Im nächsten Frühjahr verbannte Claudius die Juden aus Rom, da nicht ein einziger Tag mehr ohne Streit und Schlägereien verging, so daß schließlich die Zwietracht der Juden die ganze Stadt in Unruhe versetzte. In Alexandria rauften die Juden mit den Griechen, und in Jerusalem zettelten jüdische Aufwiegler so schwere Unruhen an, daß Claudius zuletzt die Geduld riß.
Seine einflußreichen Freigelassenen unterstützten seinen Beschluß mit Eifer, da sich nun die Gelegenheit bot, den reichsten Juden, die der Ausweisung entgehen wollten, zu hohen Preisen Ausnahmebewilligungen zu verschaffen. Claudius legte seinen Beschluß nicht einmal dem Senat vor, obwohl viele Juden seit mehreren Geschlechtern in Rom ansässig waren und sich das Bürgerrecht erworben hatten. Der Kaiser war der Ansicht, ein einfacher Erlaß genüge, da er ja niemandem das Bürgerrecht nahm, und außerdem ging das Gerücht, die Juden hätten zu viele Senatoren bestochen.
Auf diese Weise leerten sich die Häuser jenseits des Tibers, und die Synagogen wurden geschlossen. Viele Juden, die nicht das Geld hatten, sich freizukaufen, versteckten sich irgendwo in Rom, und die Vorsteher der einzelnen Stadtteile hatten alle Hände voll zu tun, sie aufzuspüren. Die Männer des Stadtpräfekten hielten sogar verdächtig erscheinende Bürger auf offener Straße an und zwangen sie, das Glied zu entblößen, um sich zu vergewissern, daß sie nicht beschnitten waren.
Einige wurden in den öffentlichen Bedürfnisanstalten gefaßt, denn die Römer mochten die Juden im allgemeinen nicht und beteiligten sich gern an der Jagd. Sogar die Sklaven waren ihnen übel gesinnt. Die gefangenen Juden schickte man zum Hafenbau nach Ostia oder in die Bergwerke Sardiniens, was freilich eine sinnlose Verschwendung kostbarer Arbeitskraft war, denn die meisten waren geschickte Handwerker. Aber Claudius kannte kein Erbarmen. Unter den Juden selbst wurde der Haß noch größer. Nun stritten sie nämlich darüber, welche Partei an der Verbannung schuld sei. Auf den Straßen in der Umgebung Roms fand man zahllose erschlagene Juden, ob Christen oder Rechtgläubige, das ließ sich nicht feststellen. Ein toter Jude ist ein toter Jude, und die Straßenaufseher sahen nichts und wußten von nichts, sofern der Mord nicht gerade vor ihren Augen geschah. »Der beste Jude ist ein toter Jude«, scherzten sie untereinander, wenn sie der Ordnung halber untersuchten, ob die mißhandelte Leiche, auf die sie stießen, beschnitten war oder nicht.
Die unbeschnittenen Christen waren über den Auszug ihrer Lehrmeister tief bekümmert und folgten ihnen eine Strecke Wegs, um sie gegen die Übermacht zu schützen. Es waren ungebildete, arme Menschen, viele von ihnen Sklaven, und die vielen erlittenen Enttäuschungen hatten sie bitter gemacht. In der Verwirrung, die auf die Austreibung der Juden folgte, waren sie wie eine Herde ohne Hirt.
Es war rührend anzusehen, wie sie sich nun noch enger zusammenschlossen und ihre armseligen Mähler abhielten. Aber es gab auch Männer unter ihnen, die die anderen lehrten, so daß sie bald wieder in streitende Gruppen gespalten waren. Die älteren hielten sich allein an das, was sie mit eigenen Ohren über Jesus von Nazareths Leben und Lehren gehört hatten. Dagegen standen aber andere auf und sagten: »Nein, nein, so war es nicht, sondern vielmehr so …« und hielten starrsinnig an ihrer Meinung fest.
Die kühnsten erprobten ihre Kräfte, indem sie sich in Ekstase steigerten und durch Handauflegen zu heilen versuchten, was ihnen jedoch selten gelang. Simon der Zauberer wurde nicht ausgewiesen, und ich weiß nicht, ob er sich freikaufte oder als Samariter nicht für einen Juden gehalten wurde. Tante Laelia berichtete mir, daß er noch immer Kranke heilte, und zwar mit gutem Glück, weil er, wie sie sagte, göttliche Kräfte besaß. Ich für mein Teil glaubte eher, er versuchte seine Kunst überhaupt nur an solchen, die sich ihm völlig unterwarfen. Ich suchte ihn nicht mehr auf, aber er hatte Anhänger unter den Christen, hauptsächlich wohlhabende, neugierige Frauen. Sie glaubten lieber ihm als denjenigen, die Demut, eine schlichte Lebensweise, Liebe und die Wiederkunft des Gottessohnes auf einer Wolke predigten. Durch diese Menschen bestärkt, versuchte Simon der Zauberer wieder zu fliegen. Er verschwand vor den Augen seiner ihm ergebenen Zuschauer und wurde an einem anderen Ort wieder sichtbar.
Barbus machte mir Sorgen, denn er versäumte oft seine Türhüterpflichten und ging seine eigenen Wege. Tante Laelia hatte Angst vor Einbrechern und verlangte, daß ich Barbus zurechtwies. Er rechtfertigte sich mit den Worten: »Ich bin ein Bürger wie jeder andere und liefere bei der Austeilung meinen Korb Getreide an den Haushalt ab. Du weißt, daß ich mich nie viel um die Götter gekümmert habe. Bei besonderen Gelegenheiten opferte ich bestenfalls Herkules. Aber wenn das Alter naht, möchte man sein Haus versorgt wissen. Einige Männer von der Feuerwache und andere alte Krieger haben mich in eine geheime Gesellschaft aufgenommen, und ich habe nun die frohe Gewißheit, daß ich nie sterben werde.«
»Dunkel sind die Gefilde der Unterwelt«, sagte ich. »Die Schatten müssen damit vorlieb nehmen, das Blut um die Opferaltäre aufzuschlecken. Aber ist es nicht das klügste, sein Schicksal hinzunehmen und sich mit Schatten und Asche zu begnügen, wenn einmal die Zeit des Lebens vorüber ist?«
Barbus schüttelte nur den Kopf und erwiderte: »Ich darf die Geheimnisse der Eingeweihten nicht preisgeben, aber soviel kann ich dir sagen: Der neue Gott heißt Mithras. Ein Berg hat ihn geboren. Hirten fanden ihn und beugten sich vor ihm. Er tötete den Urstier und schuf alles, was gut ist. Denn Eingeweihten, die mit Blut getauft sind, gelobte er Unsterblichkeit. Wenn ich die Sache recht verstanden habe, erhalte ich nach dem Tode neue Gliedmaßen und komme in eine prachtvolle Kaserne, wo der Dienst leicht ist und Wein und Honig nie zu Ende gehen.«
»Barbus!« sagte ich tadelnd. »Ich dachte, du seist nun alt und lebenserfahren genug, um solche Ammenmärchen nicht mehr zu glauben. Du solltest eine Wasserkur machen, denn ich fürchte, du siehst vor lauter Trunkenheit schon Gespenster.«
Barbus hob seine zitternden Hände und schwor: »Nein, nein. Wenn die Worte ausgesprochen sind, das Licht von seiner Krone die Dunkelheit erhellt und das heilige Glöckchen erklingt, beginnt man tief innen im Leib zu erzittern, die Haare stellen sich einem auf, und selbst der Kleingläubige ist von seiner göttlichen Kraft überzeugt. Danach, und vor allem wenn ein alter Zenturio die Bluttaufe erhalten hat, nehmen wir ein heiliges Mahl ein, gewöhnlich aus Ochsenfleisch, und nachdem wir Wein getrunken haben, singen wir zusammen.«
»Wir leben in einer wunderlichen Zeit«, sagte ich. »Tante Laelia sucht ihr Heil bei einem Zauberer aus Samaria, mein eigener Vater bangt um die Christen, und ein alter Krieger wie du läßt sich von irgendwelchen Mysterien aus dem Osten einfangen.«
»Im Osten geht die Sonne auf«, entgegnete Barbus ernst. »In gewissem Sinne ist der Stiertöter auch der Sonnengott und somit der Gott der Pferde. Niemand, weißt du, blickt hochmütig auf einen armseligen alten Marschierer wie mich herab, und niemand hindert dich daran, dich selbst über unseren Gott belehren zu lassen, wenn du nur zu schweigen versprichst. Es finden sich unter uns einige ältere und jüngere Ritter, denen die üblichen Opfer und Götterbilder nichts mehr bedeuten.«
Als ich dieses Gespräch mit Barbus führte, war ich der Wagenrennen und Wetten und des seichten Lebensgenusses in Gesellschaft eitler, selbstgefälliger Schauspieler längst ebenso überdrüssig geworden wie des Bücherwurms Lucius Pollio und der endlosen Gespräche seiner Freunde über Philosophie und die neue Dichtkunst. Ich versprach daher Barbus gern, ihn zu einem der Gastmähler zu Ehren des neuen Gottes zu begleiten. Er freute sich und war sehr stolz, und zu meiner Verwunderung fastete er wirklich, wusch sich sorgfältig, zog reine Kleider an und wagte keinen Wein zu trinken.