Ich wurde oft eingeladen, denn mindestens die Hälfte der Gäste trug schon die Toga, und Nero schien mich aufrichtig gern zu haben. Bald war ich es jedoch müde, immer wieder zu hören, wie die Redner ihren Vortrag mit denselben abgedroschenen Versen des Vergil oder Horaz oder mit Zitaten aus den Werken griechischer Dichter aufputzten. Deshalb begann ich mich auf diese Einladungen dadurch vorzubereiten, daß ich Senecas Werke las und mir seine Lieblingssentenzen über die Beherrschung des Zorns, die Kürze des Lebens und die unerschütterliche Ruhe des Weisen unter allen Schicksalsschlägen einprägte.
Als ich Seneca kennenlernte, empfand ich hohe Achtung vor ihm, denn es gab nichts auf der Welt, worüber er nicht mit seiner vorzüglich geschulten Stimme ein paar kluge, wohlüberlegte Worte zu sagen wußte. Nun wollte ich jedoch erproben, ob die Unerschütterlichkeit des Weisen auch größer war als die natürliche Eitelkeit des Menschen.
Selbstverständlich durchschaute Seneca mein Spiel, denn er war nicht dumm, aber es gefiel ihm offensichtlich, seine eigenen Gedanken im Verein mit denen der Großen der Vergangenheit ausgesprochen zu hören. Ich war noch dazu so durchtrieben und nannte nie seinen Namen, wenn ich ihn zitierte, denn das wäre eine gar zu grobe Schmeichelei gewesen, sondern sagte nur: »Ich las unlängst irgendwo …« oder: »Ich muß immer an folgenden Ausspruch denken …«
Nero machte den Stimmbruch durch, unter dem er sehr litt, und erhielt mit vierzehn Jahren die Toga. Das Opfer für Jupiter vollzog er als ein ganzer Mann, und er sagte die Opferlitaneien auf, ohne zu stottern und sich zu wiederholen. Die Leberschau ergab nur die günstigsten Vorzeichen. Nero lud die Jugend Roms zu einem großen Gastmahl, und der Senat beschloß einstimmig, daß er den Konsulsrang erhalten sollte, sobald er zwanzig war. Damit, nämlich als zukünftiger Konsul, bekam er unmittelbar Sitz und Stimme im Senat. Von Rhodos, der berühmten Insel der Philosophen, kamen Gesandte und baten um die Wiederherstellung der Freiheit und Selbstverwaltung der Insel. Ich weiß nicht, ob Claudius nicht ohnehin schon milder gegen die Bewohner von Rhodos gestimmt war. Jedenfalls war Seneca der Ansicht, daß dies die denkbar günstigste Gelegenheit für Nero sei, seine erste Rede in der Kurie zu halten. Mit Senecas Hilfe bereitete sich Nero in aller Heimlichkeit sorgfältig vor.
Mein Vater erzählte mir, daß er seinen Ohren nicht traute, als Nero nach der Rede der Gesandten und einigen sarkastischen Bemerkungen von Seiten der Senatoren plötzlich aufstand und »Ehrwürdige Väter!« rief. Alle wachten auf und blickten ihn erwartungsvoll an. Als Claudius durch ein Kopfnicken seine Zustimmung gegeben hatte, stieg Nero auf die Rednertribüne und sprach mit leidenschaftlicher Begeisterung von der ruhmreichen Geschichte der Insel Rhodos, ihren berühmten Philosophen und den großen Römern, die auf Rhodos ihre Bildung vollendet hatten. »Hat nicht die rosenduftende Insel der Weisen, der Gelehrten, der Dichter und Redner genug für ihren Irrtum gebüßt, und wird dieser nicht durch ihre Berühmtheit wiedergutgemacht!« Und so fort.
Als er geendet hatte, sahen alle Claudius an wie einen Verbrecher, da er es ja gewesen war, der dieser Insel die Freiheit geraubt hatte. Claudius fühlte sich schuldbewußt, und Neros Beredsamkeit hatte ihn erschüttert. »Starrt mich nicht an wie Kühe einen neuen Zaun«, knurrte er unwillig. »Faßt einen Beschluß. Ihr seid ja der römische Senat.«
Man schritt zur Abstimmung, und Neros Begnadigungsantrag erhielt nahezu fünfhundert Stimmen. Mein Vater meinte, am besten habe ihm Neros Bescheidenheit gefallen, denn als Antwort auf alle Glückwünsche sagte er nur: »Lobt nicht mich. Lobt meinen Lehrer.« Mit diesen Worten trat er auf Seneca zu und umarmte ihn. Seneca lächelte und sagte so laut, daß es alle hörten: »Nicht einmal der beste Rhetor könnte aus einem unbegabten Jüngling einen guten Redner machen.«
Die älteren unter den Senatoren lehnten jedoch Seneca ab, einmal wegen seines weltmännischen Auftretens und zum andernmal, weil sie meinten, der strenge Stoizismus der Alten sei in seinen Schriften zu eitler Schaumschlägerei geworden. Es hieß auch, er sei gar zu sehr darauf bedacht, schöne Knaben als Schüler zu gewinnen, doch das lag, glaube ich, nicht an Seneca allein, denn Nero verabscheute die Häßlichkeit in dem Grade, daß ein entstelltes Gesicht oder ein auffälliges Muttermal ihm die Eßlust verderben konnte. Mir selbst trat Seneca jedenfalls niemals nahe, und er verbot sogar dem zärtlichkeitsbedürftigen Nero, ihn zu küssen.
Nach seiner Ernennung zum Prätor führte Seneca hauptsächlich Zivilprozesse, die an sich beschwerlicher und schwieriger waren als Strafprozesse, da es dabei zumeist um Grundstücke, Besitzrechte, Scheidungen und Testamente ging. Er selbst sagte, es gehe ihm wider die Natur, einen Menschen zur Prügelstrafe oder zum Tode zu verurteilen. Als er bemerkte, daß ich mir jeden seiner Prozesse anhörte, sprach er mich eines Tages nach einer Verhandlung an und sagte: »Du bist begabt, Minutus Lausus. Du beherrscht neben der lateinischen Sprache die griechische und bekundest für Rechtsfragen das Interesse, das einem echten Römer ansteht. Möchtest du nicht mein Gehilfe werden und beispielsweise unter meiner Anleitung im Archiv Präjudizfälle und vergessene Verordnungen heraussuchen?«
Ich errötete vor Freude und Eitelkeit und antwortete, ein solcher Auftrag wäre mir eine große Ehre. Seneca machte eine säuerliche Miene und bemerkte: »Du verstehst, hoffe ich, daß mancher ein Auge aus seinem Kopf dafür geben würde, wenn er eine solche Gelegenheit erhielte, sich vor seinen Mitbewerbern um Beamtenstellen auszuzeichnen.«
Das verstand ich natürlich, und ich versicherte ihm, daß ich ihm für diese unvergleichliche Gunst ewig Dank wissen werde. Er schüttelte den Kopf. »Du weißt, daß ich für römische Begriffe kein reicher Mann bin. Ich baue mir gerade ein Haus, und wenn es fertig ist, will ich mich wieder verheiraten, um den Verleumdungen ein Ende zu machen. Du verfügst ja wohl selbst über dein Eigentum und kannst mir ein Entgelt für meine juristischen Belehrungen zahlen?«
Ich rang vor Verblüffung nach Atem und bat ihn, mir meinen Unverstand zu verzeihen. Auf meine Frage, wieviel er verlange, lächelte Seneca, klopfte mir auf die Schulter und sagte: »Es ist vielleicht das klügste, du berätst dich mit deinem reichen Vater Marcus Mecentius.«
Ich suchte meinen Vater unverzüglich auf und fragte ihn, ob beispielsweise zehn Goldstücke ein unziemlich großes Geschenk für einen Philosophen seien, der die Genügsamkeit und ein einfaches Leben liebt. Mein Vater lachte hellauf und rief: »Ich kenne Senecas bescheidene Gewohnheiten. Laß mich nur machen, und kümmere dich nicht mehr um die Sache.« Später hörte ich, daß er Seneca tausend Goldstücke oder, mit anderen Worten, einhunderttausend Sesterze schickte, was für meine Begriffe eine ungeheuerliche Summe war. Seneca nahm jedoch keinen Anstoß, ja er behandelte mich womöglich noch freundlicher als zuvor, um zu zeigen, daß er meinem Vater diese geschmacklose Übertreibung, die nur einem Emporkömmling einfallen konnte, verzieh.
Ich arbeitete mehrere Monate als Senecas Gehilfe im Prätorium. Er war unbedingt gerecht in seinen Urteilen, die genau überlegt waren. Keinem Advokaten gelang es, ihn durch Beredsamkeit irrezuführen, denn er war selbst der hervorragendste Redner seiner Zeit. Trotzdem streuten einige, die ihren Prozeß verloren hatten, das Gerücht aus, er habe sich bestechen lassen; doch das wird freilich jedem Prätor nachgesagt. Seneca selbst versicherte, er habe niemals vor dem Urteilsspruch Geschenke angenommen. »Andererseits«, meinte er, »ist es ganz natürlich, daß sich der Gewinner eines Prozesses, in dem es etwa um das Besitzrecht an einem Grundstück im Werte von einer Million Sesterze ging, dem Richter erkenntlich zeigt, denn kein Beamter kann vom bloßen Prätorensold leben und während seiner Amtszeit auch noch Gratisvorstellungen im Theater bezahlen.«