Danach gab er mir noch einige vorsichtige Ratschläge: »Denk immer daran, daß Korinth eine griechische Stadt ist, wenn sie auch von Menschen aus vielen anderen Ländern bewohnt wird. Militärische Verdienste gelten hier nicht viel. Wichtiger ist es, die richtigen Umgangsformen zu haben. Sieh dich erst einmal um und stelle dann selbst eine Dienstordnung auf, aber strenge mir meine Leute nicht über Gebühr an.«
Damit wurde ich entlassen. Auf dem Hof stand der Zenturio und fragte mich mit einem gehässigen Blick: »Nun, hast du Bescheid bekommen?«
Ich sah zwei Legionäre aus dem Tor bummeln, die ihre Schilde auf dem Rücken und die Lanzen über der Schulter trugen, und hörte den Zenturio zu meinem Entsetzen mit aller Ruhe erklären, dies sei eine Wachablösung.
»Sie sind ja nicht einmal gemustert worden!« rief ich. »Sollen sie denn wirklich so gehen, wie sie sind: mit schmutzigen Beinen und langen Haaren und ohne Begleitabteilung?«
»Hier in Korinth halten wir keine Wachparaden ab«, sagte der Zenturio ruhig. »Ich möchte dir außerdem raten, deinen Federbusch an den Nagel zu hängen und dich an den Landesbrauch zu gewöhnen.«
Er ließ mich jedoch gewähren, als ich die unteren Dienstränge zu mir rief und dafür zu sorgen befahl, daß die ganze Kaserne gereinigt und die Waffen geputzt wurden und daß die Männer sich die Barte schoren und im übrigen wieder einmal versuchten, wie Römer auszusehen. Am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang wollte ich zurück sein und Musterung halten, und ich ordnete an, den Kerker zu scheuern und frische Ruten bereitzulegen. Die kampferprobten Veteranen sahen verwundert bald mich, bald den grimmige Fratzen schneidenden Zenturio an, entschieden sich aber dafür, den Mund zu halten. Ich nahm mir immerhin den Rat, den ich erhalten hatte, zu Herzen, ließ meine Paraderüstung in der Rüstkammer und kehrte in einfachem Lederzeug und mit dem runden Übungshelm in meine Herberge zurück.
Hierax hatte für mich Kohl und Bohnen dünsten lassen. Ich trank Wasser dazu und zog mich so niedergeschlagen in mein Zimmer zurück, daß ich nicht die geringste Lust verspürte, die Sehenswürdigkeiten Korinths kennenzulernen.
Als ich in der Morgendämmerung wieder zur Kaserne ging, bemerkte ich gleich, daß während meiner Abwesenheit einiges geschehen war. Die Posten am Tor nahmen Haltung an, streckten die Lanzen und grüßten mich mit einem lauten Ruf. Der Oberzenturio war übungsmäßig gekleidet. Er jagte die verschlafenen Männer zur Morgenwäsche an die Wassertröge und brüllte sie mit heiserer Stimme an. Der Barbier war vollauf beschäftigt, auf dem rußigen Altar prasselte ein Feuer, und der Hof roch wieder nach Militär und nicht mehr wie ein Schweinestall.
»Verzeih, daß ich kein Signal blasen ließ, als du kamst«, sagte der Zenturio spöttisch. »Rubrius legt Wert auf einen ungestörten Morgenschlaf. Nun übernimmst du wohl am besten den Befehl, und ich sehe zu. Die Männer warten schon auf ein Opfer. Ich denke, du stiftest ein paar Schweine, wenn dir ein Ochse zu teuer ist?«
Ich hatte auf Grund meiner Ausbildung wenig Erfahrung mit Schlachtopfern und fürchtete, mich der Lächerlichkeit auszusetzen, wenn ich quiekende Schweine abstach. »Das Opfer hat noch Zeit«, antwortete ich daher zornig. »Zuerst will ich sehen, ob es sich überhaupt lohnt, daß ich bleibe, oder ob ich den Auftrag nicht am besten gleich ablehne.«
Als ich sie exerzieren ließ, bemerkte ich, daß die kleine Mannschaft die Übungen beherrschte und ordentlich marschieren konnte, wenn sie nur wollte. Beim Laufschritt ging den Männern zwar bald der Atem aus, aber sie warfen ihre Speere immerhin wenigstens in die Nähe der Strohsäcke. Bei den Fechtübungen mit stumpfer Waffe fielen mir einige wirklich geschickte Fechter auf. Als zuletzt alle keuchten und schwitzten, meinte der Zenturio: »Willst du uns nicht auch deine eigene Fechtkunst vorführen? Ich bin zwar schon recht dick geworden und auch nicht mehr der Jüngste, aber ich möchte dir gern zeigen, wie wir in Pannonien das Schwert führten. Dort bekam ich nämlich den Zenturionenstab, in Carnuntum.«
Zu meiner Überraschung machte er mir schwer zu schaffen, und er würde mich zuletzt vermutlich an die Mauer gedrückt haben, obwohl ich das längere Schwert hatte, wenn ihm nicht vorzeitig der Atem ausgegangen wäre. Die Bewegung und der helle Sonnenschein brachten mich endlich wieder ein wenig zu mir, und ich begann mich meiner früheren Gereiztheit zu schämen. Ich sagte mir, daß diese Männer alle älter waren als ich und einige Jahrzehnte länger gedient hatten. Fast alle hatten einen Dienstgrad, denn es gab in einer Legion von der üblichen Stärke an die siebzig verschiedene Soldstufen, die den Zweck hatten, zu größerem Diensteifer anzuspornen.
Ich versuchte mich daher mit dem Oberzenturio auszusöhnen und sagte: »Nun bin ich bereit, einen Jungstier zu opfern. Außerdem komme ich für einen Widder auf, den du selbst opfern magst, und der älteste der Veteranen soll ein Schwein opfern. Es wird mir wohl keiner ernstlich darum grollen, daß ich eine kleine Übung abgehalten habe, damit wir uns aneinander gewöhnen!«
Der Zenturio musterte mich vom Kopf bis zu den Füßen, seine Miene hellte sich auf, und er sagte: »Ich schicke sofort meine besten Leute auf den Viehmarkt und lasse sie die Opfertiere auswählen. Und ein wenig Wein wirst du gewiß auch spendieren wollen?«
Ich konnte mich natürlich nicht weigern, am Opfermahl teilzunehmen. Die Männer wetteiferten darin, mir die besten Fleischstücke aus den Tontöpfen zu fischen, und ich mußte auch Wein trinken. Nach den Anstrengungen dieses Tages fühlte ich mich vom Fleisch allein schon berauscht, und der Wein ging mir in die Kniekehlen, da ich solange enthaltsam gelebt hatte. Nach Einbruch der Dunkelheit kam eine Anzahl Frauen in den Hof geschlichen, und ich konnte über ihr Gewerbe nicht im Zweifel sein, obwohl einige von ihnen noch verhältnismäßig jung und hübsch waren. Ich erinnere mich noch, daß ich bitterlich weinte und dem Zenturio klagte, man könne nicht einer einzigen Frau auf der ganzen Welt trauen, weil jede ein Ausbund von Falschheit und eine Falle sei. Weiter erinnere ich mich noch, daß die Soldaten mich auf ihren Schultern rund um den Hof trugen und mir zu Ehren die alten unanständigen Lobgesänge der pannonischen Legion grölten. Was dann kam, weiß ich nicht mehr.
Gegen Morgen, zur Zeit der letzten Nachtwache, erwachte ich davon, daß ich mich erbrechen mußte. Ich lag auf einer harten Holzpritsche in einer der Kammern, stand auf, preßte die Hände an den Kopf und ging auf zitternden Beinen hinaus. Die Männer lagen über den ganzen Hof verstreut, ein jeder, wo er gerade hingefallen war. Ich war in einer so elenden Verfassung, daß die Sterne am Morgenhimmel vor meinen Augen tanzten, als ich hinaufblickte. Ich wusch mich, so gut es ging, und schämte mich so über meine Aufführung, daß ich mich vielleicht in mein Schwert gestürzt hätte, wenn nicht am Abend zuvor alle scharfen Waffen weggeschlossen worden wären.
Ich schwankte durch Korinths Straßen mit ihren verlöschenden Fackeln und Pechpfannen und erreichte endlich meine Herberge. Hierax hatte die ganze Nacht gewacht und voller Sorge auf mich gewartet. Als er sah, daß ich mich kaum auf den Beinen zu halten vermochte, zog er mich aus, rieb mir die Glieder mit einem feuchten Tuch, flößte mir ein bitteres Getränk ein, bettete mich auf mein Lager und deckte mich mit einer dicken Wolldecke zu. Als ich wieder erwachte, gab er mir behutsam einige Löffel mit Wein verquirltes Eigelb ein, und ehe ich noch an mein Gelübde denken konnte, hatte ich schon eine große Portion kräftig gewürztes gedünstetes Fleisch verschlungen. Hierax seufzte erleichtert und sagte: »Ich danke allen Göttern, bekannten und unbekannten, vor allem aber deiner eigenen Glücksgöttin! Ich war in großer Sorge um dich und fürchtete schon für deinen Verstand. Es ist weder recht noch natürlich, daß ein junger Mann von deinem Rang den Kopf hängen läßt und nur noch Kohl essen und Wasser trinken will. Deshalb fiel mir eine schwere Last von meinem Rücken, als du plötzlich, nach Wein und Erbrochenem stinkend, vor mir standest, und ich erkannte, daß du dich in das Los des Menschen gefügt hast.«