet.

Nero hatte nichts dagegen, daß sie sich entfernte. Im Gegenteil, er nutzte die Gelegenheit, um in den dunklen Winkeln des Parks allerlei lüsterne Spiele zu veranstalten. Auf das Vergnügen des Volkes bedacht, hatte er alle Weiber aus den Hurenhäusern, die der Brand verschont hatte, eingeladen und sie aus seiner eigenen Kasse bezahlt, aber es gab viele vornehme Damen und leichtsinnige Ehemänner und Frauen, die sich im Schutz der Dunkelheit an diesen Spielen beteiligten. Zuletzt raschelte und knackte es in allen Büschen, und man hörte ringsumher die brünstigen Rufe der Betrunkenen und das Kreischen der Weiber.

Ich ging, um den Scheiterhaufen anzuzünden. Während ich Jucundus’ und Barbus’ Asche mit Wein begoß, dachte ich an Lugunda und meine Jugendjahre in Britannien, in denen ich noch so empfindsam, so auf das Gute bedacht und unschuldig gewesen war, daß ich mich erbrechen mußte, als ich meinen ersten Briten erschlagen hatte. Um dieselbe Zeit am frühen Morgen, was ich allerdings erst später erfuhr, kehrte Nero, mit Erde beschmutzt und den weinfeuchten Lorbeerkranz schief auf dem Kopf, auf den Esquilin zurück, um sich schlafen zu legen.

Poppaea, die sich, wie alle Schwangeren, leicht erregte, war wach gelegen und hatte auf ihn gewartet. Sie empfing ihn mit bösen Worten. Nero geriet in seinem benommenem Zustand so in Zorn, daß er sie in den Leib trat, bevor er sich auf sein Bett warf und in den tiefen Schlaf der Trunkenheit versank. Tags darauf erinnerte er sich an nichts mehr, bis er erfuhr, daß Poppaea eine Fehlgeburt gehabt hatte. Es stand sehr schlecht um sie, und die besten Ärzte Roms vermochten ihr nicht zu helfen – von ihren jüdischen Weibern mit ihren Sprüchen und Zauberbinden ganz zu schweigen.

Zu Poppaeas Ehre muß ich sagen, daß sie Nero keine Vorwürfe machte, als sie erkannte, daß ihr Zustand hoffnungslos war. Sie versuchte sogar noch in der Todesstunde ihn zu trösten und seine Gewissensqualen zu lindern, indem sie ihn daran erinnerte, daß sie sich immer gewünscht hatte, zu sterben, ehe ihre Schönheit dahinschwand. So wie sie nun aussah, schön wie eh und je, von Nero geliebt trotz dem unglückseligen Fußtritt – aber dergleichen kann unter Eheleuten vorkommen –, so hoffte sie in Neros Erinnerung bis zu seinem Tode weiterzuleben. Sie sah ein, daß Nero aus politischen Gründen eine neue Ehe eingehen mußte, und sie wünschte nur, daß er nichts überstürze und daß man ihren Leichnam nicht verbrenne. Poppaea wollte nach jüdischem Brauch unverbrannt bestattet werden.

Aus politischen Gründen konnte Nero sie nicht nach jüdischem Ritus bestatten lassen, obwohl er den Jüdinnen erlaubte, sich zur üblichen Totenklage um ihren Leichnam zu versammeln. Er Heß Poppaea jedoch nach orientalischer Sitte einbalsamieren und erlegte, ohne zu feilschen, die Summen, die sie dem Tempel zu Jerusalem und den Synagogen in Rom vermacht hatte.

Dann hielt er auf dem Forum vor dem Senat und dem Volk eine Gedächtnisrede auf Poppaea und weinte selbst vor Rührung, als er sich ihrer Schönheit in allen Einzelheiten erinnerte, von den goldenen Locken bis zu den rosigen Zehennägeln. Ein langer Trauerzug geleitete ihren einbalsamierten Leichnam, der in einem gläsernen Sarg lag, zum Mausoleum des Gottes Augustus. Daran nahmen viele Anstoß, denn Nero hatte nicht einmal seiner Mutter einen Platz im Mausoleum gegönnt, von seiner Gemahlin Octavia ganz zu schweigen. Von den Juden abgesehen, trauerte das Volk nicht um Poppaea. Sie hatte sich zuletzt schon nicht mehr damit begnügt, ihre Pferde mit Silber beschlagen zu lassen. Ihre Maulesel mußten gar goldene Hufbeschläge haben, und sie hatte zudem die Leute mit ihren ewigen Bädern in Eselsmilch gegen sich aufgebracht.

Mich schmerzte es, daß die bezaubernde Poppaea so jung gestorben war. Sie war immer sehr freundlich zu mir gewesen und würde ihre Freundschaft gewiß in meinen Armen bekräftigt haben, wenn ich genug Verstand gehabt hätte, sie kühn darum zu bitten. So über die Maßen keusch, wie ich in meiner ersten, blinden Verliebtheit geglaubt hatte, wird sie nicht gewesen sein, aber darauf war ich erst gekommen, als sie schon Othos Gattin geworden war.

Nachdem ich nun dies alles geschildert habe, muß ich von Deiner Mutter Claudia und ihrem unfreundlichen Betragen mir gegenüber sprechen. Zugleich muß ich von meiner Teilnahme an der Pisonischen Verschwörung und deren Aufdeckung berichten, und das kommt mich vielleicht noch schwerer an.

Ich will jedoch mein Bestes tun, so wie ich ja auch bisher alles ziemlich aufrichtig und ohne mich selbst zu schonen geschildert habe. Du wirst vielleicht einiges über die Schwachheit des Menschen lernen, wenn Du dies liest, mein Sohn Julius. Verachte mich nur, wenn Du willst. Ich werde nie den harten, klaren Blick vergessen, mit dem Du, ein vierzehnjähriger Knabe, mich unlängst mustertest, als Deine Mutter Dich zwang, Deinen verabscheuungswürdig reichen und nicht minder verabscheuungswürdig einfältigen Vater hier in diesem abgelegenen Kurort zu besuchen, wo er Heilung seiner Leiden sucht. Es war ein Blick, der mich frösteln machte, kälter als die eisigsten Winde des Winters. Aber Du bist ja ein Julier, aus göttlichem Geblüt, und ich bin nur ein Minutus Manilianus.

XI

ANTONIA

Ich sehnte mich danach, Dich auf meine Knie zu setzen, um Dich öffentlich als meinen Sohn anzuerkennen und Dir den Namen zu geben, um den Claudia gebeten hatte, aber ich hielt es für vernünftiger, zunächst ein wenig Zeit verstreichen zu lassen, damit Deine Mutter sich beruhigen konnte.