Nach langer Überlegung schrieb ich an Seneca selbst und berichtete ihm von meiner Gefangenschaft. Zuletzt schrieb ich: »Der Prokonsul Junius Silanus erweist mir große Gastfreundschaft und will nicht, daß ich heimreise, ehe nicht meine Wunden vollständig ausgeheilt sind, die noch eitern. Es betrübt mich, daß er nicht ebenso gut wie ich von Agrippina und Nero denkt, sondern sich damit brüstet, daß er aus dem Geschlecht des Augustus stammt, und viele Freunde im Senat zu haben glaubt. Ich erwarte Deinen Rat, ob ich nach Rom zurückkehren oder einstweilen noch hier bleiben soll.«
Die Gefangenschaft hatte mich abgestumpft und entkräftet. Ich ließ die Zeit gedankenlos verrinnen. Manchmal ging ich mit Silanus zu den Wagenrennen und setzte mit gutem Erfolg auf sein Gespann. Auch ein prächtiges Theater gab es in Ephesus, und wenn einem nichts anderes einfiel, konnte man immer noch in den Tempel gehen, der eines der Wunder der Welt ist und von Sehenswürdigkeiten überquillt.
Allmählich erlangte ich dank der guten Kost, einem bequemen Bett und der Geschicklichkeit des Arztes meine Gesundheit wieder. Ich begann wieder zu reiten und nahm an Wildschweinjagden teil, die Silanus’ Kriegstribunen veranstalteten.
Der griechische Arzt des Silanus war auf Kos ausgebildet worden. Als ich ihn nach seinen Einkünften fragte, antwortete er lachend: »Ein Arzt kann, um seine Kunst auszuüben, keinen elenderen Ort finden als Ephesus. Die Artemispriester betreiben Wunderheilungen, und daneben gibt es Hunderte von Zauberern aus aller Herren Länder. Den meisten Zulauf hat zur Zeit ein Jude, der durch Handauflegen Kranke heilt und Tobsüchtige beruhigt. Seine Schweißtücher und Schürzen werden im ganzen Lande als Heilmittel gegen so gut wie jede Krankheit verkauft. Aber das genügt ihm noch immer nicht. Er hat die Schule des Tyrannos gemietet, um seine Kräfte andere zu lehren. Noch dazu ist er eifersüchtig auf seine Berufsgenossen und spricht geringschätzig von Zauberbüchern und heilenden Götterbildern.«
»Von den Juden kommt aller Unfriede, weil sie sich nicht mehr damit begnügen, unter sich zu bleiben und im Schutz ihrer besonderen Rechte ihren Gott zu verehren, sondern nun auch die Griechen anstecken«, sagte ich bitter.
Der jonische Herbst ist mild. Helius, ein Freigelassener des Junius Silanus, der dessen Besitz in Asia verwaltet, war in allem auf meine Bequemlichkeit bedacht. Er ließ zu den Mahlzeiten Schauspiele und Pantomimen aufführen, und manchmal, wenn er glaubte, daß ich mich langweilte, schickte er mir auch eine schöne Sklavin in mein Bett. Die goldenen Tage und die dunkelblauen Nächte flossen ruhig dahin. Ich glaubte nichts anderes mehr zu wünschen als die kleinen Freuden des Alltags. Eine andere Hoffnung hatte ich nicht mehr, eine andere Zukunft sah ich nicht mehr vor mir. Ich ließ mich willenlos treiben.
Kurz vor Winteranfang traf ein römischer Schnellruderer in Ephesus ein, an dessen Bord sich Publius Celer, ein betager Ritter, befand. Er brachte die Nachricht, daß Kaiser Claudius, wie man seit langem erwartete, seiner Magenkrankheit erlegen war. Afranius Burrus, der Präfekt der Prätorianer, hatte Nero ins Prätorianerlager tragen lassen. Nero hatte eine außerordentliche Rede gehalten und den Männern das übliche Geldgeschenk versprochen. Darauf war er unter allgemeinem Jubel zum Imperator ausgerufen worden, und der Senat hatte den Beschluß einstimmig bekräftigt.
Junius Silanus prüfte die Erlässe und Vollmachten, die Celer mitgebracht hatte, genau. Publius Celer war ein für sein Alter rüstiger Mann, der genau zu wissen schien, was er wollte. Ein Schwerthieb hatte eine Narbe in dem einen Mundwinkel hinterlassen, die den Mund schief zog, so daß er stets spöttisch zu grinsen schien.
Mir überbrachte er Grüße von Seneca, der für meinen Brief dankte und mich aufforderte, nach Rom zurückzukehren, da Nero, nun er seine freisinnige Regierung antrat, seine Freunde um sich brauchte. Die Vergehen, Streitigkeiten und Fehler vergangener Tage waren vergessen und vergeben. Die Verbannten durften nach Rom zurückkehren. Von den Vätern in der Kurie unterstützt, hoffte Nero der ganzen Menschheit ein Glücksbringer werden zu können. Die üblichen offiziellen Maßnahmen wurden getroffen. Die Verwaltungsbehörde beschloß, bei dem bekanntesten Bildhauer Roms eine Statue Neros zu bestellen. Junius Silanus aber gab trotz seines Reichtums kein öffentliches Mahl zu Neros Ehren, was eigentlich seine Pflicht gewesen wäre, sondern lud nur seine nächsten Freunde auf sein Landgut ein, so daß wir nicht mehr als dreißig bei Tisch waren. Nachdem er Kaiser Claudius, der durch Senatsbeschluß zum Gott erhoben worden war, ein Trankopfer dargebracht hatte, wandte sich Junius Silanus mit rotem Kopf an Celer und sagte böse: »Wir haben genug dummes Zeug geschwatzt. Sag mir jetzt, was in Rom wirklich geschehen ist.«
Publius Celer hob die Brauen und fragte mit einem schiefen Lächeln: »Haben deine Pflichten dich überanstrengt? Worüber ereiferst du dich? Dein Alter und deine körperliche Verfassung vertragen keine unnötigen Gemütsbewegungen.«
Junius Silanus atmete wirklich schwer und war gereizt wie jeder, der eine Enttäuschung erlitten hat. Aber Publius Celer berichtete in scherzendem Tonfalclass="underline" »An Claudius’ Begräbnistag hielt Nero als sein Sohn die übliche Gedenkrede auf dem Forum. Ob er sie ganz allein entworfen oder ob Seneca ihm geholfen hatte, wage ich nicht zu sagen. Nero hatte trotz seiner Jugend schon Beweise seiner eigenen dichterischen Begabung abgelegt. Jedenfalls sprach er mit weithin hallender Stimme und schönen Gebärden. Die Väter, die Ritter und das Volk lauschten fromm, als Nero das berühmte Geschlecht des Claudius und die Triumphe seiner Väter, seine eigene Gelehrsamkeit und seine Regierungszeit pries, in der der Staat von allen äußeren Gefahren verschont geblieben war. Dann aber wechselte Nero geschickt den Tonfall und lobte, widerwillig und gleichsam nur durch Schick und Brauch gezwungen, auch des toten Claudius’ Klugheit, Güte und Staatskunst. Da vermochte keiner mehr an sich zu halten. Gewaltiges Gelächter unterbrach immer wieder Neros Rede. Man lachte sogar, als er von seinem eigenen unersetzlichen Verlust und großen Kummer sprach. Der Begräbniszug war eine einzige Narrenposse, und niemand verbarg mehr seine Erleichterung darüber, daß Rom endlich der Willkür eines grausamen, genußsüchtigen und schwachsinnigen Prassers entronnen war.«
Junius Silanus schlug seinen goldenen Becher so heftig gegen die Kante seines Liegesofas, daß mir der Wein ins Gesicht spritzte, und brüllte: »Claudius war so alt wie ich, und ich dulde nicht, daß man sein Andenken beschimpft. Sobald die Väter zur Vernunft kommen, werden sie wohl einsehen, daß der siebzehnjährige Sohn einer machtlüsternen Mutter nicht über die Welt herrschen kann.«
Celer nahm diese Worte ruhig auf. »Claudius ist zum Gott erhöht worden«, sagte er. »Wer kann von einem Gott schlecht sprechen! In Elysiums Blumengefilden steht Claudius göttlich erhaben über aller Kritik und Verunglimpfung; das müßtest du doch begreifen, Prokonsul. Senecas Bruder Gallio scherzte gewiß nur, als er sagte, Claudius sei mit einem Haken unterm Kinn zum Himmel hinaufgezogen worden, so wie wir die Leichen der Staatsverbrecher von Tullianum zum Tiber schleifen. Ein solcher Scherz beweist aber nur, daß man in Rom wieder offen zu lachen wagt.«
Als Junius Silanus immer noch vor Zorn und Atemlosigkeit schnaubte, schlug Publius Celer einen anderen Ton an und sagte warnend: »Es ist besser, du trinkst auf das Wohl des Imperators und vergißt deinen Groll, Prokonsul.«
Auf seinen Wink brachte Helius einen neuen Goldbecher und reichte ihn Celer. Celer mischte vor aller Augen den Wein, schenkte ein, trank selbst aus dem Becher und reichte ihn Silanus, der ihn nach seiner Gewohnheit in wenigen Zügen leerte, da er wohl oder übel auf den neuen Kaiser trinken mußte.