Ich mußte unwillkürlich glauben, daß Gallio der Wein zu Kopf gestiegen war. Hätte er sonst gewagt, mir solche Dinge laut zu sagen? Vermutlich überschätzte er meinen Ehrgeiz, weil er den Ehrgeiz für eine jedem Römer angeborene Eigenschaft hielt, und auch ich habe ja Wolfsblut in meinen Adern. Jedenfalls hatte er mir den Kopf heiß gemacht, und ich hatte nun über anderes nachzudenken als nur über Damaris in Athen.
Zuletzt bat er mich, die Sache in Ruhe zu überschlafen, und schickte mich nach Hause. Es war sehr spät geworden. Trotzdem brannte in dem Ring neben der Tür meines Hauses eine Fackel, und von drinnen hörte ich Gesang und Geschrei. Ich fragte mich, ob Hierax von meiner Ankunft gehört und vielleicht irgendeinen festlichen Empfang vorbereitet hatte. Als ich eintraf, erblickte ich eine große Menge Menschen, Männer und Frauen, die sich gerade von einem gemeinsamen Mahl erhoben. Offensichtlich waren alle schwer bezecht. Einer tanzte herum und verdrehte die Augen, ein anderer schwatzte ununterbrochen in einer Sprache, die ich nicht verstand. Hierax ging als Gastgeber umher und küßte seine Gäste der Reihe nach mit großer Zärtlichkeit. Als er mich endlich bemerkte, blieb er verwirrt stehen, gewann jedoch rasch die Fassung wieder und rief: »Gesegnet sei dein Eingang und dein Ausgang, Herr! Wie du siehst, üben wir uns gerade in heiligen Gesängen. Auf deinen Befehl habe ich mich mit der neuen Lehre der Juden bekannt gemacht. Sie paßt einem einfachen Sklaven wie ein Handschuh.«
Der Türhüter und die Köchin wurden rasch nüchtern und warfen sich vor mir auf die Knie. Als Hierax sah, wie mein Gesicht vor Zorn rot anlief, zog er mich beiseite und erklärte eilig: »Ärgere dich nicht, Herr. Es ist alles in guter Ordnung. Der strenge Paulus hat aus dem einen oder anderen Grunde plötzlich den Mut verloren. Er schnitt sich das Haar und segelte nach Asia und Jerusalem, um den Ältesten Rechenschaft abzulegen. Als er fort war, begannen wir Christen darum zu streiten, wer nun die anderen lehren solle. Die Juden glauben, sie wüßten alles besser als andere, selbst wo es sich um Christus handelt. Deshalb versammeln wir Unbeschnittenen uns hier in deinem Haus, wo wir, so gut wir es verstehen, die neue Lehre ausüben und auch ein wenig besser essen können als bei den gemeinsamen Mählern, zu denen immer viel zu viele arme, nicht zahlende Gäste kommen. Dieses Mahl hier bezahle ich selbst. Ich habe nämlich diese vermögende und noch recht ansehnliche Witwe dort drüben an der Angel. Unter den Christen habe ich überhaupt lauter nützliche Bekanntschaften geschlossen. Das ist bei weitem die beste geheime Gesellschaft, der ich je angehört habe.«
»Bist du Christ geworden und hast dich taufen lassen, und hast du Buße getan und was sonst noch alles dazugehört?« fragte ich entsetzt.
»Du hast es mir selbst befohlen«, verteidigte Hierax sich. »Ohne deine Erlaubnis hätte ich mich nicht darauf eingelassen, da ich doch nur dein Sklave bin. Aber unter den Christen habe ich mein sündiges Sklavenkleid abgelegt. Nach ihrer Lehre sind wir, du und ich, vor Christus gleich. Du mußt gütig und sanft gegen mich sein, und ich werde dir wie bisher nach bestem Vermögen dienen. Wenn wir nur einmal die hochmütigsten und engstirnigsten Juden losgeworden sind, wird unser Liebesbund ganz Korinth zur Zierde gereichen.«
Am nächsten Morgen war Hierax wieder klar im Kopf und weit bescheidener. Er machte jedoch ein langes Gesicht, als ich ihm sagte, ich müsse nach Asia reisen und ihn mitnehmen, da ich auf einer so langen Reise natürlich nicht ohne Diener auskommen könne.
»Das ist unmöglich!« jammerte Hierax und raufte sich die Haare. »Ich habe doch gerade erst hier Fuß gefaßt und auf deine Rechnung allerhand nützliche Geschäfte angeknüpft. Wenn du dich nun plötzlich aus allen laufenden Unternehmungen zurückziehen mußt, so fürchte ich, daß du sehr viel Geld verlieren wirst. Außerdem kann ich die Christen in Korinth nicht einfach ihrem Schicksal überlassen, nun da Paulus abgereist ist und Streit und Zersplitterung unter ihnen herrscht. Und wer wird sich um die Witwen und die Waisen kümmern, wie es ihre Lehre verlangt, da ich doch der einzige bin, der mit Geld umzugehen versteht, oder jedenfalls einer der wenigen aus der ganzen Gemeinde? Ich habe eine lehrreiche Geschichte gehört von einem Herrn, der seinen Knechten pfundweise Gold gab und sie dann aufforderte, Rechenschaft abzulegen, wie sie es vermehrt hätten. Ich will am Tag der Abrechnung nicht als ein untauglicher Knecht dastehen.«
Hierax hatte während meiner Abwesenheit Fett angesetzt und sich eine großsprecherische Art angewöhnt. Auf längeren und beschwerlichen Reisen hätte er mir nichts mehr genützt. Er hätte nur geschnauft und gejammert und sich nach dem bequemen Leben in Korinth zurückgesehnt. Ich sagte daher: »Bald jährt sich der Todestag meiner Mutter. Ich werde dich freilassen, so daß du in Korinth bleiben und dich um das Haus kümmern kannst. Ich sehe ein, daß ich nur Verluste erleiden würde, wenn ich alles verkaufte, was ich mir hier zu meiner Bequemlichkeit geschaffen habe.«
»Eben das wollte ich dir vorschlagen«, sagte Hierax eifrig. »Bestimmt hat dir der Gott der Christen diesen Gedanken eingegeben. Ich habe mir einiges erspart, so daß ich die Hälfte meiner Freilassungssteuer selbst bezahlen kann. Ich habe mich auch schon auf Umwegen bei einem bekannten Rechtsgelehrten im Rathaus erkundigt, was für mich ein geziemender Preis wäre. So dick, wie ich nun geworden bin, tauge ich nicht mehr zu körperlicher Arbeit, und außerdem habe ich einige Fehler, die ich zwar vor dir verbergen konnte, die aber meinen Wert senken würden, wenn ich noch einmal verkauft werden sollte.«
Ich nahm sein Anerbieten nicht an, da ich der Meinung war, daß er seine geringen Ersparnisse selbst brauchte, um in dem gierigen Korinth auf die Beine zu kommen und Erfolg zu haben. Ich erlegte also das Lösegeld für ihn und drückte ihm selbst den Freilassungsstab in die Hand. Zugleich stellte ich ihm eine behördlicherseits bestätigte Vollmacht aus, mein Haus und meinen übrigen Besitz in Korinth zu verwalten. Ich war im Grunde recht froh, auf diese Weise sowohl ihn als auch alle lästigen Pflichten loszuwerden. Die Leichtfertigkeit, mit der er die Sache der Christen betrieb, gefiel mir nicht, und ich wollte daher keine andere Verantwortung für ihn tragen als die, die einer für seinen Freigelassenen übernimmt.
Hierax Lausius begleitete mich bis Kenchreae, wo ich an Bord eines Schiffes ging, das nach Ephesus segelte. Er dankte mir noch einmal dafür, daß ich ihm erlaubt hatte, sich Lausius zu nennen, denn dieser Name dünkte ihn vornehmer und würdevoller als Minutius. Seine Abschiedstränen waren wohl aufrichtig, obwohl ich annehme, daß er erleichtert aufseufzte, als das Schiff auslief und er einen allzu jungen und unberechenbaren Herrn losgeworden war.
VI
SABINA
Troxobores, ein Bandenführer aus dem Bergvolk der Kliter, machte sich die Unruhen in Armenien, welche die syrischen Legionen banden, zunutze, um ein geübtes Kriegsheer im Innern Kilikiens aufzustellen, und stieß von dort zur Küste nieder, wo er die Häfen plünderte und mit seinen Ruderschiffen die Seefahrt störte. Der kilikische Bundeskönig, der bejahrte Antiochus, war machtlos, da seine Hilfstruppen in Armenien standen. In ihrer Frechheit belagerten die Kliter zuletzt sogar die Hafenstadt Anemurium. Ich stieß auf dem Wege von Ephesus nach Antiochia auf eine Abteilung syrischer Reiterei unter dem Präfekten Curtius Severus, die Anemurium entsetzen wollte, und erachtete es in dieser Notlage für meine Pflicht, mich Severus anzuschließen.