Wir erlitten vor den Mauern Anemuriums eine schwere Niederlage, da das Gelände für die Bergbewohner des Troxobores günstiger war als für unsere Reiterei. Zum Teil hatte auch Severus Schuld daran, denn er glaubte, eine kampfungewohnte Räuberbande einfach dadurch in die Flucht schlagen zu können, daß er die Hörner blasen ließ und in vollem Galopp angriff, ohne vorher das Gelände und die wirkliche Stärke des Troxobores erkunden zu lassen.
Ich wurde in der Seite, an einem Arm und an einem Fuß verwundet. Mit einem Strick um den Hals und hinter dem Rücken gefesselten Händen wurde ich in die unzugänglichen Berge der Kliter hinaufgeführt, und dort war ich zwei Jahre lang Gefangener des Troxobores. Die Freigelassenen meines Vaters in Antiochia hätten mich auf der Stelle freigekauft, aber Troxobores war ein listiger, kriegslüsterner Mann und wollte lieber einige hochgestellte Römer in der Hand haben, als in seinen Schlupfwinkeln Lösegelder ansammeln. Der syrische Prokonsul und König Antiochus verkleinerte in seinen Berichten an den Senat die Bedeutung dieses nicht enden wollenden Aufstandes in den Bergen, um ihn mit eigener Kraft niederwerfen zu können, und auch weil er, nicht ohne Grund, den Zorn des Kaisers fürchtete.
Troxobores sagte: »Mit dem Rücken an der Wand kann ich mir um Gold mein Leben nicht erkaufen, aber euch römische Ritter kann ich zuletzt immer noch kreuzigen lassen, um mit einem stattlichen Gefolge in die Unterwelt einzuziehen.«
Er behandelte uns Gefangene, wie es seine Laune ihm eingab, bald gut, bald schlecht. Er konnte uns zu seinen rohen Mahlzeiten einladen, uns zu essen und zu trinken geben und uns mit Tränen in den Augen seine Freunde nennen, aber nach dem Mahl schloß er uns in eine schmutzige Höhle ein, ließ die Öffnung zumauern und uns durch ein faustgroßes Loch gerade so viel trocken Brot reichen, daß wir mit knapper Not am Leben blieben. Zwei von uns begingen Selbstmord, indem sie sich mit einem Steinsplitter die Halsschlagader aufschnitten.
Meine Wunden entzündeten sich und quälten mich. Sie wässerten, und ich glaubte sterben zu müssen. In diesen zwei Jahren lernte ich, in der tiefsten Erniedrigung zu leben, stets auf die Folter oder den Tod gefaßt. Mein Sohn Julius, mein einziger Sohn, wenn Du dies nach meinem Tode liest, sollst Du wissen, daß die tiefen Narben, die ich in meinem Gesicht trug und von denen ich Dir, als Du noch klein warst, in meiner Eitelkeit sagte, sie stammten von meinen Kämpfen in Britannien, nicht das Werk der Briten sind. Ich bekam sie viele Jahre vor Deiner Geburt in einer kilikischen Höhle, wo ich zu Demut und Geduld erzogen wurde und vor Scham mein Gesicht in die rauhe Felswand drückte. Denk manchmal daran, wenn Du so eifrig Deinen habsüchtigen und altmodischen toten Vater kritisierst.
So viele Männer, wie Troxobores, als er noch Erfolg hatte, um sich zu sammeln und zu Kriegern auszubilden vermochte, so viele ließen ihn nach seiner ersten Niederlage im Stich. Er beging nämlich den Fehler, sich auf eine offene Feldschlacht einzulassen, der seine nicht genug geübten Truppen nicht gewachsen waren.
König Antiochus behandelte seine Gefangenen freundlich. Er ließ sie frei und schickte sie in die Berge hinauf, wo sie allen Begnadigung versprachen, die von Troxobores abfielen. Die meisten seines Volkes waren der Ansicht, das Spiel habe, da sie genug Kriegsbeute gesammelt hatten, lang genug gedauert. Sie flohen zu ihren Heimstätten zurück, um den Rest ihres Lebens als für kilikische Begriffe reiche Männer zu verbringen. Troxobores ließ die Flüchtigen verfolgen und töten, was viel böses Blut unter seinen eigenen Stammesfreunden machte.
Zuletzt waren seine nächsten Vertrauten seiner Grausamkeiten und Launen müde und nahmen ihn gefangen, um sich selbst die Begnadigung zu verdienen. Das geschah gerade noch zur rechten Zeit, denn schon rückte König Antiochus heran, Sklaven rissen die Mauer vor unserer Höhle nieder, und draußen waren schon die Pfähle für unsere Hinrichtung in den Boden gerammt worden. Meine Mitgefangenen verlangten, daß Troxobores an unserer Stelle gekreuzigt werde, aber König Antiochus ließ ihm unverzüglich den Kopf abschlagen, um einer peinlichen Geschichte so rasch wie möglich ein Ende zu machen.
Ich schied von meinen Mitgefangenen ohne Bedauern. In der Dunkelheit der Höhle und in unserem Hunger und Elend hatten wir einander zuletzt nicht mehr ausstehen können. Während sie nach Antiochia zurückkehrten, bekam ich in Anemurium einen Platz an Bord eines römischen Kriegsschiffes, das nach Ephesus bestimmt war. König Antiochus entschädigte uns großzügig für die ausgestandenen Leiden, damit wir stillschwiegen.
In Ephesus wurde ich von dem damaligen Prokonsul in Asia, Junius Silanus, freundlich empfangen. Er lud mich auf sein Landgut vor der Stadt ein und stellte mir seinen eigenen Arzt zur Verfügung. Silanus war etwa fünfzig Jahre alt, ein vielleicht etwas schwerfälliger, aber so redlicher Mann, daß man ihn zu Kaiser Gajus’ Zeiten wegen seiner unermeßlichen Reichtümer einen vergoldeten Schafskopf genannt hatte.
Als ich auf Agrippina und Nero zu sprechen kam, verbot er mir streng, in seiner Gegenwart auch nur ein einziges Wort über das Magenleiden des Kaisers zu sagen. Einige hochgestellte Männer waren unlängst deshalb aus Rom verbannt worden, weil sie einen Astrologen ausgefragt hatten, wie lange Claudius noch zu leben habe. Danach hatte der Senat eine Verordnung erlassen, derzufolge alle Chaldäer Rom verlassen mußten.
Silanus schien der eigentümlichen Auffassung zu sein, Agrippina sei am Tode seines Bruders Lucius schuld, ganz so, wie er auch meinte, daß Messalina seinerzeit Verderben über Appius Silanus gebracht habe, indem sie Schlimmes über ihn träumte. Sein unsinniges Mißtrauen ärgerte mich. »Wie kannst du so über die erste Dame Roms denken!« sagte ich aufgebracht. »Agrippina ist eine edle Frau. Ihr Bruder Gajus war Imperator, und sie selbst die Gemahlin des Imperators und stammt vom Gott Augustus ab.«
Silanus lächelte dümmlich und sagte: »Nicht einmal die vornehmste Abstammung scheint einem in Rom noch etwas zu nützen. Du erinnerst dich gewiß an Domitia Lepida, Neros Tante, die Nero aus Freundschaft in ihre Obhut nahm, als Agrippina wegen ihres unzüchtigen Lebenswandels und Hochverrats verbannt worden war. Domitia hat sich seiner immer zärtlich angenommen, wenn er unter Agrippinas Strenge allzusehr zu leiden hatte. Vor kurzem wurde sie zum Tode verurteilt, weil sie angeblich Agrippina durch Zauberei zu schaden versuchte und ihre Sklaven in Kalabrien nicht im Zaun hielt. Auch Domitia stammte aus dem Geschlecht des Augustus.«
Silanus blinzelte mich listig an und fuhr fort: »Wenn Claudius’ Zeit wirklich einmal abgelaufen ist, doch darüber dürfen wir nicht laut sprechen, so ist zu bedenken, daß auch ich im Vierten Glied vom Gott Augustus abstamme. Es sollte mich nicht wundernehmen, wenn der Senat in Rom einen Mann gesetzten Alters einem halbwüchsigen Knaben vorzöge. Mein Ruf ist untadelig, und ich habe keine Feinde.«
Darin hatte er recht, denn wer hätte wohl Ursache gehabt, den einfältigen Silanus zu hassen? Seine Einbildung erstaunte mich jedoch so sehr, daß ich entsetzt fragte: »Denkst du im Ernst daran, Imperator zu werden?«
Junius Silanus errötete verschämt. »Du darfst darüber mit niemandem sprechen. Die Entscheidung steht dem Senat zu. Ich will dir aber im Vertrauen sagen, daß ich Nero nicht unterstützen kann. Schon sein Vater hatte einen üblen Ruf und war so grausam, daß er einmal einem römischen Ritter auf dem Forum ein Auge ausquetschte, nur weil dieser ihm nicht ehrerbietig genug Platz gemacht hatte.«
Dank seinem Reichtum trat Silanus in Asia wie ein König auf. Ich erfuhr übrigens von ihm, daß Gallio nach Ablauf seiner Amtszeit an dem Familienübel der Annaeer, der Schwindsucht, erkrankt und nach Rom zurückgekehrt war, um Rechenschaft abzulegen, bevor er sich in das trockene Klima Ägyptens begab, um seine Gesundheit wiederzuerlangen. Ich hatte den Verdacht, daß er nicht nur seiner Gesundheit wegen nach Ägypten gereist war, aber ihm konnte ich nun von den wahnwitzigen Hoffnungen des Prokonsuls Silanus nicht mehr berichten, und doch erschien es mir wichtig, nach Rom zu melden, daß Nero in den Provinzen nicht auf die Unterstützung rechnen durfte, die seine Mutter und Seneca offenbar als selbstverständlich voraussetzten.