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Der Baumeister schüttelte den Kopf und gestand mir, er habe mich schon für verrückt gehalten, als er sah, wie ich freiwillig mit den Legionären schuftete, aber daß es so schlecht mit mir stehe, hätte er sich nicht gedacht. Er sprach wieder eine Weile mit dem Mädchen, dann sagte er: »Sie traut dir nicht. Sie glaubt, du willst sie nur in den Wald führen, um sie dir dort gefügig zu machen, und selbst wenn sie dir aus den Händen schlüpfte wie eine Häsin, sagt sie, würden Briten von anderen Stämmen sie einfangen und als Geisel festhalten, da sie nicht aus dieser Gegend stammt. Sie heißt übrigens Lugunda.«

Auf einmal bekam der Baumeister so seltsame Augen. Er schleckte sich über die Lippen, während er das Mädchen musterte, und schlug mir vor: »Hör einmal, ich gebe dir zwei Silberslücke für sie, da bist du sie los.«

Das Mädchen sah seinen Blick, stürzte auf mich zu und packte mich fest am Arm, als wäre ich ihr einziger Schutz auf dieser Welt. Gleichzeitig stieß sie ein paar Sätze in ihrer zischenden Sprache hervor. Der Baumeister lachte laut auf und übersetzte mir, was sie sagte: »Sie behauptet, wenn du ihr unziemlich nahe trittst, wirst du als ein Frosch wiedergeboren werden. Zuvor aber werden ihre Stammesgenossen dir den Bauch aufschlitzen, deine Gedärme auf den Boden herauszerren und dir einen glühenden Spieß durch den Mastdarm in den Leib bohren. Wenn du gescheit bist, trittst du das Mädchen zu einem angemessenen Preis an einen erfahreneren Mann ab.«

Einen Augenblick hatte ich gute Lust, sie dem Baumeister zu schenken, aber dann versicherte ich ihm nur noch einmal geduldig, daß ich Lugunda nichts tun, sondern sie wie ein britisches Fohlen pflegen wolle. Diesen kämmt man ja auch die Stirnfransen, und in kalten Nächten legt man ihnen eine Decke über. Ich wollte es den alten Legionären gleichtun, die sich die Langeweile mit allerlei Tieren vertrieben, die sie verhätschelten, und das Mädchen war immer noch besser als ein Hund, denn sie konnte mir die Sprache der Briten beibringen.

All das sagte ich dem Baumeister, und ich weiß nicht, wie er dem Mädchen meine Worte verdolmetschte oder ob seine Sprachkenntnis überhaupt ausreichte, um wiederzugeben, was ich meinte. Ich habe den Verdacht, daß er Lugunda erklärte, ich wolle sie ebensowenig anrühren, wie ich daran dächte, mit einer Stute oder einer Hündin Unzucht zu treiben. Jedenfalls ließ sie meinen Arm los, stürzte an den Holzzuber und begann sich hastig das Gesicht zu waschen, so als wollte sie mir beweisen, daß sie weder eine Stute noch eine Hündin war.

Ich bat den Baumeister zu gehen, und gab Lugunda ein Stück Seife. Dergleichen hatte sie noch nie gesehen, und ich selbst hatte die Seife, um die Wahrheit zu sagen, auch erst auf dem Weg nach Britannien kennengelernt, als ich in der gallischen Stadt Lutetia das elende Badehaus aufsuchte. Es war am Todestag meiner Mutter, also an meinem Geburtstag gewesen, und ich war in Lutetia siebzehn Jahre alt geworden, ohne daß jemand mir Glück wünschte.

Der magere Badesklave wusch mich mit etwas, was meine Verwunderung erregte, denn es war weich und mild und reinigte vorzüglich. Um wieviel angenehmer war das, als sich die Haut mit Bimsstein zu scheuern! Ich kaufte den Sklaven samt seinen Seifen um drei Goldstücke. Am Morgen, bevor ich Lutetia verließ, gab ich ihn vor den Behörden der Stadt frei, bezahlte die Freilassungssteuer für ihn und erlaubte ihm, den Namen Minutius zu führen. Ein paar Stück Seife, die er mir zum Dank geschenkt hatte, hielt ich vor den Legionären versteckt, nachdem ich bemerkt hatte, daß sie dieses »neumodische Zeug« verachteten.

Als ich nun Lugunda zeigte, wie sie die Seife gebrauchen mußte, faßte sie Zutrauen und wusch und kämmte sich. Ich rieb ihr die geschwollenen Handgelenke mit einer guten Salbe ein, und als ich sah, wie übel ihr Gewand von den Dornen zerrissen war, ging ich zum Händler und kaufte ihr ein Untergewand und einen Mantel aus Wolle. Danach folgte sie mir treu wie ein Hündchen, wohin ich ging.

Bald mußte ich jedoch einsehen, daß es für mich leichter war, Lugunda Latein zu lehren, als selbst die fauchende Sprache der Barbaren zu erlernen. An den langen dunklen Abenden, wenn wir vor dem Feuer saßen, versuchte ich sogar, ihr das Lesen beizubringen. Ich ritzte Buchstaben in den Sand und forderte sie auf, sie nachzuzeichnen. Die einzigen Bücher, die es in der Garnison gab, waren das Jahrbuch der Zenturionen und ein ägyptisch-chaldäisches Traumbuch, das dem Händler gehörte. Ich hatte es daher schon seit langem bereut, daß ich mir nichts zu lesen mitgebracht hatte, aber nun ersetzten mir die Unterrichtsstunden mit Lugunda das Vergnügen der Lektüre.

Über die vielen unanständigen Scherze, die ich von den Legionären wegen des Mädchens in meiner Hütte zu hören bekam, lachte ich nur, denn ich wußte, daß sie nicht bös gemeint waren. Die Männer fragten sich, was für Zauberkünste ich angewandt haben mochte, um das wilde Mädchen so rasch zu zähmen. Natürlich glaubten sie, ich schliefe bei ihr, und ich ließ sie in dem Glauben, obwohl ich Lugunda trotz ihrer dreizehn Jahre nicht anrührte.

Während ein eiskalter Regen niederging und die schon bei günstiger Witterung schlechten Wege sich in bodenlosen Morast und Tümpel verwandelten, auf denen jeden Morgen eine krachende Eisdecke lag, wurde das Leben in der Garnison immer ruhiger und eintöniger. Einige junge Gallier, die sich hatten anwerben lassen, um nach dreißig Dienstjahren das römische Bürgerrecht zu erhalten, machten es sich zur Gewohnheit, still in meiner Holzhütte zu erscheinen, wenn ich Lugunda unterrichtete. Sie hörten mit offenen Mündern zu und sprachen laut die lateinischen Wörter nach, und ehe ich noch wußte, wie mir geschah, unterwies ich auch sie in der lateinischen Sprache und den Anfangsgründen der Schreibkunst. Wer in der Legion aufrücken will, muß zumindest ein wenig lesen und schreiben können, denn ohne Wachstafeln läßt sich nun einmal kein Krieg führen.

Eines Tages, als ich gerade vor meiner torfgedeckten Hütte Unterricht hielt, stand unversehens Vespasian hinter uns, der zur Inspektion gekommen war. Seiner Gewohnheit treu, hatte er sich nicht angemeldet und auch den Wachtposten verboten, Alarm zu blasen, da er ohne Aufsehen im Lager umhergehen und das alltägliche Treiben beobachten wollte. Er war der Ansicht, daß man auf diese Weise ein besseres Bild von dem Geist bekam, der in der Legion herrschte, als durch eine im voraus festgesetzte Musterung. Ich las gerade laut und deutlich aus dem schon arg zerfetzten Traumbuch vor, was es bedeutet, wenn man von Flußpferden träumt, und zeigte mit dem Finger auf jedes einzelne Wort, das ich aussprach, während Lugunda und die jungen Gallier dicht aneinandergedrängt und Kopf an Kopf in die Buchrolle starrten und die lateinischen Wörter wiederholten. Vespasian begann zu lachen, daß ihm die Tränen kamen. Er hockte sich nieder und schlug sich auf die Schenkel. Wir fielen beinahe vor Schreck in Ohnmacht, als er so plötzlich hinter uns auftauchte, sprangen auf und nahmen Haltung an, und Lugunda versteckte sich hinter meinem Rücken. An Vespasians Lachen merkte ich jedoch, daß er nicht ernstlich erzürnt war.

Als er sich endlich wieder gefaßt hatte, musterte er uns streng mit gerunzelten Brauen. Er erkannte gewiß an der guten Haltung und den sauber gewaschenen Gesichtern, daß meine jungen Gallier tadellose Soldaten waren, und sagte schließlich, es gefalle ihm, daß sie in ihrer kurzen Freizeit die lateinische Sprache und die Lesekunst erlernten, anstatt sich mit Wein vollaufen zu lassen. Ja, er setzte sich sogar zu uns und erzählte, er habe zu Kaiser Gajus’ Zeiten im Amphitheater in Rom mit eigenen Augen solch ein Flußpferd gesehen, und das sei ein ganz gewaltiges Tier gewesen. Die Gallier glaubten freilich, er flunkere uns etwas vor, und lachten scheu, aber Vespasian nahm es ihnen nicht übel, sondern befahl ihnen nur, ihre Sachen für die Musterung in Ordnung zu bringen.