»Man kann auch von Pferden genug bekommen«, erwiderte ich.
»Sie sind jedenfalls weniger gefährlich als Frauen«, sagte Tullia giftig. Mein Vater sah sie nachdenklich an und gab zu, daß sie dieses eine Mal recht hatte. Um sich zu rächen, sagte sie: »Es würde unnötiges Aufsehen erregen, wenn du dir gleich ein eigenes Gespann zulegtest, obwohl dir dein Vater dabei behilflich sein könnte. Sobald der neue Hafen in Ostia fertig ist, wird der Getreideanbau in Italien zum reinen Verlustgeschäft. Es ist zwar nur eine Frage der Zeit, bis aus den Äckern wieder Weiden geworden sind, aber du taugst wohl kaum zum Pferdezüchter. Begnüge dich damit, bei den Wagenrennen Wetten abzuschließen.«
Meine Tage waren aber auch ohne den Zirkus angefüllt. Ich hatte ja mein eigenes Haus auf dem Aventin, ich mußte mich um den bärbeißigen alten Barbus kümmern und Tante Laelia besänftigen, und dazu kam ein Prozeß, den die Nachbarn meinem gallischen Freigelassenen anhängten, weil seine Seifensiederei nicht eben angenehm duftete. Ich verteidigte ihn vor Gericht, und es war keine große Kunst vonnöten, einen Freispruch zu erwirken, da ich darauf hinweisen konnte, daß die Werkstätten der Gerber und Färber, in die man die Urinfässer von den Straßenecken brachte, einen noch abscheulicheren Gestank verbreiteten. Schwieriger war es, die Behauptung zu widerlegen, der Gebrauch von Seife anstelle von Bimsstein verweichliche den Körper und widerspreche dem Geist der Väter. Der Anwalt der Nachbarn meines Galliers versuchte sogar zu erreichen, daß die Seifenherstellung in Rom grundsätzlich verboten werde, indem er sich auf unsere Väter und Vorväter zurück bis Romulus berief, die sich alle damit begnügt hatten, sich mit dem gesunden, abhärtenden Bimsstein zu reinigen. In der Verteidigungsrede für meinen Freigelassenen rühmte ich Rom als Reich und Weltmacht. »Romulus verbrannte auch keinen Weihrauch aus dem Osten vor seinen Götterbildern!« rief ich stolz. »Unsere Vorväter ließen sich auch keinen Störrogen vom jenseitigen Ufer des Schwarzen Meeres kommen und keine seltenen Vögel aus den Steppen, keine Flamingozungen und keine indischen Fische. Rom ist ein Schmelztiegel vieler Völker und Sitten. Es wählt sich von allem das Beste aus und veredelt fremde Sitten, indem es sie zu seinen eigenen macht.«
Der Gebrauch der Seife wurde in Rom nicht verboten, und mein Freigelassener verbesserte seine Ware dadurch, daß er seihen Seifen wohlriechende Essenzen beimengte und ihnen schöne Namen gab. An der echt ägyptischen Kleopatraseife, die in einer Seitengasse in Suburra hergestellt wurde, verdienten wir ein kleines Vermögen. Ich muß allerdings gestehen, daß die besten Kunden außer den Römerinnen Griechen und Fremde aus den Ländern des Ostens waren, die in Rom wohnten. In den öffentlichen Bädern galt der Gebrauch von Seife nach wie vor als unsittlich.
Ich war vollauf beschäftigt, und doch geschah es mir des Abends, bevor ich einschlief, oft, daß ich von einer unbestimmten Ruhelosigkeit ergriffen wurde und mich fragte, wozu ich auf der Welt sei. Bald freute ich mich über meine kleinen Erfolge, bald war ich niedergeschlagen, weil ich mir allzu unbedeutend vorkam. Der Zufall und Fortuna herrschten über die Gegenwart, und am Ende sah ich den Tod, das traurige Los aller Menschen. Zwar lebte ich unbeschwert und hatte Glück in allem, was ich unternahm, aber immer, wenn ich etwas erreicht hatte, wurde meine Freude rasch schal, und ich war mit mir selbst unzufrieden.
Als es auf den Winter zuging, kam endlich der Tag, auf den ich mich so eifrig vorbereitet hatte. Ich durfte mein Buch im Vorlesungssaal der kaiserlichen Bibliothek auf dem Palatin vortragen. Durch meinen Freund Lucius Domitius ließ mich Kaiser Claudius wissen, daß er selbst am Nachmittag anwesend sein werde. Das hatte zur Folge, daß alle, die nach der Gunst des Kaisers strebten, um die Plätze im Saal kämpften.
Unter den Zuhörern befanden sich Offiziere, die in Britannien gedient hatten, Mitglieder des Senatsausschusses für britische Fragen und sogar der Feldherr und Triumphator Aulus Plautius. Viele, die die Lesung hören wollten, mußten vor den Türen bleiben und beklagten sich später bei Claudius, weil sie ungeachtet ihres, wie sie behaupteten, ungeheuren Interesses für das Thema keinen Platz bekommen hatten.
Ich begann mit der Vorlesung am frühen Vormittag, und trotz meiner begreiflichen Erregung las ich ohne zu stottern und geriet, während ich las, immer mehr in Feuer, wie es allen Schriftstellern ergeht, die auf die Vollendung ihres Werkes genug Mühe und Sorgfalt verwendet haben. Es störte mich auch niemand und nichts, wenn ich von Lucius Domitius absehe, der ständig flüsterte und mir Zeichen machte, um mir zu bedeuten, wie ich zu lesen hätte. Zu Mittag wurde ein allzu köstliches Mahl aufgetragen, das Tullia angeordnet und mein Vater bezahlt hatte. Als ich danach weiterlas und zu den Göttern und Mysterien der Briten kam, nickten viele meiner Zuhörer ein, obwohl dies meiner Ansicht nach der interessanteste Teil des Buches war.
Bald darauf mußte ich unterbrechen, denn Claudius hielt sein Wort und erschien wirklich. Mit ihm kam Agrippina. Sie ließen sich auf der Ehrenbank nieder und nahmen Lucius Domitius in ihre Mitte. Der Vorlesungssaal war plötzlich gedrängt voll, und Claudius rief denen, die keinen Platz mehr bekamen, gereizt zu: »Wenn das Buch wert ist, gehört zu werden, wird man es noch einmal vorlesen. Seht zu, daß ihr dann dabei seid. Jetzt aber geht, sonst haben wir anderen keine Luft zum Atmen.«
Er war, um die Wahrheit zu sagen, leicht angetrunken und rülpste oft laut. Ich hatte kaum ein paar Zeilen gelesen, als er mich auch schon unterbrach und sagte: »Mein Gedächtnis ist schlecht. Erlaube mir darum, daß ich als Roms erster Bürger auf Grund meines Ranges und meines Alters dich immer gleich unterbreche und dartue, worin du recht hast und worin du irrst.«
Er begann seine eigene Auffassung von den Menschenopfern der Druiden langatmig darzulegen und sagte, er habe in Britannien vergeblich nach den großen Weidenkörben gefragt, in die man angeblich die Gefangenen sperrt, um sie bei lebendigem Leibe zu verbrennen. »Ich glaube natürlich, was mir zuverlässige Zeugen berichten, aber mehr noch verlasse ich mich auf meine eigenen Augen. Daher schlucke ich diese deine Behauptung nicht ungekaut. Doch sei so gut und fahre fort, junger Lausus.«
Ich war nicht viel weitergekommen, als ihm schon wieder etwas einfiel, was er in Britannien gesehen hatte und den anderen sogleich mitteilen mußte. Das laute Gelächter der Zuhörer verwirrte mich, und ich bekam einen heißen Kopf. Claudius machte allerdings auch einige sachliche Anmerkungen zu meinem Buch.
Plötzlich begann er mit Aulus Plautius ein lebhaftes Gespräch über gewisse Einzelheiten seines Feldzugs. Die Zuhörer feuerten die beiden an und riefen: »Hört! Hört!« Ich mußte schweigen, aber eine beruhigende Geste Senecas ließ mich meinen Ärger rasch vergessen. Ein Senator namens Ostorius, der alles besser wissen wollte, mischte sich ins Gespräch. Er behauptete, der Kaiser habe einen politischen Fehler begangen, indem er den Feldzug abbrach, ehe ausnahmslos alle britischen Stämme unterworfen waren.
»Die Briten unterwerfen, das ist leichter gesagt als getan!« schnaubte Claudius, mit Recht gekränkt. »Zeig ihm deine Narben, Aulus. Aber du erinnerst mich daran, daß in Britannien zur Zeit alles stillsteht, weil ich noch keinen Nachfolger für Aulus Plautius ernennen konnte. Zum Glück haben wir dich, Ostorius. Ich glaube, ich bin nicht der einzige hier im Saal, der deine ewige Besserwisserei satt hat. Geh nach Hause und bereite deine Reise vor. Narcissus schreibt dir noch heute die Vollmacht aus.«
Ich glaube, mein Buch hatte den Zuhörern schon vor Augen geführt, daß es kein Leichtes war, Britannien zu zivilisieren, denn alle lachten nun. Nachdem Ostorius den Saal gedemütigt verlassen hatte, konnte ich in Ruhe meinen Vortrag beenden. Claudius gestattete mir wohlwollend, bei Lampenlicht weiterzulesen, da er selbst mich ständig unterbrochen und viel Zeit vergeudet hatte. Als er zuletzt klatschte, brach ein ganzer Beifallssturm im Saale los. Niemand hatte mehr irgendwelche Berichtigungen vorzubringen, denn zu dieser späten Stunde waren alle hungrig geworden.