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In der Volksversammlung berichteten einige Greise langatmig von ihren Erinnerungen aus früheren Zeiten, da zum Artemisfest Wein, Mehl und süßes Backwerk ausgeteilt worden waren. Ein jeder hatte auf dem heiligen Boden im Namen der Artemis jagen dürfen. Ich ließ sie alle ausreden. Der Besitzer des Landes gelobte, er werde den alten Brauch beim Erntefest wieder einführen, erklärte aber, es übersteige sein Vermögen, den Tempel instand zu halten.

In meinem Urteilsspruch sagte ich hierzu: »Dies ist nicht Sache Roms. Macht es mit der Göttin aus, wie es hier auf der Steintafel steht.«

Mit dieser Entscheidung war niemand zufrieden. Später, während meines Aufenthalts in Olympia, hörte ich, daß der Besitzer bei einer Rehjagd in eine Schlucht gestürzt war. Artemis hatte sich das Ihre geholt. Er hatte keine Leibeserben, weshalb die Bewohner der Gegend das heilige Land unter sich aufteilten. Ich nahm mir vor, mir diese Geschehnisse gut zu merken, um sie, falls ich noch einmal mit ihm zusammentreffen sollte, Claudius zu berichten. Der Kaiser liebte alte Denkmäler und Inschriften und konnte den Tempel leicht wieder instand setzen lassen.

Zuletzt kam ich nach Athen. Wie es die gute Sitte verlangt, legte ich meine Rüstung am Stadttor ab, zog einen weißen Mantel an, setzte mir einen Kranz auf und ging zu Fuß und nur von meinem griechischen Führer begleitet in die Stadt. Die Soldaten schickte ich auf Urlaub nach dem Piräus, wo sie sich im Schutz der römischen Garnison ein paar vergnügte Tage machen mochten.

Es stimmt, was man mir berichtet hatte; daß man nämlich in Athen mehr Götterbilder als Menschen sieht. Es gibt dort prachtvolle Bauten, die Könige aus dem Osten haben aufführen lassen, und auf dem Forum wandeln von morgens bis abends die Philosophen mit ihren Schülern umher. In jedem Winkel stößt man auf einen der Andenkenläden, in denen der billigste Kram verkauft wird, aber auch kostbare kleine Nachbildungen der Tempel und Götterbilder der Stadt.

Nachdem ich pflichtgemäß die Besuche im Rathaus und im Versammlungshaus des Areopags hinter mich gebracht hatte, zog ich in die beste Herberge und wurde dort mit allerlei jungen Leuten aus Rom bekannt, die in Athen ihre Bildung vervollkommneten, bevor sie die Beamtenlaufbahn antraten. Der eine lobte mir seinen Lehrer, ein anderer zählte mir die Namen und Preise berühmter Hetären auf, und wieder ein anderer nannte mir die besten Speisehäuser, in denen ich seiner Meinung nach unbedingt essen mußte.

Zahlreiche Führer wollten mir die Sehenswürdigkeiten Athens zeigen, aber als ich ein paar Tage auf dem Markt umhergegangen war und verschiedene Lehrer angehört hatte, kannte man mich und ließ mich in Ruhe. Ich fand bald heraus, daß alle Philosophen Athens darin wetteiferten, andere die Kunst zu lehren, wie man Gleichmut und unerschütterliche Seelenruhe erlangt. Sie redeten feurig und schnell, wandten treffende Gleichnisse an und disputierten gern miteinander.

Es befanden sich auch einige langhaarige, in Ziegenhäute gekleidete Philosophen unter ihnen. Diese wandernden Lehrer brüsteten sich damit, daß sie Indien oder Äthiopien bereist und geheime Kenntnisse erworben hätten. Sie berichteten so unglaubliche Lügen, daß sich die Zuhörer vor Lachen krümmten. Einige der schamlosesten Lügenmäuler soll der Areopag zwar aus der Stadt verwiesen haben, aber im übrigen konnte sich dort hinstellen, wer wollte, und reden, was ihm einfiel, solange er nicht die Götter lästerte oder sich in politische Dinge einmischte.

Ich aß und trank und versuchte mein Leben zu genießen. Es war angenehm, an einem sonnigen Tag nach einem guten Mahl auf einer warmen Marmorbank zu sitzen und die Schattenbilder zu betrachten, die die Vorübergehenden auf die Marmorfliesen des Marktes warfen. Der attische Witz ist scharf und feingeschliffen. In einem Disput gewinnt, wer die Lacher auf seine Seite bekommt. Aber das attische Lachen dünkte mich unfroh, und die Gedanken, die sich dahinter verbargen, prägten sich mir nicht so tief ein, wie sie es getan haben würden, wenn sie wirklich weise gewesen wären. Ich glaube, was in unseren Tagen in Athen gelehrt wird, ist eher eine verfeinerte Lebenskunst als Gegengewicht zur Ungeschliffenheit der Römer denn eine eigentliche Philosophie.

Aus reinem Trotz beschloß ich dennoch, in Athen zu bleiben und zu studieren, bis der Prokonsul Gallio mich nach Korinth zurückbeorderte. Doch in der Gemütsverfassung, in der ich mich befand, vermochten die Bücher in den Bibliotheken mich nicht zu fesseln, und ich fand auch keinen Lehrer, dessen Schüler ich werden wollte. Eine immer tiefere Bedrücktheit bemächtigte sich meiner, und ich fühlte mich in Athen als Fremder. Einige Male aß und trank ich mit den jungen Römern, nur um das unbarmherzige klare Latein anstelle des schwülstigen Griechisch sprechen zu können.

Eines Tages ging ich mit ihnen in das Haus einer berühmten Hetäre, hörte Flötenmusik und sah die Vorführungen von Tänzerinnen und Akrobaten. Ich glaubte unserer lächelnden Gastgeberin gern, als sie sagte, sie könne den Sinnengenuß zur schönen Kunst erheben. Sie trat mir jedoch nicht nahe, und keiner, der ihr Haus besuchte, war gezwungen, die Kunst des Sinnengenusses mit Hilfe einer ihrer angelernten Sklavinnen zu erlernen. Sie selbst unterhielt sich lieber mit ihren Gästen, als daß sie sich zu ihnen legte, und von denen, die mit ihr das Lager teilen wollten, verlangte sie einen so wahnwitzigen Preis, daß nur die reichsten alten Lebemänner ihn bezahlen konnten. Sie war daher so vermögend, daß sie uns junge Römer nicht dazu verleiten wollte, unser Reisegeld zu verschwenden.

Zu mir sagte sie schließlich: »Vielleicht ist meine Schule der Sinne nur etwas für die schon verlebten Alten, obgleich ich auf meine Kunst stolz bin. Du bist noch jung. Du weißt, was Hunger und Durst ist. Harziger Wein und trocken Brot schmecken deinem hungrigen Munde besser als zyprischer Wein und Flamingozungen einem ermüdeten Gaumen. Wenn du dich in eine Jungfrau verliebst, erregt der Anblick einer entblößten Schulter deine Sinne mehr als die Erfüllung deiner Begierde. Streich die Falten aus deiner Stirn, und freue dich deines Lebens, da du noch jung bist.«

»Berichte du mir lieber von göttlichen Geheimnissen, denn du dienst Aphrodite mit deiner Kunst«, bat ich sie.

Sie sah mich aus ihren schön geschwärzten Augen an und sagte zerstreut: »Aphrodite ist eine launische und unbarmherzige, aber auch herrliche Göttin. Wer am eifrigsten nach ihrer Gunst strebt und ihr am meisten opfert, bleibt unbefriedigt. Sie ist aus dem Schaum des Meeres geboren und ist selbst wie Schaum. Wer gierig nach ihren makellosen Gliedern greift, vor dem löst sie sich in Luft auf.«

Sie runzelte selbst ihre glatte Stirn, hob beide Hände und betrachtete gedankenverloren ihre hellrot gefärbten Nägel.

»Ich könnte dir an einem Beispiel zeigen, wie launisch die Göttin ist«, fuhr sie fort. »Unserer Zunft gehörte eine Frau an, die noch nicht sehr alt ist. Sie hat noch keine Runzeln oder andere Makel. Früher stand sie Bildhauern Modell und gewann damit großen Ruhm. Die Göttin blies ihr die Laune ein, daß sie alle berühmten Philosophen verführen müsse, die nach Athen kamen, um die Tugenden und die Kunst der Selbstbeherrschung zu lehren. Sie wollte in ihrer Eitelkeit die Weisheit dieser Männer zuschanden machen und sie so weit bringen, daß sie in ihren Armen weinten, und es gelang ihr auch. Zuerst hörte sie Abend für Abend demütig ihre Belehrungen an. Die Philosophen priesen sie als die weiseste aller Frauen, denen sie je begegnet seien, da sie so aufmerksam zuzuhören verstand. Aber nicht auf ihre Weisheit war sie aus, sondern sie verwandte ihre ganze Kunst darauf, ihre Tugend zu Fall zu bringen. Kaum war ihr das geglückt, da jagte sie die Männer spöttisch davon und wollte mit ihnen nichts mehr zu schaffen haben, obwohl sie vor ihrer Tür auf den Knien lagen und einer von ihnen sich sogar auf ihrer Schwelle das Leben nahm. Eines Tages aber, anderthalb Jahre mag es nun her sein, kam ein gelehrter Jude nach Athen.«