Als er so väterlich mit mir redete, begann mein Herz lauter zu klopfen, und ich begriff, daß ich mich während des Schreibens aus dem dunklen Winter und meiner eigenen finsteren Einsamkeit in einen traumhaften Sommer geflüchtet, daß ich alle Mühsal und Gefahr vergessen und mich nur des Schönen erinnert hatte. Ich hatte mich beim Schreiben nach Lugunda gesehnt und mich eingedenk der Blutsbrüderschaft, die ich bei den Briganten geschlossen hatte, mehr als Brite denn als Römer gefühlt. Gleichwohl nahm ich Vespasians Tadel nach der Weise aller Schriftsteller übel und antwortete gekränkt: »Schade, daß ich deine Hoffnungen enttäuscht habe. Es ist wohl das beste, ich packe meine Sachen und kehre nach Rom zurück, sofern es bei den Winterstürmen möglich ist, nach Gallien überzusetzen.«
Vespasian legte mir seine große Hand auf die Schulter und sagte begütigend: »Du bist noch jung, und deshalb verzeihe ich dir deine Empfindlichkeit. Es wird dir guttun, mich auf einer Musterungsreise in die Veteranenstadt Comulodunum zu begleiten. Dann gebe ich dir eine Kohorte, damit du dir die nötige militärische Erfahrung erwirbst. Deine britischen Blutsbrüder werden dich darum nur um so höher achten, wenn du im Sommer zu ihnen zurückkehrst. Im Herbst kannst du dann dein Buch neu schreiben.«
Auf diese Weise erhielt ich noch in demselben Jahr den Rang eines Kriegstribuns, obwohl ich erst achtzehn war. Dies schmeichelte meiner Eitelkeit, und ich tat mein Bestes, mich meiner Aufgabe würdig zu erweisen, obwohl sich während des Winters der Dienst auf Musterungen in der Garnison, Bauarbeiten und Übungsmärsche beschränkte. Ein wenig später erhielt ich von meinem Vater eine ansehnliche Summe Geldes und folgenden Brief: »Marcus Mecentius Manilianus grüßt seinen Sohn Minutus Lausus. Du wirst gehört haben, daß sich in Rom mancherlei verändert hat. Um Tullias Verdienste um die Aufdeckung der Verschwörung zu belohnen, und nicht so sehr um meiner eigenen Verdienste willen, hat Kaiser Claudius mir als besonderes Privileg den Purpurstreifen gewährt. Ich habe nun also einen Sitz in der Kurie. Benimm dich danach. Ich schicke dir eine Zahlungsanweisung nach Londinium. Hier wird berichtet, die Briten hätten Claudius zum Gott erhöht und ihm einen Tempel mit spitzem Dach errichtet. Du handelst klug, wenn du diesem Tempel ein passendes Geschenk machst. Tante Laelia geht es, soviel ich weiß, gut. Dein Freigelassener Minutius wohnt bei ihr. Er stellt eine gallische Seife her, die er gut verkauft. Meine Gattin Tullia läßt dich grüßen. Trink auf mein Andenken aus dem Holzbecher deiner Mutter.«
Mein Vater war also tatsächlich Senator geworden, woran ich nie geglaubt hatte, und ich brauchte mich nun nicht mehr darüber zu wundern, daß Vespasian mich so schnell zum Kriegstribun befördert hatte. Er erfuhr immer viel rascher als ich, was in Rom vorging. Ich empfand eine gewisse Bitterkeit und konnte den Senat nicht mehr so hoch achten wie zuvor.
Dem Rat meines Vaters folgend, reiste ich zu dem Holztempel, den die Briten Claudius in der Veteranenstadt errichtet hatten, und stiftete ein buntbemaltes Holzbildwerk. Etwas Kostbareres wagte ich nicht zu schenken, da die Tempelgaben der Briten einfache, billige Gegenstände waren: Schilde, Waffen, Gewebe und Tonkrüge. Vespasian hatte nur ein abgebrochenes Schwert gestiftet, um die britischen Könige nicht durch eine zu kostbare Gabe zu beleidigen. Dies ist jedenfalls der Grund, den er selbst anführte.
Als der Sommer kam, legte ich froh meine Rangabzeichen und meine römische Rüstung ab, malte mir blaue Streifen auf die Wangen und legte mir den bunten Ehrenmantel der Briganter um die Schultern. Vespasian meinte zwar, er könne unmöglich den Sohn eines römischen Senators in die Wälder ziehen lassen, wo die wilden Briten nur darauf warteten, ihn zu erschlagen, aber er wußte in Wirklichkeit sehr gut, daß ich unter dem Schutz der Druiden in den Ländern Britanniens sicherer umhergehen konnte als daheim auf den Straßen Roms.
Übermütig bestätigte ich ihm, daß ich auf eigene Rechnung und Gefahr reiste. Ich hätte gern aus reiner Eitelkeit mein Pferd mitgenommen, um vor den vornehmen britischen Jünglingen damit zu prahlen, doch das verbot mir Vespasian mit Nachdruck, indem er wie üblich die Zähigkeit der Maulesel und ihre besondere Tauglichkeit für die britischen Geländeverhältnisse rühmte. Er hatte ja sogar einen Pferdehändler kreuzigen lassen, der eine Schiffsladung Pferde aus Gallien einschmuggeln und den Briten zu Wucherpreisen verkaufen wollte. Mein Hengst, meinte er, wäre eine allzu große Versuchung für sie, denn sie bemühten sich, ihre kleinen einheimischen Pferde zu veredeln, seit sie schmerzhaft am eigenen Leibe hatten erfahren müssen, daß die römische Reiterei ihren Streitwagen eindeutig überlegen war.
Ich beschränkte mich also darauf, Geschenke für meine Gastfreunde zu kaufen. Vor allem belud ich meine Maulesel mit Weinkrügen, denn die britischen Edlen waren dem Wein womöglich noch mehr ergeben als die Legionäre.
In diesem Sommer nahm ich in der kürzesten Nacht in einem Rundtempel aus mächtigen Steinen an einer Sonnenanbetung teil, fand Goldschmuck und Bernstein in einem Grab aus grauer Vorzeit und machte eine Reise zu den Zinngruben, deren Hafen vor Jahrhunderten die Karthager regelmäßig aufgesucht hatten, um Zinn zu kaufen. Die größte Überraschung aber war für mich Lugunda, die während des Winters zur jungen Frau herangewachsen war. Ich traf sie in ihrem Hasenhof. Sie trug den weißen Mantel der Hasenpriesterinnen und ein silbernes Band im Haar. Ihre Augen leuchteten wie die einer Göttin. Als wir uns zur Begrüßung umarmt hatten, traten wir beide bestürzt einen Schritt zurück und wagten nicht mehr, einander zu berühren. Ihr Stamm erlaubte ihr in diesem Jahr nicht, mich auf meinen Reisen zu begleiten, und ich floh geradezu vor ihr, als ich das Land der Icener verließ. Doch ihr Bild begleitete mich auf allen meinen Wanderungen. Als letztes am Abend und als erstes am Morgen dachte ich an sie.
Früher als ich beabsichtigt hatte, kehrte ich zu ihr zurück, aber viel Freude sollte ich davon nicht haben. Wir waren zwar froh, wieder beisammen zu sein, aber sehr bald bekamen wir mit oder ohne Grund Streit und kränkten einander so tief, daß ich sie aus ganzem Herzen haßte und sie nie wiederzusehen wünschte. Als sie dann aber wieder zu mir kam, mich anlächelte und mir ihren Lieblingshasen zu halten gab, schmolz mein Zorn, und ich war willenlos wie das Wasser. Es fiel mir schwer, mich daran zu erinnern, daß ich römischer Ritter und Sohn eines Senators war und das Recht hatte, den roten Mantel der Kriegstribunen zu tragen. Rom schien mir nur ein Traum, als ich in der Wärme des britischen Sommers im Grase saß und den zappelnden Hasen zwischen meinen Knien hielt.
Plötzlich trat Lugunda zu mir, legte ihre Wange an meine, riß dann aber den Hasen an sich und beschuldigte mich mit blitzenden Augen, ich hätte das Tier absichtlich gequält. Den Hasen im Arm haltend und mit erhitzten Wangen sah sie mich so spöttisch an, daß ich bedauerte, sie nicht durchgeprügelt zu haben, als sie sich im Lager noch in meiner Gewalt befunden hatte.
An anderen Tagen war sie freundlich und führte mich durch den ungeheuren Besitz ihrer Eltern. Sie zeigte mir die Viehherden, die Felder und Dörfer. Wir gingen sogar in das Vorratshaus, und ich durfte ihre Stoffe, ihren Schmuck und die Erinnerungsstücke sehen, die in ihrer Familie von der Mutter auf die Tochter weitervererbt wurden.