»Bin ich als dein Sklave nicht dazu da, dir alle deine Sorgen abzunehmen?« wandte Hierax ein. »Gib mir nur eine Vollmacht, und ich ordne alles zu deinem Besten. Du brauchst nichts anderes zu tun, als die Urkunde im Merkurtempel eigenhändig zu unterzeichnen. Schließlich wirst du Gastfreundschaft mit Gastfreundschaft erwidern müssen, und bedenke nur, was dich ein Mahl für beispielsweise sechs Personen mit Weinen hier in der Herberge kostet! Wenn du ein eigenes Haus hast, besorge ich selbst die Einkäufe auf dem Markt, kaufe den Wein zum Großhandelspreis und berate deine Köchin. Außerdem brauchst du nicht mehr gleichsam vor aller Augen zu leben, so daß jeder Fremde genau sagen kann, wann du dein Wasser abschlägst oder dir die Nase schneuzt.«
Es war viel gesunde Vernunft in dem, was Hierax sagte, und einige Tage später war ich plötzlich Eigentümer eines recht großen zweistöckigen Hauses mit einem Garten. Der Empfangssaal hatte einen schönen Mosaikboden, und Innenräume standen mir mehr zur Verfügung, als ich benötigte. Ich bemerkte, daß ich unversehens auch eine Köchin und einen griechischen Türhüter hatte. Das ganze Haus war mit alten bequemen Möbeln eingerichtet, so daß nichts neu oder neureich wirkte. Sogar ein paar griechische Hausgötter standen in Nischen zu beiden Seiten des vor Alter rußigen und Öligen Altars, und Hierax war so weit gegangen, bei einer Versteigerung einige Wachsmasken für Ahnenbilder zu erstehen, aber ich sagte ihm, ich wolle keine fremden Ahnen.
Meine ersten Gäste waren Rubrius, der Oberzenturio und Gallios griechischer Jurist. Hierax stellte einen griechischen Gelehrten an, der den Gästen Gesellschaft leisten sollte, und eine Tänzerin sowie einen Flötenspieler für die leichtere Unterhaltung. Die Speisen waren vorzüglich zubereitet. Um Mitternacht verabschiedeten sich meine Gäste im Zustand gesitteter Trunkenheit, aber später erfuhr ich, daß sie sich auf geradem Wege ins nächste Bordell hatten tragen lassen, denn von dort aus ließen sie mir eine gesalzene Rechnung schicken, um mich zu lehren, was in Korinth Brauch und Sitte sei. Ich war unvermählt, und deshalb hätte ich für jeden meiner Gäste eine Tischgenossin vom Tempelberg einladen müssen; doch in solche Sitten wollte ich mich nicht finden.
Ich weiß nicht, wie es mir noch ergangen wäre, denn Hierax tat sein Bestes, um mich behutsam und in aller Stille zu dem Hausvater zu erziehen, den er sich wünschte. Es kam jedoch der nächste Gerichtstag. Gallio hatte sich, übernächtigt von einem Fest, gerade gesetzt und die Toga über seinen Knien in gefällige Falten gelegt, als plötzlich ein hundertköpfiger Haufe Juden heranstürmte und zwei Männer, die ebenfalls Juden waren, vor den Richterstuhl stieß. Nach jüdischer Art schrien sie alle durcheinander, bis Gallio, der zuerst eine Weile lächelte, die Stimme erhob und rief, einer möge für alle sprechen. Sie berieten eine Weile, um ihre Anklage in allen Punkten festzulegen, dann trat der Vornehmste vor und sagte: »Dieser Mann verführt das Volk, Gott auf gesetzwidrige Weise zu ehren.«
Ich erschrak, weil ich befürchten mußte, auch hier, und noch dazu als Mitglied eines Gerichtes, in die Streitigkeiten der Juden mit hineingezogen zu werden. Der Angeklagte, den ich genau betrachtete, hatte einen stechenden Blick und große Ohren und bewahrte in seinem schäbigen Ziegenhaarmantel eine stolze Haltung.
Wie in einem Traum erinnerte ich mich, daß ich ihn vor vielen Jahren einmal im Hause meines Vaters in Antiochia gesehen hatte, und erschrak noch mehr, denn in Antiochia hatte er solchen Aufruhr verursacht, daß sogar die Juden, die sich zu Christus bekannten, es vorgezogen hatten, ihn aus der Stadt zu schicken, damit er anderswo Zwietracht unter den Juden säe.
Der Mann öffnete schon den Mund, um sich zu verteidigen, aber Gallio, der wohl wußte, was er zu erwarten hatte, bedeutete ihm zu schweigen und sagte zu den Juden: »Ginge es um ein Verbrechen oder eine Missetat, so würde ich euch gern geduldig anhören. Wenn ihr euch aber über euer Gesetz und eure Lehre streitet und darüber, wie ihr diese nennen wollt, so macht das unter euch aus. In dieser Sache sitze ich nicht zu Gericht.«
Dann befahl er den Juden, sich zu entfernen, wandte sich an uns Beisitzer und erklärte: »Wenn ich den Juden den kleinen Finger reichte, würde ich sie nie wieder los.«
Allem Anschein nach ließen sie ihm aber auch so keine Ruhe. Er lud uns nach der Sitzung wieder zum Essen ein, war jedoch zerstreut und versank in endlose Grübeleien. Zuletzt nahm er mich beiseite und sagte mir im Vertrauen: »Ich kenne den Mann sehr gut, den die Juden anklagen wollten. Er hält sich seit einem Jahr in Korinth auf, ist ein Zeltmacher und führt ein untadeliges Leben. Er heißt Paulus, und es wird behauptet, er habe, um seine Vergangenheit zu verbergen, seinen alten Namen abgelegt und den neuen nach dem früheren Statthalter auf Kypros, Sergius Paulus, angenommen. Auf Sergius machte seine Lehre damals tiefen Eindruck, und Sergius ist kein Narr, wenngleich er sich mit der Sterndeuterei versuchte und einen Zauberer bei sich wohnen ließ. Paulus muß daher ein bedeutender Mann sein. Ich hatte das Gefühl, daß seine stechenden Augen mitten durch mich hindurch in eine andere Welt blickten, als er da so furchtlos vor mir stand.«
»Er ist unter allen Juden der schlimmste Unruhestifter«, sagte ich. »Schon in Antiochia, als ich noch ein Kind war, versuchte er, meinen gutmütigen Vater für seine Sache zu mißbrauchen.«
»Du warst damals zweifellos noch zu jung, um seine Lehre zu verstehen«, sagte Gallio. »Bevor er nach Korinth kam, hat er auf dem Markt in Athen gesprochen. Die Athener machten sich die Mühe, ihn anzuhören, und erklärten sogar, sie wären nicht abgeneigt, ihn ein zweites Mal zu hören. Du willst doch wohl nicht klüger sein als die Athener? Ich würde ihn gern einmal heimlich zu mir bitten, um seine Lehre von Grund auf kennenzulernen, aber das könnte zu bösem Gerede Anlaß geben und die reichen Juden Korinths verärgern. Ich bin ja gezwungen, mich streng unparteiisch zu verhalten. Soviel ich weiß, hat er eine eigene Synagoge oder etwas dergleichen neben der Synagoge der Juden gegründet und unterscheidet sich von diesen zumindest dadurch angenehm, daß er sich nicht für mehr als andere hält und jeden ohne Ansehen der Person unterrichtet – Griechen sogar noch lieber als Juden.«
Gallio hatte über diese Dinge offenbar viel nachgedacht, denn er fuhr fort: »Als ich noch in Rom war, glaubte ich diese einfältige Geschichte von dem entsprungenen Sklaven namens Christus nie. Wir leben in einer Zeit, in der unsere Gedanken überall ins Leere stoßen. Von den Göttern will ich nicht reden, denn in ihrer überlieferten Gestalt sind sie nichts als Gleichnisse, mit denen sich schlichte Gemüter unterhalten mögen. Aber auch die Weisheitslehren machen den Menschen nicht besser, noch vermögen sie ihm den Frieden zu geben, das haben die Stoiker und Epikureer gezeigt. Vielleicht hat dieser elende Jude wirklich irgendein göttliches Geheimnis erfahren. Wie sollte seine Lehre sonst so viel Streit, Haß und Eifersucht unter den Juden erwecken?«
Ich will nicht alles wiedergeben, was Gallio mir in seiner Katerstimmung noch sagte. Zuletzt gab er mir aber den Befehclass="underline" »Geh zu diesem Mann, Minutus, und mache dich mit seiner Lehre bekannt. Du hast dazu die besten Voraussetzungen, denn du hast ihn schon in Antiochia kennengelernt. Im übrigen nehme ich an, daß du einiges über den Jahve der Juden und ihre Sitten und Gebräuche weißt, denn dein Vater soll in Antiochia mit großem Erfolg zwischen den Juden und dem Rat der Stadt vermittelt haben.«
Ich saß in einer Falle und kam nicht wieder heraus. Gallio hatte für alle meine Einwände taube Ohren. »Du mußt deine Vorurteile überwinden«, sagte er. »Wer die Wahrheit sucht, muß ehrlich und aufrichtig sein, sofern politische Rücksichten ihn nicht daran hindern. Zeit hast du genug, und du kannst sie dir auf schlechtere Weise vertreiben als damit, daß du das geheime Wissen dieses armen Juden und Welterlösers zu ergründen suchst.«
»Und wenn er mich durch Zauberei in seine Gewalt bringt?« fragte ich verbittert, aber Gallio fand meine Frage nicht einmal einer Antwort wert.