V
KORINTH
Korinth ist eine Weltstadt – von allen Städten der Welt die lebhafteste und lebensfrohste, wie die Korinther selbst versichern. Mummius zerstörte sie vor zweihundert Jahren bis auf die Grundmauern, aber in unseren Tagen hat diese aus der Asche auferstandene Stadt dank der klugen Voraussicht des Gottes Julius Caesar wieder eine halbe Million Einwohner, die aus allen Ländern der Welt stammen. Von der Akropolis aus sieht man die Straßen bis in die späte Nacht hinein in hellem Licht erstrahlen, und mit seinem bunten Treiben ist Korinth für einen jungen Mann, der bitter über seine eigene Leichtgläubigkeit nachgrübelt, ein heilsamer Erholungsort. Mein Diener Hierax dagegen muß es oft bereut haben, daß er mich auf dem Sklavenmarkt in Rom mit Tränen in den Augen flehentlich gebeten hat, ihn zu kaufen. Er konnte lesen und schreiben, massieren, kochen und mit den Händlern feilschen und sprach Griechisch und gebrochen Latein. Er bat mich, den Preis nicht allzusehr zu drücken, da sein Hausvater sich nur widerstrebend und der Not gehorchend von ihm trennte, weil er auf Grund eines ungerechten Gerichtsurteils in Geldschwierigkeiten geraten war. Ich begriff, daß Hierax eine Provision erhielt, wenn es ihm durch seine Zungenfertigkeit gelang, den Preis in die Höhe zu treiben, aber in meiner damaligen Gemütsverfassung war ich ohnehin nicht zum Feilschen aufgelegt.
Hierax hoffte natürlich, einen jungen, freundlichen Herrn zu bekommen, und fürchtete, er könnte in ein sparsam geführtes Haus voll alter Geizkragen geraten. Mein Trübsinn und meine Schweigsamkeit lehrten auch ihn schweigen, so schwer es ihn ankam, denn er war ein echt griechischer Schwätzer. Mich konnte nicht einmal die Schiffsreise zerstreuen, und ich mochte mit niemandem sprechen. Daher gab ich Hierax meine Anweisungen nach der Art des Pallas nur mit Gesten. Er diente mir nach bestem Vermögen, vermutlich weil er fürchtete, hinter meinem finsteren Äußeren verberge sich ein im Grunde grausamer Herr, der sein Vergnügen daran fand, einen Sklaven zu züchtigen.
Hierax war als Sklave geboren und erzogen worden. Kräftig war er nicht, aber ich kaufte ihn, um nicht länger suchen zu müssen und weil er kein sichtbares Gebrechen hatte. Sogar seine Zähne waren gesund, obwohl er schon dreißig Jahre alt war. Natürlich nahm ich an, daß er irgendeinen anderen, verborgenen Fehler hatte, da er wieder verkauft worden war, aber in meiner Stellung konnte ich nicht ohne Diener reisen. Anfangs war er mir eine rechte Plage. Sobald ich ihn aber gelehrt hatte, zu schweigen und ebenso düster dreinzublicken wie ich selbst, kümmerte er sich ordentlich um mein Reisegepäck, meine Kleidung und meine Mahlzeiten, und er verstand es sogar, mir meinen immer noch weichen Bart zu scheren, ohne mich allzu oft zu schneiden.
In Korinth war er früher schon einmal gewesen, und er verschaffte uns Unterkunft in einer Herberge in der Nähe des Neptuntempels, die den Namen »Schiff und Laterne« führte. Es entsetzte ihn, daß ich nicht unverzüglich in den Tempel eilte, um ein Dankopfer für den glücklichen Ausgang der gefährlichen Seereise darzubringen, sondern als erstes zum Forum ging, um mich beim Prokonsul zu melden.
Der Sitz des Prokonsuls in Achaia war ein stattliches Gebäude mit einem Säulenportal. Der äußere Hof war von einer Mauer mit einem Wachhaus umgeben. Die beiden Legionäre, die vor dem Tor auf Posten standen, stocherten sich in den Zähnen, schwatzten mit den Vorübergehenden und hatten Schild und Lanze an die Mauer gelehnt. Sie schielten spöttisch nach meiner schmalen roten Borte, ließen mich aber ohne Fragen ein.
Der Prokonsul Lucius Annaeus Gallio empfing mich auf griechische Art gekleidet, nach Salben duftend und mit einem Blütenkranz auf dem Haupt, als wäre er im Begriff, zu einem Fest zu gehen. Er machte mir einen gutmütigen Eindruck und Keß sofort Wein aus Samos bringen, während er den Brief seines älteren Bruders Seneca und das andere Schreiben las, das ich ihm als Kurier des Senats überreicht hatte. Ich ließ meinen Glasbecher halb geleert stehen und verlangte nicht nach mehr Wein, da ich die ganze Welt, in der ich zu meinem Unglück geboren worden war, tief verachtete und überhaupt von den Menschen nichts Gutes mehr glauben mochte.
Als Gallio seine Briefe gelesen hatte, sah er mich ernst und aufmerksam an. »Ich glaube, du trägst die Toga am besten nur bei den Gerichtssitzungen«, schlug er mir vorsichtig vor. »Wir müssen bedenken, daß Achaia Achaia ist. Seine Zivilisation ist älter oder jedenfalls in unvergleichlich höherem Maße geistig als die römische. Die Griechen leben nach ihren eigenen Gesetzen und sorgen selbst für die Aufrechterhaltung der Ordnung. Rom verfolgt in Achaia eine Politik der Nichteinmischung. Wir lassen den Dingen ihren Lauf, solange man uns nicht ausdrücklich bittet einzuschreiten. Verbrechen gegen das Leben sind eine Seltenheit. Am meisten machen uns, wie in allen Hafenstädten, die Diebe und Betrüger zu schaffen. Amphitheater gibt es in Korinth keines, aber einen prächtigen Zirkus mit Wagenrennen. Die Theater sind jeden Abend geöffnet, und alle anderen Vergnügungen, die für einen anständigen jungen Mann in Frage kommen, gibt es im Übermaß.«
Ich antwortete verdrossen: »Ich bin nicht nach Korinth gekommen, um mich zu unterhalten, sondern um mich auf die Beamtenlaufbahn vorzubereiten.«
»Gewiß, gewiß«, stimmte Gallio mir bei. »Mein Bruder schreibt es mir in seinem Brief. Vielleicht meldest du dich zuerst einmal beim Kohortenführer unserer Garnison. Er ist ein Rubrius, behandle ihn also höflich. Im übrigen kannst du dafür sorgen, daß der Waffendienst wieder ernstgenommen wird. Die Leute sind unter seinem Kommando nachlässig geworden. Später gehst du dann auf Reisen und inspizierst die anderen Garnisonen. Viel sind es ohnehin nicht. Athen und gewisse andere heilige Städte betritt man aber tunlichst nicht in militärischem Aufzug. Die zerlumpte Kleidung des Philosophen ist dort eher am Platze. Einmal in der Woche halte ich hier vor dem Haus Gericht, und da mußt du natürlich zugegen sein. Die Sitzungen beginnen nicht zeitig am Vormittag, sondern am Nachmittag. Man muß sich an die Sitten des Landes halten, in das man kommt. Aber jetzt will ich dich durch das Haus führen und dich mit meinen Kanzleivorstehern bekanntmachen.
Freundlich plaudernd stellte er mich seinem Kassenverwalter und seinem Juristen, dem Vorsteher der Steuerbehörde für Achaia und dem römischen Handelsdelegierten vor.
»Ich würde dich gern in meinem Haus wohnen lassen«, sagte Gallio, »aber es ist für Rom vorteilhafter, wenn du dir in der Stadt eine Bleibe suchst, entweder in einer guten Herberge oder in einem eigenen Haus. Du kommst auf diese Weise mit der Bevölkerung in Berührung und lernst ihre Sitten, ihre Wünsche und Beschwerden kennen. Denk immer daran, daß wir Achaia äußerst behutsam anfassen müssen. Ich erwarte gerade einige Gelehrte und Philosophen zum Mittagessen und würde dich gern mit einladen, aber ich sehe, daß du von der Reise erschöpft bist und daß das Essen dir nicht schmecken würde, nachdem dir nicht einmal mein Wein zugesagt hat. Ruhe dich zuerst von deinen Anstrengungen aus, lerne die Stadt ein wenig kennen und melde dich dann bei Rubrius, wann es dir beliebt. Es eilt keineswegs.«
Zuletzt stellte mich Gallio auch seiner Gattin vor. Sie war in einen goldgestickten griechischen Mantel gekleidet und trug Sandalen aus vergoldetem Leder an den Füßen und einen Goldreif in ihrem kunstvoll aufgesteckten Haar. Sie blickte schelmisch zuerst mich und dann Gallio an, wurde ernst und begrüßte mich mit einer so trüb und düster klingenden Stimme, als drückten sie alle Sorgen der Welt, schlug sich plötzlich die Hand vor den Mund, kicherte und lief davon.
Ich fand, daß die aus Spanien gebürtige Helvia bei all ihrer Schönheit doch noch sehr kindisch war. Gallio unterdrückte ein Lächeln, blickte seiner Gattin erst nach und bestätigte mir meine eigene Meinung: »Ja, Lausus, sie ist zu jung und kann die Pflichten, die ihre Stellung ihr auferlegt, noch nicht ernst nehmen. Zum Glück ist das hier in Korinth nicht weiter von Bedeutung.«