»Gefällt dir das Land der Icener nicht?« fragte sie neckend. »Ist seine Luft nicht leicht zu atmen? Schmeckt dir unser Gerstenbrot und unser dickes Bier nicht? Mein Vater würde dir viele Gespanne mit kleinen Pferden und silbernen Wagen geben, und Land könntest du so viel haben, wie du an einem Tag zu umfahren vermagst, wenn du ihn nur darum bätest.«
Doch ein andermal sagte sie: »Erzähl mir von Rom. Ich möchte auf steingepflasterten Straßen gehen, große Tempel mit Säulenhallen und Kriegstrophäen aus allen Ländern sehen und mit Frauen Bekanntschaft schließen, die anders sind als ich, um ihre Sitten zu lernen, denn so bin ich ja in deinen Augen nur ein ungebildetes Icenermädchen.«
Wenn sie aber ganz aufrichtig war, sagte sie: »Weißt du noch, wie du mich in einer kalten Winternacht in deiner Hütte in den Armen hieltst, um mich mit deinem eigenen Körper zu wärmen, als ich Heimweh hatte? Nun bin ich daheim, und die Druiden haben mich zur Hasenpriesterin gemacht. Du verstehst nicht, was für eine große Ehre das ist, aber jetzt möchte ich lieber in deiner Holzhütte sitzen, meine Hand in deine legen und deinen Belehrungen lauschen.«
So unerfahren war ich noch, daß ich meine eigenen Gefühle und das, was zwischen uns geschah, nicht verstand. Ich mußte erst von dem Druiden Petro darüber aufgeklärt werden, der bei Herbstbeginn von einer geheimnisvollen Insel jenseits des tückischen alivernischen Meeres zurückkehrte, wo er in einen noch höheren Priesterrang eingeweiht worden war. Er sah uns eines Tages, ohne daß ich es bemerkte, bei unseren Spielen zu und trat plötzlich zu uns, setzte sich auf den Boden, deckte sich die Augen mit den Händen zu, legte das Haupt auf die angezogenen Knie und versank in heilige Verzückung. Wir wagten nicht, ihn zu wecken, denn wir wußten beide, daß er in seinen Träumen in Gesellschaft der Unterirdischen wandelte. Bald vergaßen wir jedoch unsere Neckereien, setzten uns ihm gegenüber auf einen Rasenhöcker und warteten darauf, daß er erwachte.
Als er wieder zu sich kam, sah er uns an wie aus einer anderen Welt und sagte: »Du, Minutus Lausus, hast ein großes Tier an deiner Seite, das wie ein Hund mit einer Mähne aussieht, und Lugunda hat als einzigen Beschützer ihren Hasen.«
»Das ist kein Hund«, sagte ich beleidigt. »Das ist ein richtiger Löwe, aber solch ein edles Tier hast du freilich noch nie gesehen, und deshalb verzeihe ich dir deinen Irrtum.«
»Dein Hund«, fuhr Petro ungerührt fort, »wird noch den Hasen töten. Da wird Lugunda das Herz brechen, und sie wird sterben, wenn ihr nicht zur rechten Zeit auseinandergeht.«
Ich versicherte ihm verwundert: »Ich will Lugunda nichts Böses. Wir spielen ja miteinander wie Bruder und Schwester.«
»Wie sollte so ein Römer mir das Herz brechen«, sagte Lugunda verächtlich. »Und seinem Hund jage ich den Atem aus dem Leib. Ich halte nichts von bösen Träumen, Petro, und Ituna ist nicht mein Bruder.« Petro sagte mit starrem Blick: »Es ist besser, ich spreche mit jedem von euch allein, zuerst mit dir, Ituna Minutus, und dann mit dir, Lugunda. Du magst einstweilen nach deinen Hasen sehen.«
Lugunda blitzte uns aus zorngelben Augen an, wagte sich aber dem Befehl des Druiden nicht zu widersetzen. Petro legte seine Beine übers Kreuz, nahm einen Zweig in die Hand und begann damit zerstreut Zeichen in den Boden zu ritzen.
»Eines Tages werden die Römer ins Meer zurückgeworfen«, sagte er. »Britannien ist das Land der unterirdischen Götter, und die himmlischen Götter können die unterirdischen nicht besiegen, solange die Erde steht. Die Römer mögen unsere heiligen Haine niederhauen, die heiligen Steine umwerfen, ihre Straßen bauen und die unterworfenen Stämme den römischen Ackerbau lehren, um sie zu ihren Steuersklaven zu machen: eines Tages, wenn die Zeit reif ist, werden sie doch ins Meer geworfen. Es bedarf dazu nur eines Mannes, der die Stämme zu gemeinsamem Kampf aufzurufen vermag und die Kriegskunst der Römer beherrscht.«
»Darum haben wir ganze vier Legionen hier stehen«, erwiderte ich. »Nach ein oder zwei Geschlechtern wird Britannien ein zivilisiertes Land sein und den römischen Frieden haben.«
Als wir auf diese Weise unsere Ansichten dargelegt hatten, gab es darüber nichts mehr zu sagen. Da fragte mich Petro unvermittelt: »Was willst du von Lugunda, Ituna Minutus?«
Er sah mich so finster an, daß ich beschämt zu Boden blickte.
»Denkst du daran, sie nach britischem Brauch zur Gattin zu nehmen und ihr ein Kind zu machen?« fragte Petro. »Sei ohne Furcht. Eine solche Ehe wäre nach römischem Recht ungültig und würde dich nicht hindern, Britannien wieder zu verlassen, wann immer du willst. Lugunda behielte das Kind zum Gedenken an dich. Wenn du aber nur mit ihr spielst, wird ihr das Herz brechen, sobald du sie verläßt.«
Der bloße Gedanke an ein Kind entsetzte mich, obwohl ich in diesem Augenblick in meinem Herzen erkannte, was ich von Lugunda wollte. »In Rom sagt man: ›Wo du bist, da bin auch ich‹«, erklärte ich Petro. »Ich bin kein abenteuernder Seemann oder umherziehender Händler, der bald hier, bald dort eine Ehe schließt, wenn er anders seinen Willen nicht bekommt. Das will ich Lugunda nicht antun.«
»Lugunda würde sich vor ihren Eltern oder Stammesgenossen nicht zu schämen brauchen«, erwiderte Petro. »Dein einziger Fehler ist, daß du Römer bist, aber du bist immerhin ein vornehmer Römer, und das ist der Unterschied. Bei uns hat die Frau große Macht. Es steht ihr frei, den Gatten selbst zu wählen, ja sogar ihn wieder fortzuschicken, wenn sie mit ihm nicht zufrieden ist. Eine Hasenpriesterin ist keine Vestalin, die geloben muß, sich niemals zu vermählen, wie es in Rom der Fall sein soll.«
»Ich will bald aufbrechen und heim zu den Meinen reisen«, sagte ich steif. »Britannien wird mir sonst zu eng.«
Aber Petro sprach auch mit Lugunda. In der Dämmerung kam sie zu mir, schlang mir die Arme um den Hals, sah mich mit ihren bernsteinfarbenen Augen zärtlich an und sagte, in meinen Armen zitternd: »Ituna Minutus, du weißt, daß ich dir gehöre. Petro sagt mir, du willst uns verlassen und nie mehr zurückkehren. Wäre es wirklich so eine Schande für dich, wenn du mich nach britischem Brauch zur Frau nähmst?«
Ich verspürte selbst ein Frösteln und antwortete ihr mit zitternder Stimme: »Nein, Schande wäre es keine, aber es wäre unrecht an dir gehandelt.«
»Recht oder unrecht«, sagte Lugunda. »Was bedeutet mir das, da ich doch spüre, wie dein Herz in deiner Brust ebenso laut pocht wie das meine.«
Ich legte ihr die Hände auf die Schultern, schob sie von mir und sagte: »Ich bin so erzogen worden, daß ich es als eine größere Tugend ansehe, sich zu beherrschen, als sich gehenzulassen und ein Sklave seiner Begierden zu werden.«
Lugunda entgegnete starrsinnig: »Ich bin deine Kriegsbeute und deine Sklavin. Du kannst mit mir tun, was du willst. Du hast ja letzten Sommer nicht einmal das Lösegeld von meinen Eltern angenommen.«
Als ich nur den Kopf schüttelte, ohne ein Wort hervorzubringen, bat Lugunda: »Nimm mich mit, wenn du fortgehst. Ich folge dir, wohin du willst. Ich verlasse meinen Stamm und sogar meine Hasen. Ich bin deine Dienerin, deine Sklavin, was du willst.«
Sie sank vor mir auf die Knie nieder, so daß sie mein Gesicht nicht mehr sah, und flüsterte: »Wenn du wüßtest, was diese Worte mich kosten, würdest du erschrecken, Römer.«
Ich aber glaubte, daß ich als Mann, als der stärkere von uns beiden, Lugunda gegen meine eigene Schwachheit schützen mußte, und versuchte ihr das zu erklären, doch meine Redekunst war machtlos gegen ihr gesenktes Haupt. Zuletzt stand sie auf, starrte mich an wie einen Fremden und sagte kalt: »Du wirst nie wissen, wie sehr du mich beleidigt hast. Von dieser Stunde an hasse ich dich und bete um deinen Tod.«
Das traf mich so tief, daß mein Magen zu schmerzen begann und ich nichts mehr essen mochte. Am liebsten wäre ich sofort aufgebrochen, aber die Ernte war eben beendet worden, und im Hause wurde nach altem Brauch das Erntefest gefeiert. Ich konnte daher nicht Abschied nehmen, ohne Lugundas Eltern zu kränken. Außerdem wollte ich die Bräuche beim Erntefest aufzeichnen und in Erfahrung bringen, wie die Icener ihr Korn verstecken.