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Als ich das aufgedunsene Gesicht und den unruhig irrenden Blick meines Vaters sah, faßte mich tiefes Mitleid. Ich verstand, daß er nach irgendeinem Lebensinhalt suchte, um Tullia zu ertragen. Aber mir schien, es wäre heilsamer für ihn gewesen, im Senat die Zeit totzuschlagen, als an den heimlichen Zusammenkünften der Christen teilzunehmen.

Als hätte er meine Gedanken erraten, sah mich mein Vater an, strich mit den Fingern über den abgenützten Holzbecher und sagte: »Ich darf nicht mehr zu den Liebesmählern gehen, denn meine Anwesenheit kann den Christen nur schaden, wie sie Paulina schon geschadet hat. Tullia hat in ihrem Zorn geschworen, dafür zu sorgen, daß sie allesamt aus Rom verbannt werden, wenn ich mich nicht von ihnen zurückziehe. Und all das wegen einiger unschuldiger Küsse, die man nach dem heiligen Mahl zu tauschen pflegt! … Reise du nur nach Britannien«, fuhr er fort und reichte mir bei diesen Worten seinen geliebten Holzbecher. »Es wird Zeit, daß du das einzige an dich nimmst, was deine Mutter dir hinterlassen hat, sonst verbrennt es Tullia noch in ihrer Wut. Aus diesem Becher hat Jesus von Nazareth, der König der Juden, vor bald achtzehn Jahren einmal getrunken, als er aus dem Grabe auferstanden war und mit den Nägelmalen in seinen Händen und Füßen und den Wunden von der Geißelung auf dem Rücken durch Galiläa wanderte. Behalte ihn stets bei dir. Vielleicht ist dir deine Mutter ein wenig näher, wenn du daraus trinkst. Ich konnte dir nicht der Vater sein, der ich gern gewesen wäre.«

Ich nahm den Becher entgegen, von dem die Freigelassenen meines Vaters in Antiochia glaubten, er sei von der Glücksgöttin geheiligt worden. Er hatte meinen Vater allerdings nicht vor Tullia beschützt, sofern man nicht ein prunkvolles Haus, alle Bequemlichkeiten, die das Leben zu bieten hat, und am Ende vielleicht gar noch die Senatorwürde als den größtmöglichen Erfolg auf Erden betrachten wollte. Ich empfand jedoch heimliche Ehrfurcht, als ich den alten Becher mit den Händen umfaßte.

»Tu mir noch einen Gefallen«, bat mein Vater bescheiden. »Auf dem Hang des Aventins wohnt ein Zeltmacher …«

„… der Aquila heißt«, unterbrach ich ihn spöttisch. »Ich habe ihm etwas von Paulina auszurichten und kann ihm ja gleichzeitig sagen, daß auch du die Christen verläßt.«

Meine Bitterkeit war jedoch schon dahingeschwunden, als mein Vater mir den Holzbecher gegeben hatte, den er so liebte. Ich umarmte ihn und preßte das Gesicht in sein Gewand, um meine Tränen zu verbergen. Er drückte mich fest an sich. Wir schieden voneinander, ohne uns noch einmal in die Augen zu sehen.

Tullia erwartete mich, in würdevoller Haltung auf dem hochlehnigen Stuhl sitzend, auf dem die Hausherrin die Gäste empfängt. Sie blickte mich lauernd an und sagte: »Gib in Britannien auf deinen kostbaren Schädel acht, Minutus. Es wird deinem Vater noch zugute kommen, daß er einen Sohn hat, der dem Staat und dem Gemeinwohl dient, wenn ich sage, daß ein junger Offizier rascher befördert wird, wenn er seine Vorgesetzten freigebig zu Wein und Würfelspiel einlädt, als wenn er sich zu gefährlichen Unternehmungen meldet. Geize nicht mit deinem Geld, sondern mache lieber Schulden. Dein Vater wird dir schon aushelfen. Jedenfalls wird man dich als einen in jeder Hinsicht gesunden jungen Mann betrachten.«

Auf dem Heimweg ging ich am Tempel des Castor und des Pollux vorbei, um den Kurator der Reiterei von meiner Reise nach Britannien in Kenntnis zu setzen. Daheim waren sich Tante Laelia und Claudia völlig einig geworden. Gemeinsam wählten sie die besten Untergewänder aus dicker Wolle zum Schutz gegen Britanniens rauhe Winde für mich aus, und auch andere Dinge hatten sie schon in solchen Mengen für mich hergerichtet, daß ich mindestens einen Reisewagen gebraucht hätte, um sie alle zu befördern. Ich hatte jedoch die Absicht, sogar meine Rüstung, bis auf das Schwert, zurückzulassen, da ich es für das beste ansah, mich an Ort und Stelle neu auszurüsten und mich nach dem zu richten, was das fremde Land und die neuen Verhältnisse forderten. Barbus hatte mir erzählt, wie man die verwöhnten römischen Jünglinge auslachte, die eine Unmenge nutzloser Dinge mit ins Feld schleppten.

Später suchte ich an diesem schwülen Herbstabend, an dem ein unruhiger rötlicher Himmel über der Stadt hing, den Zeltmacher Aquila auf. Er war offenbar ein recht wohlhabender Mann, denn er besaß eine große Weberei. Er begrüßte mich mißtrauisch an der Tür und blickte sich um, als hätte er Angst vor Spionen. Er war in den Vierzigern und sah nicht wie ein Jude aus. Da er keinen Bart hatte und keine Quasten auf dem Mantel trug, hielt ich ihn zuerst für einen von Aquilas Freigelassenen. Claudia, die mit mir gekommen war, begrüßte ihn wie einen alten Bekannten. Als er meinen Namen hörte und ich ihm die Grüße meines Vaters ausrichtete, verschwand seine Furcht. In seinen Augen sah ich jedoch den gleichen unruhigen Ausdruck, den ich bei meinem Vater bemerkt hatte. Er hatte übrigens senkrechte Falten auf der Stirn wie ein Augur oder ein Haruspex. Aquila bat uns freundlich, einzutreten, und seine Frau Prisca bot uns sofort Früchte und mit Wasser vermischten Wein an. Prisca war, ihrer Nase nach zu urteilen, Jüdin von Geburt; eine geschäftige, redselige Frau, die in jungen Jahren zweifellos schön gewesen war. Die beiden erschraken, als sie hörten, daß Paulina ihres Aberglaubens wegen angeklagt worden war und daß mein Vater beschlossen hatte, ihre heimlichen Zusammenkünfte zu meiden, um ihnen nicht zu schaden.

»Wir haben Feinde und Neider«, sagten sie. »Die Juden verfolgen uns. Sie jagen uns aus den Synagogen und prügeln uns auf der Straße. Sogar ein mächtiger Zauberer, Simon aus Samaria, haßt uns bitter. Wir werden aber vom Geist beschützt, der die Worte in unseren Mund legt, und deshalb brauchen wir keine Macht der Welt zu fürchten.«

»Du bist doch kein Jude«, sagte ich zu Aquila.

Er lachte. »Ich bin Jude und beschnitten, geboren in Trapezus in Pontus, an der Südostküste des Schwarzen Meeres, aber meine Mutter war Griechin, und mein Vater nahm die galiläische Taufe an, als er einst in Jerusalem Pfingsten feierte. Es gab jedoch Streit in Pontus, als einige vor den Synagogen dem Kaiser opfern wollten. Ich ging nach Rom und wohne hier auf der Armenseite des Aventins wie so viele, die nicht mehr glauben, daß die Befolgung des Gesetzes Mose sie von ihren Sünden befreien kann.«

Prisca mischte sich ein und erklärte uns: »Die Juden auf der anderen Seite des Flusses hassen uns am meisten, weil die Heiden, die sie anhören, lieber unseren Weg wählen, der sie leichter dünkt. Ich weiß nicht, ob unser Weg wirklich leichter ist, aber wir besitzen die Gnade und das geheime Wissen.«

Aquila und Prisca waren angenehme Menschen, die nichts von dem üblichen Hochmut der Juden an sich hatten. Claudia gestand, daß sie und ihre Tante Paulina ihre Belehrungen angehört hatten, und meinte, die beiden hätten nichts zu verbergen. Jeder, der wolle, könne zu ihnen kommen und sie anhören, und manch einer gerate dabei in Verzückung und beginne mit Zungen zu reden. Nur das Liebesmahl war Außenstehenden verwehrt, erfuhr ich, aber das verhielt sich mit den syrischen und ägyptischen Mysterien, die in Rom begangen wurden, auch nicht anders.

Sie versicherten uns, daß vor ihrem Gott alle gleich seien, Sklave oder Freier, arm oder reich, klug oder dumm, und daß sie alle Menschen als ihre Brüder und Schwestern betrachteten. Ich glaubte nicht alles, was sie sagten, da sie so erschrocken waren, als sie hörten, daß mein Vater und Paulina Plautia sie verlassen hatten. Claudia tröstete sie und sagte, daß Paulina gewiß nicht aus innerem Antrieb so gehandelt habe, sondern nur zum Schein, um den guten Ruf ihres Gatten zu wahren.

Am nächsten Morgen bekam ich ein Reitpferd und ein Kurierschild, das ich auf der Brust zu tragen hatte. Paulina gab mir den Brief an Aulus Plautius, und Claudia weinte. Ich trat meine Reise an, die mich auf den Militärstraßen quer durch Italien und Gallien führte.