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»Ich fürchte, ich darf mich in Korinth nicht mehr blicken lassen«, jammerte ich. »Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, habe ich sogar mit den einfachen Legionären zusammen den griechischen Bockstanz getanzt. Der Prokonsul Gallio wird mir einen Abschiedsbrief in die Hand drücken und mich mit Schimpf und Schande nach Rom zurückschicken, wo ich dann Schreiber oder Advokat werden kann.«

Hierax überredete mich jedoch, mit ihm auszugehen, und beteuerte, die Bewegung werde mir guttun. Wir besichtigten zusammen die Sehenswürdigkeiten Korinths, den morschen Steven des Argonautenschiffes im Neptuntempel, die Quelle des Pegasus und dessen Hufabdruck auf dem Fels daneben und anderes mehr. Hierax versuchte sogar, mich zu einem Besuch des berühmten Venustempels oben auf dem Berg zu verleiten, aber so viel Vernunft hatte ich noch, daß ich mich dem entschieden widersetzte.

Statt dessen betrachteten wir das korinthische Wunder: eine mit Talg geschmierte Holzbahn, auf der sogar große Schiffe zwischen Kenchreae und Lykaion hin- und hergeschleppt werden konnten. Man hätte meinen sollen, daß dazu Unmengen von Sklaven und unzählige Peitschenhiebe nötig seien, aber die griechischen Schiffsreeder hatten eine klug erdachte Vorrichtung aus Winden und Zahnrädern bauen lassen, mit deren Hilfe sich das Schleppen so einfach bewerkstelligen ließ, daß es aussah, als glitten die Schiffe ganz von selbst über die Bahn. Ein Seemann, der unser Interesse bemerkte, schwor bei den Nereiden, daß es bei vollem Rückenwind genüge, die Segel zu hissen. Nach dieser Wanderung fühlte ich mich erleichtert, mein Kummer verschwand allmählich, und als Hierax mir einige Abenteuer aus seinem Leben berichtete, konnte ich sogar ein paarmal lachen.

Dennoch war ich verlegen, als ich am nächsten Tag wieder in die Kaserne ging. Zum Glück war nach der Orgie alles säuberlich aufgeräumt worden, die Posten standen in guter Haltung auf ihren Plätzen, und der Dienst nahm seinen gewohnten Gang. Rubrius ließ mich zu sich rufen und erteilte mir eine schonungsvolle Verwarnung: »Du bist noch jung und unerfahren. Es besteht kein Grund, diese alten narbenbedeckten Männer dazu anzustiften, sich zu schlagen und dann die ganze Nacht hindurch betrunken zu grölen. Ich hoffe, das wird nicht mehr vorkommen. Du mußt versuchen, deine angeborene römische Roheit zu zügeln und, so gut es dir gelingt, die verfeinerten Sitten Korinths anzunehmen.«

Der Oberzenturio nahm mich, wie er es versprochen hatte, mit, um die Männer zu besuchen, die in der Kohortenrolle geführt wurden, aber in der Stadt wohnten und ein Gewerbe betrieben. Sie waren Schmiede, Gerber, Weber und sogar Töpfer, aber viele hatten einfach auf Grund ihres durch langjährigen Dienst erworbenen römischen Bürgerrechts in reiche Kaufmannsfamilien eingeheiratet und sicherten diesen besondere Vorrechte und sich selbst damit ein angenehmes Leben im Überfluß. Die Riemen ihrer Rüstung waren von Ratten zernagt, die Lanzenspitzen verrostet, die Schilde waren seit Menschengedenken nicht mehr blank geputzt worden, und nicht ein einziger war imstande, seine gesamte Ausrüstung vollständig vorzulegen.

Wohin wir kamen, bot man uns Wein und Speisen und sogar Silberstücke an. Ein Legionär, der sich auf den Parfümhandel verlegt hatte und seinen Schild nicht finden konnte, versuchte mich in ein Zimmer zu schieben, in dem ein leichtes Mädchen wartete. Als ich ihn wegen seiner Nachlässigkeit und seines unverschämten Benehmens tadelte, sagte er bitter: »Gut, gut. Ich weiß schon, was du willst. Aber wir bezahlen Rubrius schon so viel für das Recht, ein freies Gewerbe auszuüben, daß ich für deinen Beutel nicht mehr viele Drachmen übrig habe.«

Erst da verstand ich den Zusammenhang und versicherte ihm rasch, daß ich nicht gekommen war, um Bestechungsgelder zu erpressen, sondern nur, um meine Pflicht zu tun und mich zu vergewissern, daß alle in der Kohortenrolle geführten Männer wehrfähig waren und ihre Waffen bereithielten. Der Parfümhändler beruhigte sich und versprach, bei nächster Gelegenheit auf dem Trödelmarkt einen neuen Schild zu kaufen. Er erklärte sich sogar bereit, zu den Übungen zu erscheinen, wenn ich wollte, und meinte, ein wenig körperliche Betätigung würde ihm nur guttun, da er bei seinem Beruf den ganzen Tag sitzen müsse und zuviel Fett ansetze.

Ich sah ein, das es das klügste für mich war, mich nicht allzu sehr in die Angelegenheiten meines Vorgesetzten Rubrius einzumengen, vor allem da seine Schwester die vornehmste Priesterin Roms war. Der Oberzenturio ließ mit sich reden. Wir stellten zusammen eine Dienstordnung auf, die zumindest den Anschein erweckte, als wären die Männer beschäftigt. Nach der Inspektion der Wachtposten kamen wir überein, daß sie in Zukunft nach der Sonnen- und der Wasseruhr abgelöst werden sollten. Auch sollten sie nicht mehr sitzen oder liegen dürfen, und sie mußten vorschriftsmäßig gekleidet und ausgerüstet sein. Ich verstand zwar nicht, was die Doppelposten an den Stadttoren eigentlich bewachten, aber der Zenturio erklärte mir, daß die Tore seit hundert Jahren ihre Wache hatten und daß man diese nicht plötzlich abziehen konnte, ohne die Korinther zu verärgern, die durch ihre Steuern für den Unterhalt der römischen Garnison in ihrer Stadt aufkamen.

Ich kam allmählich zu der Überzeugung, daß ich meine Kriegstribunenpflichten in Korinth aufs beste versah. Die Legionäre hatten ihren ersten Groll gegen mich überwunden und grüßten mich freundlich. Als der Prokonsul Gerichtstag hielt, meldete ich mich bei ihm in der Toga. Ein griechischer Schreiber unterrichtete ihn im voraus über die zu verhandelnden Fälle, und Gallio befahl gähnend, den Richterstuhl vor das Haus zu stellen.

Als Richter war er mild und gerecht. Er fragte uns Beisitzer nach unserer Meinung, machte ab und zu einen Scherz, vernahm selbst mit aller Gründlichkeit die Zeugen und schob jeden Fall auf, der seiner Ansicht nach durch die Beweisführung der Advokaten und die Zeugenaussagen nicht völlig eindeutig geklärt wurde. Bei Streitigkeiten um Dinge, die ihn allzu geringfügig dünkten, weigerte er sich, ein Urteil zu fällen, und forderte Kläger und Beklagte auf, sich im guten zu einigen, sofern sie nicht wollten, daß er ihnen wegen Mißachtung des Gerichtes eine Geldbuße auferlegte. Nach der Gerichtssitzung lud er zu einem guten Mahl ein und erklärte mir einiges über die korinthischen Bronzen, die zu der Zeit in Rom eifrig gesammelt wurden.

Als ich, trotz allem ein wenig verstimmt wegen Gallios nüchterner Klügelei und der Gewöhnlichkeit dieses Gerichtes, in meine Herberge zurückkehrte, machte mir Hierax einen Vorschlag: »Ohne Zweifel hast du die Mittel, zu leben, wie du willst, aber es ist eine sinnlose Verschwendung, ein ganzes Jahr lang in einer Herberge zu wohnen. Korinth ist eine blühende Stadt. Du legst dein Geld am sichersten an, indem du ein eigenes Haus auf eigenem Grund erwirbst. Wenn du nicht genug Bargeld hast, kannst du als römischer Beamter bestimmt so viel Recht bekommen, wie du die Stirn hast zu verlangen.«

Ich antwortete ihm unwillig: »Ein Haus muß ständig repariert werden, mit den Dienern hat man nichts als Ärger, und als Grundbesitzer bin ich in Korinth steuerpflichtig. Warum sollte ich mir so viel Sorgen einhandeln? Es ist viel einfacher, mir eine billigere Herberge zu suchen, wenn ich wirklich glaube, daß man mir hier die Haut vom Leibe zieht.«