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Enttäuscht sagte ich: »Wenn es so ist, haben wir einander nicht mehr viel zu sagen.«

Sie hielt mich jedoch zurück, legte die eine Hand über ihre Augen und bat: »Geh nicht. Es hat eine Bedeutung, daß du gekommen bist. Du hast einen Stoß in deinem Herzen erhalten, sonst hättest du mich nicht aufgesucht. Wenn du willst, mache ich dich mit den Brüdern bekannt, die ihn anhörten und der Freudenbotschaft glaubten.«

Auf diese Weise lernte ich Damaris und einige Griechen kennen, die gegen Abend durch die Hintertür ihr Haus betraten, um über Paulus und die neue Lehre zu sprechen. Sie hatten sich schon früher durch die Neugier verführen lassen, die Synagogen zu besuchen und sich über den Gott der Juden zu unterrichten, und hatten sogar die heiligen Schriften der Juden gelesen. Der gelehrteste unter ihnen war Dionysos, ein Richter im Areopag, der von Amts wegen mit Paulus über dessen Lehre gesprochen hatte.

Aufrichtig gesagt, war die Rede des Dionysos so verworren und gelehrt, daß nicht einmal seine Freunde ihn ganz verstanden, und um so weniger ich. Er meinte es jedoch sicherlich gut. Damaris lauschte ihm mit dem gleichen abwesenden Lächeln, mit dem sie vermutlich den anderen Weisen zugehört hatte.

Nach der Unterhaltung lud uns Damaris immer zu einem einfachen Mahl ein. Wir brachen das Brot miteinander und tranken den Wein in Christi Namen, wie Paulus es sie gelehrt hatte. Aber selbst einem einfachen Liebesmahl dieser Art mußten die Athener eine vierfache Bedeutung unterlegen. Es war zugleich wirklich und symbolisch, sittlich erhebend und ein mystisches Streben nach Vereinigung mit Christus.

Während des Gesprächs betrachtete ich zumeist Damaris, und nach dem Mahl küßte ich sie gern, wie es die Sitte der Christen verlangt. Ich hatte noch keine Frau gesehen, die so anziehend und zugleich so natürlich war wie Damaris. Jede ihrer Bewegungen war schön, ihre Stimme war lieblich, so daß man mehr ihrem Klang lauschte als den Worten. Was sie auch tat, sie tat es so schön, daß man ihr mit unendlichem Wohlbehagen zusah, und dieses Wohlbehagen wurde zu warmer Freude, wenn ich zum Zeichen der Freundschaft ihre weichen Lippen küßte.

Paulus hatte den Griechen offensichtlich einige Nüsse zu knacken gegeben, und sie genossen ihre Diskussionen. Im wesentlichen glaubten sie wohl Paulus, aber ihre eigene Gelehrsamkeit gab ihnen doch allerlei Vorbehalte ein. Von Damaris bezaubert, begnügte ich mich damit, sie zu betrachten, und ließ all die vielen eitlen Worte an mir vorüberfliegen.

Sie waren sich zunächst einig, daß jedem Menschen eine Sehnsucht nach der Klarheit Gottes innewohne, begannen dann aber sogleich zu erörtern, ob und wieweit dieselbe Sehnsucht nicht auch Steinen, Pflanzen und Tieren eigen sei, die sich doch alle aus ursprünglich einfachen Formen weiterentwickelt hatten. Dionysos versicherte, Paulus besitze überraschend große geheime Kenntnisse von den Geistesmächten, glaubte aber selbst noch mehr von Rang und Ordnung dieser Mächte zu wissen. Für mich waren derlei Reden wie rinnendes Wasser.

Ich machte es mir zur Gewohnheit, Damaris ein kleines Geschenk mitzubringen, Blumen oder eingelegte Früchte, Badewerk oder reinsten Veildienhonig vom Hymettos. Sie sah mich, wenn sie die Geschenke entgegennahm, mit ihren klaren, wissenden Augen so aufmerksam an, daß ich mir jung und tolpatschig vorkam. Binnen kurzem wurde ich gewahr, daß ich sie ständig in meinen Gedanken trug und nur auf die Stunde wartete, da ich wieder zu ihr gehen konnte.

Ich glaube, sie lehrte mich bei unseren Gesprächen durch ihr bloßes Verhalten mehr als durch ihre Worte, und es kam der Tag, an dem ich mir eingestehen mußte, daß ich blind in sie verliebt war. Ich sehnte mich nach ihr, nach ihrer Nähe, ihrer Berührung, ihrem Kuß mehr, als ich mich je zuvor nach irgend etwas gesehnt hatte. Meine früheren Liebeserlebnisse erschienen mir bedeutungslos, verglichen mit dem, was ich in ihren Armen glaubte finden zu können, und es war mir, als sei allein dadurch, daß ich an sie dachte, alles in mir zu Asche verbrannt worden.

Ich erschrak über mich selbst. War es mir wirklich vorbestimmt, für den Rest meines Lebens eine Hetäre zu lieben, die zwanzig Jahre älter als ich war und die Spuren all dessen in sich trug, was sie an Bösem erlitten hatte? ich wäre am liebsten aus Athen geflohen, als mir die Wahrheit aufging, aber ich vermochte es schon nicht mehr. ich verstand die Weisen, die nach ihr geschmachtet hatten, ja, ich verstand sogar den Philosophen, der auf ihrer Schwelle aus dem Leben geschieden war, als er das Hoffnungslose seines Begehrens erkannt hatte.

Ich konnte nicht fliehen. ich mußte zu ihr gehen. Als wir wieder beisammen saßen und ich sie betrachtete, preßte ich die Lippen zusammen, und die heißen Tränen der Begierde stiegen mir in die Augen. »Vergib mir, Damaris«, flüsterte ich. »Ich fürchte, daß ich dich bis zum Wahnsinn liebe.«

Damaris sah mich mit ihrem klaren Blick an und fuhr mir mit den Fingerspitzen über die Hand. Mehr bedurfte es nicht, daß ein schreckliches Zittern durch meinen ganzen Körper lief. Meine Lust befreite sich in einem tiefen, Seufzer.

»Auch ich habe mich davor gefürchtet«, gestand Damaris. »Ich habe es kommen sehen. Zuerst war es nur eine unschuldige weiße Wolke am Horizont, aber nun ist es ein schwarzes Gewitter in dir. Ich hätte dich zur rechten Zeit fortschicken sollen, aber ich bin trotz allem nur eine Frau.«

Sie stützte das Kinn in die Hand, so daß sich die Falten an ihrem Hals glätteten, starrte vor sich hin und fragte finster: »So geht es immer. Der Mund trocknet, die Zunge bebt, die Augen tränen.«

Sie hatte recht. Die Zunge zitterte mir in meinem ausgetrockneten Mund, so daß ich nicht ein einziges Wort hervorbrachte. Ich warf mich vor ihr auf die Knie und versuchte die Arme um sie zu schlingen, aber Damaris wich mir aus und sagte: »Bedenke, daß man tausend Goldstücke für eine einzige Nacht mit mir geboten hat. Ein reicher Emporkömmling verkaufte um meinetwillen ein Silberbergwerk und begann sein Leben von neuem als armer Mann.«

»Ich kann dir tausend, ja zweitausend Goldstücke verschaffen, wenn du mir Zeit gibst, mit meinen Bankiers zu sprechen«, gelobte ich.

»Manchmal, wenn ich an einem schönen Jüngling Gefallen fand, gab ich mich auch mit einem Veilchen zufrieden«, sagte Damaris neckend. »Doch darüber wollen wir nun nicht sprechen. Ich will von dir kein Geschenk. Ich will dir selbst eines geben, und dieses Geschenk ist die traurige Gewißheit, die mir aus all meinen Erfahrungen wurde, daß die Genüsse des Fleisches eine Qual sind. Die Befriedigung der Sinne ist keine wirkliche Befriedigung, sondern weckt nur die Begierde nach noch schrecklicherer Befriedigung. Sich in die fleischliche Liebe stürzen, das ist wie sich auf glühende Kohlen werfen. Mein Feuer ist niedergebrannt. Ich gedenke, nicht mehr zu eines anderen Menschen Untergang die Opferflamme zu entzünden. Verstehst du nicht, daß ich mich meines früheren Lebens schäme?«

»Du hast mit deinen Fingern meine Hand gestreichelt«, flüsterte ich mit gesenktem Kopf, und die Tränen aus meinen Augen tropften auf den Marmorboden nieder.

»Das war unrecht«, gab Damaris zu. »Aber ich wollte dich so berühren, daß du mich nie mehr vergißt. Minutus, mein Geliebter, die Sehnsucht bedeutet so viel mehr als die Erfüllung. Das ist eine schmerzliche, aber süße Wahrheit. Glaub mir, Minutus, mein Lieber. Wenn wir nun voneinander scheiden, bewahren wir beide eine schöne Erinnerung und brauchen nie Böses voneinander zu denken. Ich habe einen neuen Weg gefunden, aber es gibt viele Wege. Vielleicht wird dich dein Weg eines Tages zu der gleichen Seligkeit führen wie mich der meine.«

Doch ich wollte sie nicht verstehen. »Predige mir nicht, verfluchtes Weib!« rief ich mit vor Begierde heiserer Stimme. »Ich habe dir versprochen, zu bezahlen, was du verlangst.«

Damaris richtete sich steif auf und sah mir eine Weile unverwandt ins Gesicht. Dann erbleichte sie und sagte spöttisch: »Wie du willst. Komm morgen abend zu mir, so daß ich mich vorbereiten kann. Aber gib später nicht mir die Schuld!«