Es war wieder Frühling geworden. Das frische Grün, die wärmende Sonne und die Zitherklänge lenkten unsere Gedanken von den trockenen, geschraubten juristischen Texten ab und zu den leichtsinnigen Versen des Ovid und des Properz hin, und ich sann immer häufiger darüber nach, was ich mit Claudia beginnen sollte. Nach und nach kam ich zu der Überzeugung, daß Agrippina der einzige Mensch sei, der eine gute und gerechte Lösung finden könnte. Mit Tante Laelia konnte ich nicht über Claudia sprechen, und noch weniger mit Tullia. An einem schönen Abend, als die Wolken über Rom goldrot glühten, bot sich mir endlich die erhoffte Gelegenheit. Nero nahm mich in die Gärten auf dem Pincius mit, und dort trafen wir seine Mutter, die den Gärtnern Anweisungen für die Frühjahrsarbeit gab. Ihr Gesicht strahlte vor Freude, wie immer, wenn sie mit ihrem schönen Sohn zusammentraf. Mich fragte sie mütterlich: »Was drückt dich, Minutus Manilianus? Du siehst aus, als hättest du einen heimlichen Kummer. Dein Blick ist unstet, und du wagst mir nicht in die Augen zu sehen.«
Ich wagte es doch, und ihre Augen waren so klar und allwissend wie die einer Göttin. Ich fragte stammelnd: »Erlaubst du wirklich, daß ich von einer großen Sorge mit dir spreche?«
Sie führte mich freundlich ein Stück von den Gärtnern und den zur Erde gebückten Sklaven fort und bat mich, aufrichtig und ohne Furcht zu sprechen. Ich erzählte ihr von Claudia, aber schon bei meinen ersten Worten richtete sie sich steif auf, obwohl sich kein Muskel in ihrem ruhigen Antlitz verzog.
»Plautia Urgulanillas Ruf war bedenklich«, erinnerte sie sich. »In meiner Kindheit kannte ich sie sogar, obgleich ich wünsche, ich hätte sie nie gesehen. Wie ist es möglich, daß du mit so einem Mädchen bekannt werden konntest? Soviel ich weiß, darf sie sich nicht innerhalb der Stadtmauern blicken lassen. Hütet denn dieser Bastard nicht irgendwo auf Aulus Plautius’ Gütern die Ziegen?«
Ich berichtete, wie wir zusammengetroffen waren, aber als ich mehr erzählen wollte, unterbrach mich Agrippina ständig mit neuen Fragen, um, wie sie sagte, der Sache ganz auf den Grund zu kommen. Zuletzt gelang es mir aber doch noch zu gestehen: »Wir lieben uns und möchten heiraten, wenn wir nur wüßten, wie wir es anfangen sollen.«
»Minutus, solche Mädchen heiratet man nicht«, sagte Agrippina kurz.
Ich versuchte, Claudias gute Eigenschaften zu loben, aber Agrippina hörte kaum zu. Mit Tränen in den Augen starrte sie in die blutrot über Rom untergehende Sonne, so als hätten meine Worte sie tief betrübt. Schließlich unterbrach sie mich und fragte: »Seid ihr beisammen gelegen? Sage es, wie es ist.«
Ich durfte die Wahrheit nicht verschweigen, beging jedoch den Fehler, zu sagen, daß wir miteinander glücklich waren und uns gut verstanden, was allerdings, seit wir so oft Streit hatten, nicht mehr ganz stimmte, und dann fragte ich schüchtern, ob es nicht möglich wäre, daß eine unbescholtene Familie Claudia adoptierte.
»Armer Minutus, worauf hast du dich da eingelassen?« antwortete Agrippina mitleidig. »In ganz Rom wirst du keine achtbare Familie finden, die um einen noch so hohen Preis bereit wäre, sie zu adoptieren. Und ließe wirklich eine Claudia ihren Namen tragen, so würde das nur beweisen, daß sie nicht achtbar ist.«
Ich versuchte, meine Worte so wohl zu setzen, wie ich nur vermochte, aber Agrippina war unerschütterlich. »Als Beschützerin des Ritterstandes ist es meine Pflicht, an dein Bestes zu denken und nicht nur an das arme leichtfertige Mädchen. Du bist dir nicht recht im klaren darüber, in was für einem Ruf sie steht, und ich will nichts weiter dazu sagen, da du mir in deiner Verblendung ohnehin nicht glauben würdest. Ich verspreche dir aber, daß ich über euch nachdenken werde.«
Ich sagte verwirrt, sie müsse mich falsch verstanden haben. Claudia sei weder leichtfertig noch verderbt, sonst hätte ich nie daran gedacht, mich mit ihr zu vermählen. Ich muß gestehen, daß Agrippina viel Geduld mit mir hatte. Sie fragte mich genau aus, was Claudia und ich miteinander getan hatten, lehrte mich den Unterschied zwischen Tugend und Lasterhaftigkeit im Bett und gab mir zu verstehen, daß Claudia in dieser Sache offenbar erfahrener war als ich.
»Der Gott Augustus selbst verbannte Ovid, der mit seinen sittenlosen Büchern zu beweisen versuchte, daß die Liebe eine Kunst sei«, sagte sie. »Du zweifelst doch wohl nicht an seinem Urteil! Solche Spiele gehören ins Hurenhaus, und der beste Beweis dafür ist, daß du mir nicht in die Augen sehen kannst, Minutus, ohne zu erröten.«
Ich fühlte mich trotz allem von einer schweren Bürde befreit, da ich mich der klugen, edlen Agrippina anvertraut hatte, und eilte froh aus der Stadt, um Claudia sogleich zu berichten, daß unser Schicksal in guten Händen lag. Ich hatte ihr zuvor nichts von meiner Absicht gesagt, um nicht Hoffnungen in ihr zu erwecken, die sich am Ende vielleicht als trügerisch herausstellten.
Als ich ihr aber nun von meiner Unterredung mit Agrippina berichtete, wurde sie vor Schreck so bleich, daß die Sommersprossen links und rechts von ihrer kräftigen Nase braun und häßlich auf der weißen Haut hervortraten. »Minutus, Minutus, was hast du da angerichtet!« jammerte sie. »Bist du denn wirklich ganz und gar von Sinnen?«
Ich war tief gekränkt, weil sie mich einer Sache wegen tadelte, die ich glaubte vortrefflich angepackt zu haben und auf die ich mich zudem nur ihr zuliebe eingelassen hatte. Es hatte nicht wenig Mut dazu gehört, mit Roms erster Dame über so heikle Dinge zu sprechen. Ich fragte Claudia, was sie gegen eine so edle Frau wie Agrippina habe, aber sie antwortete mir nicht, sondern saß nur da wie gelähmt, die Hände auf den Knien, und sah mich nicht einmal an.
Auch durch Zärtlichkeiten gelang es mir nicht, sie zum Sprechen zu bringen. Sie wies mich schroff ab, und zuletzt konnte ich mir ihr Verhalten nicht anders erklären als damit, daß sie etwas auf dem Gewissen hatte, was sie mir nicht sagen konnte oder wollte. Das einzige, was ich endlich von ihr zu hören bekam, war, daß es keinen Sinn habe, mir irgend etwas zu erklären, wenn ich so einfältig sei, einer Frau wie Agrippina zu vertrauen.
Ich verließ Claudia im Zorn, denn sie selbst hatte unserem für mich so angenehmen Verhältnis durch ihr ständiges Gerede von der Zukunft und von der Ehe ein Ende bereitet. Als ich schon ein Stück gegangen war, erschien sie in der Tür ihrer Hütte und rief mir nach: »Sollen wir so auseinandergehen, Minutus? Hast du kein gutes Wort für mich? Wir sehen uns vielleicht nie wieder.«
Ich war enttäuscht, weil sie sich nicht, wie bei früheren Versöhnungen, meinen Liebkosungen ergeben hatte, und antwortete zornig: »Beim Herkules, ich hoffe, ich brauche dich nie wiederzusehen!«
Als ich an der Tiberbrücke angekommen war, bereute ich meine Worte, aber mein Stolz hinderte mich daran, zu ihr zurückzukehren.
Ein Monat verging, ohne daß sich etwas Besonderes ereignete. Eines Tages nahm Seneca mich beiseite und sagte: »Du bist nun zwanzig Jahre alt, Minutus Lausus, und es ist an der Zeit, daß du dich, im Hinblick auf deine spätere Laufbahn, mit der Provinzverwaltung vertraut machst. Mein jüngerer Bruder wurde, wie du wissen dürftest, auf Grund seiner Verdienste für einige Jahre mit der Verwaltung der Provinz Achaia betraut. Nun schreibt er mir, daß er zu seiner Unterstützung jemanden braucht, der gesetzeskundig ist und militärische Erfahrungen besitzt. Du bist zwar noch jung, aber ich glaube dich zu kennen. Außerdem hat sich dein Vater mir gegenüber so freigebig erwiesen, daß ich meine, du vor allen anderen solltest diese ausgezeichnete Gelegenheit erhalten, dich zu verbessern. Du reist am besten so bald wie möglich. Nach Brundisium kannst du sofort fahren, und dort nimmst du das erste Schiff nach Korinth.«
Ich verstand, daß dies nicht nur ein Gunstbeweis, sondern ein Befehl war, aber ein junger Mann wie ich konnte kaum in eine bessere Provinz geschickt werden. Korinth ist eine lebensfrohe Stadt, und nicht weit davon liegt das alte Athen. Ich konnte auf meinen Inspektionsreisen all die erinnerungsträchtigen Stätten Hellas’ besuchen. Nach meiner Rückkehr in einigen Jahren durfte ich vielleicht schon auf ein Amt hoffen, auch ohne die Altersgrenze von dreißig Jahren erreicht zu haben. Daher dankte ich Seneca voll Ehrerbietung und begann mich augenblicklich auf meine Reise vorzubereiten.