Als ich überraschend bei meinem Vater eintrat und die Versammlung störte, sagte dieser: »Bleib, Minutus«, und fuhr zu den anderen gewandt fort: »Ich kenne den König der Juden und weiß einiges über ihn, denn ich wanderte nach seiner Kreuzigung in Galiläa umher und konnte mich sogar selbst vergewissern, daß er aus seinem Grabe auferstanden war. Seine Jünger wiesen mich zwar ab, aber ich kann bezeugen, daß er niemals das Volk aufgewiegelt hat, wie es nun hier in Rom geschieht.«
All das hatte ich schon früher gehört, und ich wunderte mich darüber, daß mein Vater, der sonst so vernünftig war, nun in der Weisheit des Alters noch immer die gleiche alte Geschichte wiederkäute. Der schiefnasige Aquila verteidigte sich: »Wir mögen tun, was wir wollen: immer nimmt man Anstoß. Man haßt uns mehr als die Götzenanbeter. Nicht einmal unter uns selbst vermögen wir Liebe und Demut zu bewahren, sondern ein jeder will es besser wissen als die anderen, und am eifrigsten wollen jene die anderen belehren, die eben erst auf den Weg gefunden und Christus anerkannt haben.«
Und Prisca fügte hinzu: »Es wird jedenfalls behauptet, daß er selbst einen Feuerbrand über die ganze Erde schleuderte, den Mann von seinem Weibe trennte und die Kinder sich gegen ihre Eltern erheben hieß, und gerade das geschieht eben jetzt in Rom, obwohl wir nur das Beste wollen. Wie freilich Liebe und Demut zu Streit, Uneinigkeit, Haß, Groll und Neid führen können, das begreife ich nicht.«
Als ich dies alles gehört hatte, ergriff mich ein gerechter Zorn, und ich rief: »Was wollt ihr von meinem Vater? Was setzt ihr ihm so zu, daß er mit euch streiten muß? Mein Vater ist ein guter, sanftmütiger Mann. Ich dulde nicht, daß ihr ihn in eure unsinnigen Zwistigkeiten mit hineinzieht!«
Mein Vater richtete sich auf und bat mich zu schweigen. Dann blickte er lange in die Vergangenheit und sagte zuletzt: »Im allgemeinen schafft ein Gespräch Klarheit, aber dieses unbegreifliche Ding wird um so verworrener, je länger man darüber spricht. Da ihr mich aber um Rat gefragt habt, sage ich euch: bittet um Aufschub. Zu Kaiser Gajus’ Zeiten hatten die Juden in Antiochia großen Nutzen von diesem Rat.«
Sie starrten meinen Vater an und verstanden ihn nicht. Er lächelte gedankenverloren. »Trennt euch von den Juden, verlaßt die Synagogen, zahlt die Tempelsteuer nicht mehr. Baut euch eigene Versammlungshäuser, wenn ihr wollt. Es gibt Reiche unter euch, und vielleicht könnt ihr auch große Zuwendungen von solchen Männern und Frauen erhalten, die glauben, sich ein ruhiges Gewissen dadurch zu erkaufen, daß sie diese und jene Götter unterstützen. Fordert die Juden nicht heraus. Schweigt, wenn man euch verhöhnt. Bleibt auf eurer Seite, so wie ich auf meiner Seite bleibe, und versucht niemanden zu kränken.«
Da riefen sie wie aus einem Munde: »Das sind harte Worte. Wir müssen für unseren König Zeugnis ablegen und das Kommen seines Reiches verkünden, wenn wir seiner würdig sein wollen.«
Mein Vater hob abwehrend beide Hände, seufzte tief und sagte: »Sein Reich läßt auf sich warten, aber ohne Zweifel seid ihr es, die an seinem Geiste teilhaben, und nicht ich. Tut also, wie ihr meint. Wenn die Sache vor den Senat kommt, werde ich versuchen, ein Wort für euch einzulegen. Darum seid ihr ja zu mir gekommen. Wenn es euch aber nichts ausmacht, will ich von dem Reich lieber nicht sprechen, denn das könnte böses Mißtrauen gegen euch erwecken.«
Damit gaben sie sich zufrieden und gingen gerade zur rechten Zeit, denn Tullia kam eben von ihren Besuchen zurück. Sie begegnete ihnen noch unter den Säulen und rief unwillig, als sie eintrat: »Wie oft, Marcus, habe ich dich schon davor gewarnt, diese zweifelhaften Juden bei dir zu empfangen. Ich habe nichts dagegen, daß du zu Philosophen gehst, und wenn es dich freut, magst du meinetwegen auch den Armen helfen, deinen Arzt zu bedürftigen Kranken schicken und elternlosen Mädchen eine Mitgift schenken. Mit irgend etwas muß der Mensch ja seine Zeit hinbringen. Aber, bei allen Göttern, halte dich von diesen Juden fern, wenn dir dein eigenes Wohlergehen lieb ist!«
Nachdem sie auf diese Weise ihrem Ärger Luft gemacht hatte, richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf mich, tadelte mein schlechtes Schuhwerk, die ungeschickt gelegten Falten in meinem Mantel und mein plump geschnittenes Haar und sagte böse: »Du bist hier nicht mehr unter rohen Kriegern. Du mußt deinem Vater zuliebe besser auf dein Äußeres achten. Ich werde dir einen Barbier und einen Kleiderpfleger schenken müssen, denn Tante Laelia ist zu altmodisch und zu kurzsichtig, um sich ordentlich um dich kümmern zu können.«
Ich antwortete verdrossen, ich hätte schon einen Barbier, denn ich wollte nicht, daß einer von Tullias Sklaven jeden meiner Schritte überwachte. Es stimmte auch, daß ich an meinem Geburtstag einen Barbiersklaven gekauft und gleich freigelassen hatte, obwohl es eigentlich schade um ihn war, und daß ich ihm in Suburra eine eigene Barbierstube eingerichtet hatte. Er taugte schon recht gut dazu, Frauenperücken zu verkaufen und die üblichen Kuppelgeschäfte zu besorgen. Nun erklärte ich Tullia, es würde Tante Laelia zutiefst kränken, wenn ein fremder Sklave ins Haus käme, um für meine Kleidung zu sorgen. »Außerdem hat man mit Sklaven mehr Ärger als Freude«, sagte ich zuletzt.
Tullia meinte darauf, es käme nur auf die rechte Zucht und Ordnung an, und dann fragte sie mich: »Was willst du eigentlich mit deinem Leben anfangen, Minutus? Ich habe mir sagen lassen, du treibst dich ganze Nächte in den Bordellen herum und schwänzt die Leseübungen bei deinem Rhetor. Wenn du wirklich im Winter dein Buch vorlesen willst, mußt du deinem zügellosen Körper Zwang antun und hart arbeiten. Außerdem ist es höchste Zeit, daß du eine standesgemäße Ehe schließt.«
Ich erwiderte, daß ich meine Jugend noch eine Weile zu genießen gedächte und daß ich immerhin noch nicht ein einziges Mal wegen Trunkenheit oder irgendwelcher dummen Streiche, wie sie bei den jungen Rittern an der Tagesordnung waren, mit den Behörden in Konflikt geraten sei. »Ich sehe mich um«, sagte ich. »Ich beteilige mich an den Reitübungen, ich höre mir Prozesse an, wenn ein wirklich interessanter Fall verhandelt wird. Ich lese Bücher, und Seneca selbst, der Philosoph, hat mir große Freundlichkeit erwiesen. Ich denke freilich daran, mich früher oder später um eine Quästur zu bewerben, aber noch bin ich zu jung und unerfahren, obwohl ich eine Sondergenehmigung erhalten könnte.«
Tullia betrachtete mich mitleidig. »Du mußt begreifen, daß es für deine Zukunft das Wichtigste ist, mit den richtigen Leuten bekannt zu werden«, sagte sie. »Ich habe dir Einladungen in vornehme Häuser verschafft, aber man hat sich darüber beklagt, daß du mürrisch und maulfaul bist und Freundschaft nicht mit Freundschaft vergelten magst.«
Dafür hatte ich meine guten Gründe. »Liebe Stiefmutter«, sagte ich daher, »ich weiß dein kluges Urteil zu schätzen, aber alles, was ich in Rom gehört und gesehen habe, warnt mich davor, gute Beziehungen zu Leuten anzuknüpfen, die im Augenblick gerade die richtigen zu sein scheinen. Einige hundert Ritter, von den Senatoren ganz zu schweigen, wurden hingerichtet oder begingen Selbstmord, nur weil sie einmal die richtigen waren oder die richtigen allzugut kannten.«
»Dank Agrippina ist das jetzt alles anders geworden«, wandte Tullia mit verdächtigem Eifer ein, aber meine Worte machten sie doch nachdenklich, und nach einer kleinen Weile meinte sie: »Das Klügste, was du tun könntest, wäre, dich den Wagenrennen zu widmen und dich einer der Farbparteien anzuschließen. Das ist eine ganz unpolitische Beschäftigung, die doch zu wertvollen Freundschaftsverbindungen führt. Ein Pferdenarr bist du ja.«