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Zwar gibt es Männer wie Simon den Zauberer oder die Druiden, die besondere geistige Kräfte entwickeln und einen Menschen in todesähnlichen Schlaf versenken oder einen schwächeren Willen beherrschen können, aber diese Kräfte kommen aus ihnen selbst und fliegen ihnen nicht von außen zu. Das ist meine feste Überzeugung, wenngleich die Druiden glauben, sie seien wirklich in der Unterwelt gewandert und hätten dort wahre Gesichte gehabt.

Der Weise kann durch seine Worte und sein Leben anderen ein Beispiel geben und, indem er ruhig und gefaßt stirbt, beweisen, daß Leben und Tod gleich unbedeutend sind. Doch ich glaube nicht, daß Weisheit dieser Art so sehr erstrebenswert sei.

Ich saß im Dunkeln, meine Gedanken gingen im Kreis, und auf eigentümliche Weise empfand ich die barmherzige Gegenwart meiner Mutter, als ich den abgenutzten Holzbecher in meinen Händen hielt. Auch an meinen Vater dachte ich, der ernstlich glaubte, der König der Juden sei nach der Kreuzigung auferstanden, und sich einredete, er habe ihn gesehen, als er mit meiner Mutter durch Galiläa wanderte. Schon als Knabe hatte ich immer befürchtet, er werde sich in den Augen aller anständigen Menschen unmöglich machen, indem er solch unsinnige Dinge äußerte. Doch was bedeutete mir eigentlich die Meinung der Anständigen oder über mir Stehenden, wenn das Leben sinnlos war? Es war freilich ein angenehmes Gefühl, als vornehmer junger Ritter einem Reich zu dienen, dessen Ziel es war, der Welt den Frieden und die römische Ordnung zu schenken, aber sind gute Straßen, prächtige Aquädukte, große Brücken und unvergängliche Steinhäuser wirklich das Letzte und Höchste, was der Mensch erstreben kann? Wozu lebe ich, Minutus Lausus Manilianus, und wozu bin ich da? Das fragte ich mich damals, und das frage ich mich noch heute, hier in der Wasserheilanstalt, wo man meine Durchblutungsstörungen behandelt und ich zum Zeitvertreib die Ereignisse meines Lebens aufzeichne – für Dich, mein Sohn, der Du unlängst erst die Toga angelegt hast.

Am folgenden Tag überwand ich meinen Stolz und verließ das Haus, um Paulus im Viertel der Zeltmacher aufzusuchen und mit ihm unter vier Augen zu sprechen. Schließlich war er römischer Bürger und nicht nur Jude.

Der Zunftälteste wußte sogleich, wen ich meinte, lachte und sagte: »Du suchst den gelehrten Juden, der von seinem Gesetz abgefallen ist und eine neue Lehre verkündet, den Juden droht, Blut werde über ihre Häupter kommen und von ihnen verlangt, sie sollten sich nicht nur beschneiden, sondern gleich verschneiden lassen. Ein tüchtiger Kerl und ein guter Handwerker. Man braucht ihm nicht lange zuzureden. Wenn’s drauf ankommt, predigt er gleich am Webstuhl. Sein Ruf schafft uns übrigens neue Kunden. Was hättest du denn gern: ein Zelt oder einen regendichten Wintermantel?«

Als ich den geschwätzigen Alten wieder losgeworden war, ging ich weiter durch das staubige, mit Ziegenhaaren übersäte Viertel und kam an eine offene Werkstatt, in der zu meiner großen Verwunderung der schiefnasige Aquila, den ich aus Rom kannte, saß und mit Paulus um die Wette webte. Seine Frau Prisca erkannte mich sofort wieder, stieß einen Freudenruf aus und erzählte Paulus, wer ich war und wie tapfer ich einmal bei einer Schlägerei jenseits des Tibers die Christen gegen die rechtgläubigen Juden verteidigt hatte.

»Diese Zeiten sind freilich vorbei«, fügte Prisca rasch hinzu. »Wir bereuen heute den blinden Eifer, der uns dazu trieb, uns über die anderen zu stellen. Wir haben gelernt, die andere Wange hinzuhalten, wenn man uns schlägt, und für die zu beten, die uns verhöhnen.«

Sie sprach noch immer so lebhaft wie früher, und Aquila war noch immer so schweigsam wie früher und unterbrach seine eintönige Arbeit nicht, um mich zu begrüßen. Ich fragte sie über ihre Flucht aus und wie es ihnen in Korinth ergehe. Sie könnten nicht klagen, meinte Prisca, aber sie begann zu weinen, als sie der Toten gedachte, die auf der Flucht aus Rom in den Straßengräben liegengeblieben waren.

»Sie haben sich eine unvergängliche Siegespalme erworben«, versicherte sie. »Und sie starben nicht mit einem Fluch auf den Lippen, sondern priesen Jesus Christus, der sie von ihren Sünden erlöste und aus der Macht des Todes zum ewigen Leben führte.«

Ich wollte darauf nichts sagen, denn was war sie anderes als ein närrisches Judenweib, das den Ihren und den rechtgläubigen Juden in Rom großen Schaden zugefügt hatte. Ich wandte mich statt dessen voll Ehrerbietung an Paulus: »Ich habe dich gestern predigen gehört und möchte mir deine Lehre gründlich erklären lassen. Allerdings habe ich mir nach deiner Rede einige Gegenargumente zurechtgelegt, so daß wir diskutieren können, wie es sich gehört. Hier können wir nicht ungestört sprechen. Möchtest du nicht zum Abendessen zu mir kommen? Wenn ich dich recht verstanden habe, hast du, was deine Lehre angeht, nichts zu verbergen, und gewiß hindert sie dich auch nicht daran, mit einem Römer zu Tisch zu liegen?«

Zu meinem Erstaunen fühlte sich Paulus durch meine Einladung nicht geehrt. Er musterte ‚mich mit seinem stechenden Blick und erwiderte kurz, Gottes Weisheit mache alle Argumente zuschanden. Er sei nicht berufen, zu disputieren, sondern für Jesus Christus Zeugnis abzulegen auf Grund der Offenbarung, die ihm zuteil geworden war.

»Ich habe aber gehört, daß du auf dem Markt in Athen gesprochen hast«, wandte ich ein. »Und die Athener haben dich gewiß nicht ziehen lassen, ohne mit dir zu disputieren.«

Ich hatte den Eindruck, daß Paulus nicht gern an sein Auftreten in Athen erinnert wurde. Sicherlich hatte man sich dort über ihn lustig gemacht. Er versicherte mir jedoch, einige hätten ihm geglaubt, darunter sogar ein Richter. Ob sie sich wirklich von dem fremden Redner hatten überzeugen lassen oder nur aus Feingefühl geschwiegen hatten, um diesen gläubigen Menschen nicht zu kränken, darauf wollte ich nicht näher eingehen.

»Du kannst mir aber doch einige aufrichtig gemeinte Fragen beantworten, und essen mußt du wohl wie alle anderen Menschen auch«, sagte ich, nun schon ein wenig gereizt. »Ich verspreche dir, daß ich deinen Gedankengang nicht mit rhetorischen Einwänden unterbrechen werde. Ich werde nicht disputieren, sondern nur zuhören.«

Aquila und Prisca redeten ihm beide zu, er solle die Einladung annehmen, und versicherten ihm, sie wüßten über mich nichts Böses zu berichten. Während der Unruhen in Rom hätte ich einmal, gleichsam aus Versehen, an einem Liebesmahl der Christen teilgenommen. Mein Vater helfe den Armen und trete auf wie ein gottesfürchtiger Mann. Ich glaube aber nicht, daß Paulus mir aus politischen Gründen mißtraute.

Als ich wieder daheim war, gab ich meine Anweisungen wegen des Abendessens und sah mich um. Auf seltsame Weise erschienen mir die Möbel und alle anderen Gegenstände fremd, und ein Fremder war mir auf einmal auch Hierax, den ich doch gut zu kennen glaubte. Was wußte ich eigentlich über den Türhüter oder die Köchin? Dadurch, daß ich mit ihnen sprach, vermochte ich sie nicht zu ergründen, denn sie antworteten mir nur, was mir ihrer Meinung nach gefallen mußte.

Ich hätte glücklich und mit meinem Leben zufrieden sein müssen. Ich hatte Geld, Ansehen, eine gewisse Stellung im Staatsdienst, hochgestellte Gönner und einen gesunden Körper. Die meisten Menschen brachten es in ihrem ganzen Leben nicht so weit wie ich in meinen jungen Jahren schon. Und doch konnte ich nicht froh sein.

Paulus kam mit seinen Begleitern, als der Abendstern aufging. Er hieß die anderen draußen warten und trat allein bei mir ein. Aus Höflichkeit ihm gegenüber hatte ich Tücher über meine Hausgötter gehängt, denn ich wußte, daß die Juden Menschenbilder verabscheuen, und ich ließ Hierax meinem Gast zu Ehren duftende Wachslichter anzünden.