III
BRITANNIEN
Ich erreichte Britannien bei Anbruch des Winters und wurde von Stürmen, Nebel und eiskalten Regenschauern empfangen. Wie jeder Besucher Britanniens weiß, wirkt dieses Land bedrückend. Es gibt nicht einmal Städte von der Art, wie man sie noch im nördlichen Gallien findet. Wer in Britannien nicht an Lungenentzündung stirbt, holt sich zumindest einen Rheumatismus, den er sein Lebtag lang nicht mehr los wird, sofern ihm nicht ohnehin die Briten in einem ihrer Weißdornhaine den Kopf abschlagen oder ihn zu einem ihrer Priester, den Druiden, schleppen, die aus den Eingeweiden von Römern das künftige Schicksal ihres Stammes zu lesen pflegen. All dies erzählten mir Legionäre, die schon dreißig Jahre gedient hatten.
Aulus Plautius traf ich in der Handelsniederlassung Londinium an, die an einem reißenden Fluß liegt. Er hatte sein Hauptquartier in Londinium, weil es dort noch das eine oder andere römische Haus gab. Als er den Brief seiner Gattin las, wurde er nicht zornig, wie ich befürchtet hatte. Im Gegenteil, er begann laut zu lachen und schlug sich auf die Schenkel. Einige Wochen zuvor hatte er ein geheimes Schreiben von Kaiser Claudius erhalten, worin ihm mitgeteilt wurde, daß er sich das Recht auf einen Triumph erworben habe. Er war gerade dabei, seine Angelegenheiten in Britannien zu ordnen, um im Frühjahr den Oberbefehl übergeben und nach Rom heimkehren zu können.
»Ich soll also die Familie zusammenrufen, um meine gute Frau zu verurteilen!« rief er und hatte vor Lachen Tränen in den Augen. »Dabei muß ich froh sein, wenn Paulina mir nicht die letzten Haare vom Kopf reißt, wenn sie mich nach dem Leben ausfragt, das ich hier in Britannien geführt habe. Ich habe genug damit zu tun gehabt, die heiligen Haine der Druiden niederzuhauen, und mag von Glaubensdingen nichts mehr hören. Eine ganze Schiffsladung Götterbilder hatte ich aus meiner eigenen Tasche bezahlt, damit diese Briten endlich ihre scheußlichen Menschenopfer aufgeben, aber das erste, was sie tun, ist, daß sie die heiligen Tonstatuen zerschlagen und wieder zu den Waffen greifen. Nein, nein, der Aberglaube bei uns daheim ist sicherlich unschuldiger als der, den ich hier kennengelernt habe. Diese Anklage ist lediglich eine Intrige meiner lieben Senatorenkollegen, die fürchten, ich sei vielleicht zu reich geworden, nachdem ich vier Jahre lang vier Legionen befehligt habe. Als ob sich einer in diesem Land bereichern könnte! Roms Geld verschwindet hier wie in einem Faß ohne Boden. Claudius muß einen Triumph feiern lassen, damit man in Rom glaubt, Britannien sei befriedet. Aber dieses Land kann niemand befrieden. Hier wird es immer wieder Aufruhr geben. Schlägt man einen der Könige in ehrlichem Kampf, tritt gleich ein anderer an seine Stelle, der weder auf Geiseln Rücksicht nimmt, noch sich an eidlich bekräftigte Verträge hält. Oder es kommt ein Nachbarstamm, erobert das Land, das man soeben erst unterworfen hat, und reibt unsere ganze Garnison auf. Man darf sie nicht einmal ganz entwaffnen, weil sie die Waffen brauchen, um sich gegeneinander zu verteidigen. Glaube mir, ich wäre gern auch ohne Triumph nach Rom zurückgekehrt, nur um dieses von allen Göttern verlassene Land nicht mehr sehen zu müssen.«
Er wurde ernst, blickte mir streng in die Augen und fragte: »Hat es sich schon in Rom herumgesprochen, daß ich einen Triumph feiern werde, oder aus was für einem Gründe sonst kommt ein junger Ritter wie du freiwillig hierher? Du hoffst natürlich, ohne viel Beschwer an meinem Triumph teilnehmen zu können!«
Ich antwortete tief gekränkt, daß ich von diesem Triumph nichts geahnt hatte, ja, daß man in Rom vielmehr zu der Ansicht neigte, Claudius würde aus Eifersucht niemals einen Triumph für Kriegstaten in Britannien genehmigen, da er doch selbst nach der sogenannten Unterwerfung Britanniens schon einen Triumph gefeiert hatte. »Ich bin gekommen, um unter einem berühmten Feldherrn die Kriegskunst zu erlernen«, sagte ich. »Der Reiterspiele in Rom bin ich nun müde.«
»Hier gibt es keine seidenblanken Pferde und silbernen Schilde«, erwiderte Aulus barsch. »Und keine warmen Betten und geschickten Masseure. Hier gibt es nur das Kriegsgeschrei blau angestrichener Barbaren in den Wäldern, tägliche Furcht vor Hinterhalten, ewigen Schnupfen, unheilbaren Husten und ständiges Heimweh.«
Daß er kaum übertrieb, das sollte ich in den nächsten zwei Jahren, die ich in Britannien verbrachte, noch erfahren. Aulus Plautius behielt mich einige Tage in seinem Stab, um sich meine Abstammung bestätigen zu lassen, den neuesten Klatsch aus Rom zu hören und mir an einem Relief die Beschaffenheit Britanniens und die Standorte seiner Legionen zu erklären. Er schenkte mir sogar einen ledernen Brustharnisch, ein Pferd und Waffen und gab mir freundliche Ratschläge: »Paß gut auf dein Pferd auf, sonst stehlen es dir die Briten. Sie kämpfen selbst mit Streitwagen, weil ihre kleinen Pferde nicht zum Reiten taugen. Roms Politik und Kriegführung stützen sich auf die Bundesgenossen unter den britischen Stämmen. Daher verfügen auch wir über einige Einheiten, die mit Streitwagen ausgerüstet sind. Trau aber nie einem Briten! Wende nie einem Briten den Rücken zu! Sie versuchen mit allen Mitteln, unserer großen, kräftigen Pferde habhaft zu werden, um selbst eine Reiterei aufzustellen. Claudius verdankt seine Siege in Britannien seinen Elefanten, die kein Brite je zuvor gesehen hatte. Die Elefanten stampften die Verschanzungen nieder und machten die Zugpferde der Streitwagen scheu. Bald lernten aber die Briten, mit ihren Wurfspeeren auf die Augen der Elefanten zu zielen und sie mit Fackeln zu brennen. Außerdem vertragen die Dickhäuter das Klima nicht. Der letzte ging uns vor einem Jahr an Schwindsucht ein.
Ich werde dich der Legion des Flavius Vespasian zuteilen. Er ist mein erfahrenster Krieger und mein zuverlässigster Legat, ein bißchen schwerfällig, aber ruhig und besonnen. Seine Herkunft ist sehr bescheiden, und seine Sitten sind derb und volkstümlich, ansonsten ist er ein Ehrenmann. Mehr als Unterfeldherr wird er wohl nie werden, aber die Kriegskunst kannst du unter ihm erlernen, wenn du wirklich deshalb hierhergekommen bist.«
Ich traf Flavius Vespasian am Ufer der Hochwasser führenden Antona, wo er seine Legion auf einen größeren Raum aufgeteilt hatte und Schanzen bauen ließ. Er war ein Mann von über vierzig Jahren, kräftig gebaut, mit einer breiten Stirn und einem gutmütigen Zug um den Mund. Vor allem aber wirkte er viel bedeutender, als ich nach der überheblichen Schilderung des Aulus Plautius vermutet hatte. Er lachte gern laut und konnte über seine eigenen Mißgeschicke scherzen, die oft von der Art waren, daß sie einen schwächeren Mann zur Verzweiflung getrieben hätten. Seine bloße Gegenwart gab einem ein Gefühl der Sicherheit. Er sah mich pfiffig an und rief: »Wendet sich endlich unser Geschick, da nun ein junger Ritter aus Rom freiwillig zu uns kommt und sein Glück in Britanniens Sümpfen und dunklen Wäldern sucht? Nein, nein, das kann nicht sein. Gesteh nur gleich, was du ausgefressen hast und weshalb du unter meinem Legionsadler Schutz suchst, dann werden wir uns von Anfang an besser verstehen.«
Als er sich genau nach meiner Familie und meinen Beziehungen in Rom erkundigt hatte, dachte er eine Weile nach und meinte dann offenherzig, daß ihm meine Anwesenheit weder zum Vorteil noch zum Nachteil gereiche. Gutmütig, wie er von Natur aus war, beschloß er, mich langsam, Schritt für Schritt, an den Schmutz, die Rauheit und die Mühen des Soldatenlebens zu gewöhnen. Er nahm mich zunächst auf seine Inspektionsreisen mit, damit ich das Land kennenlernte, und diktierte mir seine Berichte an Aulus Plautius, da er selbst zum Schreiben zu faul war. Als er sich vergewissert hatte, daß ich wirklich reiten konnte und auch nicht über mein Schwert stolperte, übergab er mich einem der Baumeister der Legion, damit ich lernte, wie man Holzbefestigungen baut.
Unsere weit abgelegene Garnison bestand aus nicht einmal einer ganzen Manipel. Ein Teil von uns ging auf die Jagd und sorgte für die Verköstigung, ein anderer fällte Bäume und ein dritter baute Schanzen. Bevor Vespasian wieder davonritt, ermahnte er mich, darauf zu achten, daß die Männer ihre Waffen sorglich pflegten und daß die Wachtposten ordentlich aufpaßten und nicht faulenzten, denn, so sagte er, Faulheit im Waffendienst ist die Mutter aller Laster und untergräbt die Zucht.