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Zu dieser Ehe war freilich ein neues Gesetz erforderlich gewesen, das die Blutschande gestattete, aber dieses Gesetz hatte der Senat nur zu gern erlassen, und einige besonders weitblickende Senatoren hatten Claudius sogar weinend und auf den Knien gebeten, sein heiliges Gelübde zurückzunehmen und sich zum Wohle des Staates erneut zu vermählen. Binnen kürzester Zeit war in Rom das Oberste zuunterst gekehrt worden, und Vespasian hütete sich wohlweislich, sich an dieser Suppe zu verbrennen.

»Agrippina ist eine schöne, kluge Frau«, sagte er heuchlerisch. »Gewiß hat sie aus den bitteren Erfahrungen ihrer Jugend und aus ihren beiden früheren Ehen viel gelernt. Ich hoffe nur, sie wird Britannicus eine gute Stiefmutter sein und sich auch meines Sohnes Titus annehmen, obwohl ich den Fehler begangen habe, ihn bei Messalina zu lassen, als ich in den Krieg zog.«

Vespasian sah ein, daß ich, als mein Buch beendet war, von Britannien genug hatte und mich nach Rom sehnte. Ich selbst war unruhig und unsicher. Immer öfter dachte ich an Lugunda, als der Frühling über Britannien kam.

Nach dem Fest der Flora erhielt ich in Londinium einen Brief, der in mangelhaftem Latein auf Birkenrinde geschrieben war. Man hoffe, hieß es darin, ich würde auf raschestem Wege ins Land der Icener zurückkehren, um meinen neugeborenen Sohn auf die Knie zu setzen. Diese überraschende Nachricht bereitete meiner Sehnsucht nach Lugunda augenblicklich ein Ende, und ich wünschte mir nun erst recht, Rom so bald wie möglich wiederzusehen. So jung war ich noch, daß ich glaubte, mich von aller Schuld befreien zu können, indem ich den Aufenthaltsort wechselte.

Vespasian gab mir freundlich ein Kurierschild und einige Briefe, die ich in Rom übergeben sollte. Ohne den heftigen Wind zu fürchten, schiffte ich mich ein und spie unterwegs das ganze Britannien in den Gischt dieses salzigen Meeres. Mehr tot als lebendig ging ich in Gallien an Land, und damit endet meine Erzählung über Britannien. Ich nahm mir vor, nie wieder dorthin zu reisen, ehe ich es nicht trockenen Fußes tun könnte, und dies ist einer der wenigen Vorsätze meines Lebens, denen ich treu geblieben bin.

IV

CLAUDIA

Es ist herrlich, achtzehn Jahre alt zu sein, sich den Kriegstribunenrang selbst verdient zu haben, zu wissen, das man überall gern gesehen ist, und sein Erstlingswerk einer sachverständigen Zuhörerschaft ohne Stottern vorlesen zu können. Mir war, als erlebte ganz Rom mit mir zusammen seinen schönsten Frühsommer. Ein frischerer Wind wehte in der Stadt, seit nach der allzu jungen Messalina die vornehme, edle Agrippina Kaiser Claudius’ Gemahlin geworden war.

Man versuchte nicht mehr, einander an Ausschweifungen zu überbieten. Die Sitten waren reiner geworden, denn Agrippina ließ sich die Listen des Ritterstandes und der Senatoren bringen und tilgte unbarmherzig die Namen all derer, die durch einen unsittlichen Lebenswandel von sich reden machten oder sonst irgendeine Schuld auf sich geladen hatten. Claudius, der immer noch das Amt des Zensors ausübte und unter seinen Pflichten seufzte, nahm die Vorschläge einer so guten, politisch erfahrenen Frau dankbar an.

Agrippina zuliebe versuchte sogar er selbst, sich ein wenig aufzuraffen. Seine Freigelassenen, an erster Stelle der Sekretär Narcissus und der Verwalter der Staatskasse, Pallas, waren wieder in Gnaden aufgenommen worden, und es hieß, der von seinem anstrengenden Amt erschöpfte Pallas müsse Nacht für Nacht mit der unermüdlichen, willensstarken Agrippina über den Staatshaushalt beraten.

Als ich selbst zum erstenmal wieder mit Agrippina zusammentraf, schien sie mir sanftmütiger und strahlender geworden zu sein. Sie nahm sich die Mühe, mich in die Knabenschule des Palatiums zu führen. Sie rief Vespasians achtjährigen Sohn Titus zu sich und strich ihrem Stiefsohn Britannicus zärtlich übers Haar. Britannicus wirkte für seine neun Jahre zu mürrisch und verschlossen, aber das war, nachdem er seine schöne Mutter auf so schmerzliche Weise verloren hatte, kaum verwunderlich. Eine Stiefmutter kann wohl selbst durch die hingebungsvollste Zärtlichkeit die wirkliche Mutter nicht ersetzen. Als wir wieder gingen, sagte Agrippina bedauernd, daß Britannicus zum großen Kummer seines Vaters an der Fallsucht leide und daher keine körperlichen Übungen vertrüge. Besonders bei Vollmond sei er sehr unruhig und müsse überwacht werden.

Dann aber führte mich Agrippina voll Eifer in einen sonnigen Teil des Palatiums, um ihren eigenen Sohn, den schönen, verwegenen Lucius Domitius, zu besuchen, und stellte mich auch dessen Lehrer vor. Es war der Philosoph Annaeus Seneca, den Agrippina gleich nach ihrem Machtantritt aus der Verbannung zurückgeholt und mit der Erziehung ihres Sohnes beauftragt hatte. Der Aufenthalt auf Korsika war Seneca gut bekommen, und er war sogar von seiner Schwindsucht geheilt worden, so bitter er sich auch in seinen Briefen über die Verbannung beklagt hatte. Seneca, ein beleibter Mann, der mich freundlich begrüßte, war etwa fünfundvierzig Jahre alt. An seinen weichen roten Stiefeln erkannte ich, daß er sogar zum Senator ernannt worden war.

Lucius Domitius überraschte mich, indem er auf mich zustürzte und mich auf beide Wangen küßte, als sähe er einen lang entbehrten Freund endlich wieder. Er hielt mich an der Hand, setzte sich neben mich, fragte mich nach meinen Erlebnissen in Britannien aus und wunderte sich darüber, daß die Ritterschaft meinen Tribunenrang so rasch bestätigt hatte.

Von so viel Gunst verwirrt, erdreistete ich mich, mein kleines Buch zu erwähnen und Seneca zu bitten, es zu prüfen, bevor ich es öffentlich vorlas, um vor allem die Sprache zu verbessern. Er erklärte sich freundlich dazu bereit, und ich suchte den Palast aus diesem Anlaß noch mehrere Male auf. Nach seiner aufrichtigen Meinung mangelte es meiner Darstellung an Schwung, aber er räumte ein, daß ein straffer, trockener Stil durchaus am Platze sei, da ich ja hauptsächlich die Landesnatur und Geschichte Britanniens sowie die Sitten und Gebräuche der britischen Stämme, ihren Aberglauben und ihre Kampfweise beschrieb. Lucius Domitius las mir laut aus meinem Werk vor, um mir zu zeigen, wie man es vortragen müsse. Er hatte eine ungewöhnlich schöne Stimme und vermochte sich so in das Gelesene einzuleben, daß er mich mitriß und ich beinahe den Eindruck gewann, mein Buch sei außerordentlich verdienstvoll und bemerkenswert. Ich sagte daher: »Wenn du es vorläsest, wäre mir der Erfolg gewiß.«

In der verfeinerten Atmosphäre des Palastes wurde mir erst so echt bewußt, wie überdrüssig ich des trostlosen Lagerlebens und der rohen Sitten der Legionäre geworden war. Entzückt und voll Bewunderung folgte ich den Belehrungen des Lucius Domitius, der mir die angenehmen Gebärden beibrachte, die einem Schriftsteller anstehen, der sein Werk vorliest. Auf seinen Rat ging ich öfter ins Theater, und zusammen spazierten wir durch die Gärten des Lucullus auf dem Pincius, die seine Mutter nach Messalina geerbt hatte. Lucius Domitius sprang und tollte umher wie ein Kind, war aber dennoch stets auf die Schönheit seiner Bewegungen bedacht. Hin und wieder blieb er plötzlich wie in tiefe Gedanken versunken stehen und sagte etwas so Kluges, daß ich mich fragte, ob ich wirklich mit einem Knaben sprach, der noch nicht einmal den Stimmbruch hatte. Man mußte einfach Gefallen an ihm finden, wenn er es darauf anlegte, zu gefallen, und es war, als empfände er nach seiner freudlosen Kindheit das Bedürfnis, jeden Menschen, mit dem er zusammentraf, und sogar die Sklaven für sich einzunehmen. Seneca hatte ihn übrigens gelehrt, daß auch die Sklaven Menschen seien. Dasselbe hatte mir mein Vater schon in Antiochia gesagt.