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Ich hatte es nicht verhindern können, daß sie in Caere alles erfuhr, was in Rom geschehen war, auch daß ich auf Neros Befehl und gegen meinen Willen an der Hinrichtung der Christen mitgewirkt hatte. Zwar hatte ich einige Christen auf meinen Landgütern in Sicherheit gebracht, andere gewarnt und vielleicht sogar Kephas das Leben gerettet, indem ich ihn dem Tigellinus als einen fürchtenswerten Zauberer darstellte, aber ich kannte das heftige Gemüt Claudias und wußte, wie falsch Frauen im allgemeinen die Handlungen ihrer Männer beurteilen, nämlich immer nach ihren weiblichen Vorstellungen und Launen und ohne Rücksicht auf politische und andere Umstände, die nur Männer zu begreifen vermögen. Daher hielt ich es für das beste, Claudia eine Weile über das, was sie gehört hatte, nachdenken zu lassen und ihr Zeit zu geben, sich zu besinnen.

Außerdem hatte ich in Rom so viel zu tun, daß ich nicht sofort nach Caere reisen konnte. Ich mußte den Tierbestand erneuern und die vielen anderen Verluste einbringen, und das nahm alle meine Kräfte in Anspruch. Gleichwohl will ich gestehen, daß ich einen gewissen Abscheu vor dem ganzen Tiergarten zu empfinden begann.

Ein weiterer Umstand, der mich an der Abreise hinderte, war Tante Laelias unerwarteter Selbstmord. Ich versuchte ihn nach bestem Vermögen zu vertuschen, aber er hatte letzten Endes doch zur Folge, daß noch mehr über mich geklatscht wurde als je zuvor. Was für einen Grund Tante Laelia gehabt haben mochte, sich das Leben zu nehmen – sofern sie es nicht im Wahnsinn tat –, ist mir noch heute ein Rätsel. Wahrscheinlich empfand sie in ihrer geistigen Umnachtung die Absetzung und Hinrichtung meines Vaters als eine solche Schmach, daß sie sich verpflichtet fühlte, Selbstmord zu begehen, und wer weiß: vielleicht meinte sie, dies sei auch meine Pflicht, und wollte mir als echte Römerin mit gutem Beispiel vorangehen.

Wie dem auch sei, sie überredete ihre ebenso wirrköpfige Dienerin, ihr die Pulsadern zu öffnen. Da ihr altes Blut nicht einmal in dem heißen Bad rinnen wollte, erstickte sie sich zuletzt mit dem Kohlendunst aus dem Glutbecken, das sie immer in ihrem Zimmer haben mußte, weil sie wie alle alten Menschen ständig fror, und sie hatte immerhin noch so viel Verstand übrigbehalten, daß sie der Dienerin befahl, alle Tür- und Fensterritzen von außen zu verstopfen.

Ich vermißte sie zunächst gar nicht. Erst tags darauf kam die Dienerin und fragte mich, ob man den Raum nicht lüften solle. Ich brachte es nicht über mich, dieses treuergebene alte Weib zu tadeln, das mir da mit zahnlosem Munde vorjammerte, es habe den Befehlen seiner Herrin wohl oder übel gehorchen müssen. Zu sehr erschütterte mich die neue Schande, die über meinen Ruf und Namen gekommen war.

Ich ließ Tante Laelias Leichnam unter allen ihr zukommenden Ehren verbrennen und hielt in kleinem Kreise eine Gedächtnisrede, obwohl ich vor Ärger kaum dazu imstande war. Es war auch nicht leicht, etwas über Tante Laelias Leben und ihre guten Seiten zu sagen. Claudia, die eben erst vom Kindbett aufgestanden war, lud ich nicht zur Gedächtnisfeier, aber ich schrieb ihr, berichtete von dem traurigen Geschehnis und erklärte, warum ich noch in der Stadt bleiben mußte.

Ich hatte damals, offen gestanden, viel zu leiden. Das mutige Auftreten der Christen im Zirkus und ihre unmenschliche Bestrafung, die bei unserer durch griechische Bildung verweichlichten Jugend Abscheu erweckte, hatten zur Folge, daß man in gewissen Kreisen, die Neros Beschuldigungen nicht glaubten, heimlich mit den Christen zu fühlen begann. Ich verlor so manchen Freund, den ich für treu gehalten hatte.

Als ein Beispiel dafür, welcher Bosheit und Dummheit der Mensch fähig ist, will ich nur erwähnen, daß man damals allen Ernstes behauptete, ich hätte meinen Stiefbruder Jucundus als Christen angezeigt, weil ich fürchtete, das Erbe nach meinem Vater mit ihm teilen zu müssen. Mein Vater habe sich außerdem meines schlechten Rufes wegen von mir losgesagt und absichtlich alles so eingerichtet, daß sein Vermögen an den Staat fiel, damit ich nur ja nichts davon bekäme. Was würden die Leute wohl noch alles erfunden haben, wenn sie gewußt hätten, daß Jucundus mein leiblicher Sohn war, nicht mein Stiefbruder! So falsch und feindselig sprach man über mich in der guten Gesellschaft. Wie müssen da erst die Christen über mich geredet haben! Ihnen ging ich nach Möglichkeit aus dem Wege, um mich nicht dem Verdacht auszusetzen, mit ihnen gemeinsame Sache zu machen.

Die Allgemeinheit war so gegen mich aufgehetzt, daß ich mich nur mit einem größeren Gefolge auf der Straße zeigen durfte. Nero fühlte sich, nun da er bewiesen hatte; daß er notfalls auch streng sein konnte, sogar bemüßigt, im ganzen Reich die Todesstrafe abzuschaffen. Hinfort durfte auch in den Provinzen niemand mehr zum Tode verurteilt werden, und hatte er das schlimmste Verbrechen begangen. An die Stelle der Todesstrafe trat die Zwangsarbeit, und die Verurteilten mußten Rom wiederaufbauen, vor allem Neros neuen Palast – das Goldene Haus, wie er selbst ihn nun öffentlich nannte – und den großen Zirkus.

Die Beweggründe für dieses neue Gesetz waren freilich nicht Güte und Menschlichkeit. Nero war in ernste Geldnöte geraten und brauchte kostenlose Arbeitskräfte für die gröbsten Arbeiten. Der Senat bestätigte das Gesetz, obwohl viele der Väter vor den Folgen der Abschaffung der Todesstrafe warnten und die Befürchtung äußerten, daß die Verbrechen und die allgemeine Gottlosigkeit zunehmen würden.

An der Erbitterung und Unzufriedenheit, die in ganz Rom herrschten, war jedoch nicht nur die Bestrafung der Christen schuld, die vielen nur ein willkommener Anlaß war, ihrem Haß gegen Nero und die Herrschermacht als solche Luft zu machen. Die wahre Ursache war die, daß jetzt erst alle Schichten der Bevölkerung das volle Gewicht der Steuern zu spüren bekamen, die der Wiederaufbau der Stadt und Neros eigene Bauvorhaben mit sich brachten. Auch die Getreidepreise mußten nach den ersten Hilfsmaßnahmen erhöht werden, und sogar die Sklaven mußten feststellen, daß sie immer weniger Brot, Knoblauch und Öl bekamen.

Einem ganzen Weltreich gelang es natürlich, das Goldene Haus zu bauen, und Nero selbst teilte die Arbeit sehr vernünftig auf mehrere Jahre auf, obwohl ihm die Bauarbeiten nicht schnell genug voranschreiten konnten. Er erklärte, fürs erste genügten ihm ein Speisesaal, einige Schlafräume und ein Arkadengang für Repräsentationszwecke. Er konnte jedoch nicht rechnen und war nach Art der Künstler nicht fähig, die Erklärungen der Sachverständigen geduldig genug anzuhören. Er nahm das Geld, wo er es gerade bekam, und dachte nicht an die Folgen.

Dafür trat er bei mehreren öffentlichen Theatervorstellungen als Sänger und Schauspieler auf und meinte in seiner Eitelkeit, seine glänzende Stimme und das Vergnügen, ihn in verschiedenen Rollen auftreten zu sehen, würden die Menschen ihre eigenen geringfügigen Opfer und Nöte vergessen machen, die doch, verglichen mit der großen Kunst, ein reines Nichts waren. Darin irrte er gründlich.

Viele unmusikalische Senatoren und Ritter begannen diese Vorstellungen als eine unerträgliche Plage zu betrachten, der man noch dazu nicht so leicht entrinnen konnte, weil Nero auf Wunsch gern bereit war, bis in die späte Nacht hinein zu singen und zu spielen.

Unter Vorspiegelung aller erdenklichen Gründe, und selbstverständlich auch, weil ich auf Dein Wohl bedacht war, bewog ich Claudia dazu, beinahe drei Monate in dem so gesunden Caere zuzubringen. Ihre bitteren Briefe las ich nur flüchtig, um mich nicht ärgern zu müssen, und ich antwortete ihr immer wieder, daß ich sie und Dich nach Rom zurückholen wolle, sobald es mir meine vielen Pflichten gestatteten und ich es im Hinblick auf eure Sicherheit glaubte verantworten zu können.

Die Christen wurden allerdings nach der Vorstellung im Zirkus kaum noch oder gar nicht mehr verfolgt, sofern sie sich nicht durch ihr Benehmen einen Platz in einem der Steinbrüche einhandelten. Im großen ganzen waren sie jedoch durch die Massenhinrichtung so eingeschüchtert, daß sie sich still verhielten.