Выбрать главу

Ein Teil der Zuhörer begleitete mich nach Hause, wo Tullia ein Festmahl hatte vorbereiten lassen, denn ihr Koch war berühmt. Über mein Buch wurde nicht mehr viel gesprochen. Seneca stellte mich seinem eigenen Verleger vor. Der fein gebildete, alte Mann, bleich, gebückt und kurzsichtig vom vielen Lesen, erklärte sich gern bereit, mein Buch anzunehmen und fürs erste in einer Auflage von fünfhundert Stück herauszubringen. »Zwar hast du gewiß die Mittel, dein Buch selbst zu veröffentlichen«, meinte er freundlich, »aber der Name eines bekannten Verlegers ist dem Absatz eines Buches doch sehr dienlich. Mein Freigelassener verfügt über einhundert kundige Schreibsklaven, die nach einem einzigen Diktat jedes beliebige Buch rasch und leidlich fehlerfrei nachschreiben.

Seneca lobte diesen Mann mit vielen Worten, der ihn auch in den Tagen der Verbannung nicht im Stich gelassen, sondern die Buchhändler treu mit den vielen Schriften beliefert hatte, die aus Korsika nach Rom gesandt worden waren. Der Verleger sagte sanft: »Am meisten verdiene ich selbstverständlich mit den Übersetzungen und Bearbeitungen griechischer Liebesgeschichten und Reiseschilderungen, aber ich habe noch bei keinem Werk Senecas zusetzen müssen.«

Ich verstand den Wink und erklärte, ich sei bereit, mich an den Kosten der Herausgabe meines Buches zu beteiligen, war es doch eine große Ehre für mich, daß er mit seinem geachteten Namen für die Güte meines Werkes bürgen wollte. Dann mußte ich ihn verlassen, um mich anderen Gästen zu widmen. Es waren so viele, daß ich bald nicht mehr wußte, wo mir der Kopf stand. Zuviel Wein trank ich außerdem, und zuletzt ergriff mich tiefe Mutlosigkeit, da ich erkannte, daß keinem der Anwesenden wirklich an mir und meiner Zukunft gelegen war. Mein Buch war ihnen nur ein Vorwand. Sie waren gekommen, um seltene Gerichte zu essen, die besten Weine Kampaniens zu trinken, einander zu beobachten und zu bemäkeln und sich im stillen über die Erfolge meines Vaters zu verwundern, für die ihm in ihren Augen alle persönlichen Voraussetzungen fehlten.

Ich sehnte mich immer mehr nach Claudia, die mir der einzige Mensch auf der ganzen Welt zu sein schien, der mich wirklich verstand und auf mein Wohl bedacht war. Sie hatte natürlich nicht gewagt, zur Vorlesung zu kommen, aber ich wußte, wie sehr sie darauf brannte, zu erfahren, wie alles abgelaufen war, und ich ahnte, daß sie in dieser Nacht keinen Schlaf fand. Ich stellte mir vor, wie sie vor ihre Hütte trat, zu den Sternen des Winterhimmels emporblickte und dann nach Rom herüberstarrte, während nicht weit von ihr in der Stille der Nacht die Gemüsekarren rumpelten und das Schlachtvieh brüllte. Ich hatte mich in den Nächten bei Claudia so sehr an diese Laute gewöhnt, daß ich sie liebte, und nun führte mir der bloße Gedanke an polternde Karrenräder Claudia so lebendig vor Augen, daß mein Blut unruhig wurde.

Es gibt wohl kaum einen bedrückenderen Anblick als das Ende eines großen Festes. Die niedergebrannten Fackeln beginnen zu schwelen. Die Sklaven führen die letzten Gäste zu ihren Sänften, die Lampen verlöschen, vergossener Wein wird von den glänzenden Mosaikböden aufgewischt, andere Diener waschen das Erbrochene von den Marmorwänden der Abtritte. Tullia war selbstverständlich von der gelungenen Feier entzückt und unterhielt sich angeregt mit meinem Vater über den einen oder andern Gast und berichtete, was dieser und jener gesagt oder getan hatte. Ich selbst fühlte mich alldem sehr fern.

Wäre ich erfahrener gewesen, so würde ich gewußt haben, daß dies allein auf der Nachwirkung des Weins beruhte, aber jung, wie ich war, nahm ich meine Empfindungen ernst. Daher lockte mich nicht einmal die Gesellschaft meines Vaters, denn er und Tullia erfrischten sich mit leichtem Wein und Meeresfrüchten, während die Sklaven und Diener die großen Säle aufräumten. Ich dankte ihnen und ging, allein und ohne an die Gefahren des nächtlichen Roms zu denken, ganz von meiner Sehnsucht nach Claudia erfüllt.

Ihre Hütte war warm, und ihr Bett roch gut nach Wolle. Sie füllte das Glutbecken nach, damit ich nicht fror. Zuerst behauptete sie, sie habe nicht damit gerechnet, daß ich nach meinem großen Erfolg von der vornehmen Gesellschaft weg zu ihr kommen würde, aber sie hatte Tränen in ihren schwarzen Augen, als sie zärtlich flüsterte: »Ach Minutus, jetzt erst glaube ich, daß du mich wirklich liebst.«

Nach langen Freuden und einem kurzen, unruhigen Schlaf schlich kalt der Wintermorgen in die Hütte. Die Sonne war nicht zu sehen, und wir empfanden den grauen Winter wie einen tiefinnerlichen Schmerz, als wir einander bleich und müde anblickten.

»Was soll aus dir und mir werden, Claudia?« fragte ich. »Bei dir bin ich ganz aus der Wirklichkeit gefallen, in einer fremden Welt, unter anderen Sternen. Glücklich bin ich nur hier. Doch es kann so nicht weitergehen.«

Selbstsüchtig hoffte ich insgeheim wohl, sie würde sich beeilen, mir zu versichern, daß alles gut sei, wie es war, und bleiben könne wie bisher, da wir anderes nicht erhoffen durften. Aber Claudia seufzte erleichtert auf und rief: »Jetzt liebe ich dich noch mehr als je zuvor, Minutus, weil du selbst von dieser heiklen Sache als erster sprichst. Nein, es kann wirklich nicht so weitergehen. Du als Mann wirst kaum verstehen, mit wieviel Angst ich jedesmal auf meine Monatsblutung warte, und du kannst einer echten Frau auch nicht zumuten, daß sie immerzu geduldig harrt, bis es dir beliebt, sie aufzusuchen. Mein Leben ist nichts als Angst und qualvolles Warten.«

Ihre Worte verletzten mich. »Diese Gefühle hast du aber gut zu verbergen gewußt«, sagte ich gehässig. »Bisher hast du mir immer zu verstehen gegeben, daß du dich über mein Kommen freust. Was schlägst du vor?«

Sie packte meine beiden Hände mit festem Griff, sah mir starr in die Augen und sagte: »Es gibt nur eine Möglichkeit, Minutus. Verlassen wir Rom. Verzichte auf alle Ämter. Irgendwo auf dem Land oder weit fort auf der anderen Seite des Meeres können wir ohne Furcht zusammen leben, bis Claudius tot ist.«

Ich konnte ihr nicht in die Augen sehen und entzog ihr meine Hände. Claudia zuckte zusammen. »Es hat dir Freude gemacht, die Schafe zu halten, wenn ich sie schor, und Reisig für unser Feuer zu brechen«, sagte sie. »Und du hast das Wasser aus meiner Quelle gelobt und mir versichert, meine einfachen Speisen schmeckten dir besser als das, was du bisher gekostet hast. Dieses bescheidene Glück können wir in jedem Erdenwinkel finden, der nur weit genug von Rom entfernt ist.«

Ich dachte eine Weile nach und antwortete ernst: »Ich leugne nichts und nehme meine Worte nicht zurück, aber dies ist ein folgenschwerer Entschluß. Wir können nicht auf einen bloßen Einfall hin freiwillig in die Verbannung gehen.« Und aus reiner Bosheit fügte ich hinzu: »Was soll dann aus dem Reich werden, auf das du wartest, und aus den geheimen Mählern, an denen du teilnimmst?«

Claudia sah mich traurig an und sagte: »Ich sündige ohne Unterlaß mit dir und fühle nicht mehr dasselbe Feuer wie früher, wenn ich bei ihnen bin. Mir ist, als sähen sie in mein Herz und sorgen sich um meinetwillen, und bei jedem Zusammentreffen drückt mich meine Schuld schwerer. Deshalb gehe ich ihnen am liebsten aus dem Weg. Du nimmst mir meinen Glauben und meine Hoffnung, wenn alles bleibt, wie es bisher war.«

Als ich zum Aventin zurückging, fühlte ich mich wie mit kaltem Wasser übergossen. Ich begriff, daß ich unrecht handelte, wenn ich Claudia ausnützte wie eine Hure, die ich nicht einmal bezahlte, aber die Ehe dünkte mich doch ein allzu hoher Preis für die bloße Befriedigung des Fleisches, und ich mochte auch Rom nicht verlassen, da ich mich viel zu gut erinnere, wie ich mich als Knabe in Antiochia und als Mann in Britanniens Wintern nach dieser Stadt gesehnt hatte.

Ich besuchte Claudia fortan nur noch selten und fand immer etwas anderes, Wichtigeres zu tun, bis die Unruhe in meinem Körper mich wieder zu ihr trieb. Glücklich waren wir nur noch im Bett. Sonst quälten wir einander so lange, bis ich wieder Ursache hatte, sie im Zorn zu verlassen.