Bei einer mächtigen Eiche blieb Lugunda endlich stehen, blickte sich um, zeichnete mit einer Hand die vier Himmelsrichtungen in die Luft, warf eine Faustvoll fauler Eicheln in die Höhe, beobachtete, wie sie fielen, und begann dann mit eintöniger Stimme eine Beschwörung herzusagen. Sie sprach und sang so lange, daß ich schon schläfrig wurde, dann aber zog sie plötzlich den Hasen unter ihrem Mantel hervor, warf ihn in die Höhe und starrte ihm vornübergebeugt und mit vor Erregung dunklen Augen nach. Der Hase floh in langen Sätzen genau nach Nordwesten und verschwand im Gehölz. Lugunda begann zu weinen, schlang mir die Arme um den Hals und drückte sich schluchzend an mich.
Vespasian sagte bedauernd: »Du hast den Hasen selbst ausgewählt, Minutus. Ich habe mit der Sache nichts zu tun. Wenn ich aber den Hasen recht verstanden habe, will er, daß sie unverzüglich zu ihrem Stamm zurückkehrt. Wäre er sitzen geblieben und hätte er den Kopf in einen Busch gesteckt, so würde das ein ungünstiges Vorzeichen gewesen sein und bedeutet haben, daß sie bleiben soll. So viel glaube ich vom Hasenorakel der Briten zu verstehen.«
Er klopfte Lugunda freundlich auf die Schulter und redete mit ihr in der Sprache der Icener, indem er auf mich zeigte. Lugunda beruhigte sich, lächelte, ergriff meine Hand und küßte sie mehrere Male.
»Ich habe ihr nur versprochen, daß du sie sicher ins Land der Icener geleiten wirst«, sagte Vespasian ungerührt. »Aber nun wollen wir noch einige andere Orakel befragen, um zu erfahren, ob es nicht genügt, wenn ihr erst ein wenig später aufbrecht, damit du noch Gelegenheit hast, den Druiden kennenzulernen, den ich gefangenhalte. Ich habe den Eindruck, du bist verrückt genug, um als umherziehender Sophist auftreten zu können, der in den verschiedensten Ländern Wissen und Weisheit sammelt. Ich schlage vor, du kleidest dich in Ziegenhäute. Das Mädchen kann bezeugen, daß du ein Heiliger bist, und der Druide wird dein Leben beschützen. Sie halten ihr Versprechen, wenn sie sie auf eine bestimmte Art beim Namen einer ihrer unterirdischen Götter abgelegt haben, und sollten sie sie nicht halten, dann müssen wir uns etwas anderes ausdenken, um ein friedliches Zusammenleben zu sichern.«
So begleiteten Lugunda und ich Vespasian, als er von seiner Musterungsreise wieder ins Hauptlager der Legion zurückkehrte. Als wir aufbrachen, bemerkte ich zu meiner Verwunderung, daß viele Männer der Garnison mich während des langen Winters ins Herz geschlossen hatten, so spöttisch sie mir anfangs auch entgegengetreten waren. Sie gaben mir kleine Abschiedsgeschenke, sagten, ich dürfe nie die Brust beißen, die mich gesäugt habe, und versicherten mir, daß in meinen Adern echtes Wolfsblut rinne, wenn ich auch Griechisch könne. Es tat mir weh, sie zu verlassen.
Als wir im Hauptlager ankamen, vergaß ich, den Legionsadler nach Vorschrift zu grüßen. Vespasian brüllte vor Zorn, befahl mir, die Waffen abzulegen, und schickte mich in den Kerker. Diese Strenge verwirrte mich, bis ich erkannte, daß er mich auf diese Weise nur mit dem gefangenen Druiden zusammenbringen wollte. Dieser Mann war noch keine dreißig, aber in jeder Hinsicht bemerkenswert. Er gestand offen, daß er auf der Heimreise aus Westgallien gefangengenommen worden war, als ein Sturm sein Schiff an einen von den Römern bewachten Küstenstrich trieb.
»Dein Legat Vespasian ist ein schlauer Fuchs«, sagte er lächelnd. »Kein anderer von euch hätte in mir den Druiden erkannt oder mich auch nur für einen Briten gehalten, da ich mir das Gesicht nicht blau bemale. Er hat versprochen, mir den qualvollen Tod im Amphitheater in Rom zu ersparen, aber deshalb werde ich ihm doch nicht zu Willen sein. Ich tue nur, was meine Wahrträume mir zu tun gebieten. Vespasian führt ohne sein Wissen einen höheren Willen als den seinen aus, wenn er mein Leben schont. Doch ich fürchte nicht einmal einen qualvollen Tod, da ich ein Eingeweihter bin.«
Ich hatte mir einen Splitter in den Daumenballen gerissen, und meine Hand schwoll an. Der Druide zog den Splitter heraus, ohne daß ich etwas spürte, denn er preßte mir mit der anderen Hand das Handgelenk zusammen. Als er den Splitter mit einer Nadel entfernt hatte, hielt er meine heiße, schmerzende Hand lang zwischen den seinen. Am nächsten Morgen war der Schmerz verschwunden, und meine Hand war so gut geheilt, daß man nicht einmal mehr die Wunde sah.
An diesem Tag kam der Druide wieder auf Vespasian zu sprechen. »Er begreift vielleicht besser als andere Römer, daß dieser Krieg ein Krieg zwischen den Göttern der Briten und den Göttern der Römer ist«, sagte er. »Deshalb versucht er, einen Waffenstillstand zwischen den Göttern herbeizuführen, und handelt damit unvergleichlich klüger, als wenn er versuchen wollte, unsere Stämme zu einem politischen Bündnis mit Rom zu bewegen. Unseren Göttern kann die Waffenruhe recht sein, denn sie sind unsterblich. Dagegen sagen uns zuverlässige Vorzeichen, daß die Götter Roms sterben werden. Deshalb wird Rom Britannien nie ganz in seine Gewalt bekommen, so schlau Vespasian es auch anzustellen meint. Aber ein jeder muß freilich an seine eigenen Götter glauben.«
Der Druide versuchte sogar, die scheußlichen Menschenopfer zu verteidigen, die sein Glaube forderte, und erklärte mir: »Leben muß mit Leben erkauft werden. Wird ein Vornehmer krank, so opfert er einen Verbrecher oder einen Sklaven, um geheilt zu werden. Für uns bedeutet der Tod nicht dasselbe wie für euch Römer, denn wir wissen, daß wir früher oder später wiedergeboren werden. Der Tod ist daher nur ein Wechsel von Zeit und Ort. Ich wage nicht zu behaupten, daß alle Menschen wiedergeboren werden, aber der Eingeweihte weiß, daß er mit einem Rang, der seinem Wert entspricht, zurückkehrt. Darum ist der Tod für ihn nur ein tiefer Schlaf, aus dem er wieder erwacht.«
Vespasian gab den Druiden, den er zu seinem Sklaven gemacht hatte, in der durch das Gesetz vorgeschriebenen Form frei, bezahlte aus eigener Tasche die Freilassungssteuer in die Legionskasse und erlaubte ihm, seinen zweiten Familiennamen, Petro, zu tragen. Dann führte er ihm streng die Pflichten vor Augen, die ein Freigelassener seinem früheren Herrn gegenüber hat. Danach schenkte er uns drei Maulesel und schickte uns über den Fluß ins Land der Icener. Im Kerker hatte ich mein Haar und meinen hellen Flaumbart wachsen lassen, und als wir das Lager verließen, kleidete ich mich wirklich in Ziegenhäute, obwohl Petro über diese Vorsichtsmaßregel lachte.
Kaum befanden wir uns im Schutz des Waldes, da warf er seinen Freilassungsstab in die Büsche und stieß den markerschütternden Schlachtruf der Briten aus. In kürzester Zeit waren wir von einer Schar bewaffneter, blaubemalter Icener umgeben, doch geschah weder mir noch Lugunda etwas Böses.
Zusammen mit Petro und Lugunda reiste ich auf Eselsrücken von den ersten Frühlingstagen bis in den dunklen Winter hinein zwischen den verschiedenen Stämmen der Briten hin und her und sogar ins Land der Briganter. Petro unterrichtete mich nach bestem Vermögen in den Sitten und Glaubensvorstellungen der Briten, nur von den Geheimnissen der Eingeweihten erfuhr ich nichts. Ich brauche keine Einzelheiten über diese Reise zu berichten, denn ich habe alles in meinem Buch über Britannien geschildert, wo man es nachlesen kann.
Eines muß ich jedoch bekennen, nämlich daß mir erst mehrere Jahre später klar wurde, daß ich damals in einer Art Verzauberung umherwanderte. Übte Petro oder Lugunda einen heimlichen Einfluß auf mich aus, oder war nur meine Jugend daran schuld? Ich weiß es nicht. Ich glaube, ich sah alles schöner, als es in Wirklichkeit war, und fand Gefallen an Bräuchen und an Menschen, die ich später nicht mehr auf dieselbe Weise zu schätzen vermochte. Gleichwohl sah und lernte ich in dem einen Sommer so viel, daß ich mich nach einem halben Jahr bedeutend älter fühlte, als ich der Zahl meiner Jahre nach war.