»Daß du das wenigstens bemerkt hast, du Dummkopf«, sagte sie verschämt, und als ich immer noch stumm dasaß, lachte sie wieder und sagte: »Petro riet es mir. Selbst wäre ich nie darauf gekommen. Es hat mir keine Freude gemacht, dich so erbarmungslos zu peitschen, aber Petro meinte, bei einem schüchternen, dickhäutigen Römer helfe kein anderes Mittel.«
Sie stand auf, nahm meine Hand und sagte: »Wir gehen zu Petro. Er hält gewiß Wein und einen Napf Mehl für uns bereit.«
»Was soll das heißen?« fragte ich mißtrauisch.
»Du hast mich ja mit Gewalt genommen, obwohl ich mich so lange wehrte, wie es mir meine Selbstachtung gebot«, antwortete Lugunda verwundert. »Willst du etwa, daß mein Vater das Schwert von der Wand nimmt und seine verlorene Ehre in deinen Eingeweiden sucht? Dazu hat er laut Gesetz das Recht, und es ist ein Gesetz, das sogar die Römer achten. Glaub mir, es ist das vernünftigste, wir lassen uns von Petro das Haar mit Mehl und Öl einreiben. Er kann mir aber auch nach römischer Sitte einen Ring auf den Finger stecken, wenn du unbedingt willst.«
»Du kannst nicht mit mir nach Rom gehen, Lugunda, ja nicht einmal nach Londinium!« rief ich bestürzt.
»Ich habe nicht die Absicht, dir nachzulaufen«, sagte Lugunda schroff. »Hab keine Angst. Du kannst zu mir zurückkehren, wenn du willst, aber ebensogut kann es geschehen, daß ich des Wartens müde werde, die Hochzeitsschale zerschlage und deinen Namen zu Asche verbrenne. Dann bin ich wieder frei und ledig. Sagt dir nicht deine eigene Vernunft, daß es besser für dich ist, dich nach den Sitten meines Volkes zu richten, als einen Skandal hervorzurufen, von dem man sogar in Rom sprechen wird? Weißt du, was es heißt, mitten im Frieden eine Hasenpriesterin zu schänden? Oder willst du etwa leugnen, daß du das getan hast? Du hast dich auf mich gestürzt wie ein wildes Tier und meinen Widerstand mit Gewalt gebrochen.«
»Du hättest um Hilfe rufen sollen«, sagte ich bitter. »Und du hättest mich nicht so schamlos an meiner empfindlichsten Stelle streicheln dürfen, als ich von den Mißhandlungen ohnehin schon von Sinnen war.«
»Ich war nur um dein Zeugungsvermögen besorgt«, log sie unbekümmert. »Und ich konnte doch nicht ahnen, daß eine leichte Berührung nach den Regeln der Liebeskunst dich gleich zur Raserei bringen werde.«
Meine aufrichtige Reue änderte nichts an dem Geschehenen. Wir gingen an einen Bach und wuschen uns sorgfältig, dann kehrten wir Hand in Hand zu der aus Pfählen errichteten Halle zurück, in der Lugundas Eltern uns schon ungeduldig erwarteten. Petro hatte aus Mehl und Öl einen Brei geknetet. Er strich uns diesen Brei aufs Haupt und gab uns Wein aus einer Tonschale zu trinken, die Lugundas Vater danach sorgsam in einer Truhe verwahrte. Dann führte uns dieser zu einem Hochzeitslager, stieß mich über Lugunda und deckte uns mit einem großen Lederschild zu.
Als die anderen die Hochzeitskammer taktvoll verlassen hatten, warf Lugunda den Schild auf den Boden und fragte mich demütig, ob ich ihr nun nicht in aller Zärtlichkeit und Freundschaft das tun wolle, was ich ihr in meinem wilden Zorn im Wald getan hatte. Der Schaden sei ja nun geschehen und nicht wiedergutzumachen.
Wir umarmten uns also zärtlich, nachdem ich sie zuerst nach römischer Sitte auf den Mund geküßt hatte. Danach erst stand Lugunda auf und holte lindernde Salben, mit denen sie vorsichtig meinen Rücken bestrich. Ich hatte, nun da ich wieder daran denken konnte, wirklich große Schmerzen.
Gerade als ich in den tiefsten Schlaf meines Lebens versank, kam mir der Gedanke, daß ich nun dem Versprechen untreu geworden war, das ich Claudia gegeben hatte, aber ich schob das auf den Vollmond und die Zauberkünste der Druiden. Niemand entgeht seinem Schicksal, dachte ich, sofern ich überhaupt noch fähig war, vernünftig zu denken.
Am nächsten Tag begann ich mich ohne weitere Umstände auf meine Reise vorzubereiten, aber Lugundas Vater bat mich, ihn auf einer Fahrt durch seine Besitztümer zu begleiten und mir die Herden, Weiden und Wälder anzusehen, die er Lugunda und ihren Erben zu vermachen gedachte. Wir brauchten dazu drei Tage, und bei unserer Rückkehr schenkte ich Lugunda meine goldene Kriegstribunenkette.
Ihr Vater betrachtete das als eine zu geringe Hochzeitsgabe, und als Lugunda sich das Haar aufgesteckt hatte, nahm er einen goldenen Halsring, so dick wie das Handgelenk eines Kindes, und legte ihn seiner Tochter um den Hals. Dergleichen Ringe werden nur von den Königinnen und den vornehmsten Frauen der Briten getragen.
An alledem erkannte ich Dummkopf endlich, daß Lugunda von edlerer Herkunft war, als ich gedacht hatte, ja daß ihr Geschlecht so vornehm war, daß ihr Vater es nicht einmal nötig hatte, davon zu reden. Petro erklärte mir schließlich, daß ich, wäre ich nicht römischer Ritter und Sohn eines Senators gewesen, ohne Zweifel ein Schwert in den Leib bekommen hätte und nicht, auf dem Hochzeitslager, den Kriegerschild des Geschlechts über meinen wundgepeitschten Rücken.
Und nur dem Einfluß meines Schwiegervaters und Petros Stellung als Opferpriester, Arzt und Richter hatte ich es zu verdanken, daß ich nicht obendrein noch wegen Zauberei angeklagt wurde, denn der vornehme junge Brite, der mich aus Eifersucht als erster angegriffen hatte, brach sich noch am selben Vollmondabend das Genick, weil seine Pferde in vollem Galopp vor einem unbekannten Tier scheuten, so daß er mit dem Kopf voran gegen einen Stein geschleudert wurde.
Manchmal quälten mich der Gedanke an das Claudia gegebene Versprechen, das ich ohne meinen Willen gebrochen hatte, und die peinliche Empfindung, daß Lugunda eher meine Beischläferin als meine gesetzliche Gattin sei, denn ich konnte die Trauung nach der Sitte der Icener nicht als rechtskräftig betrachten. Doch ich war jung. Mein so lange in harter Zucht gehaltener Körper erlag Lugundas Liebkosungen, so daß ich meine Rückkehr nach Comulodunum Tag um Tag aufschob.
Aber mehr als alle Selbstbeherrschung ermüdet einen die übermäßige Befriedigung der Sinne, und bald trat eine ständige Gereiztheit zwischen Lugunda und mich. Wir wechselten harte Worte und waren uns nur noch im Bett einig. Als ich endlich zu den Meinen zurückkehrte, war mir, als fielen Ketten von mir ab, als erwachte ich aus einer Verzauberung. Wie ein Vogel, der aus dem Bauer fliegt, fühlte ich mich, und ich machte mir keine Vorwürfe, weil ich Lugunda verließ. Sie hatte nur ihren eigenen Willen durchgesetzt und konnte nun zufrieden sein, fand ich.
Vespasian befreite mich wieder von den Waffenübungen und dem Stabsdienst, den ich als Tribun hätte leisten müssen. Ich schrieb mein Buch über Britannien noch einmal neu. Die traumgleiche Verzauberung des ersten Sommers war dahin, und ich beschrieb alles so sachlich und so knapp ich konnte. Ich sah die Briten nicht mehr in dem gleichen vorteilhaften Licht und machte mich sogar über einige ihrer Bräuche lustig. Ich anerkannte die Verdienste des Gottes Julius Caesar um die Zivilisierung Britanniens, wies aber unter anderem darauf hin, daß die Bundesgenossenschaft des Gottes Augustus mit den Brigantern in den Augen der letzteren in nichts anderem bestand als im freundlichen Austausch von Geschenken.
Dagegen zollte ich Kaiser Claudius uneingeschränkte Anerkennung für die Eingliederung des südlichen Britannien ins Römische Reich und rühmte die Verdienste des Aulus Plautius um die Befriedung dieses Reichsteiles. Vespasian bat mich, seine Leistungen nicht allzusehr herauszustreichen. Er wartete noch immer vergeblich auf einen neuen Prokurator oder Oberbefehlshaber und wollte mit seinem Kriegsruhm niemanden in Rom gegen sich aufbringen. »Ich bin schlau oder, wenn du es lieber so nennen willst, unaufrichtig genug, um mich den veränderten Gegebenheiten anzupassen, und bleibe lieber still und bescheiden hier in Britannien, als daß ich nach Rom und in meine frühere Armut zurückkehre«, sagte er.
Ich wußte bereits, daß Kaiser Claudius den Eid gebrochen hatte, den er bei der Göttin Fides mit in ein weißes Tuch gebundener rechter Hand vor den Prätorianern geschworen hatte. Einige Monate nach Messalinas Tod hatte er nämlich erklärt, er könne nicht länger unbeweibt sein, und sich die vornehmste aller Frauen Roms zur Gattin genommen: seine eigene Nichte Agrippina, dieselbe, deren Sohn Lucius Domitius einst meine Freundschaft gesucht hatte.