Am nächsten Abend war Vollmond. Ich war schon betrunken von dem Bier der Icener, als die vornehmen Jünglinge aus der näheren und weiteren Umgebung mit ihren Gespannen auf einem Stoppelfeld auffuhren und an dessen Rand ein großes Feuer anzündeten. Ohne jemanden um Erlaubnis zu fragen, wählten sie ein Kalb aus dem Viehbestand des Hofes aus und opferten es unter Scherzen und Gelächter. Ich begab mich zu ihnen, da ich einige gut kannte, aber sie begegneten mir nicht so freundlich und neugierig wie sonst, ja sie begannen sogar, mich zu schmähen. »Wasch dir die blauen Streifen aus dem Gesicht, verfluchter Römer. Zeig uns lieber deinen schmutzigen Schild und dein mit Britenblut beflecktes Schwert!«
Einer fragte mich: »Stimmt es, daß die Römer in warmem Wasser baden und dadurch ihre Manneskraft verlieren?«
Und ein anderer antwortete: »Es ist die reine Wahrheit. Daher legen sich die Frauen in Rom zu ihren Sklaven. Ihr Kaiser mußte seine eigene Gattin töten, weil sie auf diese Weise hurte.«
Diese Verunglimpfung enthielt so viel Wahres, daß ich zornig wurde. »Ich selbst will mir die Scherze meiner Freunde gern gefallen lassen, vor allem wenn diesen das Bier zu Kopf gestiegen ist und sie sich mit gestohlenem Kalbfleisch mästen«, sagte ich. »Aber ich dulde nicht, daß über den Kaiser in Rom, meinen obersten Feldherrn, unziemend gesprochen wird.«
Sie schielten einander böse an und sagten unter sich: »Wir wollen mit ihm ringen. Da werden wir sehen, ob ihm im heißen Wasser die Hoden zergangen sind wie den anderen Römern.«
Ich erkannte, daß sie mit Absicht Streit suchten, aber ich konnte nicht mehr zurück, da sie in Kaiser Claudius’ Bett gespuckt hatten. Nachdem sie sich gegenseitig Mut gemacht hatten, ging der Tapferste auf mich los, aber nicht, um mit mir nach den Kunstregeln zu ringen, sondern nur, um mit den Fäusten auf mich einzudreschen. Ich war in der Legion zu einem guten Ringer ausgebildet worden, und es fiel mir daher nicht schwer, mit ihm fertigzuwerden, zumal er betrunkener war als ich. Ich warf ihn auf den Rücken, und als er immer noch strampelte und sich nicht für besiegt erklären wollte, setzte ich ihm den Fuß auf die Kehle. Da stürzten sich alle miteinander auf mich, schlugen mich nieder und hielten mich an Armen und Beinen fest.
»Was machen wir mit dem Römer?« fragten sie einander, und einer schlug vor: »Schlitzen wir ihm den Bauch auf, und sehen wir nach, was seine Eingeweide prophezeien.« Aber ein anderer sagte eifrig: »Nein, wir wollen ihn lieber verschneiden, damit er nicht mehr wie ein Hase um unsere Mädchen herumspringt.« Und ein dritter meinte: »Das beste ist, wir werfen ihn ins Feuer, dann sehen wir, wieviel Hitze so eine Römerhaut aushält.«
Ich wußte nicht, ob es ihnen damit ernst war oder ob sie nur nach Art der Betrunkenen ihren Scherz mit mir trieben. Die Schläge, die ich bekommen hatte, waren jedenfalls kein Scherz gewesen, aber mein Stolz verbot mir, um Hilfe zu rufen. Als sie sich nun aber gegenseitig aufhetzten und immer mehr in Wut gerieten, begann ich für mein Leben zu fürchten.
Plötzlich verstummten sie und rückten ein wenig zur Seite. Ich sah Lugunda auf mich zukommen. Sie blieb stehen, legte den Kopf schräg und sagte höhnisch: »Ein Römer liegt gedemütigt und hilflos auf der Erde. Ich genieße diesen Anblick und hätte beinahe Lust, deine Haut und dein Fleisch ein wenig mit der Messerspitze zu versuchen, wenn es mir nicht verboten wäre, mich mit Menschenblut zu besudeln.«
Sie schnitt eine häßliche Fratze und streckte mir die Zunge heraus. Dann aber redete sie besänftigend auf die jungen Briten ein, die sie alle beim Namen nannte, und sagte: »Tötet ihn lieber nicht. Sein Blut würde nach neuem Blut schreien. Schneidet mir eine Rute aus Birkenreisern, dreht ihn auf den Bauch und haltet ihn gut fest, dann will ich euch zeigen, wie man mit Römern umgeht.«
Die Burschen waren froh, daß sie sich nicht mehr selbst auszudenken brauchten, was sie mit mir anfangen sollten. Sie schnitten Birkenzweige und rissen mir das Gewand vom Leibe. Lugunda trat dicht neben mich und versetzte mir mit der Rute einen vorsichtigen, gleichsam prüfenden Hieb auf den Rücken. Dann schlug sie unbarmherzig und mit aller Kraft auf mich ein. Ich biß die Zähne zusammen und gab keinen Laut von mir, was sie erst recht zur Raserei brachte. Sie peitschte mich, daß mein ganzer Körper zuckte und mir vor Schmerz die Tränen in die Augen sprangen.
Als ihre Arme endlich erlahmten, warf sie die Rute fort und rief: »So, nun sind wir quitt, Römer.«
Die mich festhielten, ließen mich los und traten aus Angst, ich könnte mich auf sie stürzen, mit erhobenen Fäusten zurück. Mein Schädel dröhnte, ich blutete aus der Nase, und mein Rücken war ein einziges Feuer, aber ich schwieg und leckte mir nur das Blut von den Lippen. Dennoch hatte ich etwas an mir, was die Briten erschreckte, denn sie verspotteten mich nicht mehr, sondern machten mir Platz. Ich hob mein zerrissenes Gewand vom Boden auf und ging, doch nicht auf das Haus zu, sondern aufs Geratewohl in den vom Mondlicht erhellten Wald hinein, und im Gehen dachte ich dunkel, daß es für uns alle das beste war, wenn niemand etwas von meiner Schmach erfuhr. Weit kam ich jedoch nicht. Ich begann bald zu stolpern und sank schließlich auf einen kühlen Mooshügel nieder. Eine Weile später löschten die Briten ihr Feuer. Ich hörte sie nach ihren Gespannen pfeifen und im Galopp davonfahren, daß der Boden unter den Rädern donnerte.
Der Mond schien gespenstisch hell, und unheimlich tief waren die Schatten des Waldes. Ich wischte mir mit einer Handvoll Moos das Blut aus dem Gesicht, rief meinen Löwen und sagte zu ihm: »Wenn du da bist, Löwe, so brülle und stürze ihnen nach, sonst glaube ich nicht mehr an dich.«
Aber ich sah nicht einmal den Schatten eines Löwen. Ich war allein, bis auf einmal Lugunda geschlichen kam. Sie duckte sich unter den Zweigen hindurch und suchte nach mir. Ihr Gesicht war im Mondlicht ganz weiß. Als sie mich entdeckt hatte, trat sie zu mir, legte mir die Hände auf den Rücken und fragte: »Wie geht es dir, und hat es sehr weh getan? Es ist dir recht geschehen!«
Eine wilde Lust packte mich, die Hände um ihren schlanken Hals zu klammern und sie zu Boden zu werfen und sie zu peinigen, wie ich selbst gepeinigt worden war. Ich beherrschte mich jedoch, weil ich einsah, daß das nun niemandem mehr nützte, und fragte sie nur: »Ist das alles auf deinen Befehl geschehen, Lugunda?«
»Glaubst du, sie hätten es sonst gewagt, sich an einem Römer zu vergreifen?« fragte sie mich statt einer Antwort.
Dann kniete sie neugierig neben mir nieder, tastete ohne Scham meinen Leib ab, bevor ich sie daran hindern konnte, und fragte besorgt: »Sie haben dir doch nicht wirklich die Hoden zerquetscht? Es wäre schade, wenn du nicht mehr mit einem vornehmen römischen Mädchen Kinder zeugen könntest!«
Da vermochte ich mich nicht mehr zu beherrschen. Ich schlug sie auf beide Wangen, riß sie unter mich und drückte sie mit meinem Gewicht zu Boden, obwohl sie mit beiden Fäusten auf meine Schultern trommelte, mit den Beinen trat und mich in die Brust biß. Sie rief nicht um Hilfe. Plötzlich erlahmte ihr Widerstand, und sie nahm mich auf. Meine Lebenskraft ergoß sich in ihren Schoß, und ich empfand eine so heiße Wollust, daß ich laut stöhnte. Dann fühlte ich nur noch, wie sie meine Wangen zwischen ihren Händen hielt und mich unaufhörlich küßte. Erschrocken befreite ich mich aus ihrer Umarmung und setzte mich auf. Im gleichen Augenblick richtete sich auch Lugunda auf und begann zu lachen.
»Was ist nur mit uns geschehen?« fragte sie spöttisch.
Ich war so verstört, daß ich keine Antwort fand, und rief nur: »Du blutest ja!«