Aquila erklärte mir, daß es schon früher zu Streitigkeiten und Schlägereien gekommen war, wenn auch nicht in dem Ausmaße wie jetzt. Er versicherte, daß die Christen ohnehin versuchten, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu erregen und böse Worte mit guten zu vergelten, daß aber andrerseits die Judenchristen das Recht hätten, in die Synagogen zu gehen, um der Lesung der Schriften zu lauschen. Viele von ihnen hätten sogar selbst zum Bau der neuen Synagogen, beigesteuert.
Ich begleitete Claudia in der warmen Sommernacht aus der Stadt hinaus und am Vatikanischen Hügel vorbei zu ihrer Hütte. Auf der anderen Seite des Flusses sahen wir Brände lodern und hörten das Geschrei der Menge. Unzählige Wagen und Karren, die Gemüse und Früchte zum Markt brachten, warteten dicht gedrängt auf der Straße. Die Landleute fragten einander besorgt, was in der Stadt geschehen sei, und plötzlich ging das Gerücht von Mann zu Mann, ein gewisser Christus habe die Juden zum Morden und Brennen angestiftet. Kein einziger hatte über die Juden ein gutes Wort zu sagen.
Als wir weitergingen, begann ich zu hinken, mein Kopf schmerzte, und ich wunderte mich darüber, daß ich die Hiebe, die ich bei der Schlägerei abbekommen hatte, erst jetzt spürte. Als wir endlich Claudias Hütte erreichten, war mir so elend zumute, daß sie mich nicht gehen ließ, sondern mich bat, über Nacht bei ihr zu bleiben. Trotz meinen Einwänden bettete sie mich beim Schein einer Öllampe auf ihr eigenes Lager, wirtschaftete dann aber geräuschvoll in ihrer Hütte herum und seufzte so tief, daß ich sie schließlich fragte, was ihr fehle.
»Ich bin weder rein noch ohne Sünde«, gestand sie mir. »Wie Feuer brennt in meinem Herzen jedes Wort, das du mir über dieses schamlose Britenmädchen berichtet hast, an dessen Namen ich mich nicht einmal erinnern mag.«
Ich bat sie aufrichtig: »Versuche mir zu verzeihen, daß ich mein Versprechen nicht zu halten vermochte.«
»Was kümmert mich noch dein Versprechen«, klagte Claudia. »Ich verfluche mich selbst. Ich bin Fleisch von meiner Mutter Fleisch, und der liederliche Claudius ist mein Vater. Ich kann nicht dafür, daß eine gefährliche Unruhe in mir glüht, wenn ich dich so in meinem Bett liegen sehe.«
Sie hatte jedoch eiskalte Hände, als sie die meinen ergriff, und kalt waren auch ihre Lippen, als sie sich zu mir niederbeugte, um mich zu küssen.
»Ach Minutus«, flüsterte sie. »Ich bin noch nicht dazu gekommen, dir zu gestehen, daß mein Vetter Gajus mich geschändet hat, als ich noch ein Kind war. Er tat es zum Spaß, nachdem er der Reihe nach bei allen seinen Schwestern gelegen war, und ich habe seither die Männer gehaßt. Nur dich konnte ich nicht hassen, denn du wolltest mich zur Freundin haben, ohne zu wissen, wer ich bin.«
Was soll ich noch viel erklären? Um sie zu trösten, zog ich sie zu mir ins Bett. Sie zitterte vor Kälte und vor Scham. Ich will mich nicht damit herausreden, daß sie fünf Jahre älter als ich war, sondern gebe gern zu, daß mir immer heißer wurde, bis sie mich lachend und weinend umarmte, und ich wußte, daß ich sie liebte.
Als wir am Morgen erwachten, waren wir so glücklich, daß wir nur noch an uns beide denken mochten, und Claudia, die vor Freude und Glück strahlte, war in meinen Augen trotz ihren groben Gesichtszügen und dichten Brauen schön. Lugunda verblaßte zu einem Schatten. Claudia war eine reife Frau, Lugunda dagegen ein kindlich, launisches Mädchen.
Wir tauschten kein Versprechen aus und wollten nicht an die Zukunft denken. Wenn mich wirklich ein dunkles Schuldbewußtsein drückte, so sagte ich mir, daß Claudia wissen mußte, was sie tat. Zumindest hatte sie nun an etwas anderes zu denken als an die abergläubischen Mysterien der Christen, und das war gut so.
Als ich nach Hause kam, sagte Tante Laelia giftig, sie habe sich meinetwegen große Sorgen gemacht, da ich die ganze Nacht bis in den Vormittag hinein ausgeblieben sei, ohne ihr vorher ein Wort zu sagen. Sie musterte mich mit ihren rotgeränderten Augen und sagte vorwurfsvolclass="underline" »Dein Gesicht leuchtet, als hättest du ein schändliches Geheimnis. Du hast dich doch nicht am Ende in ein syrisches Bordell verirrt?« Sie schnupperte mißtrauisch an meinen Kleidern. »Nein, nach Bordell riechst du nicht, aber irgendwo mußt du ja die Nacht verbracht haben. Laß dich nur nicht auf irgendeine unwürdige Liebschaft ein. Das würde dir und anderen nur Verdruß bringen.«
Am Nachmittag besuchte mich mein Freund Lucius Pollio, dessen Vater in diesem Jahr Konsul war, und erzählte mir aufgeregt: »Die Juden werden im Schutze ihrer Privilegien immer frecher. Der Präfekt hat den ganzen Vormittag die Festgenommenen verhören lassen und eindeutige Beweise dafür erhalten, daß ein Jude namens Christus die Sklaven und den Pöbel aufwiegelt. Er ist jedoch nicht, wie seinerzeit Spartacus, ein ehemaliger Gladiator, sondern ein Staatsverbrecher, der in Jerusalem zum Tode verurteilt wurde, dann aber auf irgendeine merkwürdige Weise die Kreuzigung lebend überstand. Der Präfekt läßt ihn suchen und hat einen Preis auf seinen Kopf ausgesetzt, aber ich fürchte, der Kerl hat sich aus der Stadt geschlichen, nachdem der Aufruhr mißglückt war.«
Ich hatte gute Lust, dem Bücherwurm Lucius Pollio zu erklären, daß die Juden mit Christus den Messias meinten, an den sie glaubten, aber ich durfte mir nicht anmerken lassen, daß ich von dieser neuen, aufrührerischen Lehre allzuviel wußte. Wir gingen zusammen noch einmal mein Buch durch, da ich eine möglichst reine Sprache anstrebte. Lucius Pollio versprach, mir einen Verleger zu finden, wenn das Buch die Feuerprobe der öffentlichen Vorlesung bestand. Seiner Meinung nach konnte es einen recht guten Absatz finden. Claudius gedachte gern seiner eigenen erfolgreichen Kriegszüge in Britannien. Man konnte sich bei ihm einschmeicheln, indem man Interesse für Britannien bekundete, und dazu war mein Buch, Lucius Pollio zufolge, gut geeignet. Die Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich des Eigentumsrechts an den Synagogen, die der erste Anlaß zu den Judenunruhen gewesen waren, versuchte der Stadtpräfekt durch die Bestimmung zu schlichten, daß alle jene die Synagogen benützen durften, die zu ihrer Errichtung beigetragen hatten. Sowohl die strenggläubigen, engstirnigen Juden wie auch die freisinnigeren hatten ja ihre eigenen Synagogen. Sobald aber die Juden, die Christus anerkannten, eine Synagoge für sich in Anspruch nahmen, holten die strenggläubigen Juden die kostbaren Schriftrollen aus ihrem heiligen Schrein und steckten die Synagoge in Brand, um sie nur ja nicht den verhaßten Christen überlassen zu müssen. Daraus entstanden neue Unruhen, und zuletzt begingen die rechtgläubigen Juden in ihrer Unverschämtheit einen schweren politischen Fehler, indem sie sich an den Kaiser selbst wandten.
Claudius war bereits über die Schlägereien aufgebracht, die sein neues Eheglück störten. Er geriet außer sich, als der jüdische Rat ihn daran zu erinnern wagte, daß er ohne die Unterstützung der Juden niemals Kaiser geworden wäre. Es verhielt sich nämlich tatsächlich so, daß Claudius’ Zechkumpan Herodes Agrippa von den reichen Juden Roms das Geld geborgt hatte, das Claudius brauchte, um nach der Ermordung Gajus Caligulas die Prätorianer zu bestechen. Claudius mußte für dieses Geld Wucherzinsen zahlen und mochte an diese Sache, die seine Eitelkeit kränkte, nicht erinnert werden.
Sein Säuferschädel begann vor Wut zu zittern, und noch ärger stotternd als sonst, befahl er den Juden, ihm aus den Augen zu verschwinden, ja er drohte ihnen, er werde sie allesamt aus Rom verbannen, wenn er noch einmal von Streit und Schlägerei zu hören bekäme.
Die Judenchristen und das Gesindel, das sich ihnen anschloß, hatten sogar ihre Führer. Zu meinem Entsetzen stieß ich bei meinem Vater in Tullias Haus auf den eifrig disputierenden, schiefnasigen Aquila, seine Frau Prisca und einige andere offenbar durchaus achtbare Bürger, deren einziger Fehler darin bestand, daß sie sich zu der Mysterienlehre der Christen hingezogen fühlten. Ich war gekommen, um mit meinem Vater unter vier Augen über Claudia zu sprechen. Ich besuchte sie nun zweimal in der Woche und blieb über Nacht bei ihr, und ich fühlte mich verpflichtet, irgend etwas in unserer Sache zu unternehmen, obgleich sie selbst keine Forderungen an mich gestellt hatte.