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Aus ihnen ging hervor, daß er sich, durch seine unglückliche Liebe, eine Testamentsfälschung und Tullias Treulosigkeit um die klare Vernunft gebracht, so weit erniedrigt hatte, alles zu glauben, was die Juden ihm einredeten. Am härtesten aber traf es mich, daß die Briefe die Vergangenheit meiner Mutter Myrina enthüllten. Sie war nichts anderes gewesen als eine ganz gewöhnliche Tänzerin und Akrobatin, die mein Vater freigekauft hatte. Über ihre Herkunft war nur bekannt, daß sie von Inselgriechen abstammte.

Daher waren ihre Statue vor dem Rathaus in Myrina in Asia und alle Urkunden, die mein Vater über ihre Geburt in Antiochia beschafft hatte, nichts als Schwindel, dazu bestimmt, mir meine Zukunft zu sichern. Die Briefe ließen mich sogar daran zweifeln, daß ich in rechtsgültiger Ehe geboren worden war. Hatte sich mein Vater nicht vielleicht auch diese Urkunden erst später, nach dem Tod meiner Mutter, beschafft, indem er die Behörden in Damaskus bestach? Dank Jucundus wußte ich selbst nur zu gut, wie leicht sich dergleichen einrichten läßt, wenn man Geld und Einfluß hat.

Claudia gegenüber hatte ich über die Briefe meines Vaters und die anderen Dokumente nicht ein Wort erwähnt. Es befanden sich darunter, neben in finanzieller Hinsicht sehr wertvollen Unterlagen, einige aramäische Aufzeichnungen von der Hand eines jüdischen Zöllners, der zu den Bekannten meines Vaters gehört hatte. Sie betrafen das Leben jenes Jesus von Nazareth, und ich hielt mich nicht für befugt, sie zu vernichten, sondern mauerte sie eigenhändig zusammen mit den Briefen in meinem heimlichsten Versteck ein, in dem ich gewisse Schriften verwahre, die das Licht des Tages scheuen.

Ich versuchte meine Niedergeschlagenheit zu überwinden und hob meinen Becher zu Ehren Antonias, die Neros Annäherung mit soviel Feingefühl zurückgewiesen hatte. Sie gestand uns zuletzt, daß sie ihn ein- oder zweimal geküßt hatte, ganz schwesterlich nur und um ihn zu besänftigen.

Davon, daß sie Dich in ihrem Testament bedenken wollen, sagte Antonia zum Glück nichts mehr, und wir setzten Dich der Reihe nach aufs Knie, obwohl Du zappeltest und schriest. Dann erhieltst Du die Namen Clemens Claudius Antonianus Manilianus, und das war genug erbliche Belastung für ein so kleines Kind. Ich nahm daher Abstand davon, Dich auch noch nach meinem Vater Marcus zu nennen, was meine Absicht gewesen war, ehe Antonia mit ihrem Vorschlag kam.

Als Antonia sich zu später Stunde in ihrer Sänfte nach Hause begab, verabschiedete sie sich von mir mit einem schwesterlichen Kuß, denn wir waren ja zwar heimlich, aber doch vor dem Gesetz miteinander verwandt. Sie bat mich auch, sie in Zukunft, wenn wir unter vier Augen zusammentrafen, Schwägerin zu nennen. Ich erwiderte ihren Kuß und tat es gern. Ich war ein wenig berauscht.

Sie beklagte sich noch einmal über ihre Einsamkeit und sagte, sie hoffe, ich würde sie nun, da wir miteinander verwandt seien, einmal besuchen. Claudia brauchte ich nicht unbedingt mitzubringen. Sie habe mit dem Kind und dem großen Haus genug zu tun und fühle gewiß schon die Last der Jahre. Ich kann nicht leugnen, daß Antonias Aufmerksamkeit mir schmeichelte, war sie doch der Abstammung nach die vornehmste Dame Roms.

Bevor ich jedoch schildere, welchen Verlauf unsere Freundschaft nahm, muß ich auf die Angelegenheiten Roms zurückkommen.

In seiner Geldnot wurde Nero des Jammerns der Provinzen und der bitteren Klagen der Handelsleute über die Umsatzsteuern bald überdrüssig. Er beschloß daher, seine Schwierigkeiten so zu lösen wie Alexander einst den Gordischen Knoten. Ich weiß nicht, wer ihm den Plan vorlegte, denn in die Geheimnisse des Tempels der Juno Moneta bin ich nicht eingeweiht, aber wer es auch gewesen sein mag: der Mann hätte es mehr als die Christen verdient, als ein Feind der Menschheit und des Reiches den wilden Tieren vorgeworfen zu werden.

Nero borgte in aller Stille von den Göttern Roms alle Weihgeschenke aus Gold und Silber, das heißt, er setzte Jupiter Capitolinus in aller Form als Darlehensnehmer ein und borgte seinerseits von Jupiter. Dagegen war juristisch nichts einzuwenden, obwohl es die Götter gewiß nicht billigten. Nero hatte nach dem Brand alles geschmolzene Metall für sich sammeln lassen, das nun natürlich nicht mehr aus vollgewichtigem Gold oder Silber bestand, sondern in unterschiedlichem Grade mit Bronze vermischt war. Nun ließ er alles zusammenschmelzen und im Tempel der Juno Moneta Tag und Nacht neue Gold- und Silbermünzen schlagen, die um ein Fünftel weniger Gold oder Silber enthielten als vorher. Diese Münzen waren sowohl leichter als auch, durch die Kupferbeimischung, dunkler als die früheren. AU das ging, unter dem Vorwand, daß die Angelegenheiten der Juno Moneta nie öffentlich gewesen seien, in der größten Heimlichkeit und unter strenger Bewachung vor sich, aber den Bankiers kamen doch zumindest Gerüchte zu Ohren. Ich selbst wurde aufmerksam, als die Münzen plötzlich knapp wurden und man mir ständig Zahlungsanweisungen aufnötigte oder bei größeren Käufen um einen Monat Zahlungsaufschub bat.

Dennoch glaubte ich zunächst den Gerüchten nicht, da ich mich als Freund Neros betrachtete und nicht fassen konnte, daß er – sowenig ein Künstler auch von den Geschäften versteht – sich des entsetzlichen Verbrechens der Münzfälschung schuldig machen sollte, eines Verbrechens, für das schon so mancher einfache Mann, der sich die eine oder andere Münze für den eigenen Gebrauch hergestellt hatte, ans Kreuz geschlagen worden war. Ich folgte jedoch dem Beispiel der anderen und hielt mein Bargeld zurück.

Das Geschäftsleben geriet nach und nach völlig durcheinander, und die Preise stiegen von Tag zu Tag, bevor noch Nero seine gefälschten Münzen in Umlauf brachte und eine Verordnung erließ, derzufolge innerhalb einer bestimmten Frist alle alten Münzen gegen die neuen eingetauscht werden mußten. Danach sollte jeder, bei dem man noch alte, gute Münzen fand, als Staatsfeind behandelt werden. Nur Zölle und Steuern durften noch mit den alten Münzen erlegt werden.

Zu Roms Schande muß ich gestehen, daß der Senat diese Verordnung mit einer beträchtlichen Stimmenmehrheit guthieß. Sie wurde also rechtskräftig, und man kann daher für dieses Verbrechen, das aller Anständigkeit und allem guten Handelsbrauch Hohn spricht, nicht Neros Willkür und Kurzsichtigkeit allein verantwortlich machen.

Die Senatoren, die für Nero stimmten, rechtfertigten sich scheinheilig damit, daß der Wiederaufbau Roms einschneidende Maßnahmen erfordere. Außerdem wurde behauptet, daß durch den Geldumtausch die Reichen größere Nachteile erlitten als die Armen, weil die Reichen mehr Bargeld besäßen und Nero es nicht der Mühe wert fand, Kupferscherflein zu fälschen. Das war dummes Geschwätz. Das Vermögen eines Senators besteht, wie es das Gesetz vorschreibt, größtenteils aus Grundbesitz, wenngleich der eine oder andere durch seine Freigelassenen Handel treibt, und selbstverständlich hatte jeder der abstimmenden Senatoren seine guten Gold- und Silbermünzen, sofern er welche besaß, vorsorglich in Sicherheit gebracht.

Der einfachste Landmann war schlau genug, seine Ersparnisse in einen Tonkrug zu stecken und in die Erde zu vergraben. Alles in allem wurde höchstens ein Viertel aller in Umlauf befindlichen Münzen gegen die neuen ausgetauscht, und zweifellos machte es sich nun auch bemerkbar, daß so viele der zuverlässigen römischen Münzen in die Länder der Barbaren und sogar bis nach Indien und China geflossen waren.

Neros unerhörtes Verbrechen brachte so manchen zur Besinnung, der ihm aus politischen Gründen sogar den Muttermord verziehen hatte. Angehörige des Ritterstandes, die irgendwelche Geschäfte betrieben, und die wohlhabenden Freigelassenen, die den Handel beherrschten, hatten nun Anlaß genug, ihre politische Einstellung zu überprüfen, denn das neue Geld brachte das gesamte Wirtschaftsleben in Verwirrung. Sogar erfahrene Geschäftsleute erlitten durch die Terminkäufe empfindliche Verluste.