Im Grunde kam mir dieser Auftrag so günstig gelegen wie nur möglich. Man wußte in Rom, daß sich die britischen Stämme wieder erhoben hatten, um zu sehen, wie weit sie es mit Ostorius treiben konnten. Vespasian wußte, woran er war, aber Ostorius war mit den Verhältnissen in Britannien noch nicht vertraut. Daher hatte ich schon befürchtet, ich könnte wieder dorthin geschickt werden, und dazu verspürte ich wenig Neigung. Sogar die Icener, bisher die friedlichsten und treuesten Bundesgenossen Roms, hatten begonnen, Ausfälle über ihren Grenzfluß zu unternehmen, und es wäre mir Lugundas wegen schwergefallen, gegen sie Krieg zu führen.
Ich glaubte, nicht reisen zu dürfen, ohne mich von Claudia verabschiedet zu haben, so schlecht sie mich auch behandelt hatte. Daher ging ich eines Tages auf die andere Tiberseite hinüber, aber Claudias Hütte war verriegelt und leer, niemand antwortete auf mein Rufen, und ihre Schafherde war fort. Ich lief verwundert zum Gut des Aulus Plautius hinüber, um mich nach ihr zu erkundigen. Dort wurde ich kühl empfangen, und niemand schien etwas über Claudia zu wissen. Es war, als dürfte man nicht einmal ihren Namen nennen.
Beunruhigt eilte ich in die Stadt zurück und suchte Tante Paulina in Plautius’ Haus auf. Die ständig in Trauer gekleidete alte Frau empfing mich noch verweinter als sonst, wollte mir aber keine Auskunft über Claudia geben.
»Je weniger du davon sprichst, desto besser«, sagte sie und musterte mich feindselig. »Du hast Claudia ins Verderben gestürzt, aber vielleicht wäre es früher oder später auch ohne dich so gekommen. Du bist noch jung, und ich kann nicht glauben, daß du weißt, was du getan hast, aber verzeihen kann ich dir darum doch nicht. Ich will zu Gott beten, daß er dir verzeiht.«
Vor so viel Geheimnistuerei befielen mich Angst und böse Ahnungen. Ich wußte nicht, was ich denken sollte. Ich fühlte mich schuldlos, da alles zwischen Claudia und mir aus ihrem eigenen freien Willen geschehen war. Doch ich hatte keine Zeit zu verlieren.
Nachdem ich mich umgekleidet hatte, eilte ich zum Palatium, um von Nero Abschied zu nehmen, der mir sagte, er beneide mich aufrichtig, weil ich an Ort und Stelle die Bildung des alten Griechenland kennenlernen dürfe. Dann nahm er mich zum Zeichen seiner Freundschaft an der Hand und führte mich zu seiner Mutter, obwohl Agrippina gerade mit dem finsteren Pallas über den Büchern der Staatskasse saß. Pallas galt als der reichste Mann in ganz Rom. Er war so hochfahrend, daß er nie mit seinen Sklaven redete, sondern seine Wünsche nur durch Handbewegungen zu erkennen gab, die alle sofort verstehen mußten.
Die Störung kam Agrippina offensichtlich ungelegen, aber wie immer erhellte sich ihre Miene, als sie Nero erblickte. Sie wünschte mir Erfolg, warnte mich vor dem Leichtsinn und sagte, sie hoffe, ich würde mir von der griechischen Bildung das Beste aneignen, aber als guter Römer zurückkehren.
Ich stammelte etwas, sah ihr in die Augen und machte eine bittende Gebärde. Sie verstand auch ohne Worte, was ich wollte. Der vornehme Freigelassene Pallas würdigte mich nicht eines Blickes, sondern raschelte nur ungeduldig mit seiner Papyrusrolle und schrieb ein paar Zahlen auf eine Wachstafel. Agrippina forderte Nero auf, zu seinem Nutzen zuzusehen, wie geschickt Pallas hohe Zahlen addierte, und führte mich in einen anderen Saal. »Es ist besser, wenn Nero nicht hört, wovon wir reden«, sagte sie. »Er ist noch ein unschuldiger Knabe, wenn er auch schon die Toga trägt.«
Das war nicht wahr, denn Nero selbst hatte sich damit gebrüstet, daß er mit einer Sklavin geschlafen und es spaßeshalber auch mit einem Knaben versucht hatte, aber das konnte ich seiner Mutter nicht sagen. Agrippina betrachtete mich mit ihrem klaren, ruhigen Blick, seufzte und sagte: »Du willst von Claudia hören. Ich möchte dich nicht enttäuschen, denn ich weiß selbst, wie schwer man diese Dinge nimmt, wenn man jung ist, und doch ist es besser für dich, man öffnet dir beizeiten die Augen, wenn es auch schmerzt. Ich habe Claudia überwachen lassen. Um deinetwillen mußte ich ja die Wahrheit über ihren Lebenswandel in Erfahrung bringen. Es kümmert mich nicht, daß sie gegen das ausdrückliche Verbot verstoßen und die Stadt betreten hat, und es ist mir auch gleichgültig, daß sie zusammen mit Sklaven an gewissen geheimen Mählern teilgenommen hat, bei denen es nicht ganz schicklich zugegangen sein soll, aber es ist unverzeihlich, daß sie sich außerhalb der Stadtmauern und ohne die unerläßliche Gesundheitsüberwachung für ein paar schäbige Münzen an Fuhrleute, Hirten und dergleichen verkaufte.«
Diese schreckliche, unglaubliche Beschuldigung verschlug mir den Atem. Agrippina sah mich mitleidig an und fuhr fort: »Der Fall wurde ohne großes Aufsehen vor dem Ordnungsgericht verhandelt, und es gab genug Zeugen, die ich dir jedoch lieber nicht nennen will, damit du dich nicht zu sehr schämen mußt. Aus Barmherzigkeit wurde Claudia nicht nach Vorschrift bestraft. Man hat sie nicht ausgepeitscht und ihr nicht einmal das Haar geschnitten. Sie wurde in ein geschlossenes Haus in einer kleinen Landstadt gebracht, wo sie bessere Sitten lernen kann. Ich sage dir nicht, wo es ist, damit du mir keine Dummheiten machst. Wenn du sie nach deiner Rückkehr aus Griechenland sehen willst, kann ich es einrichten, vorausgesetzt, daß sie sich gebessert hat, aber du mußt mir versprechen, daß du vorher keinen Versuch unternehmen wirst, mit ihr in Verbindung zu treten. Das bist du mir schuldig.«
Ihre Worte waren mir so unfaßbar, daß mir schwindelte, und ich fühlte, wie meine Knie nachgaben. Unwillkürlich erinnerte ich mich an alles, was mir an Claudia ungewöhnlich vorgekommen war, und ich dachte an ihre Erfahrenheit und Heißblütigkeit. Agrippina legte ihre schöne Hand auf meinen Arm, schüttelte den Kopf und ermahnte mich: »Prüfe dich selbst, Minutus. Allein deine jugendliche Eitelkeit hindert dich daran, augenblicklich zu erkennen, wie grausam du hintergangen wurdest. Zieh die Lehre aus dem Geschehenen, und schenke verderbten Frauen und ihren Einflüsterungen nicht mehr soviel Glauben. Es war dein Glück, daß du dich noch rechtzeitig aus ihrer Umgarnung retten konntest, indem du dich an mich wandtest. Wenigstens darin hast du klug gehandelt.«
Ich starrte sie an und versuchte, in ihrem schönen Gesicht mit der zarten Haut und in ihren klaren Augen das geringste Anzeichen von Unsicherheit zu entdecken. Sie streichelte meine Wange und bat: »Sieh mir in die Augen, Minutus Lausus. Wem glaubst du mehr: mir oder diesem gewöhnlichen Mädchen, das dein blindes Vertrauen so grausam enttäuschte?«
Sowohl meine gesunde Vernunft als auch meine verwirrten Gefühle sagten mir, daß ich dieser gütigen Frau, der Gemahlin des Kaisers, mehr glauben müsse als Claudia. Ich senkte den Kopf, denn heiße Tränen der Enttäuschung stiegen mir in die Augen. Agrippina drückte mein Gesicht an ihren weichen Busen, und plötzlich spürte ich bei all meinem überschwenglichen Schmerz ein heißes Zittern in meinem Körper und errötete noch mehr über mich selbst.
»Ich bitte dich, mir nicht jetzt zu danken, obwohl ich viel für dich in einer Sache getan habe, die mich anekelte«, flüsterte sie mir ins Ohr, so daß ich ihren warmen Atem fühlte und noch heftiger zu zittern begann. »Ich weiß, du wirst mir später danken, wenn du Zeit gehabt hast nachzudenken. Ich habe dich aus der schlimmsten Gefahr errettet, die einem Jüngling an der Schwelle zum Mannesalter begegnen kann.«
Aus Furcht vor Augenzeugen schob sie mich von sich und schenkte mir noch einmal ein warmes Lächeln. Mein Gesicht war so heiß und von Tränen naß, daß ich es niemandem zeigen mochte. Agrippina schickte mich durch eine Hintertür aus dem Palast. Ich ging mit gesenktem Kopf und über die weißen Pflastersteine stolpernd die steile Gasse der Siegesgöttin hinunter.