Gegen Abend führte er mich durch krumme, stinkende Gassen zu einem unterirdischen Tempel im Tal zwischen dem Esquilin und dem Caelius. Als wir eine Treppe zu einem spärlich erhellten Saal mit Steinwänden hinabschritten, wurden wir von einem Mithraspriester mit einem Löwenfell um die Schultern empfangen, der keine unnötigen Fragen stellte und mir bereitwillig erlaubte, an den Mysterien teilzunehmen.
»Es gibt nichts, dessen wir uns zu schämen hätten«, sagte er. »Wir fordern Sauberkeit, Ehrlichkeit und Männlichkeit von denen, die sich zu unserem Gott Mithras bekennen, um den inneren Frieden und ein gutes Leben nach dem Tode zu finden. Du hast ein offenes Gesicht und eine gute Haltung. Deshalb glaube ich, daß dir unser Gott gefallen wird. Sprich aber nicht ohne guten Grund zu anderen über ihn.«
Im Saal war bereits eine große Schar alter und jüngerer Männer versammelt. Unter ihnen erkannte ich zu meiner Verblüffung einige Kriegstribunen und Zenturionen von der Prätorianergarde. Viele waren Veteranen und Invaliden. Sie trugen alle reine Kleidung und das heilige Zeichen des Mithras je nach dem Einweihungsgrad, den sie erreicht hatten. Militärischer Rang und persönliches Vermögen schienen nicht viel zu bedeuten. Barbus erklärte mir, daß die reicheren Eingeweihten den Ochsen stifteten, wenn ein tapferer, unbescholtener Veteran mit Ochsenblut eingeweiht wurde. Er selbst begnügte sich mit dem Grad des Raben, weil er nicht immer ein Leben ohne Tadel geführt und es mit der Wahrheit oft nicht allzu genau genommen hatte.
Es war so dämmerig in dem unter der Erde gelegenen Saal, daß ich viele Gesichter nicht erkennen konnte. Ich sah jedoch einen Altar mit dem Bild eines Gottes, der einen Stier tötete. Er trug eine Krone auf dem Haupt. Dann wurde es still. Der Älteste der Versammlung begann heilige Texte herzusagen, die er auswendig konnte. Er sprach lateinisch, und ich verstand nur die Bedeutung einiger der heiligsten Worte nicht, begriff aber, daß nach dieser Lehre ein ständiger Kampf zwischen Licht und Dunkelheit, Gut und Böse „ausgetragen wurde. Schließlich verlosch auch das letzte Licht. Ich vernahm ein geheimnisvolles Plätschern und ein silbrig klingendes Glöckchen. Viele seufzten tief, und Barbus packte mich am Arm. Licht, das aus verborgenen Öffnungen in den Wänden fiel, erhellte die Krone des Gottes und dann das ganze Bild.
Mehr will ich über die Mysterien nicht berichten. Ich überzeugte mich davon, daß die Mithrasanbeter voll ernster Frömmigkeit waren und fest an ein künftiges Leben glaubten. Nach dem Sieg des Lichts und der guten Mächte wurden die Fackeln im Saal wieder angezündet, und wir nahmen ein anspruchsloses Mahl ein. Die Anwesenden waren heiter und wie von einer Last befreit, ihre Gesichter leuchteten vor Freude, und sie sprachen freundlich und ohne Rücksicht auf Rang oder Einweihungsgrad miteinander. Das Mahl bestand aus zähem Ochsenfleisch und dem billigen, sauren Wein, den man in den Lagern bekommt.
Den frommen Gesängen und dem übrigen Gerede entnahm ich, daß diese ehrlichen, wenn auch einfachen Männer aufrichtig nach einem untadeligen Leben strebten. Die meisten waren Witwer oder unverehelicht und suchten Trost und Schutz bei ihrem siegreichen Sonnengott und im Beisammensein mit Gleichgesinnten. Zumindest fürchteten sie keine Zauberei und glaubten an keine anderen Vorzeichen als an ihre eigenen.
Ich fand, daß diese Gesellschaft Barbus nur nützen konnte, aber mich selbst sprachen diese Zeremonien nicht an. Vielleicht fühlte ich mich zu gebildet und zu jung unter diesen ernsten, älteren Männern. Zuletzt begannen sie übrigens Geschichten zu erzählen, aber es waren die gleichen Geschichten, die man auch ohne Zeremonien an allen Grenzen des Römischen Reiches an den Lagerfeuern zu hören bekommt. Ich suchte den Tempel nicht mehr auf.
Doch die Unruhe verließ mich nicht. Bisweilen nahm ich den schäbigen Holzbecher aus meiner verschlossenen Truhe, streichelte ihn und dachte an meine griechische Mutter, die ich nicht gekannt hatte. Zuletzt trank ich, um ihrer zu gedenken, ein wenig Wein aus dem Becher und errötete dabei über meinen Aberglauben. Es war mir in solchen Augenblicken, als fühlte ich die gute, zärtliche Nähe meiner Mutter, aber ich scheute mich, mit jemandem darüber zu sprechen.
Ich begann mich mit schonungslosen Reitübungen zu quälen, denn ich glaubte, größere Befriedigung zu verspüren, wenn ich ein schwer zu reitendes Pferd unter mir hatte, als wenn ich eine Nacht bei Claudia zubrachte und ohne Unterlaß mit ihr stritt. Jedenfalls konnte ich so mein schlechtes Gewissen und meine Selbstvorwürfe zum Schweigen bringen.
Der junge Lucius Domitius zeichnete sich nach wie vor auf dem Reitfeld aus, aber sein höchstes Glück war es, auf einem gut dressierten Pferd schön zu reiten. Er war der Erste unter den jungen Rittern, und Agrippina zuliebe beschlossen wir anderen Mitgliedern des Ritterstandes, ihm zu Ehren eine neue Goldmünze prägen zu lassen. Claudius hatte ihn übrigens noch vor Ablauf eines Jahres adoptiert.
Auf die eine Seite der Münze ließen wir sein feingeschnittenes Knabenprofil prägen und um das Bildnis herum seinen neuen Adoptivnamen: »Für Nero Claudius Drusus und zur Erinnerung an seinen Großvater Germanicus, den Bruder des Claudius.« Die Inschrift auf der anderen Seite lautete: »Die Ritterschaft freut sich ihres Führers.« In Wirklichkeit bezahlte Agrippina diese Münze, die als Erinnerungsgabe in allen Provinzen ausgeteilt wurde, zugleich aber, wie alle im Tempel der Juno Moneta geprägten Goldmünzen, vollgültiges Zahlungsmittel war. Natürlich verstand es Agrippina, eine kleine politische Demonstration zugunsten ihres Sohnes zu veranstalten. Von ihrem zweiten Gatten, Pasienus Crisus, der nur kurze Zeit Lucius Domitius’ Stiefvater gewesen war, hatte sie ein Vermögen von zweihundert Millionen Sesterze geerbt, das sie in ihrer Stellung als Gemahlin des Kaisers und Vertraute des Verwalters der Staatskasse geschickt zu vermehren wußte.
Der Zuname Germanicus war älter und ehrenvoller als der des Britannicus, den wir seiner Fallsucht und Pferdescheu wegen nicht mochten. Sogar über seine Geburt gingen gewisse Geschichten um, da Kaiser Gajus seinerzeit die siebzehnjährige Messalina gar zu rasch mit dem verlebten Claudius vermählt hatte.
Als Freund des Lucius Domitius nahm ich an dessen Adoptionsfest und den damit verbundenen Opferfeiern teil. Ganz Rom war der Meinung, daß er seine neue Stellung auf Grund seiner kaiserlichen Abstammung und seines eigenen angenehmen Wesens verdiente. Wir nannten ihn von diesem Tage an nur noch Nero. Den Adoptivnamen wählte Claudius zur Erinnerung an seinen eigenen Vater, den jüngeren Bruder des Kaisers Tiberius.
Lucius Domitius oder Nero war von allen jungen Römern, die ich kannte, der begabteste. Er war sowohl körperlich als auch geistig reifer als seine Altersgenossen. Er rang gern und besiegte alle, obgleich gesagt werden muß, daß es, bei der allgemeinen Bewunderung, die er genoß, niemand ernstlich darauf anlegte, ihn zu besiegen, um sein empfindliches Gemüt nicht zu kränken. Nero konnte noch immer zu weinen beginnen, wenn seine Mutter oder sein Rhetor Seneca ihn zu streng tadelten. Er wurde von den vornehmsten Lehrern Roms unterrichtet, und sein Lehrer in der Redekunst war Seneca. Ich mochte meinen jungen Freund Nero gut leiden, obwohl ich oft genug bemerkte, daß er geschickt und durchaus glaubwürdig log, wenn er etwas angestellt hatte, was Seneca tadelnswert fand. Doch wer tut das nicht! Außerdem war es nicht möglich, Nero lange böse zu sein.
Agrippina sorgte dafür, daß Nero an den offiziellen Mählern des Claudius teilnahm und im gleichen Abstand wie Britannicus am Fußende von dessen Liegesofa saß. Auf diese Weise konnten die Vornehmen Roms wie auch die Gesandten aus den Provinzen ihn kennenlernen und die beiden Knaben miteinander vergleichen: den aufgeweckten, liebenswürdigen Nero und den mürrischen Britannicus. Agrippina lud die Söhne der vornehmen Familien Roms der Reihe nach an den Tisch der beiden Knaben. Nero übernahm die Rolle des Gastgebers, und Seneca leitete die Unterhaltung, indem er jedem ein Thema stellte, über das er zu reden hatte. Ich glaube, er gab Nero sein Thema im voraus und half ihm bei der Ausarbeitung, denn Nero zeichnete sich jedesmal durch seine gewandte, schöne Sprache aus.