Als er den Becher wieder niedergesetzt hatte, wollte er offensichtlich noch eine bissige Bemerkung anbringen, aber plötzlich schwollen seine Schläfenadern, er fuhr sich mit den Händen an den Hals und stöhnte nur, während sein Gesicht blau anlief. Wir starrten ihn erschrocken an, und noch ehe einer von uns einer einzigen Bewegung fähig war, stürzte er schwer zu Boden. Sein Körper zuckte noch einige Male, und dann tat er vor unser aller Augen seinen letzten Atemzug.
Wir waren entsetzt aufgesprungen, und keiner vermochte ein Wort zu sagen. Nur Publius Celer bewahrte die Fassung und ließ sich in ruhigem Tonfall vernehmen: »Ich warnte ihn davor, sich aufzuregen. Die Pflichten, die diese unerwarteten Veränderungen mit sich brachten, haben ihn überanstrengt, und er nahm vor dem Mahl ein zu heißes Bad. Wir wollen aber diesen Herzschlag eher als ein gutes Vorzeichen betrachten denn als ein böses. Ihr habt alle gehört, welch bitteren Groll er gegen den Imperator und dessen Mutter hegte. Aus Groll nahm sich seinerzeit auch sein jüngerer Bruder Lucius das Leben, nur um Claudius und Agrippina den Hochzeitstag zu verderben, nachdem Claudius seine Verlobung mit Octavia gelöst hatte.«
Wir begannen alle durcheinanderzureden und bezeugten, daß wir gesehen hatten, wie plötzlich das Herz eines zu dicken Mannes vor Ärger brechen kann. Helius holte den Arzt des Silanus, der sich an die gesunden Lebensregeln der Bewohner von Kos hielt und schon früh schlafen gegangen war. Er eilte erschrocken herbei, wandte die Leiche um, bat um mehr Licht und blickte mißtrauisch in den Hals des Toten. Dann verhüllte er, ohne ein Wort zu sagen, sein Haupt.
Als Publius Celer ihm einige Fragen stellte, bekannte er, daß er seinen Herrn oft vor der Prasserei gewarnt hatte, und bestätigte, daß alle Anzeichen auf einen Herzschlag deuteten.
»Über diesen Vorfall muß ein ärztliches Zeugnis und ein amtliches Dokument ausgestellt werden, das wir alle als Zeugen unterzeichnen«, sagte Publius Celer. »Wenn eine bekannte Persönlichkeit eines plötzlichen Todes stirbt, geraten rasch die Lästerzungen in Bewegung. Deshalb muß auch bezeugt werden, daß ich selbst von dem Wein kostete, den ich ihm reichte.«
Wir sahen einander verwirrt an. Es hatte zwar so ausgesehen, als hätte Celer selbst aus dem Becher getrunken, aber er konnte uns auch getäuscht haben, wenn der Becher wirklich Gift enthielt. Ich habe hier alles so berichtet, wie es sich zutrug, denn später hieß es, Agrippina habe Celer mit dem ausdrücklichen Auftrag entsandt, Silanus zu vergiften, und dieser starb ja auch genau zum richtigen Zeitpunkt.
Das Gerücht behauptete, Celer habe sowohl Helius als auch den Arzt bestochen. Sogar mein Name wurde in diesem Zusammenhang genannt, und es fielen einige böse Andeutungen des Sinnes, daß ich ein guter Freund Neros sei. Der Prozeß, der auf Verlangen des Senats gegen Celer eingeleitet wurde, um der Sache auf den Grund zu gehen, wurde so lange verschleppt, bis Celer schließlich an Altersschwäche starb. Ich hätte jederzeit gern zu seinen Gunsten ausgesagt. Helius bekam später eine hervorragende Stellung im Dienste Neros.
Das plötzliche Hinscheiden des Prokonsuls erregte verständlicherweise Aufsehen in Ephesus und der ganzen Provinz Asia. Um die Bevölkerung nicht zu beunruhigen, wurde kein großes Begräbnis angesetzt, sondern wir verbrannten die Leiche in seinem eigenen geliebten Garten auf dem Landgut. Als der Scheiterhaufen niedergebrannt war, sammelten wir seine Asche in eine kostbare Urne, die wir in das in letzter Zeit rasch sich füllende Mausoleum seiner Familie in Rom schickten. Publius Celer übernahm, auf seine Vollmachten gestützt, das Amt des Prokonsuls in Asia, bis der Senat aus den Reihen der Bewerber, die ein Anrecht auf diese Stellung hatten, einen neuen ordentlichen Prokonsul ausloste. Die Amtszeit des Silanus wäre übrigens ohnehin bald abgelaufen gewesen.
Der Herrschaftswechsel führte in Ephesus zu den üblichen Unruhen, die diesmal, durch den plötzlichen Tod des Prokonsuls, noch heftigere Formen als sonst annahmen. Die unzähligen Wahrsager, Wunderheiler, Verkäufer von Zauberbüchern und vor allem Silberschmiede, die kleine Nachbildungen des Artemistempels als Reiseandenken verkauften, nutzten die Gelegenheit, um auf den Straßen Lärm zu schlagen und die Juden zu mißhandeln.
Schuld daran war selbstverständlich wieder einmal Paulus, der, wie ich jetzt erst erfuhr, seit einigen Jahren Uneinigkeit in Ephesus stiftete. Ihn hatte der Arzt des Silanus gemeint, und ich hatte es nicht erraten. Paulus hatte seine Anhänger dazu überredet, alle ihre astrologischen Kalender und Traumbücher im Wert von insgesamt ein paar Hunderttausend Sesterze auf dem Forum der Stadt zusammenzutragen und zu verbrennen, um seine, des Paulus, Gegner öffentlich zu beleidigen. Diese Bücherverbrennung hatte im abergläubischen Ephesus viel böses Blut gemacht, und auch die Gebildeten, die nichts auf Horoskope und Traumdeutung gaben, hielten es für unrecht, Bücher zu verbrennen, und fürchteten, man könnte nach der Sterndeuterei die Philosophie und die Dichtung zum Scheiterhaufen verdammen.
Ohnmächtiger Zorn ergriff mich, als mir wieder einmal Paulus als Friedensstörer genannt wurde. Ich hätte Ephesus am liebsten augenblicklich verlassen, aber Publius Celer verlangte von mir, daß ich den Befehl über die römische Garnison und die Reiterei der Stadt übernahm. Er fürchtete neue Aufstände.
Tatsächlich vergingen kaum ein paar Tage, als uns auch schon der Rat der Stadt die beunruhigende Nachricht sandte, daß durch alle Straßen der Stadt große Volkshaufen zum griechischen Theater zogen, um dort eine gesetzwidrige Versammlung abzuhalten. Die Silberschmiede hatten zwei der Weggefährten des Paulus auf offener Straße ergriffen, aber seine anderen Jünger hinderten Paulus mit Gewalt daran, sich selbst zum Theater zu begeben. Sogar die Väter der Stadt sandten ihm eine Warnung und legten ihm nahe, sich nicht unter die Menge zu mischen, denn das hätte zu Mord führen können.
Als es offenbar wurde, daß der Rat der Stadt der Lage nicht mehr Herr war, befahl mir Publius Celer, die Reiterei herauszuführen, und stellte selbst eine Kohorte Fußvolk an den Eingängen des Theaters auf. Er lächelte mit kühlen Augen und schiefem Mund und sagte, er warte schon seit einiger Zeit auf eine günstige Gelegenheit dieser Art, um diesem streitsüchtigen Volk einmal beizubringen, was römische Zucht und Ordnung sei.
Zusammen mit einem Hornisten und dem Kohortenführer betrat ich das Theater, um ein Zeichen zu geben, falls es zu Gewalttätigkeiten kam. In dem riesigen Theater herrschten Lärm und Unruhe, und viele der Anwesenden wußten offenbar nicht einmal, worum es ging, sondern waren einfach nach Art der Griechen mitgelaufen, um wieder einmal aus vollem Hals zu brüllen. Bewaffnet schien keiner zu sein, aber ich konnte mir vorstellen, was für eine Panik ausbrechen würde, falls das Theater mit Gewalt geräumt werden sollte.
Der Zunftälteste der Silberschmiede versuchte die Volksmenge zu beruhigen, um sprechen zu können. Zuvor hatte er sich jedoch solche Mühe gegeben, die Leute aufzuhetzen, daß er heiser geworden war und sich kaum verständlich zu machen vermochte. Ich begriff immerhin so viel, daß er den Juden Paulus beschuldigte, er habe nicht nur in Ephesus, sondern in der ganzen Provinz Asia das Volk zu dem Glauben verführt, die von Menschenhand gemachten Götter seien keine wirklichen Götter.
»Der Tempel der Artemis wird sein Ansehen verlieren und sie selbst, sie, die in Asia und der ganzen Welt verehrt wird, ihre Macht!« schrie er mit gebrochener Stimme.
Die gewaltige Zuhörermenge brüllte aus vollem Hals: »Groß ist die Artemis der Epheser!« Das Gebrüll währte so lange, daß mein Hornist unruhig wurde und schon blasen wollte, aber ich schlug seinen Arm nieder.
Einige Juden mit Quasten an den Mänteln drängten sich zur Bühne, stießen einen Kupferschmied nach vorn und riefen: »Laßt Alexander sprechen!« Ich nehme an, dieser Alexander wollte erklären, daß die rechtgläubigen Juden nichts mit Paulus zu schaffen hatten und daß dieser nicht einmal unter den Christen in Ephesus volles Vertrauen genoß.