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Ihr Versprechen machte mich schwindeln, obwohl der Klang ihrer Worte nichts Gutes verhieß. Die Knie zitterten mir, als ich ihr Haus verließ. Von Ungeduld verzehrt, wanderte ich in der Stadt umher, stieg zur Akropolis hinauf und blickte auf das weinfarbene Meer nieder. Tags darauf ging ich in ein Bad und machte durch körperliche Übungen meine Glieder geschmeidig, obwohl mir bei jeder Bewegung, und beim Gedanken an Damaris, ein verzehrendes Feuer durch den ganzen Körper flammte.

Endlich senkte sich taubenblau die Dämmerung nieder, und der Abendstern leuchtete auf. Ich klopfte laut an Damaris’ Tür, aber niemand öffnete mir. Ich dachte schon, sie habe ihren Sinn geändert und gedenke ihr Versprechen nicht zu halten, und tiefe Enttäuschung ergriff mich, doch dann drückte ich gegen die Tür und erkannte zu meiner Freude, daß sie nicht versperrt war. Ich trat ein und sah, daß der Gästesaal hell erleuchtet war.

Meine Nase nahm jedoch einen widerlichen Gestank wahr. Über die Ruhebetten waren zerlumpte Decken geworfen, die Lampen hatten die Wände berußt, der Geruch von altem Weihrauch nahm mir den Atem. Ich blickte mich verständnislos in dem sonst so schönen Raum um, schlug dann aber ungeduldig mit der Faust auf die für die Geschenke bestimmte Platte, und die Schläge hallten durchs ganze Haus. Kurz darauf erschien Damaris mit schleppendem Schritt. Ich starrte sie entsetzt an. Das war nicht die Damaris, die ich kannte.

Sie hatte sich die Lippen grell und grob bemalt, ihr Haar war ungekämmt und strähnig wie das einer Hafendirne, und sie war in Lumpen gekleidet, die nach Wein und Erbrochenem stanken. Um die Augen hatte sie unheimliche schwarze Ringe gemalt, und mit demselben Pinsel hatte sie jede Falte in ihrem Gesicht nachgezogen, so daß ich ein liederliches altes Weib vor mir sah.

»Hier bin ich, Minutus. Deine Damaris«, sagte sie gleichgültig. »Hier bin ich, so wie du mich haben willst. Nimm mich also. Zum Lohn will ich nicht mehr als fünf Kupferscherflein.«

Ich verstand, was sie meinte. Alle Kraft verließ mich, so daß ich vor ihr auf die Knie fiel. Ich beugte den Kopf zu Boden und weinte über mein ohnmächtiges Verlangen. Zuletzt sagte ich: »Vergib mir, Damaris, meine Geliebte.«

»Du verstehst also, Minutus«, sagte sie mit weicherer Stimme. »Das wolltest du aus mir machen. Dazu wolltest du mich erniedrigen. Die Sache ist dieselbe, ob sie nun nach gebildeter Menschen Art in einem duftenden Bett geschieht oder im Hafen, zwischen stinkendem Schweinemist und Urin an eine Mauer gelehnt.«

Ich legte meinen Kopf auf ihre Knie und weinte meine Enttäuschung aus. Meine Begierde war erloschen. Sie streichelte mir tröstend übers Haar und flüsterte zärtliche Worte. Zuletzt ließ sie mich allein, ging fort und wusch sich, zog ein reines Gewand an und kam mit gekämmtem Haar zurück. Auf ihrem Gesicht leuchtete eine so innige Freude, daß ich mit zitternden Lippen ihr Lächeln erwidern mußte.

»Ich danke dir, Minutus, Lieber«, sagte sie. »Im letzten Augenblick hast du mich doch verstanden, obwohl es in deiner Macht lag, mich in meine Vergangenheit zurückzustoßen. Ich werde dir, solange ich lebe, für deine Güte dankbar sein und dafür, daß du mir nicht die Freude nahmst, die ich endlich erleben durfte. Eines Tages wirst du verstehen, daß meine Freude durch Christus wunderbarer ist als alle Freuden der Welt.«

Wir saßen lange Hand in Hand und sprachen miteinander wie Schwester und Bruder oder, besser, wie Mutter und Sohn. Ich versuchte ihr vorsichtig zu erklären, daß vielleicht doch nur das wirklich ist, was wir mit unseren Augen sehen, und alles andere Täuschung und Einbildung, aber Damaris lächelte nur und sagte: »Bald bin ich tief betrübt, bald froh, aber in guten Stunden erlebe ich eine Freude, die alles Irdische hinter sich läßt. Das ist meine Gnade, meine Wahrheit und meine Barmherzigkeit. Nichts anderes brauche ich zu glauben oder zu verstehen.«

Als ich in meine Herberge zurückkehrte, noch immer wie gelähmt vor Enttäuschung und ohne zu wissen, was ich hinfort noch glauben oder hoffen sollte, erwartete mich dort einer der Männer aus meinem Gefolge. Er war in einen schmutzigen Mantel gekleidet und trug kein Schwert. Ich konnte mir vorstellen, wie er sich erschrocken und die weltberühmte athenische Allwissenheit abergläubisch fürchtend an den unzähligen Statuen und Götterbildern vorbeigedrückt haben mochte. Nun warf er sich vor mir auf die Knie und bat: »Verzeih, daß ich gegen deinen ausdrücklichen Befehl handle, Tribun, aber meine Kameraden und ich, wir halten das Leben im Hafen nicht mehr aus. Dein Pferd siecht dahin vor Langeweile und wirft uns alle aus dem Sattel, wenn wir ihm ein bißchen Bewegung verschaffen wollen, wie du befahlst. Mit der Hafengarnison haben wir ständig Streit wegen des Verpflegungsgeldes. Vor allem aber machen diese verfluchten attischen Windbeutel mit uns, was sie wollen. Wir sind wie gebundene Schafe in ihren Händen und sind doch von den Gaunern in Korinth einiges gewohnt. Der Schlimmste von allen ist ein Sophist, der sich über uns lustig macht, indem er uns eindeutig beweist, daß Achill einen Wettlauf mit einer Schildkröte nie gewinnen kann. In Korinth haben wir über die Taschenspieler gelacht, die eine winzige Kugel unter einem von drei Weinbechern verstecken und die Leute raten lassen, unter welchem, aber dieser Mensch hält uns zum Narren, denn wer würde nicht wetten, daß Achill schneller läuft als eine Schildkröte! Er teilt aber die Strecke in die Hälfte und die Hälfte wiederum in die Hälfte und so weiter ohne Ende und beweist, daß Achill immer noch ein kleines Stückchen bis zum Ziel zu laufen hat und es nicht vor der Schildkröte erreichen kann. Wir sind selbst mit einer Schildkröte um die Wette gelaufen und haben sie natürlich leicht besiegt, aber damit konnten wir seinen Beweis nicht widerlegen, als wir ihn noch einmal aufsuchten und ein zweites Mal mit ihm wetteten. Herr, ich flehe dich an bei allen römischen Adlern: führ uns nach Korinth zurück, bevor wir den Verstand verlieren.«

Der Mann sprudelte seine Klage so rasch hervor, daß ich nicht zu Worte kam. Ich tadelte ihn wegen seines unwürdigen Benehmens, aber in der Stimmung, in der ich mich befand, hatte ich keine Lust, ihm das Rätsel mit Achill und der Schildkröte zu lösen. Zuletzt hieß ich ihn mein Reisegepäck auf den Rücken nehmen, beglich meine Rechnung mit dem Herbergswirt und verließ Athen, ohne mich von jemandem zu verabschieden und in solcher Eile, daß ich zwei Untergewänder vergaß, die ich noch in der Wäsche hatte und nie zurückbekam.

Wir brachen tief bedrückt vom Piräus auf und brauchten drei Tage für eine Strecke, die ich allein an einem bewältigt hätte. Die erste Nacht verbrachten wir in Eleusis, die zweite in Megara. Die Männer erholten sich so weit, daß sie sangen und lärmten, als wir endlich in Korinth einzogen.

Ich übergab sie dem Oberzenturio und meldete mich bei Rubrius. Er empfing mich in einem weinfeuchten Untergewand und mit einem Kranz aus Weinlaub schief auf dem Kopf. Offenbar erkannte er mich nicht wieder, denn er fragte mich mehrere Male nach meinem Namen. Er erklärte mir seine Zerstreutheit damit, daß er ein älterer Mann sei, der an den Folgen einer Kopfverletzung litt, die er in Pannonien erhalten hatte, und der nun nur noch darauf wartete, in den Ruhestand treten zu können.

Danach ging ich zum Haus des Prokonsuls. Gallios Sekretär berichtete mir, daß die Bewohner von Delphi sich mit ihrem Grenzstreit an den Kaiser gewandt und Einspruch erhoben hatten. Andrerseits führten die Bewohner des der Artemis geweihten Bezirks schriftlich Klage gegen mich und behaupteten, ich hätte die Göttin gelästert und dadurch den plötzlichen Tod des Besitzers herbeigeführt. Das taten sie natürlich, um ihre eigene Haut zu retten, da sie das Land unter sich aufgeteilt hatten und, den Tempel weiter verfallen ließen. Aus Athen war zum Glück kein Bericht über mich eingegangen.

Ich war niedergeschlagen, aber Gallio empfing mich trotz allem freundlich, umarmte mich sogar und lud mich zu Tisch. »Du bist gewiß zum Platzen voll von athenischer Weisheit«, meinte er. »Aber wir wollen zuerst über die Angelegenheiten Roms sprechen.«