Nach einem einfachen Gemüsegericht wurde ein Fleischgericht aufgetragen, aber ich sagte ihm, er brauche nicht davon zu kosten, wenn seine Lehre ihm verbiete, Heisch zu essen. Paulus bediente sich lächelnd und erwiderte, er wolle mir kein Ärgernis geben und nicht einmal danach fragen, wo das Heisch gekauft worden sei. Für Griechen wolle er Grieche sein, für Juden Jude. Er trank sogar mit Wasser vermischten Wein, bemerkte aber, daß er aus gewissen Gründen bald ein Gelübde zu tun beabsichtige.
Ich wollte ihn nicht durch verbotene Speisen oder heimtückische Fragen in Verlegenheit bringen. Als unser Gespräch frei dahinzufließen begann, versuchte ich meine Worte so vorsichtig wie möglich zu wählen. Von Gallios und Roms Standpunkt aus war es das Wichtigste, zu erfahren, wie er sich zum römischen Staat stellte.
Er versicherte mir, er rate allen, der weltlichen Obrigkeit zu gehorchen, die Gesetze zu befolgen und alles zu vermeiden, was Anstoß erregen könnte. Er hetzte die Sklaven nicht gegen ihre Herren auf, nein, denn seiner Meinung nach sollte sich ein jeder mit seiner Stellung begnügen. Ein Sklave, sagte er, müsse den Willen seines Herrn ausführen, ein Hausvater seine Diener gut behandeln und dessen eingedenk sein, daß ein Herr ist, der über allen steht.
Meinte er damit den Kaiser? Nein. Er meinte den lebendigen Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde, und Jesus Christus, seinen Sohn, der nach seinen eigenen Worten wiederkehren wird, um die Lebenden und die Toten zu richten.
Ich mochte nicht länger bei dieser heiklen Sache verweilen, sondern fragte ihn, welche Vorschriften für das tägliche Leben er denen gab, die er bekehrte. Darüber hatte er offenbar viel nachgedacht, aber er begnügte sich damit, zu sagen: »Tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig gegen jedermann. Vergeltet nicht Böses mit Bösem, sondern trachtet, einander Gutes zu tun. Seid allezeit fröhlich. Betet ohne Unterlaß. Seid dankbar in allen Dingen.«
Er sagte mir auch, daß er seine Brüder auffordere, ein stilles Leben zu führen und mit ihren Händen zu arbeiten, daß er es ihnen aber verwiesen habe, die Hurer, die Geizigen, die Räuber und Götzendiener dieser Welt zu tadeln, denn das sei nicht ihre Sache, und sie müßten sich sonst selbst aus der Welt begeben. Wenn sich aber einer ihnen zugesellt habe und erweise sich als ein Hurer oder Geiziger oder Götzendiener oder Lästerer oder Trunkenbold oder Räuber, so müsse er zurechtgewiesen werden. Besserte er sich danach nicht, so dürfe man mit ihm nichts mehr zu schaffen haben und auch nicht mit ihm essen.
Ich fragte lächelnd: »Du verurteilst mich also nicht, obgleich ich in deinen Augen gewiß ein Götzendiener, Hurer und Trunkenbold bin?«
»Du stehst draußen«, antwortete er. »Es kommt mir nicht zu, dich zu richten. Wir richten nur, die drinnen sind. Dich wird Gott richten.«
Er sagte das so ernst, daß es klang, als stellte er eine eindeutige Tatsache fest, und ich in meinem Innern erbebte. Und obwohl ich mir vorgenommen hatte, ihn nicht zu kränken, konnte ich es mir doch nicht versagen, ihn spöttisch zu fragen: »Wann wird, nach den Auskünften, die du offenbar erhalten hast, Gerichtstag sein?«
Paulus erwiderte, es stehe ihm auch nicht zu, diesen Tag oder einen anderen vorauszusagen, aber der Tag des Herrn werde unerwartet kommen wie der Dieb in der Nacht. Ich entnahm seinen Worten, daß er glaubte, sein Herr werde noch zu seinen Lebzeiten wiederkehren.
»Wie wird das alles zugehen? Erklär mir das«, bat ich ihn.
Paulus stand plötzlich auf. »Der Herr wird vom Himmel niedersteigen, und die in Christus gestorben sind, werden als erste auferstehen. Dann wird man uns, die wir noch am Leben sind, mit ihnen zusammenführen, damit wir oben unter den Wolken dem Herrn gegenübertreten, und wir werden immer in der Nähe des Herrn weilen.«
»Und das Gericht, von dem du soviel sprichst?« fragte ich.
»Der Herr Jesus wird sich in einer Flamme am Himmel offenbaren mit den Engeln seiner Macht«, verkündete er. »Und er wird alle richten, die Gott nicht kennen und die Freudenbotschaft unseres Herrn Jesus nicht hören. Zur Strafe werden sie auf ewiglich aus dem Antlitz des Herrn und dem Glanz seiner Macht verdammt sein.«
Ich mußte zugeben, daß er sich zumindest nicht verstellte, sondern offen sagte, was seine Meinung war. Seine Worte rührten mich, denn er war aufrichtig in seinem Glaubenseifer. Ohne daß ich ihn danach fragte, berichtete er von Engeln und den Mächten des Bösen, von seinen Reisen in verschiedene Länder und von den Vollmachten, die ihm die Ältesten der Gemeinde in Jerusalem gegeben hatten. Am meisten verwunderte ich mich darüber, daß er nicht darauf aus war, mich zu seiner Lehre zu bekehren. Zuletzt hörte ich kaum noch, was er sagte, sondern unterwarf mich ganz der Kraft und Sicherheit, die aus ihm zu reden schien.
Ich spürte deutlich seine Nähe, ich roch den Duft der Wachslichter und der Speisen und nahm den Geruch von Weihrauch und reinem Ziegenhaar wahr. Es war gut, mit ihm zusammen zu sein, und doch strebte ich in meinem Halbschlaf von ihm fort. Ich fuhr aus meiner Betäubung auf und rief: »Wie kannst du dir einbilden, alles so genau und besser als andere Menschen zu wissen?«
Er breitete die Hände aus und sagte schlicht: »Ich bin Gottes Mitarbeiter.«
Und das war keine Lästerung, sondern er war ganz von seinen Worten überzeugt. Ich schlug die Hand vor die Stirn, sprang auf und lief wie behext im Zimmer hin und her. Wenn dieser Mann die Wahrheit sprach, konnte ich von ihm den Sinn all dessen, was geschah, erfahren. Ich gestand mit zitternder Stimme: »Ich verstehe nicht, was du sagst. Lege deine starken Hände auf mein Haupt, da es nun einmal so Sitte ist unter euch, damit dein Geist in mich eingeht und ich verstehe.«
Er rührte mich jedoch nicht an. Statt dessen versprach er, er werde für mich beten, daß Jesus sich auch mir zu erkennen gebe und mein Christus werde, denn die Zeit sei kurz und die Gestalt dieser Welt vergehe schon.
Als er gegangen war, dünkte mich plötzlich alles, was er gesagt hatte, der reine Wahnwitz. Ich schrie laut auf, schalt mich selbst für meine Leichtgläubigkeit, trat den Tisch um und zerschlug die Tontöpfe auf dem Boden.
Hierax stürzte ins Zimmer. Als er sah, in welchem Zustand ich mich befand, rief er den Türhüter zu Hilfe, und zusammen brachten sie mich ins Bett. Ich weinte laut, und plötzlich drängte sich ein wahnsinniger Schrei über meine Lippen, der nicht aus mir selbst kam. Es war, als hätte eine fremde Macht meinen ganzen Körper geschüttelt und sei als fürchterlicher Schrei aus mir gefahren.
Endlich schlief ich erschöpft ein. Am Morgen schmerzten mir der Kopf und alle Glieder. Ich blieb daher liegen und schluckte müde die bitteren Arzneien, die Hierax mir mischte. Er schalt mich und sagte: »Warum hast du nur diesen berüchtigten jüdischen Zauberer eingeladen? Von den Juden kommt nichts Gutes. Sie bringen es zustande, daß vernünftige Menschen an sich selbst irre werden.«
»Er ist kein Zauberer«, erwiderte ich. »Er ist entweder von Sinnen, oder er ist der stärkste Geist, der mir je begegnet ist. Ich fürchte sehr, er ist der Vertraute eines unbegreiflichen Gottes.«
Hierax sah mich bekümmert an. Dann sagte er: »Ich bin als Sklave geboren und zum Sklaven erzogen worden. Das hat mich gelehrt, alle Dinge von unten zu sehen und zu beurteilen, aus der Sicht der Frösche. Ich bin aber auch älter als du und viel gereist, habe Gutes und Schlimmes erlebt und die Menschen kennengelernt. Wenn du willst, gehe ich zu deinem Juden und höre ihn an, und dann will ich dir meine Meinung über ihn aufrichtig sagen.«
Seine Treue rührte mich, und ich fand, ich könnte von dem, was Hierax auf seine Weise über Paulus erfuhr, nur Nutzen haben. Deshalb sagte ich: »Ja, geh du zu ihm, hör an, was er lehrt, und versuche es zu begreifen.«