Выбрать главу

Lugunda blieb bei ihren Stammesgenossen im Land der Icener, um Hasen zu züchten. Ich dagegen verbrachte die dunkelste Winterszeit in der Stadt Londinium im römisch besetzten Teil des Landes, um aufzuzeichnen, was ich auf meiner Reise erlebt und erfahren hatte. Lugunda hatte mich unbedingt begleiten wollen, aber Petro wünschte, daß ich ins Land der Icener zurückkehrte, und überzeugte sie davon, daß dies um so sicherer zu erwarten sei, wenn sie bei ihrer eigenen Familie blieb, die übrigens für britische Verhältnisse vornehm war.

Vespasian erkannte mich nicht wieder, als ich ihm mit blauen Streifen im Gesicht und goldenen Ringen in den Ohren und in kostbares Pelzwerk gekleidet gegenübertrat. Ich redete ihn in der Sprache der Icener an und machte mit der Hand das einfachste der geheimen Zeichen der Druiden, das zu gebrauchen Petro mir erlaubt hatte, damit ich bei meiner Rückkehr nicht in Gefahr geriet.

Ich sagte: »Ich bin Ituna aus dem Land der Briganter, der Blutsbruder des Römers Minutus Lausus Manilianus, von dem ich dir Botschaft bringe. Er ließ sich von den Druiden in Todesschlaf versenken, um ein günstiges Vorzeichen für dich zu erspähen. Nun kann er nicht mehr in seiner eigenen Gestalt zur Erde zurückkehren, aber ich habe versprochen, ihm eine Gedenktafel in römischer Schrift zu stiften. Kannst du mir einen guten Steinmetzen empfehlen?«

»Bei allen Göttern der Unterwelt und Hekate dazu!« fluchte Vespasian. »Minutus Manilianus ist tot! Was soll ich nun seinem Vater schreiben!«

»Als mein kluger Blutsbruder für dich starb, sah er im Traum ein Flußpferd«, fuhr ich fort. »Das bedeutet ein stetiges Anwachsen deiner Macht, das keine Gewalt verhindern kann. Flavius Vespasian, die Götter Britanniens bezeugen, daß du vor deinem Tod noch Kranke durch Handauflegen heilen und im Land der Ägypter zum Gott erhoben werden wirst.«

Erst da erkannte mich Vespasian wieder, weil er sich des ägyptisch-chaldäischen Traumbuchs erinnerte, und begann zu lachen. »Mich hat vor Schreck beinah der Schlag getroffen!« rief er. »Aber was faselst du da für ungereimtes Zeug?«

Ich erzählte ihm, daß ich wirklich einen Traum dieser Art gehabt hatte, als ich mich von einem der höchsten Druiden im Land der Briganter in einen todesähnlichen Schlaf versenken ließ. »Ob es aber etwas zu bedeuten hat, weiß ich nicht«, sagte ich nüchtern. »Vielleicht habe ich mich zu sehr erschreckt, als ich damals Lugunda und den Galliern aus dem Traumbuch von dem Flußpferd vorlas und du plötzlich hinter mir standest. Daher kehrte das Flußpferd in meinem Traum wieder, und gleichzeitig träumte ich von Ägypten. Ich sah alles so deutlich, daß ich den Platz und den Tempel beschreiben könnte, vor dem sich die Szene abspielte. Du saßest dick und kahlköpfig auf einem Richterstuhl. Um dich herum standen viele Menschen. Ein Blinder und ein Lahmer flehten dich an, sie zu heilen. Zuerst wolltest du nicht, aber dann spucktest du dem Blinden in die Augen und tratest den Lahmen gegen das Bein. Der Blinde konnte wieder sehen und der Lahme wieder gehen. Als das Volk das sah, brachte es dir Opferkuchen und ernannte dich zum Gott.«

Vespasian lachte herzlich, aber doch auch ein wenig gezwungen. »Sprich mir ja nicht zu anderen von solchen Träumen, nicht einmal im Scherz«, warnte er mich. »Ich verspreche dir, daß ich an diese Heilmittel denken werde, wenn ich wirklich einmal in eine solche Klemme geraten sollte. Es erscheint mir allerdings glaubhafter, daß ich Rom noch als zahnloser Greis als Unterfeldherr in Britannien dienen werde.«

Er konnte dies jedoch nicht ganz ernst meinen, denn ich sah, daß er ein Triumphzeichen trug. Ich beglückwünschte ihn dazu, aber seine Miene verdüsterte sich, und er berichtete mir als Neuestes aus Rom, daß Kaiser Claudius seine junge Gemahlin Messalina hatte ermorden lassen und dann vor den Prätorianern weinend und schreiend geschworen hatte, er werde sich nie mehr vermählen.

»Ich weiß aus zuverlässigem Munde, daß Messalina sich von Claudius trennte, um den Konsul Silius zu heiraten, mit dem sie es schon lange getrieben hatte«, berichtete Vespasian. »Sie gingen die Ehe ein, als Claudius sich einmal aus der Stadt entfernt hatte. Ihr Plan war, entweder die Republik wiedereinzuführen oder Silius mit der Zustimmung des Senats zum Kaiser zu machen. Was wirklich geschah, ist schwer in Erfahrung zu bringen. Jedenfalls ließen Claudius’ Freigelassene, Narcissus, Pallas und die übrigen Schmarotzer, Messalina im Stich und redeten Claudius ein, sein Leben sei in Gefahr, was vermutlich auch stimmte. Beim Hochzeitsgelage begingen die Verschwörer in ihrer Siegesfreude jedoch den Fehler, sich zu betrinken. Claudius, der in die Stadt zurückgekehrt war, bekam die Prätorianer auf seine Seite. Darauf wurde eine beträchtliche Anzahl Senatoren und Ritter hingerichtet, und nur wenigen wurde die Gnade gewährt, Selbstmord zu begehen. Die Verschwörung hatte weite – Kreise gezogen und war offensichtlich gründlich vorbereitet worden.«

»Was für eine wahnsinnige Geschichte!« rief ich. »Ich hörte zwar schon, kurz bevor ich Rom verließ, daß es die Freigelassenen des Kaisers mit der Angst bekamen, als Polybius auf Messalinas Befehl verurteilt wurde, aber ich habe nie recht glauben können, was über Messalina erzählt wurde. Ich hatte vielmehr den Verdacht, daß man absichtlich boshafte Gerüchte in Umlauf setzte, um ihren Ruf zu untergraben.«

Vespasian kratzte sich seinen großen Schädel, zwinkerte mir listig zu und sagte: »Ich bin nur ein einfacher Unterfeldherr und lebe hier draußen wie in einem Ledersack. Ich sehe und weiß nicht, was wirklich vorgeht. Was soll ich dir also sagen? Es heißt jedenfalls, daß fünfzig Senatoren und einige Hundert Ritter im Zusammenhang mit der Verschwörung hingerichtet wurden. Am meisten sorge ich mich um meinen Sohn Titus, der sich in Messalinas Obhut befand, um zusammen mit Britannicus zu einem römischen Edlen erzogen zu werden. Wenn Claudius gegen die Mutter seiner Kinder so übel gesinnt war, daß er sie beiseite schaffen ließ, kann der launische Alte sich eines Tages auch gegen die Kinder wenden.«

Danach sprachen wir nur noch über die Stämme und Könige Britanniens, die ich dank Petro kennengelernt hatte. Vespasian befahl mir, einen genauen Bericht zu verfassen, gab mir aber weder für ägyptisches Papier, Tinte und Rohrfedern noch für meinen Aufenthalt in Londinium Geld. Sold bezog ich auch keinen und war nicht einmal mehr in der Rolle meiner Legion geführt weshalb ich mir während des ganzen bitter kalten und nebligen Winters wie ein Ausgestoßener vorkam.

Ich mietete einen Raum im Hause eines gallischen Kornhändlers und begann zu schreiben, mußte mir aber bald eingestehen, daß es mir schwerer von der Hand ging, als ich geglaubt hatte. Ich sollte ja nicht ein bereits geschriebenes Werk kommentieren oder bearbeiten, sondern meine eigenen Erlebnisse aufzeichnen. Ich verdarb viel kostbares Binsenpapier und wanderte oft, durch Pelze und Wollkleider gegen den eisigen Wind geschützt, am Ufer des großen Flusses Tamesa auf und ab. Als Vespasian von einer Musterungsreise zurückkehrte, ließ er mich rufen und sich vorlesen, was ich geschrieben hatte. Nach der Vorlesung schien er ein wenig verwirrt zu sein und sagte: »Ich bin nicht fähig, über Literatur zu urteilen, und hege auch zuviel Achtung vor gelehrten Männern, um mich zu ihrem Richter aufzuwerfen, aber mir scheint, du hast da einen größeren Bissen in den Mund genommen, als du schlucken kannst. Du schreibst sehr schön, nur meine ich, du solltest dir zuerst einmal darüber klarwerden, ob du ein Gedicht schreiben willst oder einen sachlichen Bericht über Britannien. Es ist zwar angenehm zu lesen, wie die Wiesen so grün sind, wie der Weißdorn blüht und wie die Vögel zwitschern, wenn der Sommer naht, aber ich frage dich: was nützt es einem Krieger oder Handelsmann, dergleichen zu erfahren? Außerdem ist mir aufgefallen, daß du dich zu sehr auf die Erzählungen der Druiden und vornehmen Briten verläßt, wenn du von der Geschichte der Stämme und der göttlichen Abstammung der Könige berichtest. Du beschreibst ihre Taten und Tugenden so begeistert, als hättest du vergessen, daß du Römer bist. Ich würde an deiner Stelle lieber nicht mit britischer Zunge den Gott Julius Caesar lästern und behaupten, er habe Britannien nie erobern können, sondern sei unverrichteter Dinge von den Küsten dieses Landes geflohen. Diese an und für sich nicht ganz unbegründete Behauptung ist zwar sehr schmeichelhaft für Claudius, dem es dann dank den Fehden unter den britischen Stämmen gelang, einen so großen Teil des Landes zu befrieden, aber du mußt einsehen, daß es nicht angeht, den Gott Julius Caesar öffentlich zu beleidigen.«