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Während wir aßen, erzählte er mir, sein Bruder Seneca habe ihm geschrieben, daß der junge Nero erstaunliche Fortschritte mache und Senatoren und einfachen Rittern gegenüber so würdig auftrete, daß man ihn die Freude und das Entzücken der Menschheit nenne. Claudius hatte ihn, um seiner geliebten Agrippina zu, gefallen, mit seiner achtjährigen Tochter Octavia verheiratet, deren Mutter Messalina war.

Juristisch gesehen war das Blutschande, da ja Claudius Nero sogar als seinen Sohn adoptiert hatte, aber dieses kleine Hindernis wurde auf die Weise beseitigt, daß ein Senator Octavia vor der Eheschließung adoptierte.

Britannicus blieb weit hinter Nero zurück und zeichnete sich nicht besonders aus. Er hielt sich meist in seinen eigenen Räumen im Palatium auf und begegnete seiner Stiefmutter Agrippina schroff und unfreundlich. Zum einzigen Befehlshaber der Prätorianer anstelle der früheren zwei Prätoren hatte man den einarmigen alten Haudegen Burrus ernannt, der ein guter Freund Senecas war und besondere Hochachtung für Agrippina hegte, weil sie die Tochter des großen Germanicus war.

»Dem Kaiser geht es gut«, sagte Gallio mit einem Blick in seinen Brief und ließ ein wenig Wein aus seinem Becher auf den Boden tropfen. »Er tritt so stattlich auf wie eh und je und leidet nur gelegentlich an einem harmlosen Sodbrennen. Die wichtigste Neuigkeit auf wirtschaftlichem Gebiet ist, daß der Hafen in Ostia endlich fertiggestellt wurde. Die Getreideschiffe können dort nun bequem gelöscht werden. Wie viele Millionen Goldstücke liegen nicht im Schlick und in den Sandbänken Ostias begraben! Aber nun braucht man in Rom nie mehr Unruhen wegen verspäteter Getreideausteilungen zu befürchten. Es geschah Claudius einmal, daß er auf dem Forum von einem wütenden Volkshaufen so hart gegen eine Mauer gedrückt wurde, daß er schon für sein Leben fürchtete. Im übrigen sinken die Preise für Korn aus Ägypten und Afrika, und es lohnt sich nicht mehr, in Italien Getreide anzubauen. Die umsichtigen Senatoren sind schon dazu übergegangen, Schlachtvieh zu züchten, und verkaufen ihre Sklaven auf Versteigerungen ins Ausland.«

Während Gallio so väterlich mit mir sprach, zerstreute sich meine Unruhe, und ich begriff, daß ich keinen Tadel wegen meines zu langen Aufenthalts in Athen zu befürchten brauchte. Dann aber sah mich Gallio forschend an und fuhr in dem gleichen leichten Ton fort: »Du bist blaß, und deine Augen blicken starr. Aber das Studium in Athen hat schon so manchem ehrenwerten jungen Römer den Kopf verwirrt. Ich habe gehört, du hast dich von einer klugen Frau belehren lassen. Das ist natürlich sehr anstrengend und kostet obendrein viel Geld, und ich hoffe nur, du hast dich nicht in allzu hohe Schulden gestürzt. Weißt du, mein lieber Minutus, ich glaube, ein bißchen Seeluft würde dir guttun.«

Ehe ich noch zu überflüssigen Erklärungen ansetzen konnte, hob er warnend die Hand und sagte lächelnd: »Deine persönlichen Angelegenheiten gehen mich nichts an. Wichtig ist nur, daß der junge Nero und die schöne Agrippina dich durch meinen Bruder grüßen lassen. Nero vermißt dich. Man kann nur Roms Glücksgöttin dafür preisen, daß eine so willensstarke und wirklich kaiserliche Frau wie Agrippina Claudius zur Seite steht und ihm einen Teil seiner Last abnimmt. Du sollst Agrippina einen schönen korinthischen Bronzebecher geschickt haben. Sie hat sich über deine Aufmerksamkeit sehr gefreut.«

Für einen kurzen Augenblick faßte mich eine tiefe Sehnsucht nach Rom, wo mir das Leben so viel einfacher und an eine feste Ordnung gebunden zu sein schien. Gleich darauf sagte ich mir jedoch, daß ein bloßer Ortswechsel mir auch keine Erleichterung verschaffen konnte, und seufzte.

Gallio fuhr zerstreut lächelnd fort: »Ich höre, du hast dich auf deiner Reise mit Artemis verfeindet. Es wäre wohl das klügste, wenn du ihr persönlich im Tempel zu Ephesus eine Opfergabe darbrächtest. Ich habe einen vertraulichen Brief an den Prokonsul in Asia. Wenn du mit ihm zusammentriffst, kannst du ihm auch gleich berichten, wie begabt Nero ist, wie bescheiden er in der Kurie auftritt und wie klug Agrippina ihn erzieht. Neros Ehe mit Octavia hat eine gewisse politische Bedeutung, wie du bei einigem Nachdenken selbst erkennen wirst. Natürlich leben die beiden noch nicht zusammen, denn Octavia ist ja noch ein Kind.«

Mein Kopf war so umnebelt, daß ich nur einfältig zu nicken vermochte. Gallio hielt es für nötig, mir zu erklären: »Unter uns gesagt, ist die Abstammung von Britannicus und Octavia wegen Messalinas schlechtem Ruf, gelinde ausgedrückt, zweifelhaft, aber Claudius betrachtet sie als seine eigenen Kinder, was sie vor dem Gesetz ja auch sind, und nicht einmal Agrippina wagt es, an so heikle Dinge zu rühren und seine männliche Eitelkeit zu kränken.«

Ich gab zu, daß ich in Rom vor meiner Reise nach Britannien allerlei Gerüchte vernommen hatte, fügte aber offenherzig hinzu: »Damals hatte es den Anschein, als brächte man absichtlich so furchtbare Dinge über Messalina in Umlauf. Ich konnte das Gerede nicht ernst nehmen. Sie war jung, schön und genußsüchtig, und Claudius war, verglichen mit ihr, ein Greis. Trotzdem mag ich über sie nicht das Schlimmste denken.«

Gallio schwenkte ungeduldig seinen Becher. »Vergiß nicht, daß wegen Messalinas Leichtfertigkeit fünfzig Senatoren und einige hundert Ritter den Kopf verloren oder sich selbst die Pulsadern aufschneiden durften. Dein Vater hätte sonst wohl kaum den Purpurstreifen bekommen.«

»Wenn ich dich recht verstanden habe, Prokonsul«, sagte ich zögernd, »so meinst du, daß Claudius einen kranken Magen und einen schwachen Kopf hat. Einmal wird er die Schuld eines jeden Menschen bezahlen müssen, soviel wir auch seinem Genius opfern.«

»Wer wird ihm Schlimmes voraussagen wollen!« rief Gallio. »Es soll sein, als hättest du diese Worte nie laut ausgesprochen. Claudius hat Rom trotz seiner Schwächen so gut regiert, daß der Senat ihn nach seinem Tode getrost zum Gott erhöhen kann, obgleich das nicht wenig Spott und Gelächter geben wird. Wer vorausblickt, fragt sich eben nur zur rechten Zeit, wer an seine Stelle treten soll.«

»Nero Imperator«, flüsterte ich träumend. »Aber Nero ist ja noch ein Knabe.« Zum erstenmal dachte ich an diese Möglichkeit, und der Gedanke entzückte mich, da ich schon Neros Freund gewesen war, bevor seine Mutter sich mit Claudius vermählte.

»Dieser Gedanke braucht dich nicht zu erschrecken, Tribun Minutus«, sagte Gallio. »Es ist nur gefährlich, ihn offen auszusprechen, solange Claudius noch lebt und atmet. Um aber die Fäden des Schicksals und des Zufalls zu entwirren und in die Hand zu bekommen, wäre es gewiß sehr nützlich, wenn dieser vortreffliche Gedanke auch in die Köpfe führender Männer in anderen Provinzen Eingang fände. Ich hätte nichts dagegen, wenn du dich von Ephesus nach Antiochia begäbst. Das ist ja deine alte Heimatstadt. Die Freigelassenen deines Vaters sollen dort Reichtümer und großen Einfluß erworben haben. Du brauchst nur gut über Nero zu reden, sonst nichts. Nur keine Andeutungen über die Zukunft in klaren Worten – davor mußt du dich hüten! Ein jeder, mit dem du sprichst, mag seine eigenen Schlüsse ziehen. Es gibt im Osten mehr klug berechnende politische Vernunft, als man in Rom zu glauben geneigt ist.«

Er ließ mich eine Weile nachdenken, bevor er fortfuhr: »Natürlich mußt du für die Kosten deiner Reise selbst aufkommen, wenngleich ich dir der Form halber ein paar Handschreiben mitgebe. Was du sagst, das sagst du aus eigenem, freiem Willen, nicht in meinem Auftrag. Du hast ein so offenes Wesen und bist noch so jung, daß dich kaum einer für einen politischen Ränkeschmied halten wird. Und das bist du ja auch auf keinen Fall, nicht wahr? Es gibt eine ganze Anzahl Römer, die nur um einer Laune des Kaisers willen die Qualen der Verbannung erleiden müssen, und diese Männer haben Freunde in Rom. Geh ihnen nicht aus dem Weg, denn sobald Claudius tot ist, werden alle Verbannten, auch die Juden, begnadigt. Das verspricht mein Bruder, der selbst acht Jahre lang die Verbannung geschmeckt hat. Du kannst das Magenleiden des Kaisers erwähnen, darfst aber nicht vergessen hinzuzufügen, daß es sich gewiß nur um ganz harmlose Blähungen handelt, und dann magst du darauf hinweisen, daß man ähnliche Beschwerden auch bei Magenkrebs hat. Unter uns gesagt: Agrippina macht sich wegen Claudius’ Gesundheitszustand große Sorgen. Er ist ein Leckermaul und will keine vernünftige Diät halten.«