Выбрать главу

Ein Befehl ist ein Befehl, und ich mußte ihn nach bestem Vermögen ausführen. Es konnte für Gallio tatsächlich von Vorteil sein, volle Klarheit darüber zu erlangen, was dieser gefährliche und einflußreiche Aufwiegler lehrte. Am Tag des Saturn kleidete ich mich daher in ein einfaches griechisches Gewand, suchte die Synagoge der Juden und trat dann in das Haus nebenan. Ich sah, daß es gar keine richtige Synagoge war, sondern ein stilles Haus, das ein Stoffhändler der von Paulus gegründeten Gemeinde zur Verfügung gestellt hatte.

Der Gästeraum im oberen Stockwerk war gedrängt voll. Ich sah lauter einfache Menschen. Frohe Erwartung leuchtete in aller Augen. Sie begrüßten einander freundschaftlich und hießen auch mich willkommen, ohne nach meinem Namen zu fragen. Die meisten waren Handwerker, kleine Händler oder Sklaven, aber es gab da auch eine ganze Anzahl alter Frauen, die sich mit Silberschmuck behängt hatten. Der Kleidung nach zu urteilen, waren nur wenige der Anwesenden Juden.

Paulus erschien in Gesellschaft mehrerer Jünger. Er wurde mit Huldigungsrufen begrüßt wie der Bote eines wirklichen Gottes. Einige Frauen weinten vor Freude, als sie ihn erblickten. Er sprach mit hallender, durchdringender Stimme und steigerte sich durch seine eigenen Worte in einen solchen Eifer, daß es wie ein glutheißer Wind durch die schwitzende, dichtgedrängte Zuhörerschar ging.

Seine bloße Stimme ließ einen bis ins Mark erschauern. Ich hörte ihm aufmerksam zu und machte mir Anmerkungen auf einer Wachstafel, denn er wies gleich zu Anfang auf die heiligen Schriften der Juden hin, um durch Zitate daraus zu beweisen, daß Jesus von Nazareth, den man in Jerusalem gekreuzigt hatte, wirklich der Messias oder der Gesalbte war, dessen Kommen die Propheten vorausgesagt hatten.

Am meisten fesselte mich, daß er offen von seiner eigenen Vergangenheit sprach. Er war ohne Zweifel hoch begabt, denn er hatte in der bekannten Philosophenschule in seiner Heimatstadt Tarsos und später in Jerusalem bei berühmten Lehrern studiert. Schon in seiner Jugend war er in den höchsten Rat der Juden gewählt worden. Er berichtete, daß er ein leidenschaftlicher Anhänger des Gesetzes und Verfolger der Jünger Jesu gewesen war und sogar die Kleider der Steiniger bewacht und damit an der ersten gesetzwidrigen Hinrichtung eines Mitgliedes der Gemeinde der Armen teilgenommen hatte. Er hatte mehrere, die den neuen Weg wandelten, verfolgt, gebunden und vor den Richter geschleppt und zuletzt auf eigenes Begehren die Vollmacht erhalten, die Anhänger des Nazareners festzunehmen, die vor der Verfolgung nach Damaskus geflohen waren.

Auf dem Weg nach Damaskus hatte ihn aber plötzlich ein so überirdisches Licht umleuchtet, daß er davon geblendet wurde. Jesus selbst hatte sich ihm offenbart. Von dieser Stunde an war er ein anderer. In Damaskus legte ihm einer von denen, die sich zu Jesus bekannten, ein gewisser Ananias, die Hände auf und gab ihm das Augenlicht zurück, da Jesus von Nazareth ihm zeigen wollte, wieviel er dafür leiden müsse, daß er Christi Namen verkündete.

Und gelitten hatte er. Viele Male war er mit Ruten geschlagen worden, und einmal hatte man ihn beinahe zu Tode gesteinigt. Er trug, wie er behauptete, die Narben Christi an seinem Leib. All das hatten die Anwesenden schon oft gehört, aber sie lauschten ihm dennoch aufmerksam und brachen immer wieder in Freudenrufe aus.

Paulus bat sie, sich umzusehen und sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen, daß sich unter ihnen nicht viele auf Menschenart Weise, Mächtige oder Vornehme befanden. Das war nach seiner Meinung ein Beweis dafür, daß Gott die Niedrigen und Verachteten erwählt hatte, um die Weisen zu beschämen. Ja, Gott erwählte die Törichten und Schwachen anstelle der Weisen, da er die Weisheit der Welt in Torheit verwandelt hatte.

Paulus sprach auch von einer Prüfung durch einen Geist und von einem Wettläufer, und dann redete er über die Liebe und sagte Dinge, wie ich sie noch nie zuvor vernommen hatte. Ein jeder müsse seinen Nächsten wie sich selbst lieben, und wenn einer anderen Gutes tue ohne Liebe, so helfe es ihm nichts. Ja, er sagte ausdrücklich, daß es einem Menschen nicht nütze, wenn er all seine Habe den Armen gäbe und seinen Leib verbrennen ließe, ohne wahre Liebe zu empfinden.

Diese Worte prägten sich mir tief ein. Auch Gallio hatte gesagt, daß Weisheit allein den Menschen nicht zu bessern vermöge. Ich begann darüber nachzugrübeln und achtete nicht mehr so genau auf Paulus’ Worte, die wie Sturmgebraus an mir vorüberzogen. Er redete ohne Zweifel in göttlicher Verzückung und sprach von dem einen und dem andern, ganz wie der Geist ihm die Worte in den Mund legte. Dabei schien er jedoch genau zu wissen, was er sagte, und darin unterschied er sich von den Christen, denen ich in Rom begegnet war und von denen der eine dies, der andere das behauptete. Alles, was ich bis dahin gehört hatte, war wie das Lallen eines Kindes, verglichen mit dieser kraftvollen Rede.

Ich versuchte das Wesentliche, den Kern seiner Lehre, zu erkennen und schrieb mir einige strittige Punkte auf, um später nach der Art der Griechen mit ihm diskutieren zu können, aber ich vermochte ihm kaum zu folgen, denn er eilte wie vom Winde getragen von einer Sache zur nächsten. Und obwohl ich ihm in meinem Innern widersprach, mußte ich doch zugeben, daß er ein bedeutender Mann war.

Zuletzt schickte er alle fort, die nicht getauft oder Mitglieder seines inneren Kreises waren. Einige baten ihn inniglich, sie zu taufen und ihnen die Hände aufs Haupt zu legen, aber er weigerte sich und gebot ihnen, die Taufe von ihren eigenen Lehrern entgegenzunehmen, denen die Gnade gegeben war. Er hatte, als er gerade erst nach Korinth gekommen war, den Fehler begangen, einige zu taufen, und dann hören müssen, daß diese sich damit brüsteten, in Pauli Namen getauft und damit seines Geistes teilhaftig zu sein. Eine solche Irrlehre wollte er nicht verbreiten, da er sich selbst zu gering erachtete.

In tiefe Gedanken versunken, ging ich heim und schloß mich in mein Zimmer ein. Ich glaubte nicht, was dieser Mensch behauptete, und dachte darüber nach, wie ich ihn widerlegen könnte. Als Mensch fesselte mich Paulus jedoch, und ich mußte widerwillig zugeben, daß er etwas Unerklärliches erlebt hatte. Wie wäre sonst sein Leben so von Grund auf verändert worden?

Zu seinen Gunsten sprach, daß er nicht den Vornehmen und Reichen nach dem Munde redete und Geschenke von ihnen annahm, wie es die wandernden Isispriester und andere zu tun pflegten, die es darauf anlegten, den Menschen den Kopf zu verdrehen. Der einfache Sklave, ja sogar ein Schwachsinniger, war ihm gleich viel, wenn nicht mehr wert als ein Weiser und Vornehmer. Daß Sklaven Menschen seien, lehrte zwar auch Seneca, aber Seneca ließ sich darum doch nicht mit Sklaven ein. Er suchte sich einen anderen Umgang.

Ich wurde zuletzt gewahr, daß ich bei all meinen Grübeleien mehr Argumente gegen Paulus als für ihn zu finden suchte. Ein mächtiger Geist mußte aus ihm sprechen, da ich nicht ungerührt abseits zu stehen und kalt und klar über seinen wahnwitzigen Aberglauben nachzudenken vermochte, um dann Gallio lächelnd Bericht zu erstatten. Meine Vernunft sagte mir, daß ich nicht einen so tiefen Widerwillen gegen die Selbstsicherheit dieses Paulus empfinden würde, wenn seine Gedanken mich nicht trotz allem beeindruckt hätten.

Ich mochte nicht mehr über ihn nachdenken und verspürte wieder einmal das Bedürfnis, aus dem alten Holzbecher meiner Mutter zu trinken, der meinem Vater so teuer gewesen war und den ich lange nicht mehr in der Hand gehalten hatte. Es wurde dämmerig in meinem Zimmer. Ich zündete jedoch keine Lampe an, sondern holte nur den Becher aus der Truhe, goß Wein ein und trank. Und plötzlich glitten meine Gedanken ins Bodenlose.

Die auf reine Vernunft gegründete Philosophie unserer Tage versagt dem Menschen alle Hoffnung. Er mag selbst entscheiden, ob er sein Dasein in vollen Zügen genießen oder ob er ein sittenstrenges Leben führen und dem Staate dienen will. Eine Seuche, ein fallender Ziegel, ein Loch im Boden kann seinem Leben von einem Augenblick zum andern ein Ende machen. Der Weise wählt den Selbstmord, wenn ihm das Leben unerträglich wird. Pflanze, Stein, Tier und Mensch sind nichts als ein blindes Spiel der Atome ohne jeden tieferen Sinn. Es ist ebenso vernünftig, ein böser Mensch zu sein wie ein guter. Götter, Opfer, Vorzeichen sind nur ein staatlich genehmigter Aberglaube, der Frauen und einfache Menschen befriedigt.