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Dann schrieb ich einen kurzen Bericht für Gallio und drückte mich so knapp und sachlich aus, wie ich nur konnte:

»Minutus Lausus Manilianus über den Juden Paulus.

Ich hörte ihn in der Synagoge seiner Glaubensfreunde lehren. Ich verhörte ihn unter vier Augen. Er sprach offen, verstellte sich nicht, verbarg mir nichts.

Er ist Jude und stammt von jüdischen Eltern. Studierte in Tarsos, danach in Jerusalem. Römischer Bürger von Geburt, aus vermögendem Haus.

Rabbi. Davor Mitglied des Höchsten Rates in Jerusalem. Verfolgte früher die Jünger und Anhänger des Jesus von Nazareth. Hatte eine Offenbarung. Bekannte sich in Damaskus zu Jesus als zu dem Messias der Juden. Lebte in der Wüste. Entzweite sich in Antiochia mit dem Ersten der Jünger des Nazareners, Simon dem Fischer. Später wieder mit ihm versöhnt. Erhielt das Recht, Jesus auch Unbeschnittenen als den Christus zu verkünden.

Bereiste die östlichen Provinzen. Mehrfach bestraft. Taktik: Sucht zuerst die Synagoge der Juden auf. Verkündet Jesus als den Messias. Wird geprügelt. Bekehrt die Zuhörer, die den Gott der Juden annehmen wollen, zu seiner Partei. Beschneidung wird nicht gefordert. Das jüdische Gesetz braucht nicht befolgt zu werden. Wer glaubt, daß Jesus der Christus ist, erhält Gnade und ewiges Leben.

Kein Aufwiegler. Hetzt nicht die Sklaven auf. Ermahnt zu einem stillen Leben. Mischt sich nicht in die Angelegenheiten Außenstehender, sondern hält sich an seinesgleichen. Kraftvolle Persönlichkeit. Wirkt am stärksten auf solche, die schon vom Judenglauben angesteckt sind.

Zu beachten: Ist überzeugt, daß Jesus von Nazareth wiederkehren wird, um die ganze Welt zu richten, wobei Gottes Zorn alle treffen wird, die sich nicht zu Christus bekennen. In gewissem Sinne also ein Feind der Menschheit.

Politisch völlig ungefährlich für Rom. Sät Zwietracht und Zersplitterung unter den Juden. Wirkt dadurch zum Vorteil Roms.

Ich fand nichts Tadelnswertes an diesem Mann.«

Mit diesem Bericht ging ich zu Gallio. Er las ihn, blickte mich mit halb abgewandtem Gesicht verstohlen an und sagte: »Du bist sehr lakonisch.«

»Diese Aufzeichnungen sind nur eine Gedächtnishilfe«, erwiderte ich gereizt. »Wenn du willst, kann ich dir mehr über den Mann berichten.«

»Was für ein göttliches Geheimnis besitzt er?« fragte Gallio müde.

»Das weiß ich nicht«, sagte ich aufgebracht. Dann senkte ich den Kopf, fühlte, daß ich zitterte, und sagte: »Wenn ich nicht Römer wäre, würde ich vielleicht mein Kriegstribunenzeichen ablegen, auf meine Laufbahn verzichten und ihm folgen.«

Gallio sah mich prüfend an, richtete sich auf, streckte das Kinn in die Höhe und entgegnete kurz: »Ich habe einen Fehler begangen, indem ich dich zu ihm schickte. Du bist noch zu jung.«

Er schüttelte mißmutig den Kopf und fuhr fort: »Ja, das ist es. Du bist zu jung. Die Weisheit der Welt und die Genüsse des Lebens haben dich noch nicht zermürbt. Du bist doch nicht etwa krank, da du so zitterst? Wir haben hier zwar ausgezeichnete Wasserleitungen, aber manchmal bekommt man doch schlechtes Wasser zu trinken und wird von der Klimaseuche befallen, wie die korinthische Krankheit genannt wird. Ich habe sie selbst schon gehabt. Im übrigen kannst du unbesorgt sein. Ich glaube nicht, daß ihr Jesus von Nazareth noch zu unseren Lebzeiten wiederkehrt, um die Menschheit zu richten.«

Ich glaube aber, daß Gallio sich viel mit übernatürlichen Dingen beschäftigte, da er bisweilen darüber sprach, und welcher Römer ist wohl ganz frei von Aberglauben! Um sich abzulenken, bat er mich nun, Wein mit ihm zu trinken. Er rief seine Frau, damit sie uns Gesellschaft leiste, und begann uns ein Schauspiel vorzulesen, das er nach einer griechischen Vorlage in lateinischer Sprache geschrieben und für den römischen Geschmack bearbeitet hatte. Zwischendurch las er immer wieder griechische Verse vor, um zu zeigen, wie gut sich unsere Sprache den griechischen Rhythmen fügte, wenn man es nur richtig anpackte.

Das Schauspiel handelte vom Trojanischen Krieg und hätte mich interessieren müssen, da die Troer ja durch Aeneas die Vorfahren der Römer sind. Nachdem ich ein wenig Wein getrunken hatte, sagte ich jedoch: »Die griechische Buchsprache ist schön, aber heute klingt sie für meine Ohren merkwürdig tot. Paulus spricht die lebendige Sprache des Volkes.«

Gallio sah mich mitleidig an und erklärte: »In der Volkssprache kann man nur die allergröbsten Satyrspiele schreiben, weil sie an und für sich komisch wirkt. Daher bedienen sich ja auch die oskischen Schauspieler in Rom der Sprache des Marktes. Aber Philosophie in der Volkssprache? Du bist nicht bei Sinnen, Minutus!«

Er wurde plötzlich rot im Gesicht, rollte seine Handschrift zusammen und sagte: »Es wird Zeit, daß wir dir die jüdischen Giftdämpfe aus dem Kopf vertreiben. Du warst noch nicht in Athen. Wir haben einen kleinen Grenzstreit in Delphi, der eine Besichtigung am Platz erfordert, und in Olympia wird man sich wegen der Wettspiele nicht einig. Mach dich auf den Weg. Mein Vortragender in der Kanzlei gibt dir alle Auskünfte, die du brauchst, sowie eine Vollmacht.«

Die schöne Helvia strich ihm mit den Fingerspitzen über die Schläfe und die eine seiner feisten Wangen und sagte mitleidig: »Warum willst du einen begabten jungen Mann zu unaufhörlicher Wanderschaft verdammen? Die Griechen werden schon noch mit ihren Streitigkeiten zu dir kommen. Wir sind hier in Korinth. Die Freundschaft einer reifen Frau würde ihm gewiß mehr nützen als alles Umherziehen.«

Sie sah mich an Gallio vorbei lächelnd an und bedeckte ihre weiße Schulter, die sich unversehens entblößt hatte. Ich verstehe nicht genug von dergleichen Dingen, um den kunstvollen Faltenwurf ihres Gewandes, ihre Haartracht und den seltenen indischen Schmuck, den sie trug, zu beschreiben. Ich riß meine Blicke von ihr los, sprang auf, stellte mich breitbeinig in vorschriftsmäßiger Haltung vor Gallio auf und murmelte: »Wie du befiehlst, Prokonsul!«

Auf diese Weise hatte der jüdische Unruhestifter Paulus auch Gallio und mich entzweit. Ich ließ mein Haus in der Obhut meines Sklaven Hierax zurück und ritt mit einigen Männern der Kohorte und einem griechischen Führer aus der Stadt.

Über Delphi, Olympia und Athen gibt es so viele begeisterte Reiseschilderungen, daß ich ihre unvergleichlichen Sehenswürdigkeiten nicht eigens zu erwähnen brauche. nicht einmal Rom ist es bisher geglückt, aus diesen Städten mehr als einen geringen Teil der Kunstschätze fortzuschleppen, obwohl zugegeben werden muß, daß wir seit Sulla unser Bestes getan haben, Rom auf Kosten des griechischen Wunders zu bereichern.

Aber sosehr ich mich auch bemühte, alles Sehenswerte in mich aufzunehmen, erschien mir doch die Schönheit, die ich allenthalben sah, im Grunde nichtssagend. Weder der bemalte Marmor noch das Elfenbein noch das Gold der schönsten Statuen, die je geschaffen wurden, sprach zu meinem Herzen.

Mit dem Grenzstreit in Delphi befaßte ich mich gründlich und ließ mich der Gerechtigkeit halber von beiden Parteien zum Mahl einladen. In Delphi selbst sah ich mit eigenen Augen die Pythia in ihrem Rausch. Aus ihren unverständlichen Worten formte ihr Priester ein paar für mich schmeichelhafte Orakelverse, die es nicht wert sind, hier wiedergegeben zu werden.

Nahe bei Olympia gibt es einen heiligen Bezirk mit einem Tempel, den der Feldherr Xenophon vor mehr als vierhundert Jahren der Göttin Artemis weihte.

Ein Zehntel von allem, was dort geerntet wurde, war früher für das Erntefest der Bewohner dieses Landstrichs verwendet worden, und in den uralten Obstgärten durfte jeder so viel Früchte pflücken, wie er nur wollte.

Im Laufe der Jahre waren jedoch viele Grenzsteine verrückt worden, und der Tempel war verfallen. Zu Pompejus’ Zeiten hatte man sogar die Statue der Göttin nach Rom entführt. Die Bewohner der Gegend führten nun darüber Klage, daß der Mann, der das der Göttin geweihte Land in Besitz genommen hatte, die ursprünglich aufgestellten Bedingungen nicht mehr erfüllte. Sie bewahrten eine alte Steintafel auf, worauf noch deutlich zu lesen war: »Dies Land ist Artemis geweiht. Wer es besitzt, opfere jährlich einen zehnten Teil. Vom Verbleibenden unterhalte er den Tempel. Versäumt er diese Pflicht, die Göttin wird es ihm nicht vergessen.«