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Ich bat ihn ehrerbietig, in meine Hütte zu treten, und fragte, ob ich es wagen dürfe, ihm Wein anzubieten. Er antwortete mir, daß er sich gern eine Weile bei mir ausruhen wolle. Die Garnison habe er nun ja besichtigt und die Männer überall bei der Arbeit angetroffen. Ich holte meinen Holzbecher hervor, der mir von meinen Trinkgefäßen das beste zu sein schien. Vespasian drehte ihn verwundert in der Hand hin und her und sagte: »Du hast doch das Recht, den Goldring zu tragen?«

Ich erwiderte, daß ich zwar einen silbernen Becher besäße, den hölzernen aber höher achtete, weil ich ihn von meiner Mutter geerbt hatte. Vespasian nickte zustimmend und sagte: »Es ist recht, daß du das Andenken deiner Mutter ehrst. Ich selbst habe von meiner Großmutter einen buckligen Silberbecher geerbt und trinke aus ihm an allen Festtagen, ohne mich um die Mienen der Leute zu scheren.« Er trank gierig von meinem Wein, und ich schenkte ihm freigebig nach, obwohl ich mich schon so sehr an das ärmliche Soldatenleben gewöhnt hatte, daß ich mir unwillkürlich im stillen ausrechnete, wieviel er sich ersparte, indem er meinen Wein trank. Nicht aus Geiz dachte ich daran, sondern weil ich gelernt hatte, daß ein Legionär es fertigbringen muß, mit zehn Kupfermünzen oder, anders gesagt, zweieinhalb Sesterze im Tag sich zu verköstigen, seine Kleidung instand zu halten und noch einen Beitrag für die Legionskasse zu erübrigen, damit er im Falle von Krankheit oder Verwundung eine kleine Rücklage hatte.

Vespasian schüttelte langsam seinen breiten Kopf und sagte: »Bald kommt der Frühling und zerstreut Britanniens Nebel. Das kann eine schwere Zeit für uns werden. Aulus Plautius macht sich bereit, nach Rom zu reisen, um seinen Triumph zu feiern, und er nimmt die verdientesten, mithin die erfahrensten Truppen mit. Kluge Veteranen ziehen allerdings die Geldablösung vor und ersparen sich den mühseligen Marsch nach Rom, den ein paar Tage Festesrausch und Trunkenheit nicht aufwiegen. Von den Unterfeldherren wäre ich derjenige, der am ehesten das Recht hätte, ihn zu begleiten, da ich mir durch die Eroberung der Insel Vectis die höchsten Verdienste erworben habe, aber einer muß ja in Britannien nach dem Rechten sehen, bis der Kaiser einen Nachfolger für Aulus Plautius ernannt hat. Aulus hat mir versprochen und geschworen, mir mindestens ein Triumphzeichen zu verschaffen, wenn ich mich bereit erkläre, hierzubleiben.«

Er rieb sich nachdenklich die Stirn und fuhr fort: »Wenn es nach mir geht, haben nun die Beutezüge ein Ende, und wir betreiben eine Politik des Friedens. Das bedeutet aber, daß wir von den Unterworfenen und den Bundesgenossen um so höhere Steuern für den Unterhalt der Legionen einheben müssen, was wiederum zu neuem Aufruhr führt. Allerdings wird es diesmal eine Weile dauern, denn Aulus Plautius nimmt natürlich Könige, Heerführer und andere vornehme Gefangene als Kriegsbeute nach Rom mit. Dort werden sie sich an die Bequemlichkeiten eines zivilisierten Lebens gewöhnen, und ihre Kinder wird man in der Schule des Palatiums erziehen, aber was hilft’s! Ihre Stämme werden sich einfach von ihnen lossagen. Wir bekommen nur eine Atempause, während die Familien, die hier um die Macht kämpfen, ihre Zwistigkeiten austragen. Wenn die Briten aber rasch genug handeln, bricht schon in der kürzesten Nacht der Aufstand los, denn das ist ihr größtes Fest. Sie opfern in dieser Nacht in bestem Einvernehmen ihre Gefangenen auf einen Steinaltar, der ihr gemeinsames Heiligtum ist. An sich ist das verwunderlich, denn ihre höchste Verehrung gilt sonst unterirdischen Göttern und der Göttin der Dunkelheit mit dem Eulengesicht. Die Eule ist ja übrigens auch der Vogel der Minerva.«

Er dachte eine Weile über diese heiligen Dinge nach und sagte dann: »Genaugenommen wissen wir viel zuwenig über Britannien und seine verschiedenen Stämme, Sprachen, Sitten und Götter. Gut kennen wir nur die Straßen, die Flüsse und Furten, die Berge und Pässe, die Wälder, Weiden und Viehtränken, denn darüber verschafft sich ein guter Feldherr als erstes Auskunft. Es gibt ja Kaufleute, die unbehelligt zwischen einander feindlich gesinnten Stämmen hin und her reisen, während andere ausgeplündert werden, sobald sie den näheren Bereich der Legion verlassen. Auch gibt es zivilisierte Briten, die Gallien bereist haben und sogar in Rom waren und ein wenig Latein radebrechen, aber diese Männer verstanden wir nicht so zu behandeln, wie es ihr Rang erfordert hätte. In einer Zeit wie dieser könnte es Rom mehr als die Unterwerfung eines ganzen Volkes nützen, wenn einer daranginge, das Wissenswerteste über die Briten, ihre Bräuche und ihre Götter zu sammeln und ein zuverlässiges Buch über Britannien zu schreiben. Der Gott Julius Caesar wußte nicht viel über dieses Land, sondern verließ sich auf allerlei haltloses Geschwätz. Er nahm es ja selbst mit der Wahrheit nicht so genau, als er, um sich herauszustellen, sein Buch über den Gallischen Krieg schrieb, in dem er seine Siege vergrößerte und seine Fehler verschwieg.«

Vespasian trank wieder aus meinen Holzbecher und fuhr fort, indem er sich immer mehr ereiferte: »Natürlich müssen sich die Briten römische Sitten und römische Bildung aneignen, aber ich frage mich, ob wir sie nicht leichter zivilisieren könnten, wenn wir ihre eigenen Sitten und vor allem ihre Vorurteile besser verständen, denn damit, daß wir sie totschlagen, ist niemandem geholfen. Gerade jetzt wäre es der rechte Augenblick, etwas dergleichen zu versuchen, denn wir brauchen Frieden, während unsere besten Truppen aus Britannien abgezogen sind und wir auf einen neuen, unerfahrenen Oberbefehlshaber warten. Aber du hast ja auch schon einen Briten erschlagen und wirst an Aulus Plautius’ Triumph teilnehmen wollen. Deine Herkunft und deine rote Borte berechtigen dich jedenfalls dazu, und ich lege gern ein Wort für dich ein, wenn du willst. Da weiß ich dann wenigstens, daß ich einen wirklichen Freund in Rom habe.«

Der Wein stimmte ihn wehmütig. »Zwar habe ich ja meinen Sohn Titus, der als Spielkamerad des gleichaltrigen Britannicus im Palatium aufwächst und die gleiche Erziehung wie dieser erhält. Er wird es einmal besser haben als ich. Vielleicht wird er Britannien endlich den Frieden geben.«

»Dann habe ich deinen Sohn bestimmt bei den Reiterübungen vor der Jahrhundertfeier in Gesellschaft des Britannicus gesehen«, warf ich ein. Vespasian sagte, er selbst habe seinen Sohn seit vier Jahren nicht mehr gesehen und werde ihn so bald auch nicht zu sehen bekommen. Seinen zweiten Sohn, Domitian, hatte er noch nicht einmal auf seine Knie gesetzt, denn der Kleine war eine Frucht des Triumphes des Claudius, und Vespasian hatte gleich nach Beendigung der Feiern wieder nach Britannien zurückkehren müssen.

»Viel war der ganze Triumph nicht wert«, sagte er bitter. »Eine wahnwitzige Verschwendung zum Gaudium des Pöbels. Ich will nicht abstreiten, daß ich selbst gern einmal mit dem Lorbeerkranz auf dem Haupt die Stufen zum Kapitol hinaufgekrochen wäre. Wer träumt nicht davon, wenn er jahrelang eine Legion geführt hat! Aber saufen kann man auch in Britannien, und billiger obendrein!«

Ich sagte, ich würde gern unter seinem Befehl in Britannien bleiben, wenn er glaubte, mich brauchen zu können, denn ich hätte kein Verlangen danach, ohne wirkliches Verdienst an einem Triumph teilzunehmen. Vespasian betrachtete dies als einen großen Vertrauensbeweis und war sichtlich gerührt. »Je länger ich aus deinem Holzbecher trinke, desto besser gefällst du mir«, sagte er mit Tränen in den Augen. »Mein Sohn Titus soll so werden wie du, das wünsche ich mir. Ich will dir ein Geheimnis verraten.«

Er gestand mir, daß er einen Opferpriester der Briten gefangengenommen hatte, den er vor Aulus Plautius verbarg, denn dieser sammelte nun Gefangene für den Triumph und die Kämpfe im Amphitheater. Um dem Volk etwas Besonderes zu bieten, hätte er gern einen echten Priester gehabt, der bei einer Vorstellung einige Gefangene opfern sollte. »Aber ein wirklicher Druide würde sich nie dazu hergeben«, sagte Vespasian. »Es ist viel einfacher für Aulus, irgendeinen Briten als Priester zu verkleiden. Die Römer merken den Unterschied nicht. Sobald Aulus abgereist ist, will ich den Priester freigeben und zum Zeichen meiner guten Absichten zu seinem Stamm zurückschicken. Wenn du Mut hast, Minutus, kannst du ihn begleiten und dich mit den Sitten der Briten vertraut machen. Dank seiner Hilfe könntest du mit vornehmen Jünglingen Freundschaftsbande knüpfen. Er würde dein Leben beschützen, denn ich habe den heimlichen Verdacht, daß unsere erfolgreichen Kaufleute sich um schweres Geld freies Geleit von den Druiden erkauft haben, auch wenn sie es nicht zugeben wollen.«