Ich hatte alle Mühe, Claudia zu beschützen und sie davon abzuhalten, sich an der Schlägerei zu beteiligen, denn sie wollte unbedingt das Haus betreten, in dem ihre Freunde an diesem Abend ihre Mysterien feiern sollten. Vor dem Haus stand aber ein aufgehetzter Haufe glaubenseifriger Juden, und diese schlugen alle nieder, die sich dem Haus näherten, und schleppten andere, die sich darin versteckt hatten, auf die Gasse heraus. Sie zerrissen die Bündel dieser armen Menschen, stülpten ihre Eßkörbe um und trampelten die Speisen in den Kot und schlugen sie schonungsloser, als sie Schweine geschlagen hätten. Wer zu fliehen versuchte, wurde zu Boden gerissen und ins Gesicht getreten.
Ich weiß nicht mehr, wie es zu dem Folgenden kam. Ergriff mich plötzlich der dem Römer eingeborene Drang, die Ordnung aufrechtzuerhalten, oder wollte ich die Schwächeren gegen die Roheit der Angreifer schützen, oder hetzte Claudia mich auf? Jedenfalls wurde ich auf einmal gewahr, daß ich einen hochaufgewachsenen Juden bei seinem Bart packte und ihm mit einem Ringergriff den Stock aus der Hand wand, da er mit heiligem Eifer auf ein Mädchen eindrosch, das er zu Boden geworfen hatte, und eh ich wußte, wie mir geschah, befand ich mich mitten im dichtesten Handgemenge – offenbar auf der Seite der Christen, denn Claudia feuerte mich, vor Eifer glühend, im Namen ihres Jesus von Nazareth an, alle Juden, die ihn nicht als den Gesalbten anerkannten, grün und blau zu schlagen.
Ich kam erst wieder zur Besinnung, als Claudia mich ins Haus zog, und ließ rasch einen blutigen Knüppel fallen, den ich irgendwo aufgelesen hatte. Entsetzt machte ich mir klar, was mir bevorstand, wenn man mich festnahm und der Einmischung in die Glaubenszwistigkeiten der Juden anklagte. Ich hatte nicht nur meinen Kriegstribunenrang zu verlieren, sondern auch die schmale rote Borte auf meiner Tunika. Claudia führte mich in ein großes trockenes Kellergewölbe, in dem eine ganze Anzahl Judenchristen laut schreiend darüber stritt, wer die Schlägerei angestiftet hatte, während weinende Frauen damit beschäftigt waren, Wunden zu verbinden und Salben auf Beulen zu streichen. Vom Gästeraum über uns kamen einige Greise herunter, die vor Angst schlotterten, und Männer, die, der Kleidung nach zu urteilen, keine Juden waren. Sie schienen ebenso verwirrt wie ich zu sein und fragten sich vermutlich, wie sie sich aus dieser Klemme ziehen könnten.
Mit ihnen kam ein Mann, in dem ich erst, als er sich das Blut und den Schmutz aus dem Gesicht gewaschen hatte, den Zeltmacher Aquila erkannte. Er war übel zugerichtet, denn die Juden hatten ihm das Nasenbein zerschlagen und ihn dann in eine Kloake gerollt. Trotzdem ergriff er erregt das Wort und rief: »O ihr Verräter, die ich nicht einmal mehr meine Brüder zu nennen wage. Dient euch die Freiheit in Christus nur dazu, eure Schlechtigkeit zu bemänteln! Wo ist euer Duldermut! Ist uns nicht aufgetragen worden, uns der Ordnung und dem Gesetz der Menschen zu unterwerfen und den Spöttern mit guten Taten den Mund zu verschließen!«
Einige wandten heftig ein: »Es geht jetzt nicht darum, ohne Tadel unter den Heiden zu leben, damit sie lernen, Gott zu preisen, wenn sie unsere guten Taten sehen. Nein, es geht nun um die Juden, die uns schlagen und unseren Herrn Christus verhöhnen. Um seinetwillen und ihm zu Ehren haben wir dem Bösen Widerstand geleistet, nicht um unser eigenes erbärmliches Leben zu verteidigen.«
Ich drängte mich an ihnen vorbei, ergriff Aquila am Arm und flüsterte ihm zu, daß ich diesen Ort so rasch wie möglich verlassen müßte. Als er mich wiedererkannte, verklärte sich sein Gesicht vor Freude. Er segnete mich und rief: »Minutus, Sohn des Marcus Manilianus, hast auch du den einzigen Weg gewählt!«
Er umarmte mich, küßte mich auf den Mund, geriet in Verzückung und begann zu predigen: »Christus hat auch für dich gelitten. Warum nimmst du ihn nicht zum Vorbild und wandelst auf seinen Spuren? Er schmähte nicht, die ihn schmähten, und er drohte niemandem, da er litt. Vergilt auch du nicht Böses mit Bösem. Wenn du um Christi willen leiden darfst, so preise Gott dafür!«
Ich erinnere mich nicht mehr, was er noch alles daherfaselte, denn er kümmerte sich nicht um meine Einwände, sondern redete und redete, aber seine Verzückung riß die anderen mit. Nach und nach begannen sie alle um Vergebung ihrer Sünden zu beten, wenngleich einige noch zwischen den Zähnen murmelten, daß das Reich gewiß nicht kommen werde, solange die Juden die Untertanen Christi ungestraft beleidigen, unterdrücken und mißhandeln durften.
Währenddessen wurden draußen zahllose Verhaftungen vorgenommen, ohne daß man darauf sah, ob es sich um rechtgläubige Juden, Christen oder anderes Pack handelte. Da die Prätorianer alle Brücken bewachten, flohen viele in Booten. Andere machten die Lastkähne am Kai los, so daß sie mit der Strömung davontrieben. Da alle Ordnungstruppen ins Judenviertel geschickt worden waren, war die Stadt selbst ohne Schutz. Der Pöbel rottete sich in den Gassen zusammen und schrie als Losungswort den Namen Christus, den er jenseits des Tibers aufgeschnappt hatte. Er plünderte Läden und legte Feuer an einige Häuser, so daß der Stadtpräfekt, kaum daß im Judenviertel die Ordnung einigermaßen wiederhergestellt war, seine Leute eilends in die eigentliche Stadt zurückziehen mußte. Das war meine Rettung, denn er hatte schon Befehl gegeben, das Judenviertel Haus für Haus zu durchsuchen, um den Aufwiegler Christus zu fassen.
Es wurde Abend. Ich saß, den Kopf in die Hände gestützt, verzweifelt auf dem Boden des Kellers und wurde immer hungriger. Die Christen sammelten, was ihnen an Speisen geblieben war, und begannen es unter sich zu verteilen, so daß keiner leer ausging. Sie hatten Brot und Öl, Zwiebeln, gedünstete Erbsen und sogar Wein. Aquila segnete nach der Art der Christen das Brot und den Wein als den Leib und das Blut des Jesus von Nazareth. Ich nahm, was man mir anbot, und teilte eines der Brote der Armen mit Claudia. Auch ein kleines Stück Käse und einen Bissen Dörrfleisch bekam ich. Den Wein trank ich aus demselben Becher wie alle anderen, als die Reihe an mich kam. Als sich alle satt gegessen hatten, küßten sie einander zärtlich. Claudia küßte mich und rief: »O Minutus, wie bin ich froh, daß auch du sein Fleisch gegessen und sein Blut getrunken hast, um der Vergebung der Sünden und des ewigen Lebens teilhaftig zu werden. Fühlst du nicht den Geist in deinem Innern brennen, als hättest du die zerlumpten Hüllen deines früheren Lebens von dir geworfen und dich in ein neues Gewand gekleidet!«
Ich entgegnete bitter, das einzige, was in mir brenne, sei der billige saure Wein. Dann erst verstand ich ganz, was sie meinte, und erkannte, daß ich am geheimen Mahl der Christen teilgenommen hatte. Ich erschrak so heftig, daß ich mich am liebsten erbrochen hätte, obwohl ich genau wußte, daß ich nicht wirklich Blut aus dem Becher getrunken hatte.
»Dummes Geschwätz!« sagte ich erbost. »Brot ist Brot, und Wein ist Wein. Wenn ihr nichts anderes und nichts Schlimmeres treibt als dies, dann verstehe ich nicht, warum über eueren Aberglauben soviel unsinnige Geschichten verbreitet werden, und noch unbegreiflicher ist mir, daß man sich dergleichen harmloser Dinge wegen die Schädel einschlägt.«
Ich war zu müde, um lang mit ihr zu streiten, und sie war auch noch viel zu erregt, aber zuletzt brachte sie mich doch dazu, daß ich mich bereit erklärte, mich mit der Lehre der Christen näher bekannt zu machen, vorausgesetzt, daß an ihr überhaupt etwas Vernünftiges war. Ich konnte an sich nichts Böses darin sehen, daß sie sich gegen die Juden zur Wehr setzten, aber ich war der Überzeugung, daß sie bestraft werden mußten, wenn die Unruhen nicht aufhörten, gleich, ob die Schuld bei ihnen oder den rechtgläubigen Juden lag.