Ich hatte wenig Lust, mich mit fremden und abschreckenden Religionen einzulassen, und fragte mich im stillen, was für ein Fluch mich verfolgte, da ich schon in Rom gezwungen gewesen war, mit dem Aberglauben der Christen Bekanntschaft zu schließen. Vertrauen für Vertrauen, dachte ich und berichtete Vespasian, wie ich eigentlich ausgerechnet nach Britannien gekommen war. Die Vorstellung, daß die Gattin eines Triumphators von diesem wegen schändlichen Aberglaubens abgeurteilt werden sollte, belustigte ihn über alle Maßen. Um mir aber zu zeigen, daß er sehr wohl wußte, was in Rom geklatscht wurde, erzählte er mir: »Ich kenne Paulina Plautia persönlich. Soviel ich weiß, verlor sie den Verstand, nachdem sie einem jungen Philosophen – ich glaube, er hieß Seneca – Gelegenheit gegeben hatte, Julia, die Schwester des Kaisers Gajus, heimlich in ihrem Haus zu treffen. Die beiden wurden deshalb aus Rom verbannt, und Julia starb schließlich. Paulina Plautia nahm sich die Anklage wegen Kuppelei so zu Herzen, daß sie verrückt wurde. Sie legte Trauerkleider an und zog sich in die Einsamkeit zurück. Eine solche Frau kommt natürlich auf wunderliche Gedanken.«
Lugunda war während dieses Gesprächs in einem Winkel der Hütte gekauert und hatte uns aufmerksam beobachtet. Wenn ich lächelte, lächelte auch sie, machte ich aber ein ernstes Gesicht, so wurde sie unruhig. Vespasian hatte sie manchmal zerstreut angeblickt und sagte nun zu meiner Überraschung: »Frauen haben überhaupt seltsame Dinge im Kopf. Ein Mann kann nie genau sagen, was sie vorhaben. Der Gott Caesar hielt ja nicht viel von den Frauen der Briten, aber er hatte im großen ganzen keine allzu gute Meinung von den Frauen. Ich selbst bin der Ansicht, daß es gute und schlechte Frauen gibt, bei den Barbaren wie bei den zivilisierten Völkern. Das größte Glück für einen Mann ist die Freundschaft einer guten Frau. Deine Wilde da sieht noch wie ein Kind aus, aber sie kann dir mehr nützen, als du glaubst. Du kannst nicht wissen, daß der Stamm der Icener sich an mich gewandt hat und das Mädchen zurückkaufen will. Das pflegen die Briten im allgemeinen nicht zu tun, denn sie betrachten Stammesgenossen, die uns Römern in die Hände fallen, als für alle Zeit verloren.«
Er sprach mit Lugunda mühsam ein paar Worte in der Sprache der Icener, und ich verstand nur wenig von dem, was sie sagten. Lugunda sah ihn jedoch verwirrt an und trat dann an meine Seite, wie um bei mir Schutz zu suchen. Sie antwortete Vespasian zuerst sehr scheu und dann ein wenig freimütiger, bis er den Kopf schüttelte und sich wieder an mich wandte: »Es ist schwer, sich mit den Briten zu verständigen. Die Küstenbewohner im Süden sprechen eine andere Mundart als die Stämme weiter landeinwärts, und die Leute im Norden verstehen von der Sprache der südlichen Stämme nicht ein Wort. Ich kann dir jedoch sagen, daß deine Lugunda schon als kleines Kind von den Druiden als Hasenpriesterin auserwählt worden ist. Wenn ich die Sache richtig verstanden habe, trauen sich die Druiden zu, schon einem Kind anzumerken, ob es für ihre Zwecke taugt und zum Priester erzogen werden kann. Das ist notwendig, da es Druiden der verschiedensten Grade und Ränge gibt und sie ihr ganzes Leben lang lernen müssen. Bei uns ist das Priesteramt mehr eine politische Ehrenstellung, aber bei den Briten sind die Priester zugleich Ärzte, Richter und sogar Dichter, sofern Barbaren so etwas wie eine Dichtkunst kennen.«
Ich kam immer mehr zu der Überzeugung, daß Vespasian keineswegs so ungebildet war, wie er selbst gern vorgab. Ich glaube, er spielte den groben Klotz, um andere dazu zu verleiten, ihre ganze Überheblichkeit und Eitelkeit zu verraten. Daß Lugunda zur Priesterin auserkoren war, hatte ich nicht geahnt. Ich hatte zwar bemerkt, daß sie kein Hasenfleisch essen konnte, ohne sich zu erbrechen, und sie duldete auch nicht, daß ich Hasen mit der Schlinge fing, aber ich hatte das nur für eine Barbarenlaune gehalten, da ich wußte, daß die vielen Sippen und Stämme der Briten die verschiedensten Tiere heilig hielten, ähnlich wie der Dianapriester bei uns in Nemi kein Pferd berühren oder auch nur ansehen durfte.
Vespasian sprach noch einmal mit Lugunda, und plötzlich lachte er laut auf und rief: »Sie will nicht zu den Ihren zurückkehren, sondern bei dir bleiben, und sie behauptet, du lehrst sie Zauberkunststücke, die nicht einmal ihre Priester kennen. Beim Herkules, sie glaubt, du seist ein Heiliger, weil du nie versucht hast, sie zu nehmen!«
Ich sagte zornig, daß ich kein Heiliger, sondern nur durch ein gewisses Gelübde gebunden und daß Lugunda ja noch ein Kind sei. Vespasian sah mich pfiffig an, rieb sich die breiten Backenknochen und meinte, keine Frau sei ganz und gar ein Kind. Dann dachte er eine Weile nach und sagte schließlich: »Ich kann sie nicht zwingen, zu ihrem Stamm zurückzukehren. Ich glaube, ich muß sie ihr Hasenorakel befragen lassen.«
Tags darauf hielt Vespasian die übliche Musterung im Lager ab. Er sprach zu den Soldaten auf seine grobe Art und erklärte ihnen, sie müßten sich hinfort damit begnügen, sich gegenseitig die Schädel einzuschlagen, und die Briten in Ruhe lassen. »Habt ihr das begriffen, ihr Tölpel?« brüllte er. »Jeder Brite ist euer Vater oder Bruder, jedes alte Britenweib ist eure Mutter, jedes noch so leckere Jüngferlein eure liebe Schwester. Behandelt sie danach. Wedelt freundlich mit grünen Zweigen, wenn ihr sie seht, macht ihnen Geschenke und gebt ihnen zu essen und zu trinken. Ihr wißt, daß das Kriegsgesetz eigenmächtige Plünderung mit dem Scheiterhaufen ahndet. Darum gebt acht, daß ich euch nicht die Schwarte ansengen muß! Aber wartet nur, wie ich euch einheize, wenn ihr euch auch nur ein einziges Pferd, ein einziges Schwert von einem Briten stehlen laßt! Denkt daran, daß die Briten Barbaren sind. Gütig und voll Nachsicht müßt ihr sie eure Sitten lehren. Bringt ihnen also bei, zu würfeln, Wein zu saufen und bei den römischen Göttern zu fluchen. Das ist der erste Schritt zur höheren Bildung. Wenn euch ein Brite auf die eine Backe schlägt, dann haltet ihm auch die andere hin. Meiner Treu, ich habe mir sagen lassen, es gibt da jetzt so einen neuen, gefährlichen Aberglauben, der verlangt, daß man’s so macht, ob ihr es glauben wollt oder nicht. Aber haltet die andere Backe jedenfalls nicht zu oft hin, sondern tragt eure Meinungsverschiedenheiten lieber auf britische Art durch Ringkämpfe, Hindernisläufe oder Ballspiele aus.«
Selten habe ich die Legionäre so herzlich lachen gehört wie bei Vespasians Ansprache. Die Glieder wankten vor Gelächter, und einer ließ sogar seinen Schild in den Schlamm fallen. Zur Strafe prügelte ihn Vespasian eigenhändig mit einem Befehlsstab, den er sich von einem Zenturio ausborgte, was noch mehr Heiterkeit auslöste. Zuletzt aber opferte Vespasian auf dem Legionsaltar nach dem vorgeschriebenen Ritual so feierlich und fromm, daß keiner mehr zu lachen wagte. Er opferte so viele Kälber, Schafe und Schweine, daß alle wußten, daß sie sich einmal umsonst mit geröstetem Fleisch mästen konnten, und wir verwunderten uns alle laut über die günstigen Vorzeichen.
Nach der Musterung befahl mir Vespasian, von einem Veteranen, der zu seinem Vergnügen nach Art der Briten in einem Käfig Hasen züchtete, einen lebenden Hasen zu kaufen. Vespasian nahm den Hasen unter den Arm, und dann gingen wir drei, er, Lugunda und ich, aus dem Lager und tief in den Wald hinein. Er nahm keine Leibwache mit, denn er war ein furchtloser Mann, und außerdem trugen wir beide nach der Musterung noch unsere Rüstungen und Waffen. Drinnen im Wald packte er den Hasen bei den Löffeln und reichte ihn Lugunda, die ihn geschickt unter ihren Mantel steckte und sich nach einem geeigneten Ort umsah. Ohne ersichtlichen Grund führte sie uns so lange in die Kreuz und in die Quere, daß ich schon an einen Hinterhalt der Briten zu glauben begann. Ein Rabe flog krächzend vor uns auf, wandte sich aber zum Glück nach rechts.