Выбрать главу

»Ein Jude!« rief ich und fuhr auf. Meine Kopfhaut begann zu prickeln, daß sich mir die Haare aufstellten. Die Hetäre mißverstand mein Erschrecken und fuhr fort: »Ja, ich weiß. Die Juden sind mächtige Zauberer, aber dieser war anders. Er sprach auf dem Markt und wurde, wie es der Brauch ist, vor dem Areopag über seine Lehre befragt. Er war kahlköpfig, hatte eine schiefe Nase und krumme Beine, aber er war voll Feuer. Die Frau, von der ich dir berichtete, verspürte unwiderstehliche Lust, auch die Lehre dieses Juden zuschanden zu machen. Sie lud ihn zusammen mit anderen Gästen in ihr Haus, um ihn anzuhören, kleidete sich sittsam und verhüllte ihm zu Ehren ihr Haupt. Aber wie sie es auch anstellte, es gelang ihr nicht, diesen Juden zu verführen oder ihn auch nur die Versuchung empfinden zu lassen. Zuletzt gab sie die Hoffnung auf und begann, ihm ernsthaft zuzuhören. Als er Athen wieder verlassen hatte, verfiel sie in tiefe Betrübnis, schloß ihr Haus für alle Gäste und pflegt nun nur noch Umgang mit einigen wenigen Athenern, die sich von der Lehre des Juden beeindrucken ließen; und solche gibt es, denn in Athen findet auch der närrischste Philosoph noch seine Anhänger. Auf diese Weise strafte die Göttin sie für ihre Eitelkeit, obwohl sie Aphrodite großen Ruhm eingebracht hatte. Ich für mein Teil habe daraus den Schluß gezogen, daß der Jude gar kein wirklicher Weisheitslehrer war, sondern von der Göttin selbst gefeit, so daß er allen Versuchungen widerstand. Unsere Freundin aber ist über ihre Niederlage so verbittert, daß sie aus unserer Zunft austreten und in aller Bescheidenheit von ihren Ersparnissen leben will.«

Sie lachte laut auf und warf mir einen Blick zu, der mich aufforderte, in ihr Lachen einzustimmen, doch danach war mir nicht zumute. Sie wurde wieder ernst und sagte: »Die Jugend flieht rasch dahin, die Schönheit vergeht, aber die Macht zu bezaubern kann man sich durch die Gnade der Göttin bis ins hohe Alter hinein bewahren. Dafür hatten wir ein Beispiel in der seinerzeit ältesten Angehörigen unserer Zunft, die noch mit siebzig Jahren jeden Jüngling zu verführen vermochte.«

»Wie heißt sie, und wo finde ich sie?« fragte ich.

»Sie ist schon Asche. Die Göttin ließ sie in ihrem Bett an einem Herzschlag sterben, als sie zum letztenmal ihre Kunst ausübte«, antwortete die Hetäre.

»Ich meine nicht sie, sondern die andere, die der Jude bekehrte«, sagte ich.

»Sie heißt Damaris, und den Weg zu ihrem Haus kannst du leicht erfragen, aber ich sagte dir schon, daß sie sich wegen ihres Versagens schämt und keine Gäste mehr empfängt. Was gefällt dir denn nicht hier bei mir?«

Ich besann mich darauf, was die Höflichkeit erforderte, lobte ihr Haus, die Vorführungen, die sie ihren Gästen bot, ihren duftenden Wein und ihre eigene unvergleichliche Schönheit, bis sie sich beruhigte und ihren Unmut vergaß. Nach einer Weile erhob ich mich, legte meine Gabe auf die Platte und kehrte in der düstersten Stimmung in meine Herberge zurück. Es war wie ein Fluch, daß ich nicht einmal in Athen dem Juden Paulus entging, denn von ihm war die Rede gewesen.

Ich konnte lange nicht einschlafen. Ich lag und lauschte auf die nächtlichen Geräusche der Herberge, bis durch die Ritzen im Fensterladen das erste Morgenlicht in mein Zimmer fiel und ich mir wünschte, ich wäre tot oder nie geboren worden. Ich hatte über nichts zu klagen. Ich hatte mehr erreicht als die meisten meiner Altersgenossen, und ich war gesund, wenn man von einem leichten Hinken absah, das mich nicht behinderte, es sei denn, ich hätte Pontifex in einem römischen Priesterkollegium werden wollen. Warum war alle Freude von mir genommen worden? Warum hatte Claudia meine Leichtgläubigkeit so grausam ausgenutzt? Warum war ich jedesmal so verzweifelt, wenn ich auf den Juden Paulus stieß? Zuletzt versank ich in einen tiefen Schlaf, aus dem ich erst um die Mittagszeit wieder erwachte. Ich hatte etwas Schönes geträumt, konnte mich aber nicht mehr erinnern, was es war, und nach den düsteren Gedanken der Nacht fühlte ich plötzlich die Gewißheit, daß ich nicht aus bloßem Zufall von der Hetäre Damaris erfahren hatte, sondern daß darin eine tiefere Bedeutung lag. Diese Überzeugung machte mich so froh, daß ich mit großer Lust aß und sodann zu einem Barbier ging, um mir Locken kämmen und meinen griechischen Mantel in die kunstvollsten Falten legen zu lassen.

Ich fand das schöne Haus der Damaris leicht. Der Türklopfer war eine korinthische Bronze in Gestalt einer Eidechse. Ich klopfte viele Male. Ein Mann, der vorbeiging, machte eine unanständige Gebärde und schüttelte den Kopf, um mir zu bedeuten, daß ich vergeblich Einlaß begehrte. Endlich öffnete mir eine verweinte junge Sklavin, die, als sie mich erblickte, die Tür gleich wieder schließen wollte, aber ich setzte meinen Fuß dazwischen und sagte, was mir als erstes einfieclass="underline" »Ich habe in Korinth den Juden Paulus getroffen. Über ihn will ich mit deiner Herrin sprechen. Ein anderes Begehren habe ich nicht.«

Das Mädchen ließ mich zögernd in einen Saal eintreten, in dem sich viele bemalte Statuen, bequeme Ruhelager und orientalische Wandteppiche befanden. Nach einer kleinen Weile erschien, nur halb bekleidet und barfuß, Damaris. Ihr Gesicht leuchtete in froher Erwartung, sie hieß mich mit erhobenen Händen eifrig willkommen und fragte: »Wer bist du, Fremder? Hast du mir wirklich Grüße von dem Boten Paulus zu überbringen?«

Ich versuchte ihr zu erklären, daß ich vor einiger Zeit in Korinth mit Paulus zusammengetroffen war und eine lange Unterredung mit ihm gehabt hatte, die mir unvergeßlich geblieben war. Nun hätte ich gehört, sagte ich, daß sie, Damaris, wegen der Lehre dieses wandernden Juden in Schwierigkeiten geraten sei, und sogleich den Entschluß gefaßt, mit ihr darüber zu sprechen.

Während ich dies sagte, betrachtete ich Damaris und sah, daß sie das beste Alter schon überschritten hatte. Die Freude auf ihrem Gesicht erlosch, und sie trat ein wenig zurück. Gewiß war sie einmal schön gewesen, und ihre schlanke Gestalt war noch immer ohne Fehl. Aufreizend gekleidet und schön gekämmt und geschminkt hätte sie, zumindest bei schwacher Beleuchtung, noch auf jeden Mann Eindruck machen können. Sie ließ sich müde auf einem Ruhebett nieder und gab auch mir ein Zeichen, mich zu setzen. Dann schien sie meinen forschenden Blick zu bemerken, denn sie strich sich nach Frauenart übers Haar, ordnete ihr Gewand und zog die nackten Füße unter die Falten ihres Mantels. Mehr als dies tat sie jedoch nicht für ihre äußere Erscheinung, sondern sah mich nur mit großen Augen fragend an. Plötzlich wurde mir so sonderbar wohl in ihrer Gesellschaft. Ich lächelte und sagte: »Diesem schrecklichen Juden verdanke ich es, daß ich mir vorkomme wie die Maus in der Falle. Ergeht es dir nicht ebenso, Damaris? Laß uns zusammen darüber nachdenken, wie wir aus der Falle herauskommen und unseres Lebens wieder froh werden können.«

Nun lächelte auch sie, hob aber abwehrend die Hand und sagte: »Wovor fürchtest du dich? Paulus ist der Bote des auferstandenen Christus und verbreitet die Botschaft der Freude. Erst seit ich ihn kenne, weiß ich, daß ich nie zuvor in meinem Leben wahre Freude empfunden habe.«

»Bist wirklich du das, die die Weisesten zu Fall gebracht hat?« rief ich verwundert. »Du sprichst, als wärst du von Sinnen.«

»Meine früheren Freunde glauben, ich hätte den Verstand verloren«, gestand sie offenherzig. »Aber lieber bin ich um der neuen Lehre willen von Sinnen, als daß ich mein früheres Leben fortsetze. Er war ganz anders als die liederlichen weißbärtigen Philosophen und durchschaute mich bis auf den Grund. Ich schämte mich und erschrak über das, was ich zuvor gewesen war. Durch seinen Herrn erhielt ich Vergebung für meine Sünden. Ich wandle den neuen Weg mit geschlossenen Augen, als leitete mich der Geist.«